Das trainierte 1v1, das niemals eines ist

Der folgende Text beansprucht keine Vollständigkeit oder Wahrheit für sich. Er soll aufzeigen, dass sich jeder Aspekt des Fußballs weiterentwickelt, neu gedacht werden muss und das ständig. Mit bedachtem Tempo hält die Trainingsrevolution langsam Einzug in allen Bereichen des Fußballs. Angefangen bei den Kleinsten bis ganz nach oben in die Profi-Ligen dieser Welt, ändert sich der Trainingsalltag vom isolierten Training hin zu ganzheitlichen Ansätzen. Selbst der konditionelle Part, früher nur trainierbar durch Waldläufe, wird nur noch spielerisch verbessert ganz im Sinne eines Johan Cruyff oder Raymond Verheijen.

Die wissenschaftliche Basis für diese Veränderung bieten Lösungsansätze wie das 4-Phasen-Modell von Dr. Lochmann, in dem auf die kognitiven Prozesse und vor allem die Entscheidungsfindung vor einer Aktion eingegangen wird. Ein Pass ist damit nicht mehr eine rein technische Übung, sondern im Kern eine Aktion, die mit der Wahrnehmung der Umwelt, dem Abgleich des bereits Erlebten sowie der Entscheidungsfindung anfängt und schlussendlich erst mit der Ausführung endet. Ich möchte heute versuchen, diesen Ansatz in eine der kleinsten Einheiten des Spiels zu bekommen und zwar dem 1v1.

Raum oder kein Raum, das ist hier die Frage.

Wie bereits oben angesprochen erkennen Fußballtrainer quer durch das Land, bis auf eine leider noch viel zu große Gemeinschaft an Entwicklungsverweigerern, dass der Fußball und das damit einhergehende Training nicht mehr mit damals zu vergleichen ist. Was sich auch tapfer gegen jegliche Analyse wehrt, ist das so oft gesehene 1v1. Es existiert in unzähligen Varianten mit dem Gegner frontal, seitlich oder von hinten. Eines haben diese Trainingsreize alle gemeinsam und zwar, dass sie eine Art isoliertes Training im Spielgewand sind. In einem abgesteckten Feld treten zwei Spieler in einem meist beachtlich großen Raum gegeneinander an. Das ergibt auch Sinn, denn es soll ja die Möglichkeit geben, am Gegner vorbeizukommen. Die Frage ist nun, ob diese Situationen praxisrelevant bzw. sie überhaupt im Spiel vorkommen.

Der Raum, der im Training gegeben wird, ist im Fußball selten wirklich so vorhanden. Mannschaften versuchen immer kompakter zu verteidigen und gedoppelt wird heute nicht mehr nur Messi, sondern so gut wie jeder offensive Spieler. Die Dribblings dieser Spieler sind da, um Raum für andere Spieler zu öffnen oder wie Lochmann es in einem Vortrag auf dem ITK 2018 passend formulierte: „Um Gegner magnetisch anzuziehen“.

Wer ist demnach der „magnetischste“ Spieler der Welt? Messi! Selten gesehen, dass sich Messi nur ein Spieler in den Weg stellt, wenn dieser ein Dribbling startet. Die Konsequenz daraus ist, dass er Raum für andere schafft. Ein Innenverteidiger geht selten in ein wirkliches 1v1, hat man doch in der eigenen ersten Linie meistens Überzahl. Wenn sich jedoch der Raum ergibt, dann zeichnet es gerade diese Spieler aus, mit Mut den freien Raum zu attackieren. Folglich versucht der Gegner diesen Vorstoß zu unterbinden, man bekommt das andere Team wieder in Bewegung und damit verändert sich die gegnerische Balance in der defensiven Struktur.

Damit haben wir nun schon zwei grundlegende Arten des 1v1 oder besser gesagt des Dribblings erörtert. Raum öffnend und attackierend. Als dritte Möglichkeit würde sich noch, um in der Verbindung mit dem Wort Raum zu bleiben, das Raum verlassende Dribbling anbieten. Perfektioniert von Spielern wie Veratti oder Busquets, die auch schon mal unter Druck geraten und das Weite suchen müssen.

Ganzheitlicher Ansatz im 1v1

Wir kommen nun langsam zum Höhepunkt des Artikels und der Frage: Was muss sich denn nun im Training ändern? Der Bezug zur Vergangenheit und deren Betrachtung auf den methodischen Aufbau ist nie verkehrt. Gehen wir mal vom defensiven Spieler aus und davon, was er normalerweise bei einem Training an Coaching mitbekommt. Zuerst muss der Gegner gestellt werden, gefolgt von der eigenen seitlichen Positionierung, das Schließen einer Seite sowie der unzähligen Möglichkeiten im 1v1. Zuletzt sollte das Tempo aufgenommen und der Ball attackiert werden. Was aber nun, wenn der Angreifer abspielt? Was aber nun, wenn eine Unterzahl in der letzten Linie herrscht und ich nicht stellen sollte? Unter Einbezug einfacher mathematischer Winkel findet kaum eine seitliche Stellung zur Laufrichtung oder Ball statt. Auch nicht bei Virgil van Dijk und dieser darf sich wohl momentan als der beste Innenverteidiger der Welt bezeichnen. Das Tempo muss aufgrund einer Absicherung schlicht und ergreifend nicht aufgenommen werden und steht in gewisser Weise konträr zur Stellung des Gegners.

Die ganzheitliche Idee des Fußballs bezieht sich darauf, dass jede Aktion im Spiel eine Entscheidung erfordert. Eine Entscheidung, die von Millionen von Variablen beeinflusst wird. Dementsprechend müssen wir die Spieler im Training permanent vor eben jene Entscheidungen stellen, denn ihnen diese einfach abzunehmen mit dem Kommentar, dass man doch bitte am Gegner vorbeidribbeln solle, ist nicht mehr zeitgemäß. Grundsätzlich lässt sich zwischen den zwei Möglichkeiten des Dribblings und des Passes unterscheiden. Auch in Bezugnahme auf den oben genannten defensiven Aspekt gibt es viele Möglichkeiten, den Gegner bei der Entscheidungsfindung zu stören. Daraus lässt sich resultieren, dass es auch im 1v1 Sinn ergeben würde, ein Überzahl- bzw. Unterzahlspiel anzustreben und zwar in jeder Altersklasse.

Die Welt braucht die Dribbler

Zu guter Letzt möchte ich nochmal auf die bewusste Unvollständigkeit des Artikels eingehen. Aus Diskurs entsteht immer etwas Gutes, daher freue ich mich auf jeden konstruktiven Kommentar zu diesem Thema. Weiters möchte ich bewusst vom Gedanken Abstand nehmen, dass 1v1 Spezialisten nicht mehr gebraucht werden. Mein persönlicher Ansatz geht viel mehr weg vom 1v1 hin zu dem Begriff Dribbling, da Raum, Zeit, Gegneranzahl und Entscheidungsmöglichkeiten einfach viel zu häufig variieren und der Bedeutung sonst nicht mehr gerecht werden würden. Ein guter Fußballer ist jemand, der in möglichst kurzer Zeit eine möglichst adäquate Adaption an seine Umwelt vornehmen kann. Dazu passend und um nichts schuldig zu bleiben, möchte ich hier zwei Möglichkeiten im ganzheitlichen Rahmen präsentieren.

In den beiden Spielfelder spielen jeweils 2 Teams plus 1 Joker gegeneinander. Daraus entsteht folglich eine 3v2 Überzahl. Für das eigene Team können Punkte in zwei verschiedenen Varianten gesammelt werden. Schafft es ein Team gemeinsam mit dem Joker mindestens 5 Pässe in den eigenen Reihen zu spielen, gibt es 1 Punkt. Gelingt es einem der Spieler durch das zugeteilte Hütchentor zu dribbeln, gibt es sogar 3 Punkte.

In vier Feldern wird jeweils ein 1v1 gespielt. Die Joker dürfen sich in diesen Feldern frei bewegen und sollen dafür sorgen, dass es in bestimmten Feldern zu einer 2v1 Situation kommen kann bzw. ein Team den Ball besser umher zirkulieren lassen kann. Wird dann durch ein Tor gedribbelt, gibt es 3 Punkte für ein Team. Wird der Ball mindestens 5x in der eigenen Mannschaft zugespielt, dann gibt es wieder 1 Punkt.

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