Deutschland fertigt Dänemark im Bundesliga-Style ab

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Die favorisierte deutsche U21 setzte sich im Auftakt der U21-EM in Italien mit einem 3:1 durch, das auf dem Papier souveräner aussieht als es letztlich war. Weshalb Dänemark ein ebenbürtiger Gegner war, dem letztlich auch viel Pech zuteil wurde und wo Stefan Kuntz‘ Mannen dann doch den gut aufgestellten Gegnern voraus waren, soll hier kurz erläutert werden.

Die deutsche U21-Delegation begann die Partie in einer relativ klassischen 4-3-3-Anordnung mit Arne Maier als Ankersechser vor der Viererkette. Die Achter Dahoud und Eggestein schoben beide relativ weit vor, um bei eigenen Angriffen die Skandinavier früh festzupinnen. Auch gegen den Ball wählten die Deutschen eine ähnliche Anordnung, die in ihrer Ausführung gelegentlich der aktuellen Formation des FC Liverpool glich. Zum Großteil lag das an dem starken Einrücken der Flügelspieler Richter und Öztunali in den Halbraum.

Gegen spielstarke Dänen, die über die Innenverteidiger Jacob Rasmussen sowie Victor Nelsson als auch den flinken Sechser Philip Billing aufzubauen versuchten, sah Kuntz in diesem Kniff eine Möglichkeit die strategisch relevanten Zonen zu blockieren und mit aus dem Mittelfeld hervorpreschenden Achtern auf frühe Ballgewinne und Umschaltsituationen zu gehen.

Früh nahmen die Dänen das Heft des Handelns in die Hand und versuchten sich über die benannte Zentralachse, die von Keeper Daniel Iversen komplettiert wurde, aus jeder Situation herauszukombinieren. Gelegentlich lockten sie auch die enge Dreierreihe der Deutschen in vorderster Front an, um dann mit geschickten Verlagerungen auf die hoch stehenden Außenverteidiger die erste Linie (bestehend aus immerhin drei Spielern) zu überspielen. Gegen diese stabile Formation ist das in der Theorie eine hervorragende Idee, da in den Anschlussaktionen lokale Überzahlsituationen nur ausgespielt werden müssen, um Räume zu reißen und mit wenigen Pässen vor das Tor des Gegners zu kommen.
Und auch gegen den Ball waren die Dänen in der Anfangsphase die gefährlichere Mannschaft. Aus einem kompakten halbhohen Mittelfeldpressing im 4-1-4-1 heraus nahm Dänemark Fehler der Abwehrreihe Deutschlands, etwa versprungene Bälle, als Einladung zum Rhythmuswechsel in höheres Pressing. Gerade Tah zeigte zu Beginn bekannte Konzentrationsschwächen und musste sich mit Gesicht zum eigenen Tor dem Pressing der Skandinavier erwehren.

Auch hier ist konzeptuelle Intelligenz nicht von der Hand zu weisen: die Dänen überließen den mäßig aufbaustarken Tah und Baumgartl den Ball und zogen sich zurück bis sich Gelegenheiten zum Vorschieben ergaben. Aus taktikpsychologischer Sicht ist das für gewisse Spieler schwerer zu verkraften als Dauerpressing des Gegners, weil man als handelnder Spieler seltener in die Drucksituation kommt und der Lerneffekt innerhalb des Spieles nicht bzw. zu spät einsetzt im Gegensatz zu universell zu wählenden Handlungsstrategien, die man innerhalb des Spiels einschleifend „trainiert“.
Lange Rede, kurzer Sinn: Tah und Baumgartl sind exakt solche Spieler, denen dieses Momentum etwas ausmacht.
Dass Deutschland dann mit dem Ball nicht so viel anfangen konnte, lag an der dichten Mittelfeldbesetzung der Dänen: währen Marcus Ingvartsen sehr geschickt im Raum verschob und die Innenverteidiger beide an schnellen Zuspielen hindern konnte, brachten anschlüssliche Verlagerungen auf Klostermann und Henrichs relativ wenig, da ein Pass ins Mittelfeld von den dänischen Achtern konsequent im Halbraum verteidigt wurde.

So schob die Elf von Stefan Kuntz eine ruhige Kugel und passte den Ball innerhalb der Abwehrkette hin und her. Defensivballbesitz at its best.
Zur ersten Halbzeit reichte diese Herangehensweise zumindest für lose Halbchancen, von denen Richter dann letztlich im schwächsten dänischen Moment eine zum 1:0 verwandelte. Dabei befanden sich noch fünf Dänen vor dem Ball und konnten doch den platzierten Distanzschuss des Augsburgers nicht verhindern.

Zur zweiten Halbzeit brachte Kuntz für den fehleranfälligen Arne Maier dann Florian Neuhaus in die Begegnung. Jedoch bedeutete der Wechsel keine formative Änderung, da Neuhaus exakt dieselbe Position als erster Mann vor der Abwehr bekleidete.
Gerade als Dänemark dann kurz nach Wiederbeginn zu Strafraumszenen kam und sich festzusetzen schien, spielte Pedersen einen eklatanten Fehlpass auf Höhe der Mittellinie, den Richter dann hinter der Abwehrreihe erlief und einnetzte.
Anschließend bestrafte Waldschmidt nach einem lehrbuchmäßigen Konter Dänemarks schwache Rückraumbesetzung zum 3:0 und beendete das Spiel quasi; daran änderte der Anschluss zum 3:1 per Elfmeter auch nichts.

Was als Quintessenz aus diesem Spiel mitzunehmen ist, ist, dass Dänemark durchaus spielerisches Potenzial birgt und gute Chancen auf die KO-Runde hat, wenn man es hinbekommt, die Sturmlinie öfter zu aktivieren und den Übergang ins letzte Drittel zu schaffen. Zudem muss am Gegenpressing gefeilt werden. Gerade die Bundesliga-erfahrenen deutschen U21-Akteure bestrafen solche Misslichkeiten locker im Vorbeigehen.
Deutschland hat gezeigt, was die Bundesliga auszeichnet: man spielt nicht zwingend so, dass man den Gegner dominiert und am eigenen Sechzehner festnagelt, sondern so, dass man selber um Himmels Willen eigene gefährliche Ballverluste verhindert und solche des Gegners mit einer im Ausland in dem Maße unbekannten Kaltblütigkeit bestraft. Das könnte gegen individuell stärkere Gegner (wie Italien oder Spanien), die aufgrund ihrer Spielweise große Räume covern müssen und daher systematisch fehleranfälliger sind, sehr nützlich sein. Jedoch bleibt ein Beigeschmack bei Betrachtung der eigenen Risikoarmut und dem Mangel an Kreativität (mit Ausnahme einiger weniger brillianter Momente Dahouds).

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