BELOHNUNGS- ODER PROVOKATIONSREGEL?

Trainingsgestaltung ist eine Kunst für sich: Es gibt eine unendliche Zahl an veränderbaren Faktoren, die das Training beeinflussen: Übungs- oder Spielform? Spieleranzahl? Größe des Feldes? Form des Feldes? Nutze ich Tore und wenn ja, welche und wieviele? Spiele ich mit neutralen Spielern?

Ein solcher Fragenkatalog ließe sich endlos weiterführen. Die wichtigste Frage jedoch ist: Was soll das Team erreichen? Die Zielsetzung entscheidet, wie sich meine Spieler auf dem Platz verhalten werden.

Dementsprechend sollte sich der Trainer Gedanken darüber machen, was er von den Spielern sehen möchte. Dabei ist ein großer Faktor, wie ich die Zielsetzung definiere: „Nur Tore mit dem schwachen Fuß zählen!“ ist ein Unterschied zu „Tore mit dem schwachen Fuß zählen dreifach!“.

Kleiner, aber feiner Unterschied

Das erste Zitat beinhaltet eine Provokationsregel: Die Spieler haben keine andere Möglichkeit, als Tore mit dem schwachen Fuß zu erzielen. Es wird kein Spieler mit dem starken Fuß aufs Tor schießen, weil dies aufgrund der Zielsetzung sinnlos ist.

Beim zweiten Zitat wird hingegen eine Belohnungsregel benutzt: Die Spieler können selbst entscheiden, ob sie ihren schwachen Fuß benutzen oder nicht. Aufgrund der Belohnungsregel wird ein Torschuss mit dem schwachen Fuß „angeregt“.

Was beim ersten Hören/Lesen banal klingt, ist bei genauem Nachdenken entscheidend für meine Trainingsarbeit. Wann nutze ich die Provokations-, wann die Belohnungsregel? Je nachdem, was man seinen Spielern vermitteln möchte, lassen sich einige positive und negative Punkte zu beiden Varianten finden.

Die Provokationsregel besitzt den großen Vorteil, dass es mehr zu mehr Wiederholungen der gewünschten Verhaltensweise kommt. Besonders beim Techniktraining ist es wichtig, die Spieler möglichst oft mit dem schwachen Fuß spielen zu lassen.

Denn nur wenn die Spieler den Ball häufig spielen, werden sie sicherer mit dem schwachen Fuß.

Oder?

Nachteile der Einschränkung

Für die Spieler ist es wichtig zu verstehen, warum der Trainer die geforderte Verhaltensweise sehen möchte. Ich möchte meinen Spielern Neues beibringen, weil ich denke, dass es ihre Entscheidungsmöglichkeiten erweitert und als Spieler verbessert.

Erreiche ich das, indem ich genau vorgebe, was die Spieler machen müssen? Nein. Lasse ich die Spieler nur mit dem schwachen Fuß abschließen, schießen sie nicht mit links, weil es Sinn ergibt; sondern weil ich es sage.

Ich schränke ihre Entscheidungsmöglichkeiten ein, statt sie zu erweitern. Daher bevorzuge ich es, mit Belohnungsregeln zu arbeiten.

Die Spieler können selbst die Entscheidung treffen, ob sie z.B. ihren schwachen Fuß benutzen oder nicht. Durch die freie Entscheidung werden die Spieler mehr Erfolgserlebnisse mit dem schwachen Fuß haben. Haben die Spieler Erfolg und Spaß am Training, lernen sie nicht nur mehr: Sie werden auch selbstbewusster im Umgang mit dem schwachen Fuß.

Dadurch fällt ebenfalls der Transfer ins große Spiel leichter: Dafür nehme ich als Beispiel das Spiel über den dritten Mann. Dieses taktische Mittel soll den Spielern nicht aufgezwungen werden, sondern sie sollen es als Addition zu ihrem Skillset verstehen: „Wir sind gut, aber wenn wir das Spiel über den dritten Mann stärker fokussieren, sind wir noch besser.“

Die Spieler fokussieren aufgrund der Belohnungsregel das Spiel über den Dritten mehr und merken, welche Vorteile ihnen das bietet. Wegen der positiven Verbindung „Das Spiel über den dritten Mann macht uns stärker“ werden die Spieler dies im Spiel anwenden.

Im Gegensatz dazu kommt es bei der Provokationsregel zu mehr Misserfolgen. Als Spieler weiß man, was zu tun ist, hat aber keinen bzw. mäßigen Erfolg damit… warum sollte man es dann tun?

Ein weiteres Problem der Provokationsregel ist die teilweise fehlende Spielnähe. Zählen bspw. nur Tore mit dem linken Fuß, ist es für das verteidigende Team nicht wichtig, Torabschlüsse zu verhindern – sie dürfen nur nicht mit links erfolgen.

Dementsprechend kann man ohne Bedenken den Gegner frei vor dem Tor auf den rechten Fuß lenken: Er darf schließlich mit rechts kein Tor erzielen. Eine solche Verhaltensweise erschwert nicht nur für das ballbesitzende Team, der Zielsetzung nachzukommen:

Beim verteidigenden Team können sich Verhaltensweisen einschleifen, die im „richtigen“ Spiel kontraproduktiv sind.

Es ist nicht alles nicht Gold, was nicht glänzt

Bei aller Kritik an der Provokationsregel besitzt sie durchaus ihre Daseinsberechtigung. Falls die Spieler die Belohnungsregel nicht nutzen und die gewünschte Verhaltensweise nie zustande kommt, braucht es eine Intervention.

Diese Intervention kann anhand der Provokationsregel entstehen: Die gewünschte Verhaltensweise wird nicht mehr belohnt, sondern ist die einzige Möglichkeit, die Zielsetzung zu erreichen.

Wichtig sind die passenden Rahmenbedingungen: Für die Spieler muss die Möglichkeit bestehen, Erfolgserlebnisse mit der Provokationsregel zu haben. Beide Teams sollten trotzdem zu spielnahem Verhalten angeregt werden.

Und der Trainer sollte erklären, welche Vorteile die geforderte Verhaltensweise bewirkt. Jedoch lässt sie sich nicht nur als Interventionsmöglichkeit nutzen. Anfangs, damit die Spieler die Technik verstehen oder am Ende, wenn die Spieler die Technik bereits beherrschen.

Alles Trainersache

Ja, ich bin großer Fan von Belohnungsregeln. Fast ausschließlich arbeite ich damit, weil ich die Entscheidungsmöglichkeiten der Spieler erweitern möchte. Sie sollen nicht etwas machen, weil ich das sage: Sie sollen es tun, weil sie den Sinn dahinter verstehen und selbst davon überzeugt sind.

Dafür ist die Belohnungsregel größtenteils die richtige Herangehensweise. Mehr Erfolge, größere Sicherheit und die Schulung der Entscheidungsfindung sprechen für die Nutzung der Belohnung.

Letztendlich bleibt es jedem Trainer selbst überlassen, wann er welche Regel anwendet. Beide haben ihre Berechtigung, beide haben ihre Vorteile und beide haben ihre Nachteile.

Am Ende ist die Wahl der Regel nicht entscheidend für die Trainingsqualität: Sie ist jedoch ein wichtiger Aspekt, der von vielen Trainern unterschätzt wird.

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