PPDA – Kann man Pressing messen?

Die offensichtlichen Dinge im Leben lassen sich leicht erkennen. Ein Blick aufs Thermometer verrät, wie warm oder kalt es draußen ist, und der Tachometer im Auto hilft dabei, die richtige Geschwindigkeit zu wählen. Auch beim Fußball gibt es einige Indikatoren, die das Offensichtliche verdeutlichen: Um zu gewinnen, muss man ein Tor mehr als die anderen erzielen, und um Meister zu werden, braucht man am Ende der Saison die meisten Punkte.

Doch gerade auf dem Weg zum Sieg oder zur Meisterschaft gibt es viele Daten, Indikatoren und Kennzahlen, die vermeintlich „gut“ oder „schlecht“ sind und die Analyse des Fußballs erschweren. Ist es besser mehr Ballbesitz zu haben? Muss ein Team zwangsläufig mehr Zweikämpfe gewinnen als der Gegner? Sind viele Torschüsse der Beleg für ein „gutes“ Spiel? Neben diesen in der Berichterstattung weit verbreiteten Statistiken widmen wir uns in diesem Artikel der PPDA-Kennzahl, die sich mit einem nicht minder heiß diskutierten Thema auseinandersetzt: Pressing.

Bevor wir uns näher mit PPDA befassen, greifen wir jedoch zunächst auf die zuvor gestellten Fragen und Hypothesen zurück und versuchen diese näher zu analysieren. So gibt es beispielsweise beim Thema Torschüsse weiterführende Statistiken, die die Qualität und Trefferwahrscheinlichkeit von Torschüssen bewerten und die Analyse facettenreicher machen. So sagt die reine Anzahl der Torschüsse nichts darüber aus, von wo die Schüsse abgegeben wurden und welche Trefferwahrscheinlichkeit hieraus resultierte.

Ein Schuss aus fünf Metern hat tendenziell eine (viel) höhere Erfolgsquote als ein Versuch jenseits von Gut und Böse außerhalb des Strafraums. Durch das Hinterlegen der jeweiligen Trefferwahrscheinlichkeit für jeden Torschuss ergibt sich für die Analyse eine viel bessere Möglichkeit, eine fundierte Aussage über die Leistung eines Teams abzugeben. Diese Statistik (expected goals, xG) gewinnt hierzulande langsam an Popularität und ist ein wichtiger Baustein, um Spiel und Analyse transparenter zu machen.

Nichtsdestotrotz ist auch hier die Versuchung groß, die Leistung einer Mannschaft auf Basis dieser Kennzahl qualitativ zu bewerten und eine Aussage darüber zu treffen, ob das Team „gut“ oder „schlecht“ gespielt hat. Erspielt sich Team A einen xG-Wert von 5,0 und Team B einen xG-Wert von 1,0 und geht das Spiel trotzdem 0-0 aus, war Team A „besser“? Für beide Argumentationen würden sich hier zahlreiche Aspekte finden, die hier nicht vertieft werden sollen, jedoch für einen vorsichtigen und defensiven Ansatz mit der Verwertung von derartigen Kennzahlen und Statistiken sprechen. Insbesondere bei PPDA, das im Folgenden dargestellt wird, ist ähnlich zu verfahren und Vorsicht bei der Interpretation der Daten geboten.

PPDA – Passes Allowed Per Defensive Action

PPDA bedeutet: Passes Allowed Per Defensive Action. PPDA gibt grob gesagt an, wie viele Pässe der Gegner spielen kann bis eine eigene Defensivaktion gegen den Ball und Gegner erfolgt. Als Defensivaktionen gelten hierbei Interceptions, erfolgreiche und nicht erfolgreiche Tacklings sowie Fouls. Je höher der Wert, desto mehr Pässe konnte der Gegner ohne eigene Defensivaktion spielen. Der Bereich des Fußballfelds, in denen PPDA gemessen wird, bezieht sich dabei grundsätzlich auf die Spielhälfte des Gegners sowie ein Teil der eigenen Hälfte.

PPDA

Alle Defensivaktionen des gelben Teams im orange hinterlegtem Bereich des Spielfelds werden somit der PPDA-Statistik hinzugefügt.

Auf die Interpretation kommt es an

Nun ist der richtige Umgang und Interpretation der PPDA-Zahl eminent wichtig. Ist ein niedriger PPDA-Wert „gut“ und steht für ein intensives und aggressives Pressing einer Mannschaft, da man dem Gegner nur wenige Pässe in seiner Hälfte zugesteht? Colin Trainor hat in seinem Artikel aus 2014 „Defensive Metrics: Measuting the Intensity of a High Press hierzu zwei zentrale Aspekte aufgezählt. Zum einen kann Pressing auch dadurch erfolgen, dass man wichtige Anspielstationen des Gegners zustellt, ihn aber ansonsten innerhalb eines definieren Raumes gewähren lässt. Der Gegner spielt sich dann oft den Ball zu, da man aber alle wichtigen und zentralen Knotenpunkte abdeckt, kontrolliert und presst man ihn ebenfalls.

Da dies aber nicht durch Defensivaktionen erfolgt, resultiert letztlich ein hoher PPDA-Wert. Würde man hier nur auf PPDA abstellen, so wäre die Pressingqualität der Mannschaft letzten Endes falsch bewertet. Darüber hinaus gibt es Mannschaften, wie beispielsweise Paris St. Germain, die aufgrund ihrer Spielanlage naturgemäß sehr hoch stehen und ihre Gegner oftmals aus unterschiedlichen Gründen sehr tief verteidigen. PSG hat dementsprechend viele Defensivaktionen im angesprochenen Areal – nicht aber deshalb, weil sie besonderes aggressiv hinter dem Gegner her sind, sondern weil PSG sich rein durch die hohe Staffelung auf dem Feld automatisch in dem für den PPDA-Wert relevanten Teil des Platzes aufhält.

Dies vorangestellt, erfolgt im Folgenden eine kleine Analyse der aktuellen PPDA-Werte der Bundesliga und die Aufstellung einiger Hypothesen, um mögliche Korrelationen und Auswirkungen herauszuarbeiten.

Laut understat.com beträgt die Spannweite der PPDA-Werte von 8,41 (FC Bayern München) bis 17,24 (1. FC Nürnberg). Betrachtet man die Tabelle weiter, so sind einige Auffälligkeiten erkennbar.

Augsburg hat beispielsweise mit 10,02 PPDA den sechstniedrigsten Wert der Liga. In der Tabelle rangiert der FCA jedoch (nur) auf Tabellenplatz 14. Zudem hat Augsburg mit 55 Gegentreffern die fünftschlechteste Defensive der ganzen Bundesliga. Besteht hier möglicherweise ein Zusammenhang zwischen den vielen Gegentoren und dem niedrigen PPDA-Wert? Für ein erfolgreiches Pressing ist es unabdinglich, dass nicht nur die vorderen Reihen hoch anlaufen, sondern auch die Defensive nach vorne schiebt und Räume, die durch das Anlaufen der Angreifer entstehen, konsequent schließt. 78% der Gegentreffer hat der FCA aus dem offenen Spiel, d.h. ohne Freistöße, Ecken und Elfmeter erhalten. Rein aus der Datenbasis könnte sich hier durchaus eine Schlussfolgerung ergeben, dass möglicherweise Mängel im kollektiven Pressingverhalten der Mannschaft vorgelegen haben und dies zu der hohen Anzahl an Gegentoren geführt hat.

Eine weitere Korrelation könnte auch bei Nürnberg vorliegen. Der Club hat mit einem PPDA-Wert von 17,24 den höchsten Wert in der Liga. Auch bei den erzielten Toren liegt der FCN mit 24 Treffern am Ende des Tableaus. Unter der Annahme, dass Nürnberg regelmäßig tief steht und dadurch viele Pässe des Gegners zulässt (=> hoher PPDA-Wert), kann ein möglicher Zusammenhang darin bestehen, dass Nürnberg Bälle erst sehr tief in der eigenen Hälfte gewinnt und der Weg zum gegnerischen Tor dadurch vergleichsweise lang ist. Fehler im Umschaltspiel führen zudem dazu, dass die ohnehin weite Strecke noch zusätzlich erschwert wird und insgesam zu weniger Torgefahr führt. Auch bei den expected goals liegt Nürnberg sehr weit unten in der Tabelle (17.) – viele vergebene Torchancen / Chancenwucher liegt demnach auch nicht vor.

Fazit

Im Fazit lässt sich festhalten, dass die exklusive Interpretation des PPDA-Werts zu Verzerrungen in der Analyse führen kann. Deskriptive Statistiken, die Daten beispielsweise durch Kennzahlen etc. darstellen, müssen gerade im Fußball immer im Kontext betrachtet werden und sollten im Regelfall eine Ergänzung der tatsächlichen Vorgänge auf dem Fußballplatz darstellen. Der umgekehrte Ansatz (Statistiken als Basis, die durch Spielszenen ergänzt werden) ist mit Vorsicht zu genießen und nur eingeschränkt auf Fußball übertragbar – getreu dem Motto: „Traue keiner Statistik, die du selbst nicht gefälscht hast.“

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