RB Salzburg Analyse

Teamanalyse RB Salzburg unter Marco Rose

Das neuerliche Double, die zunehmende Anzahl deutscher Bundesliga Trainer mit RB Salzburg-Vergangenheit (zu Kovac, Ragnick und Hütter gesellen sich zur neuen Saison Oliver Glasner und Noch-Salzburg-Coach Marco Rose sowie den Gerüchten nach vielleicht auch Zsolt Löw und/oder Roger Schmidt), die guten Europa League-Saisonen, der bevorstehende Umbruch oder einfach nur das „Platz schaffen“ für die nächste Generation an Talenten, die erstmalige Champions League-Qualifikation, es gibt genug Gründe sich in einer Teamanalyse näher mit RB Salzburg zu beschäftigen.

Die Grundformation und „Stammelf“

In Salzburg wie auch in Leipzig ist das unter Roger Schmidt und Ralf Ragnick eingeführte „Red Bull 4-2-2-2“ nicht mehr oberstes Gebot. Während man in Leipzig die Grundformation oft ändert, hat sich unter Marco Rose grundsätzlich das 4-Raute-2 als Standardsystem etabliert. 

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Abb. 1: Grundformation


Im Tor hat Cican Stankovic, der mittlerweile auch im erweiterten Kreis der österreichischen Nationalmannschaft steht, den Leader Alex Walke weitgehend abgelöst und bildet mit dem Deutschen ein verlässliches Tormanngespann. Neben dem manchmal etwas leichtsinnig wirkenden aber mit guten Laser-Pässen ausgestatteten, unumstrittenen Abwehrchef Ramalho wechseln sich die beiden 21-jährigen Marin Pongracic und Jerome Onguene in der Innenverteidigung ab.

Die Außenverteidiger-Positionen sind mit den beiden Dauerläufern Andreas Ulmer und Stefan Lainer klar vergeben. Vor der Abwehr sorgt Diadie Samassekou für die notwendige Stabilität. Neben ihm besetzen meist das große österreichische Talent Xaver Schlager rechts und der von Werder Bremen geholte Routinier Zlatko Junuzovic links die Halbpositionen in der Raute. In den letzten Spielen machte allerdings schon immer mehr Salzburg’s „next big thing“ Dominik Szoboszlai den Platz von (vor allem) Junuzovic streitig.

Die offensivste Position in der Raute wird meist von Neo-Leipzig Spieler Hannes Wolf besetzt. Im Sturm ist der zum FC Sevilla abwandernde Munas Dabbur gesetzt, während die Position neben ihm meist von Takumi Minamino, der auch auf der Zehn spielen kann, oder Fredrik Gulbrandsen bekleidet wird.

Diese Spieler bilden bzw. bildeten in den wichtigen Spielen die Startelf, wobei schon an dieser Stelle einmal auf den (vor allem für österreichische Verhältnisse) großen und qualitativen Kader, in den ständig auch schon die nächste Generation drängt – auf die später noch eingegangen wird – hingewiesen sein soll. Generell kann man sagen, dass gemäß der Spielphilosophie auf junge, dynamische und im Pressing aggressive Spieler gesetzt wird bzw. diese gezielt gescoutet werden. Aber Salzburg hat mit Junuzovic, Ulmer, Ramalho oder Walke (mittlerweile) durchaus auch Routiniers die für eine gute Mischung sorgen.

In Ballbesitz – das verbesserte Salzburger Positionsspiel

Natürlich sind das aggressive hohe Pressing, das Gegenpressing und das schnelle Umschalten nach Ballgewinn nach wie vor wichtige Elemente und Stärken im Spiel von RB Salzburg. Es würde aber der aktuellen Mannschaft nicht gerecht werden sie nur darauf zu reduzieren, denn gerade gegen die in der österreichischen Bundesliga meist tief stehenden Gegner ist Salzburg auch vermehrt darauf angewiesen solche Defensivriegel mit Ballbesitz und Positionsspiel zu knacken.

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Abb. 2: Positionierung im Aufbauspiel: Bei einem schlechten Verhältnis im Spielaufbau fällt einer der Achter, der andere schiebt hoch. So entsteht oft entweder eine Überzahl im Zentrum mit der man die Situation auflösen kann und es in weiterer Folge viele zentrale Anspielstationen gibt oder der hochschiebende ballferne Außenverteidiger kann mit einer schnellen Verlagerung freigespielt werden.

Basis dafür ist die mit Hilfe der Raute Überladung der Halbräume bzw. des Zentrums. Die laufstarken Außenverteidiger Ulmer und Lainer schieben bei Ballbesitz schnell hoch und besetzen die jeweilige Seite meist alleine. Durch die Anzahl der Spieler im Zentrum und deren flexiblen Besetzung der Positionen stellen sie den Gegner immer wieder vor Zuordnungsproblemen. In der Regel bietet sich im Spielaufbau der passsichere Sechser Sammasekou vor den beiden Innenverteidigern an.

Sollte ein weiterer Spieler auf dieser Linie benötigt werden oder wird der Ball länger zwischen den Innenverteidigern und Sechser gehalten, fällt einer der Achter neben den Sechser. So haben die beiden Innenverteidiger zwei zentrale und mit den beiden hochschiebenden Außenverteidigern auch zwei Anspielstationen in der Breite, um das Spiel zu eröffnen und die erste Linie des Gegners zu überspielen.

Währenddessen schiebt der andere Achter hoch und bildet mit dem offensiven Mittelfeldspieler sowie den beiden Stürmern wiederum eine zentrumsorientierte, flexible (asymmetrische) Raute. Vor allem durch das gute, scharfe Passspiel von Ramalho bietet sich aber auch immer wieder die Möglichkeit den ballfernen Achter oder Zehner direkt anzuspielen und so Schnellangriffe einzuleiten. Auch Diagonalbälle gehören durchaus zum Repertoire von Red Bull.

Auch im Mittel- und Angriffsdrittel bleibt die Außen oft nur einfach besetzt – meist durch die nachrückenden Außenverteidiger die oft bis an die Grundlinie durchlaufen und mit ihrem jeweiligen starken Fuß den Ball in die Mitte bringen können. Situativ lässt sich auch einer der Stürmer nach Außen fallen und öffnet so den Halbraum für den Außenverteidiger – öfters zu beobachten im Zusammenspiel Dabbur und – der immer wieder gerne auf links oder den linken Halbraum fallen lässt – und Ulmer, während rechts Lainer meist die Linie hält.

Vor allem gegen Viererketten zeigt sich diese Besetzung der 5 Spieler (2 Außenverteidiger, 2 Stürmer und des offensiven Mittelfeldspielers), die sich hoch clever zwischen den Gegenspielern und Linien bewegen, als effektiv. In Kombination mit (mindestens) einen höheren Achter stellen sie den Gegner vor viele Zuordnungsprobleme. Entscheidend ist dann – wie immer im Positionsspiel – den freien Mann zu finden und anzuspielen. Geschieht dies und kann dieser in offensiver Position aufdrehen, gibt es viele Optionen und Anspielmöglichkeiten und spätestens ab da ist es für den Gegner schwer das offensive Tempo der Salzburger zu verteidigen.

Umschaltspiel

Dem Umschaltspiel in beiden Richtungen kam in der Red Bull-Philosophie schon immer eine zentrale Bedeutung zu.

Das verbesserte Positionsspiel und die dadurch bedingten längeren Ballbesitzphasen hat aber das Gegenpressing nochmals ein Level angehoben, da man auch weit in des Gegners Hälfte viele Spieler hat und so bei Ballverlust schnell auf die Jagd gehen kann.

Neben der guten Ausgangsposition für das Gegenpressing ist aber auch die Mentalität und Bereitschaft der Salzburger ein wesentlicher Baustein. Die Spieler laufen durch, geben kaum einen Ball verloren, stochern immer wieder nach und können so den Druck über einen relativ langen Zeitraum aufrechterhalten.

Gewinnt man tief in der gegnerischen Hälfte den Ball zurück, hat man kurze Wege zum Tor was dem schnellen und vertikalen Umschaltspiel der Salzburger sehr entgegen kommt. Die schnellen tiefgehende Stürmer, der Zehner oder auch der sofort sprintende Lainer bieten viele Optionen gleich den ersten, spätestens den zweiten Ball, tief zu spielen oder Chip-Bälle hinter die Abwehr zu bringen.

Gegen den Ball & (Angriffspressing-)Pressing

Kann der Gegner den Ball einmal länger behaupten, organisiert man sich meist in einem 4-3-1-2, wobei die Anordnung der drei Offensiven und daher das Pressing nach dem Gegner und dessen Aufbauschemen ausgerichtet wird. In der Regel ist der ballnahe Achter für das Anlaufen des Außenverteidigers zuständig, während die Stürmer die Rückpassoptionen auf die Innenverteidiger schließen und gemeinsam mit den verbleibenden Mittelfeldspielern den gegnerischen Sechserraum umschließen.

Allgemein fällt auf, dass die Stürmer etwas weiter voneinander entfernt stehen und dadurch jeweils den Raum zwischen Innenverteidiger und Außenverteidiger besetzen, während der offensive Mittelfeldspieler sich zentral hinter ihnen am gegnerischen Sechser oder zwischen der Doppelsechs orientiert. Durch das kompakte Besetzung des Salzburger Mittelfelds und die anfängliche Positionierung der Stürmer, versucht RB immer wieder das Spiel des Gegners durch bogenförmiges Anlaufen der Stürmer in die Mitte zu lenken Erfolgt der Pass in den gut umstellten Sechser-Raum wird der Spieler – vor allem bei schlechter Vororientierung oder geschlossener Haltung – sofort auch von mehreren Salzburgern attackiert. Ballgewinne in dieser Position sind das ultimative Ziel und auch die Stärke der Salzburger.

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Abb. 3: Die Stürmer lenken das Spiel in die Mitte. Gulbrandsen läuft den ballführenden IV bogenförmig an und nimmt so den Außenverteidiger mit seinem Deckungsschatten aus dem Spiel, den sonst auch Schlager anlaufen würde. Der Sechserraum wird umstellt, aber trotzdem so viel Platz gelassen dass der Gegner verleitet ist den Ball dorthin zu spielen. Geschieht dies attackieren die Mittelfeldspieler aggressiv nach vorne und bekommen von dem ballnahen Stürmer der rückwärts presst Unterstützung.

Auch hier sind die Außenverteidiger gefordert im Pressing nachzurücken, damit die freigespielten Gegner nicht mit Tempo auf sie zudribbeln können. Die Gefahr besteht bei der formationsbedingten Unterbesetzung der Flügel nun mal, da die Außenverteidiger große Räume absichern müssen. Durch das generell hohe Aufrücken der Viererkette werden diese versucht zu verkleinern. Trotzdem haben viele spielstarke Mannschaften in der Europa League dies als Schwäche der Salzburger Spielanlage ausgemacht und versuchen die Flügeln zu überlagen.

Funktioniert das Salzburger Pressing bleibt dem Gegner aber oft nur der lange Ball bzw. wird das Spiel über den zweiten Ball von vornherein als Maßnahme ausgegeben um Ballverluste tief in der eigenen Hälft zu vermeiden und so die ersten Pressinglinien der Salzburger zu überspielen. Das Verteidigen von hohen Bällen, vor allem bei Standards, ist so etwas wie die Achillesferse des Salzburger Spiels, worauf viele qualitativ unterlegene Gegner setzen.

Natürlich läuft Salzburg immer wieder Gefahr, dass wenn das hohe Pressing überspielt wird, größere Räume zum Bespielen frei werden. Leidenschaftliches rückwärtsverteidigen und die Qualität von Samassekou in der Zweikampfführung und der (Konter-)Absicherung verhindern aber oft schlimmeres. 

Ausblick: Ist es ein Umbruch oder die Fortführung des „Salzburger Wegs“

Die erstmalige fixe Qualifikation für die Champions League-Gruppenphase vor Augen (nur noch ein Champions League-Sieger der sich nicht über die nationale Meisterschaft direkt qualifiziert kann da noch einen Strich durch die Rechnung machen), wird sich der Kader von Red Bull Salzburg zur neuen Saison doch wieder deutlich ändern.

Über allem steht natürlich der Abgang von Trainer Marco Rose zu Gladbach, der von Jesse Marsch beerbt wird. Auch wenn der nach Stationen bei Red Bulls New York und aslo Co bei Leipzig bestens mit dem Red Bull-Universum und dessen Spielideen vertraut ist, darf man auf seine Ansätze und Änderungen durchaus gespannt sein.

Auf Spielerseite sind die Abgänge von Hannes Wolf (zu RB Leipzig) und Munas Dabbur (zu FC Sevilla) schon fix. Naturgemäß gibt es auch um den ein oder anderen weiteren wichtigen Spieler Wechselgerüchte – die Namen Xaver Schlager, Stefan Lainer und Diadie Samassekou fallen am häufigsten.

Unvorbereitet ist man bei Red Bull sicherlich nicht. In den eigenen Reihen bzw. im „Farm-Team“ FC Liefering drängen einige auf ihre Chance. Mit Dominik Szoboszlai hat schon das nächste Riesentalent zuletzt vermehrt Einsatzzeit bekommen. Ebenso wie der schon im Winter von PSG geholte U19-Nationalspieler Frankreichs Antoine Bernede, der auch bei Tuchel schon zu Kurzeinsätzen kam. Auch aus den erfolgreichen Youth League-Teams warten zum Beispiel schon Spieler wie Patson Daka oder Enock Mwepu auf mehr Spielzeit. Als Ersatz für Dabbur hätte man mit Prevljak und dem jungen Haland intern interessante Möglichkeiten. Auch Defensiv hat man einige Back-Up-Optionen.

Viele weitere Möglichkeiten ergeben sich auch durch mögliche Rückholaktionen von verliehenen Spielern. Der beim HSV glücklose Hwang wurde schon fixiert, sowie der in der Schweiz stark aufspielende Ashimeru sollte ebenfalls nächste Saison wieder in der Mozartstadt spielen.

Und natürlich wird Red Bull die Transfererlöse wieder in andere Talente investieren bzw. eventuell auch wieder erfahrene Spieler (a la Junuzovic) holen, die auch kurzfristig helfen können.

Dennoch darf man gespannt sein wie schnell die Mannschaft für die neue Saison wieder schlagkräftig sein wird. Gute Salzburger Mannschaften haben schon oft am Anfang der Saison ihre internationalen Ambitionen begraben müssen, da sie nach ähnlichen Umbrüchen oft noch nicht eingespielt waren. 

Fazit

Fußballerisch muss man der Entwicklung der Salzburger Mannschaft unter Marco Rose Tribut zollen. Gerade die Kombination aus hohem und intensivem Pressing sowie des guten Positionsspiels macht(e) die Salzburger sind in dieser Kombination nur schwer zu bespielen. Beides konnte durch die unterschiedlichen Anforderungen für die österreichische Bundesliga bzw. die internationalen Spiele gut entwickelt werden und mittlerweile fast nach Belieben in einem Spiel kombiniert werden.

Ergebnistechnisch war Red Bull Salzburg auch heuer in Österreich – trotz Punktehalbierung nach dem Grunddurchgang und einem starken Linzer ASK – zu wenig gefordert. Das neuerliche Double war zwar natürlich kein Selbstläufer, entspricht aber mittlerweile den (eigenen) Erwartungen. International präsentierten sich die Salzburger auch wieder stark: Mit dem Punktemaximum entschied man eine durchaus starke EL-Gruppe mit RB Leipzig, Celtic Glasgow und Rosenborg Trondheim souverän für sich. Auch im Sechzehntelfinale war Club Brügge nicht die große Hürde. Im Achtelfinale musste man im Hinspiel gegen Napoli mit 0:3 doch deutliches Lehrgeld bezahlen – da half auch ein 3:1-Sieg und guter Auftritt im Heimspiel nichts mehr. So konnte der Halbfinal-Einzug aus der Vorsaison nicht wiederholt werden. Trotzdem sind die internationalen Auftritte für Salzburg das Highlight, wobei ihre mannschaftstaktischen Stärken gegen teils individuell besser besetzte Gegner noch besser zur Geltung kommen und sehr vielen Mannschaften mit der hohen Schlagzahl von Red Bull Salzburg Probleme bekommen. 

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