Los Angeles FC auf Rekordjagd – Halbzeit in der MLS

Mit dem Viertelfinale des amerikanischen Pokalwettbewerbs hatte die Major League Soccer ihre letzte Unterbrechung vor den Playoffs. Alle Mannschaften haben bisher mindestens die Hälfte ihrer Spiele absolviert. Drei Monate sind noch zu spielen. Zeit für ein Update: Welche Auffälligkeiten zeichnen sich ab? Wie würden die Playoffs aktuell aussehen? Kann Los Angeles FC den Champagner schon kaltstellen?

Los Angeles FC: Eine Saison für die Geschichtsbücher?

Die meisten Punkte in einer Saison, die meisten Siege in einer Saison, die meisten geschossenen Tore, die beste Tordifferenz – die Mannschaft des Los Angeles FC ist aktuell auf dem besten Weg sämtliche Rekorde der MLS zu brechen. Momentan scheinen sie für sämtliche Aufgaben, vor die sie Gegner stellen, passende Lösungen zu finden. Selbst auf unglückliche Spiele – auch wenns bisher nur zwei Niederlagen in der Saison sind – folgen überzeugende Siege; als wäre nichts passiert. Auf der einen Seite spielt LAFC momentan unglaublich effizient, fährt Sieg um Sieg ein. Auf der anderen Seite spielen sie einen schönen und unterhaltsamen Fußball, die Fans danken es ihnen, Medien- und Fußballexperten suchen nach Superlativen. Rückstand in der 3. Minute gegen Houston? Kein Problem, 3:1 Sieg nach 90 Minuten. Rückstand in der 5. Minute gegen Vancouver? Kein Problem, 6:1 Sieg nach 90 Minuten. Pause oder Minutenlimit für die Topstars? Kein Problem,  LAFC hat genügend Pfeile im Köcher. Doch was macht diese Mannschaft so stark, was macht ihren Fußball so erfolgreich?

Wunderbar anzuschauen: Eine Mannschaft im Flow

„Wir müssen gemeinsam reisen, und zwar nicht nur im selben Zug, sondern im selben Waggon“ (Juanma Lillo).

Was am meisten beeindruckt ist die Konstanz, die die Mannschaft von Trainer Bob Bradley Woche für Woche an den Tag legt. Egal wer auf welcher Position spielt, egal wo sich der Ball auf dem Feld befindet, egal wie der Spielstand ist: die Maschinerie läuft wie ein Uhrwerk. Alle Spieler sind in den Angriff involviert, alle Spieler beteiligen sich an der Ballrückeroberung. Sowohl ein hohes Pressing, als auch ein Abwehrpressing hat die Mannschaft im Repertoire, die Übergänge sind fliesend. Der Ball zirkuliert schnell und sicher im eigenen Ballbesitz, der Gegner wird bewegt und es werden geduldig freie Räume gesucht, die dann konsequent bespielt werden. Die Mannschaft tritt als Einheit auf und spielt die eigenen Stärken wie selbstverständlich aus. Dieses Selbstverständnis ist bemerkenswert. Das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, in die Vorgaben des Trainerteams, in die Stärken der Mannschaft scheint momentan unmöglich zu brechen. Da lässt ein Innenverteidiger am eigenen Strafraum den gegnerischen Stürmer aussteigen. Ein Sechser lässt sich in der eigenen Hälfte umringt von drei Gegenspielern anspielen, weil er genau weiß, wo seine Mitspieler für einen Pass sein werden. Zwei Stürmer spielen auf engstem Raum mehrere Doppelpässe kurz vor dem gegnerischen Strafraum. Die Mannschaft hat momentan unglaublichen Spaß am Spiel miteinander und das sehen alle.

Fokus auf die Halbräume

Im Offensivspiel werden die Halbräume präferiert. Zum Spielaufbau in der eigenen Hälfte werden diese von den Außenverteidigern besetzt, um dem alleinigen Sechser kurze Anspielstationen zu ermöglichen. Ist die erste Pressinglinie überspielt, wechseln die Außenverteidiger auf den Flügel und die Offensivspieler besetzen konsequent die Halbräume. Dort zirkuliert der Ball mit wenigen Kontakten. Immer wieder wird ein Pass in die Tiefe gesucht, schnell in den anderen Halbraum verlagert, den Spieler auf dem Flügel für die maximale Breite mit eingebunden und bei zu viel Gegnerdruck ein Rückpass gespielt. Auch hier kommt der Ball nicht zum erliegen, es wird direkt weitergespielt – von Halbraum zu Halbraum und wann immer möglich direkt in den gegnerischen Sechzehner.

Doch was macht die Halbräume so wertvoll? Der Halbraum ermöglicht den ballführenden Spielern eine Maximierung ihres Sichtfeldes, sie wissen wo Mitspieler und Gegenspieler stehen. Dadurch haben sie den Sekundenbruchteil an Vorteil, wenn sie bei der Ballannahme unmittelbar unter Druck geraten – auch Rückpässe können einfacher gespielt werden. Dadurch dient der Halbraum für LAFC als Hauptpunkt des Raumgewinns, es stehen mehrere Passoptionen offen: auf den Flügel sowie ins Zentrum, selbst Verlagerungen in den anderen Halbraum sind flach möglich. Dies erzwingt komplexere Anpassungen der gegnerischen Verteidigung. Ein einfaches Verschieben, als wäre der Ball auf dem Flügel, ist hier nicht möglich. Immer wieder werden dadurch gegnerische Verteidiger aus ihrer ursprünglichen Formation herausgelockt. Dies kann ein schnelles Bespielen des Flügels, durch Hinterlaufen, ermöglichen. Ebenso kann ein Herauslocken eines Gegenspielers aus dem Zentrum diesen Raum für schnelle Vorstöße öffnen. Wird gar ein Innenverteidiger herausgelockt, öffnet dies den Raum für Schnittstellenpässe vor das gegnerische Tor. Gepaart mit den technischen Fertigkeiten der Spieler sowie einer gehörigen Portion Spielwitz, sind sie so momentan kaum zu stoppen.

Darüber hinaus bietet die Nutzung des Halbraumes eine gute defensive Absicherung nach Ballverlust, da der Raum schnell aus Flügel und Zentrum überladen werden kann. Wer sich tiefergehend mit den Halbräumen befassen möchte, dem sei dieser Artikel ans Herz gelegt.

LAFC im Flow: Erreicht der Prozess seinen Gipfel?

Der Kern der Mannschaft ist jetzt im zweiten Jahr zusammen. Schon in der letzten Saison spielte Los Angeles FC eine gute Runde, schloss auf Platz 3 der Western Conference ab, scheiterte dann aber in der ersten Runde der Playoffs. Trainer Bob Bradley probierte verschiedene strategische Ausrichtungen aus, tauschte Spielsysteme Woche für Woche, schob seine Spieler auf verschiedene Positionen. Vor allem in Auswärtsspielen machte sich die fehlende Vertrautheit negativ bemerkbar. Zu schwankend waren die Leistungen. Dieses Problem ist mittlerweile behoben, es wurde ein klarer Stil gefunden und verinnerlicht. Die Mannschaft hat sich in den Flow gespielt, aus dem sie momentan nicht herauszubringen ist. Geht dieser Prozess konsequent weiter, steht am Ende die Championship zu buche; die erste für das „junge“ Team aus der Stadt der Engel. Was aber bis jetzt schon feststeht, Los Angeles FC hat die Messlatte für die Major League Soccer ein gutes Stück nach oben gelegt und neue Standards gesetzt.

Der Rest: Viele Ideen, viele Möglichkeiten, zu viele vergebene Chancen?

Dass Los Angeles FC das Maß aller Ding ist, sollte niemanden verwunden. In einer Kategorie sind sie dies jedoch nicht: dem Ballbesitz. Gerade mal knapp 55% Ballbesitz bei einer Passquote von 84% verzeichnet die Mannschaft im Durchschnitt. Rein statistisch gesehen treten sie damit deutlich weniger dominant auf als die Meister in den europäischen Ligen – Man City 64% bei 89% Passquote, Barcelona 61% / 88%, Bayern München 62% / 87%. Den meisten Ballbesitz der MLS hat derzeit San Jose bei durchschnittlich 55,2%, gefolgt von New York City FC bei 55,1%. San Jose hat bis jetzt jedoch nur die achtmeisten Punkte eingesammelt, New York steht hier sogar nur auf dem zehnten Platz.

Expected Goals Werte der einzelnen Mannschaften verknüpft mit den tatsächlich erzielten Toren. LAFC an der Spitze. Chicago mit den zweithöchsten Werten.
Expected Goals Werte der einzelnen Mannschaften verknüpft mit den tatsächlich erzielten Toren

Noch merkwürdiger mutet ein Blick auf die expected Goals an. Nach Los Angeles FC folgt nämlich mit Chicago eine Mannschaft, die nicht mal auf einem Playoff Platz steht und gerade mal fünf Siege eingefahren hat. Doch auch umgekehrt gibt es Auffälligkeiten. Beispielsweise erzielen New York Red Bulls und Salt Lake City schlappe acht Tore mehr als es ihr Wert erwarten ließe. Mit Colorado besitzt eine Mannschaft, die im absoluten Tabellenkeller steckt, einen höheren Wert als 60% aller Playoff-Teams. Doch wie kommen solch deutliche Unterschiede zustande?

Ist der Plan oder die individuelle Klasse das Problem?

Fakt ist, dass mehr und mehr taktische Innovationen Einzug in die MLS erhalten. Fakt ist aber auch, dass viele Mannschaften im großen und ganzen einen recht simplen Plan verfolgen: Den Gegner überraschen, Pässe in die Tiefe auf nachrückende Spieler ablegen und den Ball schnellstens in Schnittstellen spielen. Diesem offensiven taktischen Mittel bedienen sich mittlerweile fast alle Mannschaften – und fast alle Teams richten sich defensiv darauf ein. Was zu Beginn der Saison noch viel Spannung versprach, hat sich mittlerweile abgestumpft. Sprich viele Mannschaften sind defensiv zu gut gestaffelt. Der eigene Plan geht nur dann auf, wenn der Gegner hoch steht und man selbst viele freien Räume vor sich hat. So sind auch die nur rund 50% Ballbesitz zu erklären, die die einzelnen Mannschaften verzeichnen. Verschanzt sich ein Gegner um den eigenen Sechzehner wird es schon schwieriger. Herausgespielte Tore sind dann eher Mangelware. Bei fast der Hälfte aller Mannschaften resultieren mindestens 40% aller Tore aus Kontern oder ruhenden Bällen. Selbst bei Playoff-Teams wie Atlanta oder Los Angeles Galaxy trifft diese Statistik zu.

Das große Problem ist das Bespielen tief stehender Gegner. Aus eigenem Ballbesitz werden zu selten Chancen kreiert, der Ballbesitz scheint reinen Selbstzweck zu besitzen. Problematisch ist dabei die U-Form, wie beispielsweise anhand Atlanta im letzten Artikel erläutert. Von einem Flügel wird auf den anderen Flügel verlagert, ohne den Gegner dabei ernsthaft in Unordnung zu bringen. Möglicherweise spielt bei dieser Vorgehensweise auch ein wenig die Angst vor Kontern mit – denn diesen Plan verfolgen fast alle Mannschaften. Zum Vergleich: Los Angeles FC erzielte bisher über 80% ihrer Tore aus dem Spiel heraus. Die MLS als Konterliga zu bezeichnen, wäre aber nicht ganz zutreffend. Viele Mannschaften versuchen sich am geordneten Spielaufbau, es fehlen jedoch klare Ideen in der gegnerischen Hälfte.

Nimmt man expected Goals Werte oder die Anzahl an Torschüssen pro Spiel, sollten Mannschaften wie Chicago und San Jose problemlos in die Playoffs einziehen können. Da dies nicht der Fall ist, muss die Frage nach der individuellen Qualität erlaubt sein. Sind die Mannschaften noch nicht bereit für die großen Innovationen? Oder fehlt ein wenig der Mut, sich komplett dem Offensivspiel zu öffnen? Oder fehlt Trainern einfach das nötige Know-how? Selbst beim amtierenden Meister aus Atlanta hakt das Offensivspiel. Dafür vorgesehen war eigentlich der teuerste Transfer der MLS-Geschichte: Gonzalo Martinez. Trotz starker Ansätze ist er momentan maximal ein Rollenspieler, er arbeite zu wenig für die Mannschaft, so Trainer DeBoer – der vor der Saison ja ebenfalls für schönen Offensivfußball geholt wurde. Martinez offensive Fähigkeiten sind jedoch offensichtlich, vielleicht hebt er sich die großen Momente für die großen Spiele in den Playoffs auf. Dass nicht alle Mannschaften im gleichen Flow wie Los Angeles FC spielen können, ist natürlich klar. Es scheint jedoch manchmal etwas der Mut zur Kreativität zu fehlen.

To Do’s bis zu den Playoffs: LAFC als Vorbild?

Für einige Mannschaften ist die Saison bereits vorüber, sie haben mit den Playoffs nichts mehr zu tuen. Für viele Mannschaften entscheiden die kommenden zwei, drei Wochen, ob sie in den Playoffs dabei sein werden oder sie schon die neue Saison planen können. Gute Ergebnisse sind momentan also Pflicht.

Dass die reguläre Saison lediglich dem Einzug in die Playoffs dient und viele Mannschaften einiges ausprobieren kann so manche Auftritte rechtfertigen. Für die restlichen Spiele sollten sich die Trainer jedoch vornehmen, an kreativem Offensivspiel zu arbeiten. Zu eintönig sind einzelne Mannschaften unterwegs, zu sehr von gegnerischen Fehlern, Standardsituationen oder einzelnen Spielern abhängig. Vielleicht kann hier der Los Angeles FC als Orientierungspunkt dienen. Sich besser auf den Gegner einstellen, seine Schwächen im Defensivverbund ausmachen und diese konsequent bespielen. Vielleicht können hier die Halbräume helfen. Dazu wäre mehr Mut und Kreativität im Offensivspiel wünschenswert. Kombiniert mit guten Ergebnissen erreichen Mannschaften recht schnell den Flow, der für die Playoffs unabdingbar wird.

Wenn die Playoffs heute starten würden: Vorteil Do-or-die?

New York gegen New York: So würde das Erstrundenduell zwischen NY Red Bulls und NYFC lauten, würden die Playoffs heute starten (Stand 17.07.2019). Aggressiver Tempofußball gegen ausgeklügeltes Positionsspiel um die Vorherrschaft in der Stadt. Der Vorteil des do-or-die Spiels würde wohl entfallen, da beide in ihrer Heimatstadt antreten würden. Das bisher einzige Aufeinandertreffen konnte NYRB für sich entscheiden; ein knappes 2:1.

Im Westen müsste Dallas nach Seattle reisen. Das Heimspiel gegen Seattle konnte Dallas gewinnen, doch das neue Playoff-Format erlaubt nur noch ein einziges Spiel: weiterkommen oder ausscheiden. Wir dürfen sehr gespannt auf die Ergebnisse des neuen Formates sein und in wie weit der Heimvorteil zum Tragen kommt. Aktuell sind die Platzierungen – mit Ausnahme Los Angeles FC – in beiden Conferences ziemlich offen. Die kommenden Wochen werden entscheiden, welche Paarungen sich in der ersten Playoff-Runde ergeben. Die einzelnen Mannschaften werden definitiv noch einmal aufeinander treffen, eventuell Spieler schonen oder etwas ausprobieren, eventuell aber auch ein Statement abgeben wollen. Für manche Vereine oder deren Spieler wäre dies ein wichtiges Signal, gerade wenn die Leistungen schwanken oder wenig überzeugend sind.

Aktuell gilt Los Angeles FC als ganz großer Favorit auf den diesjährigen Titel. Läuft alles wie bisher, werden sie kaum zu schlagen sein. Läuft alles wie bisher, wird das jedoch auch Chancen für Gegner eröffnen. Gerade in den Anfangsminuten die Sorglosigkeit des LAFC ausnutzen und anschließend stark verteidigen. Dass die Mannschaften sich aufs Verteidigen verstehen, wurde angesprochen.

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