Ajax Amsterdam – Fußball als Kunst

Ajax Amsterdam ist schon seit mehreren Jahrzehnten eine gute Adresse für junge, talentierte Spieler. Schon unzählige Topstars wurden in der Jugendabteilung von Ajax ausgebildet oder nutzten den holländischen Verein als Sprungbrett zu Europas Top-Ligen. Vor vielen Jahren waren es Spieler wie Bergkamp, Van Basten oder Cruyff, vor einigen Jahren noch Ibrahimovic, Suarez oder Eriksen. Die Spieler der jetzigen Generation heißen Van de Beek, De Ligt und De Jong.

Erik ten Hag hat es in dieser Saison geschafft, aus den großen Talenten eine funktionierende und sehr erfolgreiche Mannschaft zu formen. So ist selbst das Triple weiterhin möglich. Dabei schafft er es, die individuellen Stärken der einzelnen Spieler in einem Gesamtkonstrukt zu verbinden.

Grundformation

Ten Hag vertraut auf ein unkonventionelles 433. Das Mittelfeld besteht aus zwei Achtern und einem Zehner, so ähnelt die Struktur eher einem 4231 als einem typischen 433. Beim Aufbauspiel lässt sich De Jong zwischen die Innenverteidiger fallen. Die Außenverteidiger rücken dafür nach vorne. Schöne besetzt alleine den zentralen Raum vor der Abwehr.

Grundformation im 433/ 4231

Der Zehner Van de Beek nimmt dabei nicht die Spielmacherrolle ein, sondern agiert als eine Art hängende Spitzer oder vorstoßender Zehner. Tadic lässt sich dafür öfter fallen und besetzt den Zehnerraum.

Die Flügelspieler ziehen in den Halbraum zwischen den gegnerischen Innen- und Außenverteidiger. Wenn der zurückfallende Tadic den Ball erhält, starten sie hinter die Abwehr. Ist der Ball weiter hinten befinden sie sich meistens im Zwischenlinienraum. Insbesondere Ziyech holt sich dort immer wieder den Ball ab, nimmt Tempo auf und versucht es dann (manchmal zu voreilig) mit einem Schuss aus der zweiten Reihe. Denn in manchen Fällen wäre ein Schnittstellenpass die besser Wahl gewesen. Damit ist er das Gegenstück zu Tadic, der manchmal lieber schießen sollte, anstatt nochmal einen Querpass zu spielen.

Überladungen, Dreiecke und Fluidität

Ist der Ball in der gegnerischen Hälfte, schafft es Ajax durch Überladungen den Ball in den eigenen Reihen zu halten. So schieben alle Spieler in Richtung des Balles, wenn der Ball auf einer Seite ist. Die Offensivspieler rücken sehr stark auf diese Seite und kreieren damit durchgehend Überzahlsituationen. Sogar der ballentfernte Flügelspieler befindet sich häufig auf der ballnahen Seite.

Die Positionierungen sind dabei nicht fest, durch viel Bewegung ist eine ständige Rotation vorhanden. Ziel ist es dabei immer sich frei zu laufen und Dreiecke zu bilden. Besonders Mannschaften mit starken Mannorientierungen, haben mit den ständigen Positionsrochaden große Probleme.

Während Ajax eine Seite überlädt, befindet sich auf der anderen Seite nur der Außenverteidiger. Dieser rückt meistens in den Halbraum ein. De Jong setzt sich meistens etwas ab und dient als Absicherung und sichere Anspielstation. Bekommt der 21-jährige den Ball, hat er genug Zeit, um die Seiten zu wechseln und den freien Außenverteidiger anzuspielen.

Überladung auf der rechten Seite: De Jong setzt sich etwas ab und kann den Ball auf die andere Seite spielen, dort befindet sich der Außenverteidiger im Halbraum ohne Gegenspieler

Die gegnerische Mannschaft muss entweder die ballentfernte Seite frei lassen oder Ajax in Ballnähe die Überzahlsituation lassen. Beide Szenarien kann Ajax ausnutzen. Wenn die ballentfernte Seite vernachlässigt wird, gibt es einen Seitenwechsel und der Außenverteidiger kann Tempo aufnehmen und den Ball in den Strafraum spielen. Wird Ajax die Überzahlsituation in Ballnähe gelassen, nutzen sie dies mit ihrer Spielstärke aus.

Dass die Überladungen Vorteile im Gegenpressing zur Folge haben, muss, denke ich, nicht extra erklärt werden.

Ballbesitzfußball und Konter schließen sich nicht aus

Auch wenn das Ballbesitzspiel der Grundbaustein des Fußballs von ten Hag ist, beherrschen sie auch das Umschaltspiel. Gewinnen die Niederländer den Ball, geht es schnell nach vorne. Dabei nutzen sie meistens die schon im Pressing erzeugte Überzahlsituation in Ballnähe.

Auch vorne gibt es im Umschaltspiel wieder typische Mechanismen. Tadic lässt sich im Zentrum wie so oft etwas fallen. Die beiden Flügelspieler rücken in den Halbraum und starten zusammen mit dem Zehner hinter die Abwehr. Wird der Ball auf dem Flügel gewonnen, folgt meistens der hohe, diagonale Ball auf einen der Flügelspieler. In solchen Situationen können sie dann ihre Geschwindigkeit und Dribbelstärke ausnutzen.

Ein anderer Aspekt, den Ajax erfolgreich nutzt, sind Eckbälle. Sie nutzen auch immer wieder unkonventionelle Varianten, wie eine Ablage in den Rückraum. Wird der Ball aber in die Mitte geflankt, suchen sie am zweiten Pfosten den kopfballstarken De Ligt, der die Kopfballduelle meistens für sich gewinnen kann.

Flexibles Pressing

Ajax spielt ein hohes Pressing mit Mannorientierungen. Sie attackieren im Normalfall den Gegner früh und stellen die Passoptionen zu. Doch die Amsterdamer können ihre Pressinghöhe und -Intensität anpassen. Es gibt immer wieder Phasen, in denen der Gegner erst weiter hinten angegriffen wird. Auch die Pressingstruktur ist flexibel. So wechseln sie zwischen einem aggressivem Angriffspressing im 433, zu einem abgeschwächten Pressing im 4231 oder 4141 oder einem 451-Mittelfeldpressing.

Das Team von ten Hag setzt dabei auf Kompaktheit. Sie verschieben sehr stark zum Ball und vernachlässigen die anderen Zonen. So machen sie die Räume in der Nähe des Balles sehr eng und die Gegner haben kaum Zeit und Platz sich dort rauszuspielen. Oft rücken die Defensivspieler nach vorne, um größeren Druck auszuüben.

Wenn es die gegnerische Mannschaft also schafft den Pressingmoment zu überstehen, kann sie den freigewordenen Raum nutzen. Denn durch das Vorstoßen eines Spielers, entsteht hinter der Pressingzone ein freier Raum, der meistens unbesetzt bleibt. Außerdem ist durch das starke Verschieben viel Platz auf der anderen Seite. Auch dieser kann dann leicht genutzt werden.

Entstehung des 0:1 gegen Madrid: Modric bekommt einen unsauberen Ball. Ajax erkennt das und setzt den Kroaten sofort unter Druck. Ziyech und Schöne schieben vor, um Modric unter Bedrängnis zu bringen. Doch er kann den Ball kontrollieren und spielt den Ball in den freien Raum.

Bei Ajax ist stark zu erkennen, wie sie auf den richtigen Pressingmoment warten. Dieser kann unter anderem durch einen unsauberen oder hohen Pass erfolgen. Der angespielte Gegenspieler wird dann sofort attackiert, die Passstationen werden zugestellt und die ballnahe Zone wird (mal wieder) überladen. Im Normalfall schafft es Ajax mit dieser Methode den Ball zu gewinnen und umzuschalten. Die hergestellte Überzahlsituation können sie gleich nutzen, um das Gegenpressing zu überspielen.

Vorzeigespieler des modernen Fußballs

Dass das System so gut funktioniert, liegt aber auch an den Einzelspielern. Das Team von ten Hag besteht zum einen Teil aus jungen Spielern, wie Onana, De Ligt, Mazraoui, De Jong, De Beek oder Neres, aber auch aus erfahrenen Leadern, wie Blind, Schöne oder Tadic.

Was sie alle eint, ist ihre Spielstärke. Vor allem Frenkie de Jong ist hier hervorzuheben. Er ist unfassbar ballsicher und scheut sich nicht vor riskanten Dribblings. Dabei spielt es keine Rolle, wo er sich gerade befindet. So kann es sein, dass er als letzter Mann ins Dribbling geht und teilweise bis zum letzten Drittel am Ball bleibt. Doch auch wenn es auf den ersten Blick riskant aussieht, ist De Jong dabei sehr sicher und verliert fast nie den Ball. Er lockt mit seinen Dribblings den Gegner an, dieser versucht Zugriff zu bekommen und verliert dabei die eigentliche Struktur.

Mit seinen gut abgestimmten Tempo- und Richtungswechseln kann er auch zwei Gegenspieler ausdribbeln und spielt den Ball im richtigen Moment in die freigewordenen Zonen. Seine Pässe sind ebenfalls hervorragend, mit seiner Übersicht und seinen technischen Fähigkeiten kann er auch schwierige Pässe spielen. Seine Entscheidungsfindung und sein Spielverständnis sind jetzt schon auf einem Weltklasse Niveau

Den anderen Spieler, den ich nochmal extra erwähnen möchte, ist Matthijs de Ligt, Er ist erst 19-jahre jung, ist aber schon Kapitän bei Ajax und ein wichtiger Bestandteil in der niederländichen Nationalmannschaft. Trotz seines Alter wirkt er schon sehr reif und erfahren. Er macht kaum Fehler und ist für einen Teenager körperlich sehr stark – ist auch immerhin 1,89 Meter.


Er verfügt über ein sehr gutes Gefühl für den Raum und Bewegungen, um seine Teamkollegen zu unterstützen. Außerdem ist sein Passspiel nicht nur technisch, sondern auch aus strategischen Gesichtspunkten bereits sehr stark. 

Tobi, im Spielerportrait von De Ligt

Doch nicht nur seine Reife macht ihn so besonders. Er ist zweikampf-, kopfball- und passstark und besitzt ein sehr großes Spielverständnis. Genauso wie de Jong ist er ein Prototyp eines modernen Spielers.

Fazit

Das Spielsystem von Ajax wirkt manchmal etwas unreif – ja, fast schon kindisch und naiv. Das ist es aber nicht. Ajax beherrscht alle Phasen des Spiels. Sie verbinden ein geduldiges Ballbesitzspiel mit einem temporeichen Umschaltspiel. Dabei machen sie sich immer wieder Überladungen und Überzahlsituationen zunutze.

De Jong und de Ligt sind jetzt schon einer der besten Spieler auf ihren Positionen und Paradebeispiele für moderne Spielertypen. Ten Hag hat es geschafft, sie richtig einzubinden und ihnen die benötigten Freiheiten gegeben. Das macht das System so besonders. Es ist ein funktionierendes System, das um die einzigartigen Spieler gebaut wurde.

Dieser Ajax-Truppe zuzuschauen macht riesigen Spaß. Denn sie verbinden einen jugendlichen Spielwitz mit einem ausgewogenem System. Es ist wirklich schade, dass diese Mannschaft nicht länger zusammenbleibt. Doch auch wenn dieses Ajax aufzeigt, wie schön der moderne Fußball auf dem Platz sein kann, wird es im Sommer die negativen Seiten aufgezeigt bekommen. So wird es diese Mannschaft so nächste Saison nicht mehr geben, denn die Topspieler werden von halb Europa gejagt.

So werden wir keine neue Ajax-Ära erleben, sondern nur eine Saison diese Mannschaft bestaunen können. Doch wir können uns glücklich schätzen, dass uns dieses Ajax gezeigt hat, was im modernen Fußball noch alles möglich ist. Auch wenn nur für eine Saison. Und vielleicht wird diese Mannschaft ja in dieser einen Saison sogar alles abräumen. Es wäre ihnen zu wünschen.

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4 Kommentare

  1. Hey, sehr interessanter Artikel. Ich finde es cool, dass du „aktuell“ interessante Mannschaften analysiert, da entwickelt man gut einen Bezug. Außerdem mag ich deine Detail-Tiefe. Du analysierst spezielle Situationen und Besonderheiten ohne dabei das den Blick auf das Ganze zu verlieren – einfach top!

    Eine Frage hätte ich allerdings noch: Du schreibst am Beginn, dass Ajax mit zwei Achtern spielt. Wen meinst du damit? Und falls Ziyech und Neres gemeint sind, warum beschreibst du sie als 8er?

    Und die zweite etwas allgemeinere Frage: Wann bezeichnet man einen offensiven Mittelfeldspieler als 10er und wann als 8er? Könntest du mir das vielleicht erklären?

    LG aus Gelsenkirchen 🙂

    1. Hey,
      sorry, ich habe deinen Kommentar leider erst heute gesehen. Ich hoffe, du liest das trotzdem noch. Erstmal danke für deinen ausführlichen Kommentar und dein Lob.
      Als Achter hab ich De Jong und Schöne bezeichnet. Ich hätte sie auch Sechser nennen können, ich seh sie aber wegen ihren häufigen Offensivaktionen eher als Achter. Obwohl da die Grenzen sicherlich fließend sind. Neres und Ziyech würde ich als einrückende Flügelspieler bezeichnen.
      Ein Zehner ist der (Kreativ-)Spieler hinter den Stürmern. Beispiele für einen typischen Zehner sind Diego oder Özil. Ein Achter agiert als Verbundungsspieler zwischen Abwehr und Mittelfeld und ist meistens eine Hybridrolle zwischen Sechser und Achter. Beispiele für einen Achter sind Modric oder Iniesta. Wenn du zum Beispiel bei Mainz schaust. Sandro Wagner hat da oft mit einer engen Mittelfeldraute spielen lassen. Der hintere zentrale Mittelfeldspieler ist der Sechser, der vorderste Spieler ist der Zehner und die beiden Spieler dazwischen sind die Achter.

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