RB Leipzig vs VfL Wolfsburg Taktikanalyse

Wieso Wolfsburgs Absicherung RB Leipzig die Tür öffnete?

Am Samstag traf das starke Team aus Leipzig auf den VfL Wolfsburg. Während RB Leipzig seinen dritten Platz und die damit sichere Champions-League-Quali festigen wollten, benötigte der VfL Wolfsburg dringend Punkte, um weiterhin im Rennen um die Europa League zu sein.

Darüber hinaus wollen sich viele Spieler beweisen, wechseln doch beide Teams im Sommer ihren Trainer. Speziell bei RB Leipzig geht es wohl vielen Spielern darum, auch unter Julian Nagelsmann in der nächsten Saison eine wichtige Rolle zu spielen. Um in der kommenden Saison voll anzugreifen, muss man aber diese starke Bundesligarunde als Dritter abschließen. Aktuell befinden sich die Bullen in Topform, wie sie bereits beim letzten Heimspiel gegen Hertha BSC zeigen konnten.

Auch beim VfL Wolfsburg wird in der nächsten Saison ein anderer Trainer an der Seitenlinie stehen. Bruno Labbadia wird seinen Vertrag nämlich nicht verlängern, obwohl er die Wölfe vom Relegationsplatz in den Kampf um die Europa League führen konnte.

Das Aufeinandertreffen war darüber hinaus interessant, da beide Teams ein ähnliches Ziel verfolgen, sich durch ein chaotischeres Spielgeschehen Räume und entsprechend Vorteile zu erarbeiten. Allerdings sind beide Mannschaften fundamental unterschiedlich in ihrer Herangehensweise. Während der VfL Wolfsburg einen unorthodoxen, nahezu chaotischen Spielstil verfolgt, versucht RB Leipzig durch ein aggressives Pressing und schnellem Umschalten nach Ballverlusten den Gegner aus der Struktur zu bringen.

Rangnick passt clever an – Wolfsburg im 4-3-3

Während man in den letzten Begegnungen auf eine 4-Raute-2 setzte und damit sehr erfolgreich agierte, wählte Ralf Rangnick in dieser Partie ein 5-3-2/5-1-2-2. Wahrscheinlich wollte der ehemalige Hoffenheim-Trainer auf die Spielweise der Wölfe reagieren. Der VfL Wolfsburg versucht in dieser Spielzeit mit möglichst vielen Spielern die letzte Linie zu überladen, damit man mit langen Bällen oder schnellen Flügelangriffen hinter die Abwehrkette kommen kann.

Um gegen diese Offensivwucht dagegen zu halten, nutzte Ralf Rangnick eine Fünferkette, die aus schnellen, dynamischen Spielertypen bestand. Mit Konaté lief nur ein nomineller Innenverteidiger auf. Was natürlich auch der Gelbsperre von Orban und der Verletzung von Upamecano geschuldet war. Unterstützt wurde er von Nordi Mukiele und Nationalspieler Lukas Klostermann. Darüber hinaus besetzten Marcel Halstenberg und Konrad Laimer die Flügelverteidigerpositionen.

Allerdings hatte das 5-3-2 auch noch den Vorteil, dass die Leipziger die Halbräume gut besetzten und mit vier Offensivspielern im Umschaltmoment gefährlich wurden. Timo Werner, Matheus Cunha, Emil Forsberg und Marcel Sabitzer waren ideal, um die Lücken in Wolfsburgs Zentrum zu nutzen. Abgesichert wurden sie dabei von Kevin Kampl, der aufgrund der Spielweise der Wölfe viele Freiheiten im Mittelfeld genoß.

Bruno Labbadia hingegen passte sein Team nur wenig an die Spielweise der Bullen an. Wie so oft wählte er ein 4-3-3, mit Wout Weghorst im Sturm, der von Steffen und Mehmedi unterstützt wurde. Dahinter agierten mit Arnold und Rexhbecaj zwei Achter, die in der Regel auch in tieferen Zonen agieren können. Der Anker des Dreiermittelfelds war Kapitän Joshua Guilavogui, der allerdings große Probleme mit den hoch pressenden Leipziger hatte. Gleiches galt auch für die Viererkette bestehend aus Marcel Tisserand, Robin Knoche, John Brooks und Neuzugang Roussillon.

Leipzig presst hoch und stellt Wolfsburg vor Probleme

RB Leipzig ist bekannt für sein aggressives Pressing. Während man früher des Öfteren ein 4-2-2-2 wählte, kam in den letzten Partien die Raute im Pressing zum Einsatz. Gegen die Charakteristiken des Wolfsburger Spiels wählte Ralf Rangnick, wie bereits erwähnt, eine 5-3-2/5-1-2-2. Ähnlich zum 4-2-2-2 bildete man in Wolfsburgs Hälfte ein Viereck und kesselte so den Sechser der Wolfsburger geschickt ein.

Wolfsburg baute wie immer im 4-3-3 auf, wobei Guilavogui der einzige tiefere Mittelfeldspieler war. Zusammen mit den Innenverteidigern Knoche und Brooks bildete er ein Dreieck. Das Ganze wurde durch die breiten und höher schiebenden Außenverteidiger komplementiert.

Die Gastgeber liefen gegen dieses Dreieck sehr geschickt mit ihren beiden Stürmern Werner und Cunha an. Wobei sie versuchten den Sechser der Wölfe im Deckungsschatten zu halten. Darüber hinaus positionierten sich die beiden Zehner der Leipziger, Sabitzer und Forsberg, zu Beginn noch etwas höher als Kampl. Dabei hatten dann beide die Möglichkeit ballnah den Halbraum zu versperren und ballfern einzurücken und, wenn nötig, den Franzosen im Mittelfeld zu pressen.

RB Leipzig vs VfL Wolfsburg Spielanalyse Taktikanalyse

Dahinter sicherte Kevin Kampl als alleiniger Sechser ab, verfolgte wahlweise einen der Achter oder schob, wie bereits angesprochen, etwas höher, um ein 5-3-2 zu bilden.

Um die Außenverteidiger der Wölfe aus dem Spiel zu nehmen, rückte stets einer der Flügelverteidiger aus der Kette und agierte, wie der Rest der Fünferkette, sehr mannorientiert, um sofort Druck ausüben zu können. Speziell rechts konnte man erkennen, wie Laimer auf Roussillon herausrückte, der eine wichtige Rolle im Spielaufbau der Mannschaft von Bruno Labbadia spielt.

Das Leipziger Pressing passte entsprechend sehr gut zum Spielstil der Wölfe. Man lenkte den Spielaufbau weg von Guilavogui, versperrte auch jegliche Passlinien auf die Achter und konnte in Person von Forsberg und Sabitzer am Flügel eine Überzahl schaffen.

Dabei hatte das Team von Ralf Rangnick eine hohe Präsenz in der Wolfsburger Hälfte. Dementsprechend war es für die Gäste enorm schwierig sich spielerisch aus der Umklammerung zu lösen. Gerade die Tatsache, dass Guilavogui von vier bis fünf Spielern gepresst werden konnte, sorgte dafür, dass Wolfsburg nur selten die Seite wechseln konnte. Die sonst schwächere Struktur im Aufbauspiel, die sich bereits durch die ganze Saison zieht, tat ihr übriges.

RB Leipzig vs VfL Wolfsburg Spielanalyse Taktikanalyse

Leipzig offenbart Schwächen – Wolfsburg kann diese nicht nutzen

Schaut man sich die obere Grafik genauer an, kann man erkennen, dass die Bullen zwar im gelb markierten Bereich die Kontrolle hatten und geschickt pressen konnten. Allerdings offenbarten sie hinter Kampl größere Lücken, die zwar durch herausrückende Abwehrspieler situativ geschlossen werden konnten, jedoch eine Möglichkeit für die Wölfe darstellten.

Gerade durch lange Bälle, die fundamental für das Wolfsburger Spiel sind, hätte man die Räume hinter Kampl dynamisch attackieren können. Zwar hatte das Team von Ralf Rangnick im Mittelfeld eine Gleichzahl, jedoch verschoben die beiden Zehner weit und pressten variabel in höheren Zonen.

Dementsprechend musste Kampl oft alleine oder mit dem ballfernen Zehner den Sechserraum schließen. Durch die hohe Präsenz der Wolfsburger hätte man die Vorteile im Kampf um den zweiten Ball nutzen müssen. Allerdings ist die numerische Überzahl nur relevant, wenn die Akteure auch gestaffelt stehen. Wolfsburg hatte, wie so oft, das Problem, zu flach zu stehen und bei verlorenen Kopfballduellen keinen Druck ausüben zu können. Viele Chancen auf den zweiten Ball verpufften und resultierten in Kontern für Leipzig.

Nur zu Beginn schaffte man es, durch gut getimte Läufe und präzise lange Bälle hinter die Abwehrkette der Leipziger zu gelangen.

Neben den Lücken hinter Kevin Kampl, die die Wölfe im Kampf um den zweiten Ball hätten nutzen können, ergaben sich auch weitere systematische Löcher bei Leipzig. Denn im Mittelfeld verteidigte man nur mit einer Dreierkette. Im Vergleich zu einer Linie mit vier Spielern ist man nicht ganz so kompakt und kann vor allem nach Seitenwechseln überspielt werden. Insbesondere, wenn einer der Leipziger Mittelfeldspieler einige Meter weiter vorne positioniert war.

Wir besprachen bereits, dass Leipzig aufgrund seiner Intensität und den gut abgestimmten Bewegungen ohne Ball die meisten Verlagerungen verhindern konnte. Schafften es die Wölfe dann doch mal, ergaben sich sofort Lücken im Verteidigungsverbund. Doch auch hier fehlte es der Mannschaft von Bruno Labbadia zu oft an der passenden Staffelung, um diese Lücken zu nützen.

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Nach einem Seitenwechsel über Guilavogui kann Knoche, durch die höhere Position von Forsberg, den freien Raum attackieren. Dadurch ergeben sich Räume für den Innenverteidiger. Da sich Kampl an Arnold orientierte, der ihn aus dem Zentrum zog und Sabitzer nur langsam verschob, hätte Wolfsburg durch ein geschicktes fallen lassen von Weghorst die Lücken bespielen können.

Allerdings hätten dem Niederländer die Ablageoptionen gefehlt und die Wölfe wären aufgrund der hohen Positionen von Arnold und Rexhbecaj schlecht abgesichert. Letztlich versucht Knoche den Pass auch in dieser Situation, Weghorst verliert dann allerdings den Ball und Leipzig konnte kontern.

Wolfsburgs Staffelung auch im Umschaltmoment ein Problem

Die unvorteilhafte Staffelung des VfL Wolfsburgs zieht sich bereits wie ein roter Faden durch diesen Artikel. Man merkt mir vielleicht an, dass ich bei der Analyse des Spiels die Möglichkeiten der Wölfe gesehen habe. Zwar performten die Leipziger an diesem Tag sehr stark, waren top eingestellt und das bessere Team. Allerdings wäre für den VfL Wolfsburg mit einer besseren Staffelung im Mittelfeld definitiv mehr drin gewesen.

Insbesondere im Umschaltmoment war die hohe Position der Achter und die einhergehende, fehlende Absicherung ein fundamentales Problem des Teams von Bruno Labbadia.

An anderer Stelle haben wir bereits die Spielweise der Wölfe analysiert und sind dabei auf den Fokus der Überzahl in letzter Linie eingegangen. Zusammen mit den drei Offensivspielern, versuchen die Achter die letzte Linie zu überladen und so einen Vorteil gegenüber dem Gegner zu haben. Dazu schieben auch noch die Außenverteidiger weiter nach vorne. Durch Akteure wie Brooks, Roussillon und Arnold hat man passende Akteure, um mit langen Bällen hinter die Kette zu attackieren.

Gegen die dynamischen Leipziger stellte sich dies als Problem dar. Die meisten langen Bälle wurden abgefangen, der zweite Ball war aufgrund der schlechten Staffelung der Wölfe bei Kampl & Co. Diese leiteten sofort den Konter ein.

RB Leipzig vs VfL Wolfsburg Spielanalyse Taktikanalyse

Insbesondere die Halbräume der Wolfsburger sind meist schlecht abgesichert. Forsberg und Sabitzer konnten diese dynamisch attackieren, während Werner und Cunha durch ihre Tiefenläufe die beiden Innenverteidiger banden. So geriet Labbadias Team oft in 3vs4 oder 4vs4 Situationen – ein Vorteil für das angreifende Team.

Im Allgemeinen erspielten sich die Gastgeber fast ausschließlich ihre Chancen aus Kontern oder Ballgewinnen in der gegnerischen Hälfe. Aus dem geordneten Spielaufbau heraus konnte sich das Team von Ralf Rangnick nur wenige Chancen erspielen.

Kampls seltsames Abkippen

Grund dafür war ein teilweise seltsames Abkippen von Sechser Kevin Kampl. Während die Flügelverteidiger weiter nach vorne schoben und die Breite gaben, überluden Werner, Forsberg, Sabitzer und Cunha den Zwischenlinienraum. Die Dreierkette war letztlich für den Spielaufbau verantwortlich.

Kevin Kampl hätte hier als Verbindungsstation dienen können, kippte aber teilweise unvorteilhaft ab oder passte seine Position nicht an die Bewegungen der Wolfsburger an. So kam es, dass auch das Pressing der Wölfe vereinzelt sehr erfolgreich war.

Wie immer agierte man hier im 4-3-3 und stellte so eine nominelle Gleichzahl mit der Dreierkette her. Aufgrund der suboptimalen Struktur der Gastgeber konnte die erste Linie der Wölfe intelligent pressen. Leipzig wurde so der Weg nach vorne erschwert, einzig über die Halbverteidiger fanden Ralf Rangnicks Spieler ein Durchkommen.

RB Leipzig vs VfL Wolfsburg Spielanalyse Taktikanalyse

Durch das Abkippen von Kevin Kampl fehlte den Innenverteidiger teilweise eine Anspielstation zwischen den Linien (rot markierter Bereich).

Jedoch konnte Leipzig gefährlich werden, wenn sie mit einem der Halbverteidiger weiter nach vorne drangen. Durch die vielen Spielern zwischen den Linien und den starken Mannorientierungen bei Wolfsburg, fand sich des Öfteren ein Akteur völlig frei im ballfernen Halbraum. Nach einer Verlagerung attackierte der Zehner zusammen mit dem Flügelverteidiger geschickt gegen den Außenverteidiger. So schaffte man es gelegentlich den Ball gefährlich in den Sechzehner zu bringen.

Nichtsdestotrotz enttäuschten die Leipziger, im Vergleich zum Spiel gegen die Hertha, mit ihrem Spiel in Ballbesitz.

Labbadia versucht nochmal alles

In der zweiten Hälfe brachte Bruno Labbadia noch Daniel Ginczek, um vorne für mehr Präsenz zu sorgen. Jedoch waren auch danach die langen Bälle nicht von Erfolg gekrönt. Leipzig formierte sich etwas tiefer, dadurch entstand weniger Raum und die meisten zweiten Bälle landeten bei den Bullen.

Als dann noch Felix Klaus für Elvis Rexhbecaj ins Spiel kam, stellte Labbadia auf ein 4-2-4 mit Guilavogui und Arnold im Zentrum um. Zwar hatte man so wieder eine höhere Präsenz in vorderster Front, allerdings waren die strukturellen Probleme weiterhin zu schwerwiegend. Leipzig hingegen hätte durch einen der vielen Konter das Ergebnis noch weiter in die höhe schrauben können, verpasst dies allerdings.

Fazit

Letztlich stellte sich die (notgedrungene) Umstellung von Ralf Rangnick auf eine Fünferkette als ideales Rezept gegen die Wolfsburger heraus. Man schaffte es die vielen Offensivspieler zu kontrollieren, die Löcher im Halbraum für Konter zu nutzen und effektiv zu pressen.

Die Wölfe hingegen müssen sich fragen, ob ihre schwache Struktur in Ballbesitz langfristig zum Erfolg führen kann. Auch in dieser Partie wäre sicherlich mehr drin gewesen, wenn eine bessere Absicherung und ein geplanteres Offensivspiel Bestandteil des Wolfsburger Spiels gewesen wäre. Nichtsdestotrotz spielt das Team von Bruno Labbadia eine starke Saison und wird auch im Endspurt ein unangenehmer und gefährlicher Gegner bleiben.   

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