Major League Soccer: Neues Jahr – neues Format

Knapp drei Monate läuft die 24. Saison der Major League Soccer, die höchste Spielklasse im amerikanischen und kanadischen Fußball, bereits. Die Marke MLS wächst weiter Jahr für Jahr und die Ligaführung setzt alles daran, diesen Wachstum aufrecht zu erhalten. Zeit, sich den aktuellen Stand der Liga näher anzuschauen, die dieses Jahr eine große Veränderung im Playoff-Format erfuhr.

Die „Postseason“ im lukrativeren Gewand: Das neue Playoff-Format

Anders als in den europäischen Ligen wird der Meistertitel in einem K.O.-System ermittelt, den Playoffs. Bis dahin hat jede Mannschaft 34 reguläre Spiele auszutragen – was bei insgesamt 24 Mannschaften zu einem asymmetrischen Spielplan führt. Wie in der NBA sind die Mannschaften nach ihrer geographischen Lage in zwei Conferences eingeteilt. Gegen Mannschaften der eigenen Conference werden jeweils ein Heim- und ein Auswärtsspiel ausgetragen, gegen jede Mannschaft der anderen Conference nur ein Spiel. Hinzu kommen drei Spiele gegen Mannschaften der eigenen Conference, zufällig ausgelost. Klingt kompliziert, ist in den USA aber ein bewährtes Konzept, den großen Entfernungen einzelner Städte Rechnung zu tragen.

Die Mannschaft, die nach den regulären 34 Spieltagen die meisten Punkte gesammelt hat, erhält den MLS Supporters’ Shield. Der eigentliche Meistertitel wird jedoch in den Playoffs vergeben:  Die sieben besten Mannschaften jeder Conference spielen zuerst innerhalb ihrer Conference den Sieger aus, bevor die beiden besten Mannschaften jeder Conference im großen Finale gegeneinander antreten. 

MLS – Playoff Sheet

Mit Beginn dieser Saison wurde die sogenannte Postseason neu strukturiert: Es gibt einen fixen Spielplan, es wird pro Runde ein K.O.-Spiel ausgetragen, indem die Mannschaft, die in der regulären Saison die bessere Platzierung erreichte, immer Heimrecht hat. Dies wertet die reguläre Saison massiv auf, in einem Do-or-die Spiel spielt der Heimvorteil eine immense Rolle und kann entscheidende Impulse verleihen. Dazu veröffentliche die MLS noch ein nettes Zahlenspiel: So gewinne die höher platzierte Mannschaft etwa 67% ihrer Spiele im neuen Modus, gegenüber 55% im alten Modus. Darüberhinaus verspricht sich die MLS spannendere Spiele: statt einem Taktieren in mehreren Spielen muss nun alles auf eine Karte gesetzt werden; in die nächste Runde einziehen oder nach Hause fahren lautet die Devise.

Dass die Regeländerungen natürlich auch finanzielle Hintergründe haben, lässt sich ebenso wenig von der Hand weisen. Im neuen Modus erreichen fast 60% der Mannschaften die Playoffs und generieren somit zusätzliche Einnahmen. Selbst mit den schon feststehenden Erweiterungen der Liga durch Hinzunahme von Mannschaften, beispielsweise 2020 aus Miami oder Nashville, erreichen immer noch die Hälfte aller Mannschaften die Playoffs.

Atlanta United FC: Der amtierende Champion

Nach der ersten Meisterschaft der Vereinsgeschichte im vergangenen Jahr, wagte der noch junge Verein einen weiteren mutigen Schritt und verpflichtete mit Frank de Boer einen neuen Trainer. Mit De Boer wurde dem teuersten Kader der gesamten Liga ein Trainer vorgesetzt, der sich mit zahlreichen Titeln und Auszeichnungen sowohl als Spieler als auch als Trainer schmücken kann. Der Verein verspricht sich vor allem aufregenden Fußball und die Weiterentwicklung junger Spieler. Perfekt passe der neue Trainer in die Philosophie des Vereins und soll die Weichen für eine erfolgreiche Zukunft stellen. 

Hinsichtlich einer Weiterentwicklung lies sich der Trainer dann auch nicht lange bitten, De Boer führte die Dreierkette ein und legte seinen vollen Fokus auf die Offensive. Dieser Plan ging jedoch gewaltig nach hinten los, Atlanta konnte von den ersten zehn Pflichtspielen der Saison nur drei gewinnen. Frank de Boer musste seine Spielweise anpassen und schaffte dies in den letzten Spielen immer besser. Seine Mannschaft lief in der Folge mit einer Vierkette und zwei defensiven 6ern davor auf. So konnte die Defensive stabilisiert werden ohne zu stark von einer fluiden Offensive abweichen zu müssen – in den folgenden sechs Spielen behielt man fünf mal die weiße Weste. Mit aktuell nur acht Gegentreffern stellt man gemeinsam mit LAFC die beste Defensive der gesamten Liga. Der Turnaround scheint gelungen.

Neben der taktischen Ausrichtung scheinen aber auch personelle Entscheidungen großen Einfluss zu haben. Zum einen konnte der Abgang von Miguel Almiron, der in der abgelaufenen Saison 25 Scorerpunkte sammelte, noch nicht gänzlich aufgefangen werden. Zum anderen hat Stürmer Josef Martinez noch kräftig Ladehemmungen: 31 Toren aus 34 Spielen in der vergangenen Saison stehen aktuell nur 4 Tore in 10 Spielen gegenüber. Dies zeigt auf der einen Seite die Abhängigkeit von einem beziehungsweise zwei Spielern, auf der anderen Seite sind Spieler und Trainer immer noch in der Findungsphase. Unter De Boer lässt sich Martinez häufiger ins Mittelfeld zurückfallen, um das Offensivspiel anzukurbeln und den zentralen Raum für Tiefenläufe der Außenstürmer zu öffnen. Gab es anfangs noch Abstimmungsschwierigkeiten, lassen sich mittlerweile bessere Bewegungsmuster erkennen, vor allem Hector Villalba überzeugt auf den Außen mit temporeichen Aktion und dem Erkennen von offenen Räumen. Das Spiel ist vertikaler und direkter ausgerichtet als noch zu Saisonbeginn.

Aktuell rangiert Atlanta auf Platz 5 der Eastern Conference, die Formkurve zeigt jedoch stark nach oben und Frank de Boer hat noch genug Zeit, sein Können als Trainer unter Beweis zu stellen. Es wird spannend zu beobachten, ob De Boer noch in der laufenden Saison taktische Varianten einfließen lässt oder gar zur Dreierkette zurückkehrt.

Los Angeles FC: Das aktuell heißeste Team der Liga

„Das ManCity der MLS“ – zu dieser Aussage ließ sich Caleb Porter am letzten Spieltag hinreißen. Porter ist Trainer von Columbus Crew und unterlag mit seiner Mannschaft wenige Minuten zuvor gegen eben jenen LAFC mit 0:3. Ganze zehn Schüsse gab das Team aus Los Angeles in der ersten Halbzeit auf das gegnerische Tor ab, erst in der 45. Minute gelang einem Spieler von Columbus Crew überhaupt ein Schuss aufs Tor von LAFC, von außerhalb des Strafraumes. Verbunden mit der Aussage von Porter unterstreicht dies die momentane Dominanz der Mannschaft aus Los Angeles: mit acht Siegen und nur einer Niederlage aus 12 Spielen, 29 erzielten Toren bei nur acht Gegentoren sind sie aktuell die beste Mannschaft der gesamten MLS. Trainer Bob Bradley, der schon einen MLS-Titel als Trainer gewann, schafft es momentan hervorragend, seine Offensive am Laufen zu halten. Im eingespielten 4-3-3 ist alles auf die individuellen Stärken der Außenstürmer ausgerichtet. 

Dabei nutzt seine Mannschaft im Spiel mit dem Ball geschickt beide Halbräume. Ist der Passweg nach vorne offen, lässt sich der zentrale Stürmer zurück in den Halbraum fallen und erwartet den Pass aus der eigenen Hälfte. Diesen lässt er mit einem Kontakt abprallen und ein freier Mitspieler mit Blick zum gegnerischen Tor spielt direkt weiter in den Rücken der Abwehr – in den anderen, offenen Halbraum. In diesen startet zuvor der Außenstürmer, der bei Erfolg freien Weg zum Tor hat. Diese einstudierte Variante läuft in höchstem Tempo ab und ist momentan kaum zu stoppen. Beispiel gefällig? Auf Rechtsaußen läuft Carlos Vela auf, bisher 12 Tore und fünf Vorlagen. Sein Gegenpart auf links heißt Diego Rossi, bisher sechs Tore und zwei Vorlagen. 

Aus der Zentrale heraus werden sie von Mark-Anthony Kaye bedient, der bisher alleine für die Außenstürmer fünf Vorlagen verzeichnet; hinzu kommen drei eigene Tore. Zusammengenommen waren die drei an 83% aller erzielten Tore direkt beteiligt.

Spielt Los Angeles weiterhin so erfrischend auf, bleiben sie das „Team to beat“ der MLS. Hinzu kommt abschließend, dass LAFC durchaus in der Lage ist, Spiele in den letzten Minuten entscheiden zu können, so geschehen auch gegen Columbus Crew.

Und sonst so: … Rote Bullen, Zlatan und Schweinsteiger

New York Red Bulls, amtierender Sieger des Supporters’ Shield, hat mit ähnlichen Problemen wie Atlanta zu kämpfen. Auf einen guten Saisonstart folgten zwischenzeitlich fünf Spiele mit einer Ausbeute von gerade einmal einem Pünktchen. In den letzten vier Spielen konnten wieder mehr Punkte eingefahren werden, was auch mit einer Systemumstellung auf die Dreier-/Fünferkette zusammenhängt. Das ständige Auf und Ab ist klares Indiz, dass sich die Mannschaft noch nicht gefunden hat. Dafür spricht auch die Tatsache, dass Trainer Chris Armas ständig neue Spieler in ständig wechselnden Formationen aufs Feld schickt; in zwei aufeinanderfolgenden Spielen tauschte er über die Hälfte der Startformation aus. Wahrscheinlich schmerzt auch der Abgang von Tyler Adams, der bekanntermaßen nach Leipzig wechselte und trotz seines jungen Alters ein zentraler Faktor der erfolgreichen vergangenen Saison war. Die letzten Ergebnisse liefern jedoch Hoffnung auf Besserung und bestätigen den Trainer in seiner Rotation. Es bleibt abzuwarten, inwieweit diese auf Dauer Erfolg haben wird.

Zlatan Ibrahimovic – die Ein-Mann-Armee von Los Angeles Galaxy. Die Statistik spricht für ihn:  mit neun Tore hat er allein die Hälfte aller Tore seiner Mannschaft erzielt, hinzu kommen zwei Assists. Was sich aber auch nicht verneinen lässt: LA Galaxy ist komplett von ihm abhängig. Zlatan ist der Fixpunkt dieser Mannschaft, jeder Mitspieler in Ballbesitz sucht ihn, jeder Ball geht zu ihm, er soll es richten – und Zlatan will dieser Fixpunkt unbedingt sein. Allerdings steht er damit auch einer Weiterentwicklung der Mannschaft im Weg. Zwar steht LA Galaxy auf Platz 2 der Western Conference, es wurden aber auch die letzten drei Spiele verloren – trotz oder dank Zlatan. Die größte Attraktion der Liga kann Spiele alleine entscheiden, doch für die Meisterschaft wird er ein funktionierendes Team um sich herum brauchen. Ob dies der Fall sein kann, wird sich zeigen. Denn eigentlich sollte dies auch im Interesse von Zlatan sein.

Bastian Schweinsteiger spielt mit Chicago Fire seine dritte Saison in der MLS und erlebt im Herbst seiner Karriere nochmal eine Neuerfindung seiner Person. In den ersten drei Saisonspielen wie gewohnt im zentralen Mittelfeld zu finden, spielt er mittlerweile ausschließlich in der Innenverteidigung. Schweinsteiger kann hier seine riesige Erfahrung einbringen, hat das Spiel jederzeit vor sich und trägt so seinem zunehmenden Alter und abnehmenden konditionellen Fähigkeiten Rechnung. Insgesamt erscheint die taktische Ausrichtung von Chicago Fire äußert spannend: sie spielen ein Hybrid aus Vierer- und Dreierkette.

Ohne echten Außenverteidiger agiert die Mannschaft im Spiel gegen den Ball in einer klassischen Dreierkette. In Ballbesitzphasen verschiebt sich die Formation: Innenverteidiger Johann Kappelhof kippt nach Außen ab, der eigentliche Außenstürmer auf der gegenüberliegenden Seite lässt sich zurückfallen. Bastian Schweinsteiger und Francisco Calvo schieben auseinander und organisieren zu zweit den Spielaufbau. Diese Mischform stellt aktuell den interessantesten taktischen Kniff der MLS und wird in Zukunft interessant zu beobachten sein. 

Chicago Fire kratzt mit 16 Punkten an den Playoff-Plätzen, sind in ihren Leistungen aber noch zu unbeständig. Vor allem die Auswärtsbilanz ist bisher desaströs, nur zwei Punkte konnten aus fünf Spielen gewonnen werden. Bekommt Chicago die offensichtliche Auswärtsschwäche in den Griff, ist eine solide Saison sowie der Einzug in die Playoffs so gut wie sicher.

Rosige Zukunft: Die MLS steigert ihre Attraktivität

Lautete vor Jahren das Credo noch Attraktivität über alternde ausländische Stars, so setzt die gesamte Liga mittlerweile stark auf die Verbesserung von Strukturen, seien es jene auf dem Platz, jene in der eigenen Philosophie, der Jugendarbeit oder jene im organisatorischen Bereich. Der Altersschnitt der Mannschaften ist weiter am sinken, die Trainer probieren sich aus und lassen erfrischenden Fußball spielen – und die Fans danken es ihnen. Bisher sind die Stadien so gut gefüllt  wie noch nie und selbst in Chicago, wo Fußball wenn überhaupt nur eine untergeordnete Rolle spielt, lassen sich zunehmend mehr Zuschauer zu den Heimspielen blicken. Die MLS ist also weiterhin auf dem richtigen Weg und wird als Marke weiter wachsen.

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