Interview mit Jerome Polenz

Hi Jerome. Danke, dass du dir Zeit für uns nimmst. Könntest du dich und deinen Werdegang am besten einfach mal kurz vorstellen.

Ich bin mit 15 Jahren von TeBe Berlin in das Jugendleistungszentrum von Werder Bremen gekommen, habe dort die Jugendmannschaften durchlaufen und bin dann auch dort zum Profi geworden. Weitere Stationen in Deutschland waren dann Alemannia Aachen und Union Berlin in der zweiten Bundesliga.

Bei Union hat es nicht ganz gepasst und ich habe ich mich dann dazu entschlossen, den Weg in die große weite Welt zu wagen (Australien, Norwegen), was im Nachhinein der perfekte Schritt für mich und meine Entwicklung war – fußballerisch wie persönlich.

Im Anschluss an meine Karriere habe ich für 1,5 Jahre im Marketingbereich eines Berliner Startups gearbeitet und durfte nach etwa einem halben Jahr die Zweigstelle in Barcelona mit aufbauen.

Auch wenn ich dort viele wertvolle Erfahrungen abseits des Fußballs machen durfte, war für mich schnell klar, dass ich so bald wie möglich wieder in den Fußball zurück wollte.

Als Thomas Broich dann auch seine Karriere beendet hat, haben wir uns ziemlich fix an den Prototypen für Talking Tactics gemacht. Wir haben die Idee schon gemeinsam in Australien entwickelt und mit seiner Rückkehr war dann der Startschuss gefallen.

Erzähl uns doch ein bisschen mehr von deinen Erfahrungen in Australien und wie sich dich geprägt haben.

In Australien – es klingt paradox – habe ich zum ersten Mal gelernt, wie Fußball eigentlich funktioniert, weil ich das Glück hatte dort unter einem wahnsinnig guten Trainer (Tony Popovic) spielen zu dürfen. Dieser war unglaublich gut in der Videoanalyse und hat allerhöchsten Wert auf Details gelegt.

Durch die überragenden Videosessions haben wir Spieler plötzlich die großen Zusammenhänge des Spiels verstanden, die verschiedenen Spielphasen, wir konnten Räume im Kollektiv immer besser erkennen. Die Trainingseinheiten waren wochenlang im Voraus geplant und Stück für Stück aufeinander aufgebaut.

Wenn man einmal so eine Arbeitsweise kennenlernt, merkt man als Spieler erst, welche Vorteile das bringt und wie sehr man sich in kurzer Zeit weiterentwickeln kann. Man fragt sich aber auch, was man vorher sein ganzes Leben lang eigentlich gemacht hat. Ich habe davor eigentlich nur intuitiv gespielt.

Erstaunlicherweise ging es Thomas [Broich] genauso. Wir hatten beide enormes Glück, dass wir genau diese beiden Trainer erwischt haben. Bei Thomas war es Ange Postecoglou, der mit einer für australische Verhältnisse revolutionären Spielweise wahnsinnige Erfolge erreichte.

Zwar unterschieden sich unsere beiden Trainer in ihrer Spielidee, beide aber hatten diese enorme Detailversessenheit und konnten den Spielern Inhalte sehr gut vermitteln. Sie waren wirkliche Fußballlehrer.

Beiden Trainern ging es mehr darum, dass wir [die Spieler] Fußball verstehen. Insbesondere die Struktur des Spiels, denn wenn wir die Struktur des Spiels verstanden hatten, war für uns Spieler alles einfacher, weil wir wussten, was dahintersteckt.

Daran anschließend, wie wichtig war denn die individuelle Vorbereitung auf den nächsten Gegner? Hat man sich hier beispielsweise Videosequenzen seines Gegenspielers angeschaut? Darüber hinaus, was denkst du, wie viel taktisches Verständnis die Profis haben. In den deutschen Medien hieß es immer, die Spieler würden Guardiolas viele Anweisungen sowieso nicht verstehen.

Ich sehe das anders. Ich denke, wenn die Spieler merken, dass der Trainer einen klaren Plan hat und genau weiß, wovon er spricht und es auch noch mit Leidenschaft vermitteln kann, dann wird automatisch das Interesse beim Spieler geweckt. Du wirst neugierig und willst mehr darüber erfahren.

In Deutschland kam ich damit gar nicht in Berührung, sondern habe meist nur versucht das auszuführen, was der Trainer von mir erwartet hat – ohne dass ein ganzheitliches Verständnis für die Gründe dahinter da war.

Wenn du als Spieler verstehst, wieso du eine Aktion ausführst, dann hat das enorm große, positive Auswirkungen. Tony Popovic zum Beispiel hat jedes Training mit Kameras aufgezeichnet. Am Anfang liefen die meisten Spielformen holprig, sie waren für viele Spieler sehr komplex. Mit der Zeit wurde es aber immer besser. Nach etwa einem halben Jahr zeigte er uns dann bei einer Videosession im Schnelldurchlauf, wie sich die Abläufe verschiedenster Spielformen über die Zeit entwickelt haben und wie wir die Trainingsinhalte und Prinzipien immer besser aufs Spiel übertragen bekommen haben.

Wir haben gesehen, dass im Training die Räume mit der Zeit immer kleiner wurden, die Ausführung aber immer besser wurde. Als Spieler hattest du plötzlich diesen Aha-Effekt und du siehst wirklich, welchen positiven Effekt das Training hatte. Insbesondere die Tatsache, dass man es visuell präsentiert bekam, öffnete einem die Augen und hat ein regelrechtes Feuer in der Gruppe entfacht.

Und wie bereitete der Trainer euch Spieler auf den nächsten Gegner vor?

Der Trainer hat immer alles beginnend mit dem Big-Picture weiter heruntergebrochen. Vordergründig ging es um Mannschaftstaktische Inhalte. Wenn wir uns aber spezifisch auf den nächsten Gegner vorbereitet haben, gingen wir in immer kleinere Gruppen und es wurde detaillierter. Allerdings ging es viel weniger um den nächsten Gegner, sondern eher um uns selbst. Denn der Anspruch muss es ja sein, aktiv zu sein und zuerst den Gegner vor Probleme zu stellen. Wenn du einen klaren Plan, gute Lösungen und eine gute Ausführung hast, muss der Gegner reagieren. Wenn dein System überlegen ist und der Gegner sich letztlich auf dich einstellen muss, dann hast du einen großen Vorteil.

Vielleicht hat auch gerade hier der deutsche Fußball seine Probleme. Es wird zum großen Teil immer auf den Gegner eingegangen und die Spielweisen sind daher oft reaktiv. Meist steht die Defensive im Vordergrund und dann wird versucht, auf Konter zu spielen. Viele Teams haben also zuallererst Lösungen fürs Verteidigen und das Umschaltspiel. Sobald sie allerdings aus dem geordneten Ballbesitz heraus Chancen kreieren müssen, haben einige Teams kaum bis keine Lösungen.

Meiner Meinung nach könnte das ein Stück weit an unserer Kultur liegen. In Deutschland geht es sehr oft darum, bloß keine Fehler zu machen. Fokussierst du dich aber nur auf die Fehlervermeidung, kannst du keine Fortschritte machen – das gilt nicht nur für den Fußball, sondern auch für andere Bereiche des Lebens. Fortschritt geschieht nur durch Trial & Error – Versuch und Irrtum.  Dann funktioniert zwar mal etwas nicht, aber du bekommst ein Learning aus diesen Fehlern und suchst nach neuen, besseren Lösungen. Solange du aber nur auf Fehlervermeidung aus bist, erhältst du keine neuen Erkenntnisse.

Ich habe oft das Gefühl, dass wenn man etwas Neues versucht, dies nicht zu 100% umgesetzt wird. Beispielsweise eine hohe Viererkette wird in Deutschland meist nur teilweise umgesetzt, obwohl dies sogar negative Auswirkungen haben kann.

Genau, es wird vieles nicht mit voller Überzeugung gemacht. Sobald erste Misserfolge da sind, bekommen plötzlich viele handelnden Personen kalte Füße und werfen einen vielleicht vielversprechenden Ansatz viel zu schnell über den Haufen – was übrigens bei der hiesigen Medienlandschaft und mangelnden Geduldbereitschaft vieler Vereine auch nur allzu menschlich ist. Logischerweise will der Trainer dann möglichst wenig Risiko eingehen und wählt die sichere Variante mit bereits bekannten Mitteln. Letztlich ist aber auch das wieder nur Fehlervermeidung.

Welche Rolle spielt dabei die Art, wie wir Fußballspiele und Ergebnisse bewerten? Ist es nicht ein Stück weit falsch zu sagen, dass am Ende nur das Ergebnis zählt, obwohl im Fußball so wenig Tore fallen und Glück bzw. Zufall eine große Rolle spielt?

Zu 100%. Wir reduzieren fälschlicherweise alles auf das Ergebnis. Dafür muss man verstehen, dass Fußball ein Low-Scoring-Game ist. Es fallen sehr wenige Tore im Vergleich etwa zum Basketball, wo viel mehr Punkte erzielt werden. Letztlich setzt sich dort aufgrund der Menge an Punkten bzw. der Anzahl der Würfe in der Regel das bessere Team durch. Im Fußball nicht.

Betrachten wir ein einzelnes Fußballspiel isoliert, dann nimmt das Spielglück eine viel größere Rolle ein, als sich viele Menschen vorstellen mögen. Deshalb ist es für mich viel wichtiger, wie viele gute Chancen eine Mannschaft kreiert und wie wenige gute Chancen sie im Vergleich dazu zulässt. Dieses Verhältnis ist für mich entscheidend und hier sind wir dann auch beim Thema Expected Goals.

Für mich ist die Expected Goals Differenz zwischen eigenen kreierten und gegnerischen zugelassenen Chancen der Goldstandard für die Bewertung der Leistung eines Teams. Kreierst du konstant mehr und bessere Chancen als deine Gegner, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass du am Ende der Saison ziemlich weit oben in der Tabelle landest.

In meinen Augen wird in Deutschland insgesamt zu sehr auf das Ergebnis anstatt auf die fußballerische Entwicklung geschaut. Nach zwei, drei schlechten Spielen wird alles in Frage gestellt – so hat ein Trainer kaum Zeit, etwas zu entwickeln. Das alles ist teilweise auch auf die Vereinsstrukturen und Besetzung von Entscheiderposten in den Vereinen zurückzuführen. Da wird zu oft auf das Ergebnis geschaut oder beispielsweise zu viel Wert auf – wenn überhaupt – nur bedingt aussagekräftige Werte wie Zweikampf- oder Laufstatistiken geschaut.

Speziell bei Zweikämpfen stellt sich doch die Frage, wie man einen gewonnenen Zweikampf überhaupt erst definiert. Darüber sollte man sich mal Gedanken machen: Ein isoliertes 1vs1 kommt doch so selten vor. Es passiert doch viel häufiger, dass ein Gegenspieler von deinem Mitspieler angelaufen wird, dieser dadurch zum Fehler gezwungen wird und du dann den Ball ohne große Probleme aufnimmst. Wer hat den Zweikampf jetzt eigentlich gewonnen? Du oder dein Mitspieler, der 80% der Arbeit gemacht hat?

Wir sollten also erst einmal die Spiel-Events richtig definieren, bevor teilweise absolut falsche Schlüsse daraus gezogen werden.

Ein anderes Beispiel ist die Frage eines angekommenen Passes. Vielleicht spielst du einen langen Ball, der beim Mann ankommt, aber der hat isoliert gegen drei Gegenspieler keine Chance, den Ball zu behaupten. Angekommen ist der Pass – aber war es ein guter Pass? Letztlich kommt es auf den Kontext an.

Zwar liebe ich Statistiken, allerdings sind sie nur so gut wie sie auch interpretiert werden. Es geht sehr oft um den Spielstil eines Teams. Ich kann ein Beispiel nennen: Die Frankfurter Eintracht hatte in der letzten Saison die zweitschlechteste Passstatistik aller Bundesliga Teams, doch denen ist das egal, weil deren Spielidee sehr viele lange Bälle auf Haller, den besten Kopfballspieler der Liga, vorsieht. Frankfurt konzentriert sich dann auf zweite Bälle oder Haller kann den Ball festmachen und auf seine Mitspieler ablegen. Auf einfache und effektive Weise haben sie so viel Raum überbrückt und gegnerische Spieler überspielt.

Für eine andere Mannschaft ist eine solche Passstatistik hingegen eine Katastrophe, weil diese Werte nicht zu ihrer Spielidee passen. Im Fußball gibt es eben nicht nur diesen einen Weg zu spielen. Es gibt so viele Wege erfolgreich zu sein. Dabei kommt es immer darauf an, dass ein Trainer für sich und sein Team eine passende Spielidee findet. Wenn diese dann gut umgesetzt wird, kann man damit erfolgreich sein. Und genau das ist es auch, was Fußball für mich zum interessantesten Spiel der Welt macht. Der Fantasie und Kreativität sind keine Grenzen gesetzt.

Du hast bereits davon gesprochen, dass viele Statistiken kaum aussagekräftig sind. Gerade auch was die Spielerbewertung angeht. Warum hat man sich im Fußball damit im Vergleich zum Basketball so wenig beschäftigt? Glauben da die Vereine nicht so richtig dran?

Meiner Meinung nach liegt es daran, dass Fußball viel komplexer als beispielsweise Basketball ist. Im Fußball hast du so viele Variablen, die einen Einfluss haben, während du beim Football oder Basketball klarer abgegrenzte Spielphasen und Spielsituationen hast. Football ist sehr statisch, es gibt eine Offense und eine Defense. Auch Basketball erlaubt nicht die Freiheiten wie Fußball, allein aufgrund der Feldgröße. Beim Fußball kann das Spiel in alle Richtungen gespielt werden, die Physis der Spieler hat eine viel geringere Bedeutung, wir haben das Abseits usw. und damit hast du so viele Variablen, die die Bewertung schwerer machen. Du kannst nicht eine Statistik heranziehen und sagen, dass der Spieler aufgrund dieses einen Wertes gut oder weniger gut ist. Der Kontext spielt einfach eine entscheidende Rolle.

Ich habe oft das Gefühl, dass im Fußball das Schwarz-Weiß-Denken vorherrscht. Es ist entweder die Taktikanalyse oder die Analyse der Daten. Letztlich können aber Daten mir doch dabei helfen meine Videoanalyse zu vervollständigen oder aufdecken, dass ich mich in meiner Bewertung der Spielsequenzen geirrt habe oder gebiased war.

Das ist ein guter Punkt, denn im Fußball gibt es sehr viele Biases, vor denen keiner geschützt ist. Weder Trainer noch Analysten. Letztlich gibt es einfach zu viele Details und du kannst weder nur über Daten oder nur über die Videoanalyse alleine alles sehen. Aus diesem Grund funktioniert es am besten in der Kombination.

Daten sind insofern gut, weil du auf einen Blick Trends und Ausreißer nach oben oder unten erkennen kannst. Beispielsweise arbeiten Thomas und ich so bei „Talking Tactics“. Wir schauen uns zuerst die Videosequenzen an und werfen dann einen Blick auf die Daten. Letztlich gleichen wir ab, was uns das Videomaterial und was uns die Daten sagen. Des Öfteren fallen uns dann Ausreißer in den Daten auf und wir fragen uns, was hier denn passiert ist. Danach schauen wir uns das Spiel noch einmal unter dem Gesichtspunkt dieser Daten an und uns fallen neue Details auf, die wir zuvor übersehen haben.

Das ist die große Chance der Daten, weil du Dinge herausfinden kannst, die du davor nicht gesehen hast. Gerade für die Gegneranalyse oder das Scouting sind Daten sehr wichtig. Du benötigst nicht mehr eine Heerschar von Scouts, sondern kannst durch die Daten eine Vorauswahl an interessanten Spielern erstellen, die du dir dann gezielt anschaust.

Liverpool nutzt beispielsweise viele Daten für die Analyse von Standardsituationen. Letztlich kann so etwas ein großer Vorteil sein. Ajax Amsterdam spielt mutigen Fußball und versucht stets neue Wege in der Jugendausbildung zu finden. Ist hier Deutschland wieder zu ängstlich?

Genau, da sind wir wieder beim Thema Fehlervermeidung. Niemand möchte neue Dinge ausprobieren, weil sie ja scheitern könnten. Das führt dazu, dass bei uns erfolgreiche Ideen meist ausschließlich adaptiert und nicht selbst entwickelt werden. Das führt automatisch dazu, dass die innovierenden Vereine und Verbände in der Entwicklung immer mindestens einen Schritt voraus sind. Als positives Beispiel sehe ich hier die Belgier und Niederländer.

Im Allgemeinen wirst du neue Entwicklungen und Trends eher bei kleineren Verbänden finden, da diese beweglicher sind, schneller neue Strukturen schaffen können und sie weniger Druck und Angst verspüren, neue Dinge auszuprobieren. Der Blick in andere Länder lohnt sich also.

Um den Bogen zum Thema Jugendausbildung zu spannen. Auf der einen Seite wird bereits im Jugendbereich auf Ergebnisse geschaut. Auf der anderen Seite möchte man junge Spieler so früh wie möglich in die Bundesliga hochziehen. Letztlich werden so vor allem körperlich starke Spieler bevorzugt.

Das ist ein großes Problem und meiner Meinung nach liegt die Wurzel allen Übels in der Tatsache, dass die Jugendtrainer bereits einen immensen Erfolgsdruck verspüren. Und Erfolg heißt in dem Fall nicht das Herausbringen fantastischer Talente, die nachhaltig den Sprung in den Profifußball schaffen – Erfolg ist in dem Fall leider über Titel im Jugendbereich definiert.

Deswegen gehen viele der Trainer den schnellsten und erfolgversprechendsten Weg, indem sie körperlich starke Spieler bevorzugen und mit diesen versucht wird, die Staffel und die Deutsche Meisterschaft zu gewinnen.

So verlieren wir aber den Kern der Aufgabe aus den Augen – nämlich die wirklich besten Fußballer auszubilden und zu fördern. Man sollte diejenigen Spieler besonders fördern, die das meiste Talent mitbringen und diese sollten auch so viel Spielzeit wie möglich erhalten, auch wenn sie vielleicht körperliche Nachteile gegenüber bereits akzelerierteren Spielern haben, die mit 15 Jahren schon knapp 1,85m groß sind.

Ich sehe dann vor allem für kleine, spielstarke Spieler einen Vorteil, weil diese ständig neuen Lösungen finden müssen, um sich gegen körperlich stärkere Spieler durchzusetzen. Wo positioniere ich mich, wann und wie laufe ich mich frei, wann gehe ich ins Dribbling oder wann spiele ich den Ball zu einem Mitspieler, damit mich der körperlich stärkere Spieler nicht in einen Zweikampf verwickelt? Das ist doch eine wahnsinnig große Qualität, dass du gar nicht erst einen Zweikampf führen musst, um dich durchzusetzen.

Beste Beispiele dafür sind die nicht gerade für ihre körperliche Stärke bekannten Sergio Busquets oder Andrés Iniesta. Sie sind äußerst selten in Zweikämpfen – allein aus dem Grund, weil sie schon eine Lösung haben, bevor der Zweikampf überhaupt erst entsteht.

„Andres Iniesta“ by Marc Puig i Pérez is licensed under CC BY-NC-ND 2.0 

In der Jugendausbildung in Deutschland habe ich oft das Gefühl, dass es immer um Extreme geht. Zuerst wollten wir alle den kleinen, technisch starken Mittelfeldspieler á la Iniesta ausbilden. Jetzt haben wir gemerkt, dass uns die Dribbler fehlen. Sollte man in der Ausbildung nicht vielmehr das Entscheidungstraining an erster Stelle setzen und erst später positionsspezifisch au

Der Spieler sollte meiner Meinung nach schon früh das Spiel strukturell verstehen. Wenn du das Spiel verstehst, die Wichtigkeit von Raum und Zeit, das Denken in Wahrscheinlichkeiten, dann findest du schon in jungen Jahren für jede Situation eine passende Lösung, davon bin ich überzeugt.

Das setzt natürlich immer voraus, dass auch der Trainer das Spiel richtig verstanden hat. Gerade in der Bundesliga wirkt es bei vielen Trainern so, dass man zwar das Spiel gegen den Ball verstanden hat, aber keine Lösungen mit dem Ball findet. Vor ein paar Jahren gab es in der Bundesliga noch viele Weltklasse-Trainer wie Guardiola, Klopp oder Tuchel. Warum ist das nicht mehr so? Wo wurde Deutschland hier abgehengt?

Puh schwierig, es gibt wahrscheinlich nicht den einen Grund. Aber ich kann dir ein Beispiel nennen, gar nicht mal auf den Fußball bezogen. Wenn du lange Zeit erfolgreich bist, ist die Gefahr groß, dass du selbstgefällig und träge wirst. Du ruhst dich auf deinen Erfolgen aus und dann kannst du gar nicht schnell genug nach rechts und links gucken, wie schnell du dann von Wettbewerbern überholt wirst. Das ist ein natürlicher, menschlicher Prozess, gegen den du dich wehren musst.

Jogi Löw beispielsweise sagte selbst bei der Aufarbeitung der WM, dass er vor und während des Turniers völlig überzeugt von dem Weg gewesen war, im Nachhinein aber erkennen musste, dass viele Dinge nicht gepasst haben oder hätten anders angegangen werden können. Er konnte das in dieser Situation jedoch nicht erkennen.

Die einzige Chance so etwas zu verhindern, ist eine ständige Selbstreflektion, der Austausch mit Beobachtern von Außen und vor allem ein objektives Datenmonitoring, dass rigoros jegliche Bias aufdeckt. Gute Arbeitsstrukturen sind hier meiner Meinung nach das A und O.

In der neuen Bundesligasaison gibt es wieder einige spannende Trainer und Projekte. Nagelsmann in Leipzig, Rose in Gladbach oder Glasner in Wolfsburg. Schaffen es diese Trainer vielleicht sich gegenseitig zu pushen, da sie ständig auf neue Ideen treffen, gegen die man Lösungen finden muss? Ähnlich wie vielleicht in England mit Guardiola und Klopp.

Ich bin davon überzeugt, dass die neue Bundesligasaison sehr spannend wird. Es kommen viele Trainer in die Liga, die erkannt haben, dass es alleine mit reaktivem Fußball schwierig wird. Gerade wenn ich Salzburg in der vergangenen Saison gesehen habe, da ist mir das Herz aufgegangen.

Julian Nagelsmann kann Offensive und Leipzig Defensive, das wird jetzt zusammengeführt und auch die Dortmunder haben sich wahnsinnig gut verstärkt.

Zu einem anderen Thema, wir haben die neue Abstoßregel. Wie wird diese das Spiel verändern?

Die neue Regel wird das Spiel vielleicht nicht fundamental verändern, aber doch große Auswirkungen darauf haben, wie im Spielaufbau und Pressing agiert wird. Denn Mannschaften, die viel Wert auf Ballbesitz legen, werden einen Vorteil haben, da das Spielfeld nun um eine Strafraumlänge länger wird. Als pressendes Team musst du jetzt schlicht und ergreifend mehr Raum abdecken. Es entstehen zusätzlich ganz neue Passwinkel im Spielaufbau, weil sich deine Spieler frei im Strafraum positionieren können.

Wenn jetzt bei der verteidigenden Mannschaft die erste Linie anfängt zu pressen, entsteht dahinter viel Raum. Dementsprechend muss die zweite Linie weiter vorrücken und wieder entsteht dahinter Raum und dann sind wir auch schon bei der letzten Linie, die sich hüten wird, deutlich über die Mittellinie zu rücken. Da die Kompaktheit beizubehalten wird eine Herausforderung.

Es wird definitiv spannend zu sehen, was sich die Teams hier einfallen lassen. Ich denke, es wird auf jeden Fall mehr Tore geben. Man wird den ein oder anderen Bock im Spielaufbau mehr sehen und auf der anderen Seite werden pressende Mannschaften häufiger durch ein gutes Positionsspiel zerlegt.

Solange sich in Deutschland das Spiel in Ballbesitz weiterentwickelt, könnten wir auch wieder viele lange Bälle und folglich Kampf um zweite Bälle sehen.

Definitiv. Ich kann mir auch vorstellen, dass einige Teams das Angriffspressing aufgeben und „Safety First“ spielen: tiefer im Mitteldrittel positionieren, um dann kompakt gegen den Ball zu agieren.

Welche anderen Trends siehst du aktuell im Weltfußball?

Thomas und Ich haben uns nochmal die Tore der letzten CL-Saison angeschaut. Uns ist aufgefallen, dass ein Großteil der Tore der Top Teams unmittelbar aus der Assist Zone 1 und dem 10er Raum vorbereitet werden. Ziel ist es, Abschlüsse fast ausschließlich aus der Golden Zone zu generieren, die statistisch die höchste Trefferwahrscheinlichkeit hat.

Allerdings unterscheiden sich die Wege dahin. Liverpool beispielsweise zieht das Spiel extrem in die Breite und versucht, über Außen in den Strafraum einzudringen, Tottenham hingegen agiert fast nur durch die Mitte. Barca hat beides im Repertoire, durch Messi versuchen sie immer wieder den Zehnerraum zu knacken und durch die hohen Außenverteidiger den Gegner in ein Dilemma zu bringen.

Jetzt merkt man, dass das Spiel immer komplexer wird. Mit eurem Format bei DAZN habt ihr der Fußballberichterstattung eine neue Dimension gegeben. Wie muss sich denn die Berichterstattung weiterhin verändern, damit der Fan zu Hause auf der Couch noch versteht, was auf dem Rasen passiert?

Wir haben einfach etwas ausprobiert zusammen mit DAZN und haben dieses Format getestet. Das Feedback war sehr positiv, viele Fans scheinen so etwas häufiger sehen zu wollen. Ich glaube, dass viele den Fehler machen, die Zuschauer zu unterschätzen und zu sagen: „Das verstehen die eh nicht.“ Das sehe ich nicht so. Die Leute haben ein ungeheures Interesse am Fußball – und zwar auch in der Tiefe. Und wenn man es schafft, Dinge auf eine einfache Art und Weise zu erklären und Themen aufeinander aufzubauen, dann wird vieles auch für den Laien verständlich.

Wenn wir uns beispielsweise mal nicht sicher waren, ob unsere Erklärungen einfach genug sind, dann haben wir einen simplen „Hausfrauentest“ durchgeführt. Dazu haben wir dann die aktuellste Version unserer Episode Thomas‘ Mutter und seiner Frau vorgespielt. Wenn beide die Thematik sofort verstanden hatten, wussten wir, dass wir auf dem richtigen Weg waren. Wenn nicht, dann ging es wieder zurück ans Tüfteln.

Mein Ansatz ist es immer, Dinge so einfach wie möglich zu erklären. Wenn ich dazu in der Lage bin, habe ich es auch selbst verstanden.

Ja genau, du kannst dir gar nicht vorstellen, wie schwer das manchmal ist. Wir sehen Dinge, die für uns selbstverständlich sind, aber wir waren auch viele Jahre Profis und haben uns jeden Tag mit dem Spiel beschäftigt. Aber der Gelegenheitsfan soll es ja verstehen und gleichzeitig Spaß an dem Format haben. Um diesen Spagat geht es. Und mit diesem Spagat taten wir uns bei manchen Themen wirklich schwer.

Was würdest du jemandem raten, der sich mit dem Thema Taktik näher beschäftigen will, aber bisher noch nichts darüber weiß?

Durch das Internet haben wir heute die Möglichkeit, fast alles zu lernen, was wir möchten. Alles, was es braucht ist Neugier und die Disziplin, am Ball zu bleiben. Ich selbst hole mir gerne Inspiration über Twitter oder über Fachbücher. Es ist unfassbar, wie viele Fußballfachleute es weltweit gibt und von jedem kann man das ein oder andere lernen. Ansonsten kann man natürlich auch bei Spielverlagerung oder bei den vielen guten, aufstrebenden Fußball Blogs wie eurem reinschauen. Ich lese zusätzlich auch sehr gerne das Total Football Analysis Magazin. Am Ende gilt: Wer suchet, der findet.

Super, dann vielen Dank für das Interview.

Gern geschehen.

Wenn du mehr zum Thema Training und Spielformen erfahren willst, dann geht es hier entlang ->
https://thefalsefullback.de/spielformen-fuer-dein-fussballtraining/

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