Taktik und Coaching im 3 gegen 1

Als zweiter von drei Artikeln zum Thema der 3vs1 Spielform beschäftigt sich dieser mit gruppen- und individualtaktischen Zusammenhängen sowie einigen konkreten Coachingpunkten dieser Trainingsform. Es wird sowohl Bezug auf das Offensivspiel, als auch auf das Defensivverhalten und die dabei entstehenden Entwicklungsfelder genommen.

Offensivspiel – Positionierung

Ein wesentlicher Coachingpunkt des Offensivspiels ist die Positionierung mit, aber auch ohne Ball. Zwar sollte selbige situativ gewählt werden, doch gilt im Wesentlichen der Grundsatz Seite vor Ecke

Wie in »Abbildung 1«ersichtlich, verfügt der ballbesitzende Offensivspieler sowohl über den maximalen Entscheidungsraum (180°), jener Raum in welchen Mitspieler eingesetzt werden können, als auch über das maximale Blickfeld. Folglich kann das quantitative Maximum an Informationen eingeholt werden, welches wiederum den qualitativen Mehrwert der letztlich getroffenen Entscheidung in positiver Art und Weise beeinflusst. 

»Abbildung 2«zeigt einen Offensivspieler welcher sich in einer Ecke positioniert, demzufolge reduziert selbiger sowohl seinen Entscheidungsraum, als auch sein Blickfeld wodurch die Erfolgswahrscheinlichkeit der Spielaktion in negativer Art und Weise beeinflusst wird.

Eine weitere essenzielle Facette der Positionierung von Offensivspielern im 3 gegen 1ist die sogenannte offene Stellung. Selbige verfolgt unter anderem das Ziel, das Blickfeld des entsprechenden Spielers zu vergrößern, um folglich sowohl das Tempo kognitiver Prozesse als auch die Qualität der daraus resultierenden motorischen Handlung zu steigern. 

»Abbildung 3«zeigt einen Spieler, welcher aufgrund seiner Körperposition, welche in diesem Fall auch als geschlossene Stellung bezeichnet werden könnte, ein suboptimal kleines Blickfeld generiert. Er ist weder in der Lage den Gegenspieler, noch den zweiten Mitspieler zu lokalisieren.

Die Spielsituation in »Abbildung 4«unterscheidet sich lediglich im Bereich der Körperposition des ballbesitzenden Offensivspielers. Selbiger reduziert durch eine Drehung von knapp 35° die Wahrscheinlichkeit auf einen Ballverlust um ein Vielfaches.

Defensivverhalten – Position vor Antizipation

3vs1 Spielform und Bewegungsradius

Jeder Spieler hat einen seiner physischen und kognitiven Schnelligkeitsleistung entsprechenden Bewegungsradius (»Abbildung 5«).

Je schneller ein Spieler motorische Handlungen einleiten bzw. realisieren kann, desto größer ist der von ihm aufgrund seiner Positionierung kontrollierte Raum. Das Blickfeld (»Abbildung 6«)ist ein visuell-kognitives Produkt, in welchem Situationen wahrgenommen werden um folglich, im Zuge einer motorischen Handlung, agieren bzw. reagieren zu können.

Selbiges ist kein statisch festgelegter Bereich, sondern vielmehr ein durch Blicktechnik und Steuerung der Aufmerksamkeit dynamisch entwickelbarer Faktor. Weiters produziert jeder Spieler zu jedem Zeitpunkt einen Deckungsschatten (»Abbildung 7«)–  ein Bereich der vom Defensivspieler weder wahrnehmbar noch vom ballbesitzenden Offensivspieler bespielbar ist.

Demzufolge hat der Defensivspieler im 3 gegen 1 zwei konkrete Mittel, um die Wahrscheinlichkeit auf einen Ballgewinn zu erhöhen. Auf der einen Seite kann er dem ballbesitzenden Offensivspieler durch den bewussten Einsatz des Deckungsschattens und dem daraus resultierenden kontrollierten Raum eine der beiden Passoptionen nehmen.

Auf der anderen Seite kann er durch eine bewusste Körperposition die Wahrscheinlichkeit auf einen Ballgewinn erhöhen. In Folge dessen muss die im weiteren Verlauf der Spielaktion stattfindende Handlung des betreffenden Offensivspielers nicht antizipiert, sondern lediglich berechnet werden. Methodisch kann daraus abgeleitet werden, dass der im Bereich der Spielformgestaltung zu berücksichtigende Faktor der Antizipation verstärkt im Rahmen von Unter-/Überzahl-Verhältnissen >2 stattfindet.

Das Mysterium der Bewegung ohne Ball

Die Terminologie ist eindeutig. Durch Phrasen wie „Spiel und Geh“, „Bewegung ohne Ball“ oder dem klassischen „Freilaufverhalten“ wird bereits sehr jungen Spielern suggeriert, dass je mehr sie sich bewegen, desto größer ihre Chance auf den Erhalt des Balles ist.

In diesem Zusammenhang läuft man jedoch gerne Gefahr dem quantitativen Umfang von Bewegungen im Allgemeinen, einen höheren Stellwert zuzuschreiben, als dem qualitativen Ausmaß selbiger. Statistiken zeigen, dass die im Zuge eines Fußballspiels absolvierte Distanz nicht mit der in totalen Zahlen gemessenen Anzahl erhaltener Pässe korreliert. Ein im Rahmen der Untersuchung des 3 gegen 1 entstandener und in »Abbildung 9«ersichtlicher Durchgang soll diese Aussage unterstreichen.

3vs1 Spielform

Sowohl `Spieler A`, als auch `Spieler B` füllten innerhalb desselben 1-minütigen Durchganges im 3 gegen 1 dieselbe Funktion und erbrachten, in absoluten Zahlen gemessen, nahezu dieselbe äußere Leistung. Weder die erhaltenen, noch die abgegebenen Pässe bzw. die damit in Zusammenhang stehenden Quoten, weichen signifikant voneinander ab.

Die dieser Leistungen zugrunde liegende verrichtete Arbeit unterscheidet sich jedoch erheblich. Während `A` 117,20 Meter zurücklegte, absolvierte `B` lediglich 14,90 Meter. Die Diskrepanz zwischen diesen beiden Spielern beträgt demnach 102,30 Meter (87,28%). Wie kann es also sein, dass trotz der erheblichen Unterschiede im Bereich der erbachten Arbeit, am Ende die nahezu idente Leistung steht?

Grund für dieses vermeintliche Mysterium ist die, speziell im Fußball omnipräsente, menschliche Angewohnheit eine Verbindung zwischen Quantität und Qualität herzustellen. Während die im Vorfeld skizzierte Terminologie dieses Verhalten fördert und sich primär auf das vom Spieler ausgehende Laufpensum bzw. die damit eng verbundene Laufbereitschaft bezieht, rückt die Qualität der Bewegungen immer weiter in den Hintergrund.

Dieser Fakt steht symbolisch für das in Spielformen häufig deplatzierte Coaching im Bereich des Freilaufverhaltens, denn oftmals ist es nicht notwendig sich komplett neu zu orientieren und andere Räume zu besetzen. In vielen Spielsituationen sind marginale Veränderungen der Körperposition oder andere Adaptionen völlig ausreichend. Auch offenbart die zweifelsohne phasenweise erhebliche Diskrepanz zwischen Qualität und Quantität die außerordentlichen Missstände in der Art und Weise wie Spieler tatsächlich bewertet werden.

Bezugnehmend auf die ausgesprochen große Disparität im Bereich des Laufpensums zwischen beiden Spielern ist jedoch relativierend anzumerken, dass `Spieler A` durch den von ihm erbrachten enormen Umfang mit Sicherheit die Grundlage für die von `Spieler B` ausgehende Inaktivität gebildet hat.

Es bedarf keiner weiteren Ausführungen, welche die Komplexität sowie das Potenzial des 3 gegen 1darzustellen versucht. Zusammenfassend muss jedoch erwähnt werden, dass sich diese Trainingsform sowohl aufgrund ihrer technisch-taktischen Flexibilität, als auch hinsichtlich ihrer klaren Methodik besonders gut dazu eignet, individuell geprägte Grundlagenarbeit zu verrichten.

Die hohe Spieldynamik gewährleistet den postwendenden Erhalt von Feedback über die entsprechende Spielaktion. Situationen können schnell und einfach reproduziert werden, sodass sämtliche an der Trainingsform beteiligten Spieler konkret und treffsicher auf gewisse Verhaltensweisen hingewiesen werden können.

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