Florian Grillitsch – der 18-Millionen Busquets

Als die TSG Hoffenheim am 11. Spieltag der Saison 2017/18 3:0 gegen den 1. FC Köln gewinnen konnte war es nicht Sandro Wagner, welcher in guter alter Sandro-Wagner Manier mit zwei Treffern zum Hoffenheimer Auswärtssieg beitragen konnte, der für Hoffenheims Sportdirektor Rosen der inoffizielle Man of the Match war, sondern einer, der erst zu Beginn der Saison aus Bremen kam:

„Ein Sonderlob bekommt heute Florian Grillitsch, obwohl ich normal kein Freund davon bin, einzelne Spieler herauszuheben. Das war nahe am Optimum für einen ‚Sechser‘, eine herausragende Leistung. Er war enorm spielstark und dominant.”

Für den österreichischen Nationalspieler standen am Ende 102 Ballaktionen, 85% angekommene Pässe und 21 gewonnene Zweikämpfe in der Statistik.

Doch was macht Florian Grillitsch so stark und begehrt?

Grillitsch fungiert unter Nagelsmann grundsätzlich immer als alleiniger Sechser. Egal ob im üblichen 3-1-4-2 oder wie neuerdings öfters im 4-1-2-1-2 mit Raute. Wie mittlerweile bekannt ist legt Nagelsmann großen Wert auf die Positionierung in den Halbräumen, was gerade für die zwei Achter von hoher Wichtigkeit ist. Diese schieben sehr oft sehr weit vor, was gerade im gegnerischen Konter sehr riskant ist. Des Weiteren finden sich häufig gelernte Stürmer wie Kramaric auf der Achterposition wieder. Daraus ergeben sich zwei Konsequenzen:

  1. Als alleiniger Sechser hat Grillitsch des öfteren nicht viele vertikale Anspielmöglichkeiten.
  2. Verliert die TSG im Offensivmoment den Ball, gerät er regelmäßig in Unterzahlsituationen oder Sprintduelle.

Daraus lässt sich ableiten, dass dem zentralen defensiven Mittelfeldspieler in diesem System eine besondere Rolle zukommt. Und der gelernte Stürmer aus der Jugendakademie von St. Pölten erfüllt diese im besonderen Maße.

Grillitschs fußballerische Evolution verschob sich immer mehr Richtung Defensive und unter Nagelsmann hat er seine Position gefunden.

Pressingresistenz und Meister der Enscheidungsfindung

Gerade im Aufbauspiel besticht er durch sein intelligentes Positionsspiel. Grillitsch gerät oft in Pressingsituationen (welche er durch seine Spielart auch häufig (bewusst) auslöst) und muss diese dann sofort lösen können. Dabei muss er mithilfe von Laserpässen ein oder zwei Linien überspielen um die aufgerückten Achter ins Spiel zu bekommen. Dies gelingt im meistens sehr gut. Er bewegt sich sehr intelligent im Raum, obwohl er nicht einmal durch besonderes Freilaufverhalten auffällt.

In seiner früheren Laufbahn schob er gerne mal zwischen die ersten Pressinglinien in die Staffelung der Gegner hinein, in der letzten Zeit bleibt er meist  zentral vor Vogt und ist dabei so gut wie immer anspielbar und fordert auch aktiv den Ball (Platz 32 in der vergangenen Saison was Ballaktionen angeht).

Spielt die TSG im oft praktizierten 3-1-4-2 positionieren sich die zwei Außenspieler auf Höhe der Auslinie und fungieren so als Breitengeber. Diese weiß er geschickt einzubinden, meist wartet er sogar bis sich durch die Präsenz der ballfernen Acht und oder des ballfernen Stürmers eine nominelle Überzahl im ballfernen Flügel- oder Halbraum ergeben hat. Erst bei genauerem Betrachten kann man erkennen wie raffiniert und geschickt Grillitsch Finten,

Körpertäuschungen und kurze Dribbelphasen einsetzt. Hat er den Ball bekommen (egal ob mit dem Rücken zum gegnerischen oder eigenen Tor) wartet Grillitsch erst ab, macht einige Passfinten oder geht einige Meter selbst mit dem Ball. Was im ersten Moment wie eine Spielverzögerung wirkt, ist eher ein gezielt eingesetztes taktisches Mittel um gegnerisches Pressing auszulösen oder Gegner ins Leere laufen zu lassen bzw. einen Raumgewinn durch Andribbeln zu erzielen.

Selbst wenn er die auf den ersten Blick “falsche” Entscheidung getroffen hat, löst er die resultierenden Situationen mustergültig, indem er durch kluge Körperpositionierung seinen Körper vor dem seines Gegners bringt und einfache Fouls zieht. Hinzukommend sei erwähnt, dass er durch u.a. Schulterblicke genau weiß wie der Gegner gestaffelt ist und in schier ausweglosen Spielmomenten den Ball zum Gegner bringen kann.

Schwächen im Defensivverhalten

Im Spiel gegen den Ball ist Grillitsch grundsätzlich stabil. Mehr aber auch nicht. In den meisten Fällen hilft ihm seine gute Antizipation und seine langen Beine mit denen er gerade noch seinem Gegenspieler den Ball wegspitzeln kann, wenn diese Chance jedoch vorbei ist, sieht es oft düster aus. Ein weiterer Vorwurf den er sich schon seit längerer Zeit anhören lassen muss sind Arroganz und eine zu lässige Art im Rückzugs- oder Zweikampfverhalten.

So kam es nicht nur einmal in der vergangenen Saison vor, dass er seinem Gegenspieler nur Geleitschutz bis in die Box gab oder gar nicht erst richtig in den Zweikampf kam. Aufgrund seines eher schlaksigen Körperbaus besitzt er zudem auch nicht die Fähigkeit seinen Gegenüber einfach zu überpowern.

57% Zweikampfquote sind für einen alleinigen Sechser oft kein gutes Arbeitszeugnis, wobei er, wie im bisherigen Verlauf der Analyse erkenntlich wurde, andere Fähigkeiten hat, welche ihn herausstechen lassen. Zudem gilt es anzumerken, dass Nagelsmann extrem risikobehafteten Fußball spielen lässt und Grillitsch dabei einen großen Raum abzudecken hat und zwangsläufig nicht selten in unglückliche Abwehrsituationen gerät.

Ein Kandidat für die Spurs?

Als die Bild die vermeintlichen Ausstiegsklauseln so einiger Leistungsträger der TSG Hoffenheim veröffentlichte dürften nicht wenige Topclubs mit der Zunge geschnalzt haben. Joelinton, Amiri oder Demirbay um nur einige Namen zu nennen, werden immer wieder mit einem Wechsel zu einem Spitzenverein im In- oder Ausland geschrieben.

Nur 18 Millionen müsste man für den mittlerweile 23 Jahre alten Österreicher hinlegen, was in Anbetracht des überhitzten Marktes, der konstanten Entwicklung Grillitschs sowie seiner starken Saison, an ein Schnäppchen grenzt. Auch wenn der Championsleague Finalist aus Tottenham auf dem Papier eine starke Saison spielt mangelt es dem Team von Pochettino doch massiv an Kadertiefe, gerade auch um auf mehreren Hochzeiten tanzen zu können. Florian Grillitsch wurde schon in der Vergangenheit öfters mit den Spurs in Verbindung gebracht.

Gerade auch weil im Zentrum mit dem Abgang von Moussa Dembele eine Lücke klafft, welche Dier und Winks nicht unbedingt zu schließen vermögen können. Hier könnte Grillitsch ins Bild rutschen. Wie auch Jonas in einem längeren Artikel über die Spurs (https://thefalsefullback.de/2019/02/12/die-krux-mit-den-spurs/) schon erkannte, fehlt es der Mannschaft aus Nordlondon an Kreativität im Zentrum.

Florian Grillitsch müsste sich sicherlich noch im Zweikampfverhalten steigern und die ein oder andere Stunde im Kraftraum verbringen, um körperlich in der Premier League mithalten zu können, jedoch könnte er die dringend gebrauchte spielstarke Option auf der Sechs werden.

Fazit

Wenn man sich die Beschreibung so durchliest muss man unweigerlich an einen der größten Sechser der Geschichte des Fußballs denken. Auch wenn ein Vergleich mit Sergio Busquets für manche an Blasphemie grenzt, so muss man doch anerkennen dass eine gewisse Parallele in den Spielweisen zu erkennen ist. Natürlich (und das bestreitet auch keiner) liegen Welten in der Perfomance sowie der Konstanz auf höchstem Niveau.

Florian Grillitsch hat sich jedoch in den vergangenen zwei Jahren signifikant gesteigert und gibt den Prototyp des modernen Sechsers. Aufgrund seiner außerordentlichen Ruhe am Ball vergisst man manchmal dass der Ex-Bremer erst 23 Jahre alt ist.Sein extrem großes Spielverständnis gepaart mit seinen Passqualitäten machten ihn schon in der vergangenen Saison zu einem der besten Sechser der Liga und wir können gespannt sein, ob der Österreicher schon in dieser Sommerpause den nächsten Schritt wagt, an Angeboten sollte es auch aufgrund seiner verhältnismäßig niedrigen Ausstiegsklausel freilich nicht mangeln.

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