Routinen Fußball

Die Nutzung von Routinen im Fußball

E2016 wurde Tony Dungy in die Hall of Fame der NFL aufgenommen, nachdem er 2009 seine aktive Trainerkarriere in der NFL beendet hatte und die positive Bilanz von zwei Super Bowl Titeln sein Eigen nennen konnte. Aber halt! Sollte es in diesem Artikel nicht um Fußball gehen und nicht um Football? Aber wenn es sich hier doch um Fußball handelt, was hat dann Tony Dungy damit zu tun? Grundsätzlich geht es auch nicht direkt um die Person Tony Dungy, sondern vielmehr darum, wie er Geschichte schrieb und aus wenig talentierten Teams das absolute Maximum herausholte.

Er war der festen Überzeugung, dass absolute Top-Spieler nichts Außergewöhnliches können oder tun. Jedoch sind diese Spieler fähig, normale Dinge zu tun, ohne groß darüber nachzudenken. 

“Champions don’t do extraordinary things,” Dungy would explain. “They do ordinary things, but they do them without thinking, too fast for the other team to react. They follow the habits they’ve learned.”

Er spricht in diesem konkreten Interview die „Habits“ bzw. Routinen der Spieler an. Während andere NFL Teams hunderte von Spielzügen auswendig lernen mussten, arbeitete Dungy mit den Routinen der Spieler und wollte sie dazu bringen, bestimmte Dinge zu tun, ohne darüber nachdenken zu müssen. Er arbeitete damals bereits mit einer ähnlichen Form der Prinzipien, wie wir sie heute aus dem Fußball kennen und genau dort möchte ich die Verbindung herstellen.

Was sind Routinen und wie kommen sie zustande?

Routinen entstehen nicht von heute auf morgen, das muss jedem klar sein. Wir alle eignen uns gewisse Abläufe über unser ganzes Leben lang an und greifen immer wieder darauf zurück. Wer von uns kennt nicht den Kampf gegen Schokolade oder das Rauchen? Das Schöne daran ist, dass Routinen immer den gleichen Ablauf haben und dieser lässt sich in 3 Phasen unterteilen.

Routinen Fußball

Auslösereiz – Routine – Belohnung


Wir werden also jedes Mal bei einem bestimmten Auslösereiz Appetit auf Schokolade bekommen und dann immer einem bestimmten Ablauf folgen, um schließlich unsere Belohnung abzugreifen. In diesem Fall wäre die Belohnung das Ausschütten von Glückshormonen. Beim Auslösereiz kann es sich beispielsweise um Stress in der Arbeit handeln oder auch um einen Gewohnheitsablauf wie das starke Süßigkeiten-Bedürfnis nach einer Hauptmahlzeit. (Na erwischt?!) Noch interessanter wird es, wenn wir während dieses Ablaufs einen Blick in unser Gehirn werfen. Wie in der nachstehenden Grafik ersichtlich, sind bei jedem vollständigen Ablauf (alle 3 Phasen) alle betroffenen Hirnareale ähnlich stark aktiv. Nun haben wir schon angesprochen, dass sich eine Routine nicht von heute auf morgen entwickeln kann. So kommt die Frage auf, was der Unterschied zwischen dem ersten und dem 100. Ablauf wäre.

Würde man beim 100. Ablauf nochmals die Gehirnaktivitäten messen, dann wären die betroffenen Areale nur noch in der Auslösereiz-Phase und Belohnungs-Phase aktiv. Eine Routine, bei der das Gehirn nicht bzw. weniger aktiv sein muss, ist entstanden.

Routinen Fußball

Auswirkungen und Umsetzung auf Fußball

Der Vorteil für den Fußball ist relativ schnell und einfach ersichtlich. Die Zeitersparnis und auch die neuronalen Kapazitäten, die ungenützt bleiben, erlauben es dem Spieler einen Schritt schneller zu sein. Dazu braucht es jetzt nur noch die Ummünzung von Routinen in den Fußballbereich und hier kommen wieder die Prinzipien und Sub-Prinzipien, welche vermutlich jetzt schon unbewusst trainiert werden, ins Spiel. Eine Routine im Fußball könnte dann zum Beispiel wie folgt aussehen:

Das eigene Team erobert in einer bestimmten Zone den Ball und begibt sich sofort in das Positionsspiel, damit der Ball zirkuliert werden kann.

Die Balleroberung wäre demnach der Auslösereiz und die Positionierung die Routine. Als Belohnung würden den Spielern dann möglichst viele Anspielstationen suggeriert werden.

Aufbauend auf einer Spielphilosophie müsste es nun das Ziel eines Trainers sein, mit zunehmender Zeit immer weniger von außen während des Spiels auf die Spieler einzuwirken. So viele Routinen wie möglichen sollen ablaufen und nur mehr eine Anpassung an den Gegner soll vorgenommen werden. Presst der Gegner sehr hoch und setzt immer wieder mit 2 Spielern die Abwehr unter Druck, so hätte der Trainer die Möglichkeit auf einen 3er Aufbau zu wechseln und die Abläufe darunter würden alle automatisch wie immer vonstatten gehen. (einfaches Beispiel) An der Art und Weise wie gespielt wird, würde sich nichts ändern, sondern nur an der Überzahl in bestimmten Zonen. Wir sind hier also definitiv im Bereich der Grundprinzipien angekommen und wie Ausschlaggebend sie für das Spiel sind, da auf deren Basis Routinen entwickelt werden. Ändert man diese Prinzipien zu oft oder passt sich dem Spiel der Gegner zu stark an, kommt man selbst aus der Komforzone, Abläufe werden ungeauer und die Siegchancen sinken stetig.

Es verdeutlich sehr klar, warum im Fußball jedes Training von der eigenen Spielphilosophie ausgehen MUSS. Jedes andere Training ohne Bezug zu den eigenen Prinzipien oder Routinen wäre demnach verlorene Zeit. Diesen Absatz möchte ich auch dazu nutzen, um auf ein Interview mit Tim Walter (Trainer Holstein Kiel) zu verweisen in dem er sagt:

Worauf war ihr Training ausgerichtet, als Sie hier in Kiel im Sommer begannen? 
Aufs Fußballspielen. 

Einfach Fußball spielen? 
Nein, aber das ist der Ausgangspunkt. Dann kamen viele kleine Provokationen und Überforderungen. Wir haben das Spiel komplizierter gemacht, als es eigentlich ist. Indem die Jungs zum Beispiel Felder ausspielen, bestimmte Stationen anspielen oder durch Tore dribbeln mussten.
Von der Art und Weise, wie er Fußball spielen will, hat Tim Walter also Routinen bei den Spielern entwickelt. Bewusst oder unbewusst hat er es damit geschafft, neuronale Anpassungen im Gehirn der Spieler hervorzurufen.

Die Änderung von Routinen ist keine ganz einfache Sache, da der Auslösereiz und die Belohnungen möglichst gleich bleiben müssen und folglich ein Ablauf den anderen ersetzen muss. Wie sieht aber nun für einen Neuzugang ein bestimmter Auslösereiz aus und wie die dazugehörige Belohnung? Ist vielleicht, um im oberen Beispiel zu bleiben, der Ball beim vorigen Verein bei Balleroberung einfach nach vorne geschossen worden und damit die Belohnung in anderer Art und Weise aufgetreten z.B. kein Druck mehr auf mich als Spieler?

Ich habe mir dieses Thema für meinen zweiten Artikel ausgesucht, weil ich aktuell das Buch von Charles Duhigg „The Power of Habit“ lese und es für mich als Trainer viel ergänzendes Wissen bietet, das ich gerne mit anderen teilen möchte. Ich bin davon überzeugt, dass bereits viele Trainer unserer Zeit genau in diesem Schema arbeiten, aber sich vielleicht auch nicht ganz der Auswirkungen bzw. des „Wie´s“ bewusst sind. Ausgehend von Routinen würde es auch Sinn machen, nur Spieler mit einem bereits ähnlichen Routinebild zu verpflichten. Vielleicht ist die Kraft der Routine auch Grund dafür, warum einige Nationalmannschaften nicht gut funktionieren, obwohl sie mit Top-Stars gespickt sind. Das Buch versucht zu erklären, dass jedes Team, jedes Land und jeder Trainer eine Fußballphilosophie mit Prinzipien und Routinen benötigt, da es sonst nie zu einer gemeinsamen Routinebildung kommen kann.

Meine persönliche Absicht in diesem Artikel sieht wie folgt aus:

1. Ich möchte andere Trainer für dieses „über den Tellerrand blicken“ begeistern und sie dazu aufrufen, sich mit neuronalen Abläufen zu befassen.
2. Will ich die Trainingsphilosophie „Fußball nur durch Fußball“ weiter vorantreiben und damit die Sache an sich. Fußball spielen lernt man nun mal nur, indem man es tut. Das Training sollte immer darauf basieren, wie wir unsere Mannschaft am Feld unter Wettkampfbedingungen sehen wollen.

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