Wie bewerten wir eigentlich Trainer?

Was haben Tayfun Korkut, Heiko Herrlich und Domenico Tedesco gemeinsam? Sie alle waren am Anfang der Saison noch Bundesligatrainer. Sie alle wurden letzte Saison für die starken Leistungen und Erfolge ihrer Teams gefeiert. Wenige Monate später stehen sie ohne Job da und werden in den Medien (zu Recht) kritisiert.

Trainer kommen und gehen. Der Fußball ist wohl die Sportart, in der am häufigsten während einer Saison der Trainer gewechselt wird. So ist es wenig verwunderlich, dass manche Teams drei Trainer in einer Saison unter Vertrag nehmen. Man muss nur mal in Hamburg fragen, wie viele Trainer dort noch auf der Gehaltsliste stehen.

Die Tatsache, dass Teams den Trainer sogar zweimal pro Saison wechseln, ist für Houston Rocktes GM Daryl Morey komplett unverständlich. Wer Morey nicht kennt. Er ist der Manager eines der aktuell besten NBA-Teams und einer der Analytics-Guys in der amerikanischen Sportwelt.

Im Zuge der Sloan Sports Analytics Conference kritisierte er bei einer Podiumsdiskussion mit Ted Knutson von StatsBomb den Fußball und das Handeln vieler Vereine.

Vieler seiner Meinungen sind dabei kontrovers. Allerdings, egal was man von seinen Aussagen hält, bei einem Punkt hatte er nicht unrecht.

Es ging darum, dass Trainer so oft gefeuert bzw. ausgetauscht werden und dies dem Verein in seiner langfristigen Entwicklung schaden kann.

Der Grund für die vielen Wechsel? Zumindest in der Öffentlichkeit werden Trainer nicht immer objektiv bewertet und vor allem berücksichtigen wir nicht die Eigenarten des Fußballs, die zu einer verzerrten Wahrnehmung von guter und schlechter Leistung führen können.

Fußball und der outcome bias

Fußball ist ein Ergebnissport – ja. Schön spielen, aber nicht gewinnen ist ineffektiv – auf jeden Fall. Am Ende geben die Ergebnisse dem Trainer recht – ja, ja?

Diese Sprüche kennt wohl jeder Fußballfan. Phrasen, die in jeder Saison durch die Presse geistern und das Denken vieler Fans beeinflusst. Inwiefern die Entscheidungsträger von diesen Narrativen beeinflusst sind, ist schwer zu sagen und variiert mit Sicherheit von Verein zu Verein.

Nichtsdestotrotz stellt sich die Frage, ob es Sinn ergibt, dass wir einen Trainer oft rein auf Basis seiner Ergebnisse bewerten. Natürlich sind Ergebnisse ein wichtiger Bestandteil, Trainer wie Guardiola, Klopp oder Ancelotti werden als große Trainer betrachtet, weil sie neben gutem Fußball auch über eine lange Zeit Erfolge einfahren konnten.

Den auf lange Sicht führt gute Arbeit auch zu guten Ergebnissen, kurzfrisitg hingegen fällt Glück, Zufall, Verletzungen, Formschwankungen oder ein ungünstiger Spielverlauf stärker ins Gewicht.

Das Hauptproblem ist dabei, dass wir den reinen Ergebnissen kurzfristig eine zu hohe Aussagekraft zuschreiben und die Entscheidungen des Trainers anhand der Ergebnisse bewerten, obwohl der Sport dies eigentlich nicht hergibt. In der Fachsprache nennt man dieses Phänomen Outcome Bias.

“Outcome bias is a cognitive bias which refers to the tendency to judge a decision by its eventual outcome instead of judging it based on the quality of the decision at the time it was made.”


https://rationalwiki.org/wiki/Outcome_bias

Beispielsweise kritisieren wir einen Trainer für seine Aufstellung nach einer Niederlage, obwohl die Entscheidung des Trainers mit den Informationen vor der Partie als richtig, oder gut erachtet werden kann. Das diese Vorgehensweise zu falschen Entscheidungen führt, hängt mit der Beschaffenheit des Fußballspiels zusammen.

Im Unterschied zu Basketball oder Handball, ist Fußball ein „low-scoring game“. Es fallen in der Regel sehr wenig Tore. Dies führt dazu, dass der Faktor Glück eine enorm große Rolle spielen kann und sich auch in der Tabelle wiederspiegelt.

Over- und Underperforming haben im Fußball entsprechend viel größere Auswirkungen als im Basketball. Ein schlechtes Team, das normalerweise auf Platz 10 in seiner Conference landet, wird in der NBA nie über eine ganze Saison hinweg auf Rang zwei stehen. Der Faktor Glück spielt in einer 82-Spiele-Saison eine immer geringere Rolle.

Die besten Beispiele für eine mögliche Involvierung des Outcome Biases in unserer Bewertung eines Teams, sind der VfB Stuttgart und Schalke 04. Beide Mannschaften wurden für ihre Erfolge in der letzten Saison gelobt, beide Trainer stehen mittlerweile ohne Job da. Haben wir vielleicht die Ergebnisse der beiden Teams zu stark in unsere Bewertung ihrer Leistungen einfließen lassen?

Zwar blieben beide Teams diese Saison wohl hinter ihren Erwartungen, allerdings holten sie letzte Saison wohl zu viele Punkte relativ zu ihrer Leistungsstärke gesehen.

Für die Führungsriege eines Bundesligaclubs ergibt sich durch die Verzerrung der Wahrnehmung und Einschätzung von Leistungen ein Dilemma. Wie reagiere ich auf die Verschlechterung der Mannschaft? Liegt dies nur am Trainer? Oder gibt es andere Gründe. Alternative Methoden der Leistungsbewertung müssen her.

Alternative Methoden

Allerdings werden auf Basis von kurzfristigen Ereignissen zu oft Erwartungen geknüpft und Entscheidungen getroffen. Denn es stimmt kurzfristig nicht, dass ein Trainer bei einem Sieg alles richtig und bei einer Niederlage alles falsch macht.

Das passendste Beispiel ist wohl Ole Gunnar Solskjær, der seit seiner Amtsübernahme bei Manchester United auf eine sehr erfolgreiche Zeit blicken kann. Allerdings erzielt sein Team überdurchschnittlich viele Tore für die Chancen, die sie haben. Dies weckt bei Manchester United gerade Erwartungen, die eventuell nicht gerechtfertigt sind. Solskjær könnte Probleme bekommen, wenn sein Team zu ihrer waren Offensivstärke regressiert, obwohl er bisher vieles zum Positiven wenden konnte.

Das Beispiel Solskjær wirft die Frage nach der richtigen Bewertung der Arbeit eines Trainers auf. Selbstverständlich kann die Öffentlichkeit weiche Faktoren wie Umstrukturierung im Verein oder Kommunikation mit den Spielern bewerten. Diese Faktoren spielen intern sicherlich auch eine Rolle, jedoch werden die Leistungen auf dem Platz immer ausschlaggebend sein.

Und genau hier liegt der entscheidende Punkt. Bei der Bewertung der Leistung eines Trainers sollten die Leistungen auf dem Platz der wichtigste Faktor sein. Und wie wir oben festgestellt haben, sind diese nicht zwangsläufig mit den Ergebnissen deckungsgleich.

Doch welche Alternativen gibt es? Ziemlich schnell wird man hier auf das Wort Expected Goals stoßen. Der Fachbegriff wird in den englischen Medien bereits genutzt, und ist in Deutschland so langsam im Kommen. Hierbei wird ein Blick auf alle Schüsse, die ein Team auf das Tor des Gegners feuerte analysiert und diesen Schüssen wird eine Wahrscheinlichkeit für ein Tor zugeteilt. Anhand dessen kann man erkennen, ob ein Team überdurchschnittlich viele Tore für die Qualität der Chancen erzielt oder nicht.

wir haben uns bereits die xG-Werte der TSG Hoffenheim angeschaut

Schaut man rein auf die Ergebnisse erzielten beispielsweise Team A und Team B beide jeweils 8 Tore in den letzten 10 Spielen. Allerdings hat Team A einen xG-Wert (xG = Expected Goals) von 15,4 während Team B nur einen von 6,3 aufweist.

Dem Trainer von Team A kann man zu Gute halten, dass sein Team sich sehr viele Chancen erspielte. Für das Scheitern vor dem Tor muss es also andere Gründe geben? Gründe für die der Trainer nicht zwangsläufig verantwortlich gemacht werden kann.

Fazit

Die Bewertung der Bundesliga-Trainer ist ein kritisches und zugleich interessantes Thema. Besonders in der Öffentlichkeit sollte ein genaueres Augenmerk auf die Leistung auf dem Platz gelegt werden. Anhand von schwacher Ergebnisse kommen zu schnell Begründungen wie: er erreicht die Mannschaft nicht mehr oder es fehlt an der Mentalität.

Für diese Behauptungen gibt es selten wirkliche Belege. Vielmehr sollte man sich die Leistungen im Spiel anschauen. Daran lässt es sich erkennen wo die Probleme einer Mannschaft liegen und wofür man den Trainer wirklich verantwortlich machen könnte. In Zukunft werde ich hier noch weitere Artikel über dieses Thema veröffentlichen und dabei Methoden der richtigen Bewertung oder Gründe für eine verzerrte Wahrnehmung vorstellen.

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Ein Kommentar

  1. Wie kann man denn bitte „rationalwiki“ aka „far-left-wiki“ als Quelle zitieren. Ebenso auch interessante Zitate von Morey, der selber mehrere Trainer brauchte, um ein funktionierendes System für seinen Superstar zu finden.

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