Spielerbewertung – das Problem mit dem Confirmation bias

„Zeig‘ der Welt, dass du besser bist als Messi.“

Dieser Satz ist wohl jedem Fußball-Fan in Deutschland bekannt. Der Satz, den Jogi Löw Mario Götze bei seiner Einwechslung im WM-Finale 2014 mit auf den Weg gab.

Mario Götze Confirmation bias Fußball

„Mario Götze GOL – The 2014 FIFA World Cup Final | 140713-9112-jikatu“ by jikatu is licensed under CC BY-SA 2.0 

Mario Götze, eines der größten Talente Deutschlands, mit 19 Jahren bereits fester Bestandteil der Dortmunder Meistermannschaft und neuer Hoffnungsträger des DFB-Teams. Damals, 2012 sah die Zukunft rosig aus. Natürlich drängten sich die Vergleiche zu Argentiniens Jahrhundertspieler Messi auf. Dribblings, Tore, Spielwitz. Alles Eigenschaften, die auch der kleine Angreifer des FC Barcelona in sich vereint.

Beide sind stark unter Druck, zeigen effektive Dribblings und sind torgefährlich. Während Messi von Guardiola in die Rolle der falschen Neun gepackt wurde, versuchte Joachim Löw es mit Mario Götze. Dies alles führte zu den Vergleichen von Mario Götze mit Lionel Messi und den folgenden, extremen Erwartungshaltungen an den deutschen Mittelfeldspieler.

Mittlerweile vergleicht niemand mehr Götze mit Messi. Wie sich herausstellte wurde der Vergleich zum Fluch für Mario Götze. Die viel zu hohen Erwartungen konnte er nie erfüllen. Zu holprig verlief die Karriere, zu viele Aufs und Abs, zu viele Leistungsschwankungen. Dazu noch das Verletzungspech.

Doch ergab der Vergleich zu Lionel Messi überhaupt jemals Sinn?

Schaut man sich die Spielstile der beiden Akteure an, bzw. den Spielstil von damals, findet man neben einigen Gemeinsamkeiten auch viele Unterschiede, die dafür sorgen, dass Mario Götze eben kein Lionel Messi ist/wurde. Während sich Lionel Messi viele Bälle aus der Tiefe abholt und mit atemberaubenden Dribblings ganze Abwehrreihen schwindlig spielt(e), agiert Mario Götze im Stillen.

Lionel Messi Confirmation bias Fußball

„El centrocampista del FC Barcelona, Cesc Fàbregas (i), felicita al delantero argentino Lionel Messi por su gol“ by Globovisión is licensed under CC BY-NC 2.0 

Der Dortmunder und ehemalige Münchner ist ein Strukturgeber, der auch unter Druck immer eine sichere Anspielstation darstellt. Ein Akteur, der sein Team bei der Entwicklung eines Angriffes im letzten Drittel unterstützt und weniger bei dessen Vollendung. Ein Spieler, der sich als Achter oder verbindender Zehner sehr wohl fühlt, aber nicht als abschlussstarker Dribbler.

Stellt sich letztlich die Frage, wieso dieser Vergleich jemals gezogen wurde. Das Thema verzerrte Wahrnehmung und cognitive biases könnten die Erklärung sein.

Der Confirmation bias

In meinem letzten Artikel dieser Serie habe ich mich bereits mit dem Outcome bias und den daraus folgenden Bewertungen von Trainern beschäftigt. Dieses Mal soll es um den wohl bekanntesten Bias gehen, den Confirmation bias.

Vorab, für alle, die schnelles Denken langsames Denken nicht gelesen haben (shame on you!!;)) eine kurze Definition:

„confirmation bias bezeichnet in der Kognitionspsychologie die Neigung von Menschen, Informationen so auszuwählen, zu suchen und zu interpretieren, dass diese die eigenen Erwartungen bestätigen. Dabei werden Informationen ausgeblendet, die eigene Erwartungen widerlegen könnten, sodass man einer Selbsttäuschung oder einem Selbstbetrug erliegt.“ (Stangl, 2019).

Es geht also darum, dass wir eine grobe Einschätzung über einen Sachverhalt haben und anschließend Informationen, die unsere Meinung/Annahme bestätigen, überdurchschnittlich viel Gewicht beikommen lassen, während wir andersherum Informationen, die gegen unsere Meinung sprechen, als weniger wichtig erachten.

Im Zusammenspiel mit anderen Biases entsteht eine gefährliche Mischung, die recht einfach zu Fehleinschätzungen führen kann. Der Confirmation bias im Fußball kann dementsprechend zum Fluch werden. Zwei Biases, die des Öfteren in Kombination mit dem Confirmation Bias auftreten, sind der similarity bias und der anchor bias.

Confirmation bias
design: John Manoogian IIIcategories and descriptions: Buster Bensonimplementation: TilmannR [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)]

Similarity bias

Beim similarity bias geht es darum, dass wir beispielsweise Menschen, die uns anhand eines oder mehrerer Charakteristika ähnlich sind, positiver bewerten, da wir uns in ihnen wiederfinden. Dieser Bias könnte beispielsweise beim Scouting von Spielern aufkommen, wenn ein ehemaliger Profi Spieler bevorzugt bewertet, die ähnlich wie er spielten.

Noch viel extremer wird es, wenn anhand des Aussehens z.B. Körperbau, Hautfarbe oder Bewegungsspiel, Spieler mit anderen Spielern gleichgesetzt werden. Beispielsweise werden viele kleine, aber kräftige, pigmentierte Spieler mit N´Golo Kanté gleichgesetzt. Plötzlich wird vom nächsten Kanté gesprochen, auch wenn der Akteur vielleicht komplett anderes Fähigkeitenprofil als der französische Weltklasse-Sechser besitzt.

Arturo Vidal wurde in Deutschland lange Zeit aufgrund seiner rustikalen Spielweise als der Abräumer vor der Abwehr gesehen. Beobachtet man den Chilenen jedoch länger, fällt auf, dass er im heutigen Fußball seine Fähigkeiten aufgrund seiner guten Laufwege und offensiven Talente als Achter besser zum Tragen kommen.

The anchor bias

Des Weiteren kann der anchor bias verheerende Auswirkungen auf die Bewertung von Spielern haben. Die ersten Informationen oder Beobachtungen, die wir von einem Spieler erhalten bestimmen unseren ersten Eindruck des Akteurs, sie setzten einen Anker. Von nun an, tendieren wir dazu, uns bei der Bewertung eines Spielers an diesem Anker zu orientieren. Wie fest dieser Anker ist, hängt von Situation zu Situation ab. In Verbindung mit dem confirmation bias kann die Beurteilung allerdings stark verzerrt werden.

Wenn wir zwei in etwa gleich gute Spieler bewerten, von Spieler A aber bei unserer ersten Beobachtung das beste Saisonspiel sehen, während wir Spieler B an einem schlechten Tag erwischen, werden wir die Spieler von diesen Ankerpunkten aus bewerten. Ist die Leistungsstichprobe zu klein, sehen wir also zu wenig Aktionen von beiden Akteuren, werden wir aufgrund des ersten Ankers wahrscheinlich mit unterschiedlichen Endbewertungen enden.

Anchor bias und confirmation bias im Fußball  

Zur Verdeutlichung, wie die beiden biases zusammenspielen können, möchte ich ein kleines Beispiel nennen, bei dem ich mich selbst aufgrund der genannten biases hinters Licht geführt habe. Für TFA habe ich an einer Spieleranalyse gearbeitet und mir einige Schüsse des Angreifers, den ich analysieren wollte, angeschaut. Blöd nur, dass meine Stichprobe zu klein war.

Die ersten vier Aktionen, die ich von dem Spieler sah, waren zwei Traumtore, ein gefährlicher und ein abgeblockter Schuss dabei. Ich dachte „Wahnsinn, der Spieler ist ein überragender Angreifer, super torgefährlich mit toller Technik“. Mein Anker war gesetzt. Ich war begeistert von diesem Spieler und meine Bewertung wurde extrem durch die ersten Eindrücke gesteuert.

In der Folge sah ich mir weitere Szenen an. Mit gemischtem Outcome. Mal waren die Schüsse brandgefährlich, mal flogen sie weit am Tor vorbei oder die Entscheidung zu schießen war nicht die Beste. Nichtsdestotrotz blieb ich bei meiner Einschätzung über die Schuss-Qualitäten des Angreifers. Ich rechnete den positiven Aktionen mehr Gewicht bei, die Negativen wogen weniger schwer. Ich wollte schließlich unterbewusst mein positives Urteil nicht verlieren – typischer Fall von Confirmation bias.

Erst als ich am Ende meiner Analyse auf ein paar Daten blickte, fing meine Illusion an Risse zu bekommen. Weder die Anzahl seiner Tore noch sein xG-Wert und auch nicht seine Schussdiagramm deuteten auf einen überdurchschnittlich guten Abschlussspieler hin. Ich realisierte erst so langsam, wie mich mein eigener Verstand ausgetrickst hatte.

Was tun gegen den Confirmation bias im Fußball?Was tun gegen den Confirmation bias?

Wie lassen sich jetzt die problematischen Folgen des Confirmation bias verhindern? Ein großes Problem besteht darin, dass dieser Bias sehr robust ist. Sobald der confirmation bias die eigene Wahrnehmung/Einschätzung beeinflusst, ist es schwierig die negativen Folgen zu verhindern.

Nichtsdestotrotz gibt es Möglichkeiten den confirmation bias in Verbindung mit anderen Biases zu verhindern. Daryl Morey, der General Manager der Houston Rockets drängte beispielsweise seine Scouts dazu, Talente nur mit Profispielern zu vergleichen, die eine andere Hautfarbe hatten. Dadurch wurden die typischen Stereotype nicht in die Beurteilung miteinbezogen.

Allerdings reicht diese Maßnahme alleine nicht aus. Empfehlenswert wäre es, neben der Beobachtung des Spielers durch einen Scout auf Daten zurückzugreifen. Mich wundert es sehr oft, dass scheinbar ein schwarz-weiß Denken in puncto Nutzung von Daten bei der Spielerbewertung vorherrscht. Sicherlich weniger im Profifußball, aber in der breiten Öffentlichkeit.

Michael Lewis begründete in seinem Buch Moneyball die Nutzung der Daten wie folgt:  “One absolutely cannot tell, by watching, the difference between a .300 hitter and a .275 hitter. The difference is one hit every two weeks.”

Kein Scout kann jedes Spiel eines Spielers analysieren, marginale Unterschiede zwischen Spielern fallen kaum auf, oder werden aufgrund des Confirmation bias als nicht wichtig erachtet. Hier kann das Hinzuziehen von Daten und Statistiken auf Basis von Modellen hilfreich sein, um die tatsächliche Stärke eines Spielers herauszufinden.

Wichtig, auch Modelle oder die Nutzung simpler Daten können gebiased sein, denn jedes Modell kann aufgrund des Aufbaus unterschiedliche Faktoren stärker gewichten. Darüber hinaus können auch simple Daten völlig unterschiedlich interpretiert werden. Im Allgemeinen sollte man aufpassen einfache Daten wie Schüsse oder Key Passes zu interpretieren, da diese meist durch den Spielstil und die Mitspieler beeinflusst werden können.

Darüber hinaus kann ein Spieler natürlich auch auf der falschen Position eingesetzt werden. Aus diesem Grund ist das Zusammenspiel von Daten und Analyse/Beobachtung so entscheidend. Im Idealfall arbeiten mehrere Personen an der Bewertung eines Spielers, um sich gegenseitig ein bisschen zu korrigieren. Auch sollte die Datenanalyse im ersten Schritt unabhängig von der Analyse des Bildmaterials geschehen. So kann man dem Confirmation bias eventuell entgehen.

“You scout on a spectrum. If you do a good job, your evaluation moves along that spectrum as you acquire more information about the player.“ (Quelle: https://www.jameskerti.com/scout-mindset/)

Fazit zum Confirmation bias im Fußball

Wie bereits im letzten Artikel über den Outcome bias, ist auch dieser wieder unvollständig. Über die Probleme des Confirmation bias bei der Berwertung von Spielern, Teams oder Trainern, können Romane verfasst werden. Insbesondere das Zusammenspiel mit anderen Biases ist interessant zu beobachten.

Die Gegenmaßnahmen sind dabei keinesfalls immer hilfreich. Letztlich kommt es darauf an, ein Team bei der Bewertung von Spielern zu haben, die ein System entwickeln, dass die Auswirkungen solcher Verzerrungen verringern kann.

Wenn du mehr zum Thema Training und Spielformen erfahren willst, dann geht es hier entlang ->
https://thefalsefullback.de/spielformen-fuer-dein-fussballtraining/

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