Eintracht Frankfurt – Die Konsequenz einer radikalen Spielphilosophie

Die schlechteste Passquote mit 74 Prozent und mit 364 Pässen pro Spiel die zweitwenigsten Pässe der Liga gespielt. Diese Zahlen klingen nach einem Absteiger ohne Spielidee, doch es sind die Statistiken von Eintracht Frankfurt – dem vierten in der Bundesliga und einem Europa League Viertelfinalisten.

Warum die Mannschaft von Adi Hütter trotz oder genau wegen dieser Daten die viertbeste Offensive der Liga hat und wo die Schwächen und Stärken des Frankfurter Systems liegen, lest ihr in diesem Artikel.

Grundformation

Nach wenigen Spielen mit Viererkette stellte Adi Hütter schon früh in der Saison zu einer Dreierkette um. Das 352 ist zu seiner Stammformation geworden. Die einzige Variation ist die Positionierung der zentralen Mittelfeldspieler. Meistens spielen sie mit Doppelsechs und einem Zehner, inzwischen setzt aber Hütter immer öfter auf eine flache Variante mit einem Sechser und zwei Achtern davor, um das Zentrum, das meistens stark unterbesetzt ist, etwas besser absichern zu können.

Grundformation im 352/ 3412

Kompromisslos nach vorne

Das schnelle vertikale Spiel, das Hütter von seinen Spielern fordert, kann man sehr gut auf dem Platz erkennen. Es gibt selten Ruhephasen im Spiel. Das Aufbauspiel der Eintracht ist extrem vertikal. Dabei soll der Gegner attackiert werden, bevor er sich wieder in seiner geordneten Ausgangsposition befindet. Im Aufbauspiel werden selten Pässe ohne Raumgewinn gespielt, stattdessen wird fast jeder Ball nach vorne gespielt.

„Ballbesitz alleine gewinnt keine Spiele. Man gewinnt oft Spiele, wenn man weniger Ballbesitz hat. Die Frage ist immer, wenn man den Ball hat, was macht man daraus. Ich sage immer gerne, schnelle Spieler, schnelles Spiel, langsame Spieler, langsamen Spiel. Langsame Spieler versuchen mehr in die Breite zu spielen, mehr auf Ballbesitz zu spielen und die schnellen Spieler, die gehen halt vertikal, die spielen auch vertikal. Ich lege sehr viel Wert darauf nach Ballgewinn: Wie schalte ich um, wie schnell komme ich nach vorne, vertikales Spiel, Bewegung ohne Ball.“

Adi Hütter

Im Aufbauspiel wird aus der Dreierkette oft eine Viererkette, indem der tiefe Sechser zwischen die Verteidiger fällt. Die beiden Halbverteidiger agieren dann wie Außenverteidiger. Sie rücken nach vorne und gehen stark in die Breite. Im Mittelfeld entsteht dabei oft eine große Lücke, die in den meisten Fällen auch nicht besetzt wird. Denn der andere Sechser oder die zwei Achter stoßen meistens zusätzlich nach vorne.

Die Wingbacks stehen manchmal zwischen den beiden besetzen Zonen und gehen manchmal Richtung Zentrum, um als Verbindung zwischen der Verteidigung und dem Rest zu dienen. In den meisten Fällen stehen sie aber auch sehr hoch und bleiben auf dem Flügel. So sorgen sie endgültig für eine Überladung und Überzahlsituation im letzten Drittel.

Wenn es keine flache Anspielstation gibt, wird der lange Ball gespielt. Insbesondere Hasebe spielt sehr gerne den langen Ball auf einen der Stürmer, meistens Haller, oder diagonal auf da Costa oder Kostic. Kann der Ball nicht kontrolliert werden, versucht die SGE sofort den zweiten Ball zu gewinnen. Durch die Überzahl im letzen Drittel klappt dies auch außerordentlich gut. So kann auch ohne ein erfolgreiches Zuspiel viel Raum gewonnen werden.

Doch durch die Verletzung Hallers fehlt der Zielspieler im letzten Drittel und die Unterbesetzung des Mittelfelds macht sich bemerkbar. Die hohen Bälle gehen ohne ihn häufiger verloren. Das ist der Grund, warum Hütter momentan eher auf eine flachere Variante des 352 setzt, um ohne den langen Ball besser nach vorne zu kommen und einen möglichen Ballverlust besser absichern zu können.

Der Durchbruch über den Flügel

Sobald die Eintracht das letzte Drittel erreicht hat, versucht sie schnellstmöglich hinter die gegnerische Abwehrreihe zu kommen. Die Offensivspieler schaffen es mit einfachen, aber sehr gut koordinierten Gegenbewegungen anspielbar zu werden.

Die Stürmer und gegebenenfalls der Zehner stehen dabei immer sehr zentral und lassen sich selten auf den Flügel fallen. Dabei steht ein Stürmer auf Höhe der Abseitslinie, der andere lässt sich in den Zwischenlinienraum fallen. Das alles passiert sehr dynamisch, sodass die Gegenspieler sich nicht darauf einstellen können. Kommt der (hohe) Ball auf den entgegenkommenden Stürmer, ist der andere Stürmer und der Zehner schon im Sprint hinter die Abwehrreihe. Mit einer einfachen Verlängerung des Balles können diese direkt angespielt werden.

Typische Szene: Haller lässt sich fallen und bekommt einen hohen Ball. Jovic macht dort sofort Platz und geht mit den anderen Offensivspielern in den Rückraum der Abwehr.

Die beliebteste Variante ist jedoch eine Spielverlagerung auf die Außenbahn. 72% der Angriffe gehen über die Flügel. Das geschieht entweder durch das Klatschenlassen auf den zentralen Mittelfeldspieler, der dann sofort den Ball auf die Außenbahn spielt oder einen direkten Ball auf den Flügel. Dort warten schon die Wingbacks auf den Ball in den Lauf. Diese versuchen dann, nach nur wenigen Kontakten den Ball in die Mitte zu spielen.

Im Strafraum lauern nicht nur die Offensivspieler, sondern zusätzlich ein vorstoßender Achter und der andere Wingback. So befinden sich im Strafraum vier oder sogar fünf Spieler, die flach oder hoch angespielt werden können. Durch ihre Schnelligkeit und ihr frühzeitiges Eindringen in den Strafraum, haben sie in vielen Fällen gegenüber den Gegnern sogar einen zeitlichen Vorteil und können den Ball ohne Gegnerdruck ins Tor einschieben. Nur drei der insgesamt 57 Tore in der Bundesliga haben sie nicht innerhalb des Strafraums erzielt

Aggressives (Gegen-)Pressing ohne Absicherung

Das Pressing der Frankfurter ist allgemein sehr hoch. Die Stürmer attackieren bereits die Verteidiger und laufen selbst den Torwart aggressiv an, der bewusst in eine Richtung gelenkt wird. Dahinter konzentrieren sich die Spieler der SGE auf ihre Gegenspieler und verfolgen sie mit Mannorientierungen. Diese werden konsequent auf dem ganzen Platz praktiziert. Das heißt, selbst die Frankfurter Verteidiger haben jeweils einen Mann vor sich. Es gibt meistens nur einen oder sogar keinen absichernden Spieler.

Die Dreierkette wird nur in sehr wenigen Fällen zu einer Fünferkette, im Normalfall bleiben die Wingbacks sehr hoch und attackieren die Außenverteidiger. Der ballentfernte Flügelspieler lässt sich nicht in die Abwehrkette fallen, sondern bleibt auf der Höhe der Mittelfeldspieler und rückt ins Zentrum ein.

Die Eintracht beherrscht nicht nur das Umschalten auf eigenen Ballbesitz, sondern auch das Umschalten auf die gegnerische Ballbesitzphase. Bei einem Ballverlust wird sofort in ein aggressives Gegenpressing umgeschaltet. Dabei wird der Ballführende von einem oder zwei Spielern attackiert und die direkten Anspielstationen zugestellt. Eine ballnahe Absicherung gibt es dabei nicht. So entsteht zwischen der Restverteidigung, die maximal aus drei Verteidigern und einem Sechser besteht, und den pressenden Spielern eine große, unbesetzte Zone.

Gegenpressingszene gegen Hoffenheim: Nach Ballverlust wird der Gegner sofort attackiert, die Anspielstationen zugestellt und der angespielte Spieler gedoppelt, In der ballnahen Zone ist die Eintracht in Überzahl. Nur zwei Spieler befinden sich nicht im letzten Drittel.

Das ist das größte Risiko dieses Systems, denn so kann Frankfurt den Ball zwar in den meisten Fällen sofort wieder erobern und den Gegner sofort wieder attackieren, doch wenn das nicht klappt, hat der Gegner viel Platz und kann Tempo aufnehmen, um Richtung Tor zu dribbeln. Zum Beispiel der VfL Wolfsburg hat es immer wieder geschafft den freien Raum zu nutzen und konnte dadurch die SGE schlagen.

Fazit

Das Spiel der Eintracht ist auf den Umschaltmoment ausgerichtet. Und das radikaler als bei allen anderen Mannschaften, selbst Ralf Rangnick wird schon mehrmals neidisch auf die Frankfurter geschaut haben. Im Offensivspiel suchen sie unmittelbar nach der Balleroberung den Weg nach vorne, bei einem Ballverlust wird sofort gegengepresst, um dann den Gegner sofort wieder zu attackieren. Die Durchschlagskraft, die sie in diesen Umschaltsituationen generieren können ist unfassbar. Alleine das Sturmtrio Haller, Jovic und Rebic hat insgesamt schon 40 Tore geschossen.

Doch durch die hohe Präsenz im letzten Drittel ergeben sich Lücken dahinter, die bei einer unerfolgreichen Pressingsituation ausgenutzt werden können. Auch im Spielaufbau ist durch den Wegfall Hallers das unterbesetzte Mittelfeld zu einem größeren Problem geworden.

Mit Hinteregger und Rode hat man sich im Winter nochmal stark verstärkt, beide sind jetzt schon unangefochtene Stammspieler. Trotzdem fehlen auf einigen Positionen Rotationsmöglichkeiten. Zum Beispiel Danny da Costa hat bis jetzt in allen Pflichtspielen von Anfang an gespielt und insgesamt nur 40 Minuten verpasst. Durch die vielen Pflichtspiele macht sich dies immer stärker bemerkbar.

Dass sie trotz dieser Umstände gegen die großen Teams bestehen können, müssen sie schon diese Woche gegen Benfica Lissabon beweisen.

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