Trainingseinheit zur Orientierung

„The best players are the quickest thinkers“.

Andrés Iniesta

Dieser Aussage von Andrés Iniesta werden wenige Trainer widersprechen. Der Spanier meint allerdings nicht nur die reine Handlungsschnelligkeit, sondern noch viele andere Aspekte:

Wie bewege ich mich in Relation zu meinen Mitspielern, den Gegenspielern, dem Ball und dem verfügbaren Raum? Um die „optimale“ Position auf dem Spielfeld zu finden, müssen diese vier Faktoren beachtet werden. Doch was der Spieler dann macht, wenn er den Ball bekommt, hängt nochmal von anderen Aspekten ab:

Wie stehe ich zum Ball (offen/geschlossen)? Wohin nehme ich den Ball mit? Kenne ich meine Umgebung? Für Weltklasse-Spieler ist es unabdinglich, sich ihrer Position immer bewusst zu sein. Die besten Entscheidungen kann ich nur treffen, wenn ich alle Handlungsmöglichkeiten kenne.

Für mich als Trainer ist es wichtig, meine Spieler in diesen Bereichen weiterzuentwickeln. Dabei coache ich hier bewusst viel explizit, weil die Spieler wissen sollen, dass jede ihrer Aktionen Auswirkungen auf das Spiel hat.

Als Beispiel für diesen großen Coachingpunkt stelle ich eine sehr allgemeine Trainingseinheit von mir vor. Sie sollte den Spielern das Thema bewusst machen.

Aufwärmen

Wir haben das Training mit einem 4+1 vs. 2 Rondo begonnen. Dabei sollte sich ein Spieler im Zentrum des Spielfeldes bewegen. Den übrigen Spielern war freigelassen, ob und wie oft sie den Spieler einbinden.

Ziel ANG: 20 Pässe am Stück

Ziel DEF: Balleroberung

  • CP ANG: Einbindung des zentralen Spielers, um Gegner zusammenziehen zu lassen und Platz für äußere Spieler zu schaffen
  • Zentraler Spieler „lockt“ Verteidiger an

Als Coachingpunkt war uns wichtig, den Spielern die Wichtigkeit des zentralen Spielers zu verdeutlichen. Er ist der Verbindungsspieler für alle anderen Spieler.

Für den zentralen Spieler ist eine solche Spielform ebenfalls überragend. Er muss seine Position dauernd anpassen und auf die sich verändernde Umgebung reagieren. Die Schulterblick-Frequenz von jedem Spielers steigerte sich maßgeblich.

Als kleine Variation nach der ersten Unterbrechung wollten wir die Spieler testen. Es gab weiterhin einen zentralen Spieler. Wenn dieser 5 erfolgreiche Pässe gespielt hatte, sollte der Zentrumsspieler mit einem äußeren Kollegen wechseln.

Zielsetzung ANG: So oft wie möglich Zentrumsspieler wechseln

Zielsetzung DEF: Balleroberung

CP ANG: Passwinkel erleichtern, stets in Bewegung bleiben

CP ZM: Verbindungen zwischen Spielern herstellen

Alle äußeren Spieler versuchten nun, den zentralen Spieler deutlich stärker ins Spiel einzubinden. Diesem wurde die Aufgabe dadurch erschwert, dass die Verteidiger sich vorrangig darauf konzentrierten, die Passwege zu ihm zu schließen.

Daher rückte das Bewegungsspiel des zentralen Spielers mehr in den Fokus. Die Variante des Rondos funktionierte ausgesprochen gut: Der zentrale Spieler wurde oft und sinnvoll eingebunden, die Spieler tauschten ihre Rollen zügig und alle Spieler schlugen sich im Zentrum durchaus wacker.

Hauptteil – Trainingseinheit zur Orientierung

Im Hauptteil ging es in die erste größere Spielform. Beim Training haben wir uns dazu entschieden, von der Mittellinie bis zum Fünfmeterraum zu spielen, da wir nur eine Platzhälfte zur Verfügung und insgesamt 20 Spieler hatten,

Eigentlich war geplant, mehrere Felder mit einem 3 gegen 3 im Feld+2 Wandspielern aufzubauen (wie in der Grafik zu sehen).

Zielsetzung ANG: Beide Wandspieler anspielen, ohne dass der Gegner den Ball berührt

CP ANG: Schaffen von Anspielstationen in Tiefe

Im Training haben wir es leider verpasst, prinzipiell lassen sich jedoch Variationen in die Spielform einbauen. Unsere Idee war, eine Mittelmarkierung hinzuzufügen und die Spieler anzuweisen, nach einem Ballgewinn zuerst den ballfernen Wandspieler anzuspielen.

Gewinne ich den Ball in der einen Hälfte, muss ich den Ball so schnell wie möglich in das andere Feld spielen. Somit wird genau das vermittelt, was wir möchten: Das schnelle Auflösen vom gegnerischen Gegenpressing, was eine gute Orientierung voraussetzt.

  • CP ANG: Umschalten von Pressing-Staffelung in Ballbesitz-Staffelung
  • ballfernster Spieler löst sich direkt nach Ballgewinn

Hauptteil 2

Daran anschließend hatten wir zwei Spielformen vorbereitet, in denen einzelne Spieler besonders herausgestellt werden.

Zwei Teams spielen in einem Spielfeld auf Ballhalten. Jedes Team hat einen „Spezial-Spieler“. Wenn dieser den Ball bekommt und zu einem anderen Mitspieler weiterspielt, gibt es einen Punkt für das Team.

Zielsetzung ANG: Spezial-Spieler anspielen und dann Spiel über den dritten Mann

  • CP „Spezial-Spieler“: Freilaufverhalten in Relation zu: Mitspieler, Gegenspieler, Ball und Raum
  • Lösen aus dem Deckungsschatten

Im Training haben wir uns kurzfristig dagegen entschieden, weil sich so nicht-spielnahe Situationen ergeben. Der Spezial-Spieler kann zugestellt werden, ohne dass die anderen Spieler beachtet werden müssen. Daher könnte man entweder mehrere Spezial-Spieler nehmen, um die Aufmerksamkeit etwas zu verteilen.

Oder es werden noch andere Ziele eingebaut, beispielsweise 20 Pässe ergeben auch einen Punkt oder man nimmt Tore dazu. In jedem Fall wird die Orientierung des Spezial-Spielers enorm geschult, da sich die Aufmerksamkeit aller Spieler auf ihn richtet.

Um an den Ball zu kommen, wird er implizit „gezwungen“, sich aktiv freizulaufen und bereits vorher nach Anspielstationen zu schauen. Der Spieler lernt, wie wichtig jede seiner Bewegungen für das Team ist.

Im Anschluss hatten wir noch eine Spielform entworfen, die besonders Zielspieler coachen soll. Das Prinzip des Spezial-Spielers bleibt bestehen. Für den Spezial-Spieler geht es nun darum, Tore zu erzielen, weil jedes seiner Tore als 2 Tore gezählt wird.

Zielsetzung ANG: Tore erzielen, Tore vom Spezialspieler zählen doppelt

  • CP: Einbindung des Spezial-Spielers in tiefen Zonen
  • Nachrücken der Mittelfeldspieler in den Strafraum/Strafraumnähe

Für den Zielspieler bedeutet das, dass sein Bewegungsspiel deutlich wichtiger wird. Dem Spezial-Spieler ist freigestellt, wie er seine Rolle interpretiert. Daher ist es interessant zu sehen, wie sich die ausgewählten Spieler verhalten: Wege in die Tiefe und den Rücken der Abwehr? Spiel mit dem Rücken zum Tor, auf Ablagen fokussiert? Oder eine Mischung aus beidem?

In jedem Fall rückt der Spezial-Spieler stärker in den Fokus, was seine Orientierung schulen soll.

Ein äußerst wichtiger Punkt für uns war das Nachrücken der Mittelfeldspieler. Sie sollen nämlich nutzen, dass die Verteidiger besonders viel Aufmerksamkeit auf den Spezial-Spieler legen, weil sein Tor doppelt zählen würde.

Das ist ein Aspekt, bei dem sich unheimlich viel coachen lässt: Wer rückt nach? Wohin rücke ich nach? Wann starte ich den Laufweg usw.

Dieses Prinzip lässt sich gut auf eine realistische Spielsituation übertragen: Habe ich im Offensivbereich einen Ausnahmekönner, wird dieser anders verteidigt werden. Teams neigen dazu, sich enger zu staffeln und die Augen auf den Ball zu richten.

Das öffnet Räume auf der ballfernen Seite und kann für Tiefensprints außerhalb des Sichtfelds des Gegenspielers genutzt werden. Dabei ist es wichtig, den Ausnahmekönner stets passend zu unterstützen und ihm Anspielstationen zu bieten: Das wird in dieser Spielform implizit gecoacht.

Abschluss

Als Abschlussspiel haben wir ein freies Spiel auf zwei Tore durchführen lassen. Man hätte das Prinzip der Spezial-Spieler beibehalten können, wir haben uns allerdings dagegen entschieden. Uns ist es wichtig, die Spieler am Ende des Trainings frei spielen zu lassen und zu schauen, ob sie die im Training „vermittelten“ Coachingpunkte auch schon im freien Spiel manchmal anwenden.

Dabei ist es in Ordnung, wenn das noch nicht geschieht, weil es ein langfristiger Prozess ist. Falls wir jedoch erkennen, dass die Spieler die gecoachten Aspekte im freien Spiel (sinnvoll) anwenden, ist das natürlich ein Erfolg. Denn: Das eine ist, meinen Spielern zu sagen, was sie tun sollen. Das andere ist, meinen Spielern Lösungsmöglichkeiten aufzuzeigen, die ihr Repertoire erweitern sollen.

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