Kann Borussia Dortmund des FC Bayern in dieser Saison entthronen. (Photo by Waldemar Brandt)

Borussia Dortmunds Sommer in Analyse – Hat der BVB das Zeug zum Meistertitel?

Nachdem der BVB in der letzten Saison den Meistertitel vor Augen hatte, ihn aber – oder gerade wegen einem verheerenden 5:0-Debakel gegen den Rekordmeister FC Bayern München – um nur zwei Pünktchen verpasste, haben sich die Verantwortlichen der Westfalen vor der Sommerpause 2019 einiges vorgenommen.

Die hochtalentierten schwarz-gelben-Kicker, die das Land in der letzten Spielzeit phasenweise mit furiosem Fußball und spektakulären Szenen begeistert haben, sollten im Kern zusammengehalten werden und punktuell mit erfahrenen, aber auch weiteren jungen, hungrigen Spielern ergänzt werden. Was der BVB in Person von Michael Zorc für den Transfersommer 2019 alles im Köcher hat, konnte zum Ende der abgelaufenen Saison noch niemand ahnen. Zahlreiche Gerüchte um Neuzugänge rankten sich um den Vizemeister.

Neben den bereits im Winter bekannt gewordenen Abgang von Christian Pulisic zum FC Chelsea hielten sich jedoch auch einige Gerüchte zu abwanderwilligen Spielern – die einen mehr, die andren weniger hartnäckig. Glücklicherweise machte Jadon Sancho keine anstallten einen Transfer zu forcieren, dem der BVB jedoch auch einen klaren Riegel vorgeschoben hat, somit dürfen wir den wohl talentiertesten U19-Spieler dieses Planeten – auch wenn Joao Felix und Vinicius Junior dies sicherlich anders sehen – noch ein weiteres Jahr in der Bundesliga bestaunen.

Des Weiteren schienen die Abgänge der beiden unzufrieden mit ihrer Rolle wirkenden Julian Weigl und Raphael Guerreiro zu ihrem ehemaligen Trainer Thomas Tuchel nach Paris schon festzustehen. Im Laufe der Vorbereitung haben aber genau diese beiden Spieler sich mit grandiosen Vorstellungen in die Mannschaft gespielt und – wenn man den Medienberichten glauben schenkt – sich von einem Verbleib beim BVB überzeugen lassen. Somit ist alles vorbereitet, um seine Ambitionen für die kommende Spielzeit zu unterstreichen. Fehlen nur noch die Verstärkungen – und die wurden im Sommer auf beeindruckende Art und Weiße getätigt.

Zorcs Angriff gen Süden

Innerhalb von einer Woche und früher als alle anderen Teams tütete der BVB seine Neuzugänge ein. Ende Mai verpflichtete Michael Zorc zuerst den deutschen Nationalspieler Nico Schulz für die linke Abwehrseite, bevor nur einen Tag später der Gladbacher Shootingstar Thorgan Hazard bei den Schwarz-gelben unterschrieb.

Damit noch nicht genug, gelang dem Kaderplaner der Borussia in der Verpflichtung von Julian Brandt ein echter Coup. Der erst 23-jährige Nationalspieler wurde in der Vergangenheit schon des öfteren mit dem Konkurrenten aus dem Süden in Verbindung gebracht. Dass er sich jetzt für einen Wechsel in Ruhrpott entschied kam überraschend und lässt sich als eine Kampferklärung in Richtung des FC Bayern München verstehen.

Diese untermauerte der BVB etwas weniger als einen Monat später, als die Borussia wie aus dem Nichts den Nationalspieler, Weltmeister, verlorenen Sohn und Identifikationsfigur Mats Hummels zurückholte. Dieser Wechsel löste ein unglaubliches mediales Echo aus. Bei den Bayern wird von einem gescheiterten Transferversuch nach dem Anderen berichtet und Witze über Hasan Salihamidzic gehören mittlerweile an die Tagesordnung, während der BVB die vielversprechendsten jungen Spieler der Bundesliga verpflichtet – zwei davon deutsche Nationalspieler auf die der FC Bayern erfahrungsgemäß besonders scharf sund – und zusätzlich noch gestandene Leistungsträger vom Rekordmeister abluchst.

Des Weiteren stießen mit Mateu Morey, der ablösefrei aus der Jugend des FC Barcelona kam, und Tobias Raschl, der als Kapitän Deutscher-A-Jugend-Meister wurde, zwei hochveranlagte 19-Jährige in den Profi-Kader des BVB, die in der Vorbereitung bereits ihre Qualitäten unter Beweis stellten.

Nico Schulz – die Lösung für die Linksverteidigerposition?

Mit der Verpflichtung von Nico Schulz nahm sich die Borussia der Baustelle an, die sich im Laufe der letzten Saison auf der linken Abwehrseite aufgetan hat. Marcel Schmelzer, der die Position Jahre lang beim BVB besetzte, spielt in den Planungen von Lucien Favre offensichtlich keine Rolle.

Der Schweizer versuchte alles, um den ehemaligen Kapitän nicht spielen zu lassen. Mit Achraf Hakimi schien man früh in der Saison die Opimalbesetzung für die Position gefunden zu haben. Je mehr das marokkanische Talent jedoch zum Einsatz kam, desto offensichtlicher wurden seine Schwächen. Anfangs beeindruckte die Leihgabe von Real Madrid noch mit seiner unvergleichlichen Athletik und Schnelligkeit, zudem öffnete er mit seinem starken rechten Fuß auf der linken Abwehrseite interessante Möglichkeiten für Lucien Favre.

Diese nutzte er, indem er Hakimi immer wieder Diagonal ins Zentrum des Gegners dribbeln ließ, wodurch der BVB teilweise eine unglaubliche Wucht entwickelte. Mit Blick auf sein Stellungsspiel, Abwehrverhalten und vor allem seine taktische Disziplin offenbarte er gegen sehr gute Gegner aber immer wieder Schwachstellen. Seine fehlende Konstanz wäre in einem langen Kampf um die Meisterschaft sicherlich problematisch geworden, wenn er als Stammkraft Woche für Woche einen Platz in den ersten Elf bekleiden müsste.

Auch Abdou Diallo, der als Innenverteidiger verpflichtet wurde aber 18 mal auf links zum Einsatz kam, zeigte sehr durchwachsene Leistungen auf dieser Position. Kleinere Patzer in der Defensive und ebenfalls fehlende Konstanz sind sicherlich darin zu begründen, dass er ein gelernter Innenverteidiger ist, aber auch auf dieser Position unterliefen dem Franzosen immer wieder kleinere Fehler.

Der letzte im Bunde, Raphael Guerreiro, bekleidete diese Position lediglich sechsmal. Favre sieht den Portugiesen lieber im Mittelfeld, egal ob auf der linken Seite oder im Zentrum, und Guerreiro fühlt sich in dieser Rolle auch deutlich wohler. Außerdem ist ein Guerreiro in Topform eine unglaubliche Waffe in der Offensivmaschine der Borussia.

Mit Nico Schulz hat man nun einen Spieler verpflichtet, der sich in der letzten Saison zum deutschen Nationalspieler entwickelt hat und einen großen Schritt in seiner Entwicklung genommen hat. Jahrelang galt der 26-Jährige als athletisch Weltklasse, aber mit mangelndem Defensivverhalten und ohne taktisches Gespür – also einem zweiten Hakimi. Während seiner Zeit in Hoffenheim ist Schulz nach eigener Aussage „taktisch enorm gereift“.

Auf dem Papier agierte er im Kraichgau häufig als Flügelverteidiger in einer 5er-Kette. Nagelsmann ist aber für seine taktische Flexibilität bekannt, oftmals stellt er während einer Partie mehrmals um, also sollte auch seine Rolle in der 4er-Kette der Borussia kein Problem für den Neuzugang darstellen. Seine größten Stärken sind sicherlich noch seine gewaltige Durchschlagskraft, seine beeindruckende Schnelligkeit und seine enorme Qualität als Vorlagengeber (10 Expected Assists in der letzten Saison – Platz zwei hinter Kimmich). Gepaart mit seiner neuen taktischen Reife und Disziplin sollte der BVB mit der Verpflichtung von Nico Schulz seine Planstelle links hinten in der Verteidigung nahezu bestmöglich besetzt haben.

Mehr Variabilität in der Offensive dank Thorgan Hazard

Nur wenige Tage nach der Verpflichtung von Nico Schulz gab der BVB mit dem Transfer von Thorgan Hazard den nächsten prominenten Neuzugang bekannt. Für Trainer Lucien Favre ist der Belgier kein Unbekannter. Zu seinen Zeiten bei Borussia Mönchengladbach entwickelte sich Hazard unter dem Schweizer zur Stammkraft bei den Fohlen.

Medienberichten zu Folge war das gute Verhältnis zwischen den beiden auch einer der Gründe, wieso der BVB Hazard verpflichtete und der Belgier sich für die Westfalen entschied. Bein Blick auf die traditionelle Statistiken fällt auf, dass Hazard neben seinem neuen Teamkollegen Jadon Sancho der einzige Spieler der abgelaufenen Bundesliga-Saison war, der einen zweistelligen Wert bei Toren und Assist aufweißt. Auch ansonsten hat das Spiel des Belgiers einige Parallelen zum Spiel des englischen Shootingstars. Letzte Saison in Gladbach wurde er primär auf dem linken Flügel eingesetzt, bekleidete aber auch den rechten Flügel 15 mal.

In den Jahren zuvor agierte er auch häufig als hängende Spitze in Gladbachs fast heilig wirkenden 4-4-2, welches Favre zu seiner Gladbacher Zeit etablierte und danach von zahlreichen Trainern übernommen wurde. Mit dieser enormen Flexibilität passt Hazard perfekt in die variable Offensive der Schwarz-gelben, die durch ständige Positionswechsel und fast beispielloser Explosivität im Umschaltmoment immer wieder für gefährliche Situationen sorgt. Genau in diesen Kontersituationen, die der BVB und viele andere Clubs phasenweise auch aus eigenem Ballbesitz heraus provoziert, ist Hazard am stärksten. Der Belgier ist durch seine technische Finesse enorm dribblefreudig und lässt seine Gegenspieler immer wieder mit kleineren Finten oder Körpertäuschungen stehen.

Wenn er auf der linken Seite zum Einsatz kommt, zieht er mit seinem starken rechten Fuß immer wieder nach Innen, was sehr gut mit dem vorhin vorgestellten Nico Schulz harmonieren könnte. Seine Dribblings schließt er dann häufig mit einem Schuss aus der zweiten Reihe, die bei Favre eher selten zu sehen sind, oder einem seiner tollen Steckpässe zu einem seiner durchstartenden Teamkollegen ab. Damit hat der BVB sein offensives Waffenarsenal mit der Verpflichtung von Thorgan Hazard nochmal mächtig aufgestockt.

Trotz der hohen Ablöse bleibt jedoch abzuwarten, ob der Belgier auf viele Einsatzminuten kommen wird, wenn man die Konkurrenz im Angriff der Dortmunder betrachtet. Wenn es dem Belgier allerdings gelingt an seine Form aus der Hinrunde der letzten Saison anzuknüpfen, hilft er nahezu jedem Team weiter.

Julian Brandt – der neue Hoffnungsträger

Noch in derselben Woche machte Michael Zorc seine Transferoffensive perfekt. Mit der Verpflichtung von Julian Brandt gelang dem Dortmunder Kaderplaner, dank einer Ausstiegsklausel im Vertrag des ehemaligen Leverkuseners, ein echtes Schnäppchen, für einen der vielversprechendsten jungen deutschen Spieler sowie ein herber Schlag in Richtung München, denn Brandt wurde in der Vergangenheit häufig mit einem Wechsel zum Rekordmeister in Verbindung gebracht. Schon seitdem

Julian Brandt aus der Jugend der Wolfsburger zu Bayer Leverkusen wechselte, lässt der deutsche Nationalspieler sein fast grenzenlos wirkendes Potential immer wieder aufblitzen. Ihm eilte oftmals der Ruf voraus, besonders inkonstant zu sein bzw. eine schlechte Körpersprache an den Tag zu legen, was manche Beobachter dazu verleitete, ihm mangelnde Einstellung vorzuwerfen. Dies ist aber sicherlich die Gruppe von Menschen, die ernsthaft behaupten, Mesut Özil sei ein schlechter Fußballer. Egal – realistisch betrachtet muss man sehr lange suchen um wirkliche Schwächen in Brandts Spiel mit Ball zu finden.

Der 23-Jährige hat ein unglaubliches Gefühl für den Ball. Er liest das Spiel wie kaum ein anderer Spieler in seinem Alter, findet mit Pässen und Dribblings immer wieder Räume, die sich noch gar nicht geöffnet haben und kreiert für seine Mannschaft im Alleingang Chancen (2,6 Key Passes pro Spiel in der letzten Saison – Platz zwei hinter Kerem Demirbay).

Früher wurde Brandt fast ausschließlich als Außenspieler eingesetzt, meist links, und nur ab und zu als zentraler Spieler hinter dem Stürmer benutzt. In der letzten Saison kam der neue Trainer der Leverkusener Peter Bosz auf die grandiose Idee, den Nationalspieler als Achter aufzustellen. Dort entfaltete Brandt trotz defensiver Schwächen sein komplettes Potential als pressingresistenter Spielmacher aus der Tiefe. Was ihn in dieser Rolle im Detail noch stärker macht als auf dem Flügel könnt Ihr hier genauer nachlesen.

Auf jeden Fall hat die Borussia in Julian Brandt einen der offensiv stärksten Spieler der Bundesliga verpflichtet, der maximal flexibel einsetzbar ist und in egal welcher Rolle sein Team auf ein neues Level heben kann, wenn er nur annähernd an seinen Leistungszenit herankommt. Er könnte eine Lösung auf Dortmunds Probleme zum Ende der letzten Saison sein, als die Borussen gegen besonders tiefstehende Gegner (z.B. das Spiel gegen Düsseldorf) enorme Probleme hatten sich gute Chancen herauszuspielen. Wo Favre Brandt genau einsetzten wird war in der Vorbereitung bisher noch nicht zu erkennen, seinen Platz in der ersten Elf wird der 23-Jährige aber mit Sicherheit finden.

Der wichtige Führungsspieler

Einige Wochen später platzte dann die Bombe, mit der Dortmunds Kriegerklärung in Richtung der Münchener endgültig perfekt war. Für 30 Mio. Euro holte der BVB den vor drei Jahren abgewanderten Mats Hummels zurück ins Westfalenstadion. Damit ergänzten die Schwarz-gelben ihren Kader um einen Führungsspieler mit unbestrittener Qualität, auch wenn er sicherlich schon etwas in die Jahre gekommen ist. Die größte, bekannteste und spektakulärste Stärke in Hummels Spiel ist sicherlich seine Spieleröffnung.

Der Weltmeister gehört zu den Innenverteidigern mit der besten Spieleröffnung der Welt. Von seiner halblinken Position in der Viererkette strahlt er eine unglaubliche Ruhe aus und bringt den Ball immer wieder in die vorderen Zonen (8,7 Pässe ins finale Drittel pro Spiel in der letzten Saison – Im Vergleich: Akanji: 5,3; Toprak: 3,5). Dabei ist es völlig egal, ob mit dem Außenrist, per Flugball oder mit einem Laserpass, seiner Passtechnik sind keine Grenzen gesetzt. Damit fungiert er oft als eine Art Spielmacher aus der Verteidigung, womit er Druck von den Sechsern nehmen kann, wenn diese eng gedeckt werden. Vielversprechende Pressingsituationen des Gegners kann er mit nur einem einzigen Pass zu Nichte machen.

Auch gegen den Ball ist Hummels Spiel nicht minder spektakulär. Selten wartet er auf seiner Position auf den Gegenspieler, um ihm den Ball abzuluchsen, vielmehr liebt es der 30-Jährige aus der 4er-Kette herauszurücken, die Situationen frühzeitig zu antizipieren und im Optimalfall auch zu entschärfen. Besonders in diesen Situationen merkt man dem neunen Abwehrchef seine schwindende Athletik an, welche noch nie zu den Stäken von Hummels gehörte, weswegen der Bilderbuch-Athlet Manuel Akanji nach etwas Eingewöhnugszeit zwischen den beiden die perfekte Ergänzung zum Neuzugang aus München darstellen könnte.

Zwar musste man durch diesen Transfer den Abgang von Abdou Diallo verschmerzen, Hummels ist jedoch zu diesem Zeitpunkt in fast allen Bereichen des Spiels eine Verbesserung im Vergleich zum Franzosen. Diallos Spielaufbau ist gut, der von Hummels aber nochmal besser, Hummels ist kopfball- und zweikampfstärker und hat ein deutlich besseres Timing beim Herausrücken aus der Abwehr. Allgemein sein Stellungsspiel wirkt deutlich routinierter und weniger fehleranfällig – vom Pokalspiel gegen Ürdingen mal abgesehen. Einzig in Sachen Geschwindigkeit ist Diallo Hummels deutlich überlegen. Schade nur, dass man die zwei vielleicht elegantesten Innenverteidiger der letzten Bundesliga-Saison nie gemeinsam auf dem Platz sehen wird.

Meisterliche tiefe im Kader

Nach den Transfers der Borussia, die man schon als Kampfansage in Richtung FC Bayern München verstehen kann, machte sich im Umfeld des BVB eine ungewohnt offensive und aggressive Haltung zum Thema Meisterschaft breit. In den letzten Jahren übten die Verantwortlichen und Spieler sich in guter alter Lucien-Favre-Manier in Understament und verleugneten, selbst als man neun Punkte Vorsprung auf die Konkurrenz hatte, noch ihre Ambitionen, die Schale mal wieder auf dem Borsigplatz zu präsentieren.

Nun, mit Blick auf die kommende Saison, schlagen die Schwarz-gelben einen anderen Weg ein. Die Ambitionen, den Kollegen aus dem Süden die Meisterschaft streitig zu machen werden offensiv formuliert. Neuzugang Julian Brandt gab sich bei seiner Vorstellung Angriffslustig: „Was wir am Ende wollen ist allen klar. Da muss man kein Geheimnis mehr draus machen“, so der 23-Jährige. Sogar Geschäftsführer Aki Watzke erklärte den Medien: „Wenn du nur zwei Punkte Rückstand hattest musst du dir große Ziele setzen und das haben wir getan!“ Damit ist die Marchroute für die kommende Spielzeit klar: Die Meisterschaft soll her.

Wenn man den Kader für den nächsten Saison auf dem Reisbrett betrachtet machen diese hohen, aber durchaus realistischen Ambitionen Sinn. Die abwanderwilligen, bzw. mittlerweile schon abgewanderten, Ömer Toprak, Shinji Kagawa und Maximilian Philipp mal ausgenommen, hat der BVB Stand jetzt einen Kader, der vor Nationalspielern und internationalen Talenten nur so strotzt und eine unglaubliche Tiefe aufweist.

Drei Torhüter, neun Verteidiger, zwölf Mittelfeldspieler und zwei Stürmer stellen Lucien Favre vor die enorm schwierige, aber sicherlich reizvolle Aufgabe, jede Woche eine beste Elf auf den Platz zu stellen. Diese 23 Spieler haben alle ihren Platz in der Mannschaft und andere Bundeligisten würden sich glücklich schätzen, Nummer 21, 22 oder 23 des BVB-Aufgebots in ihrem Kader zu haben. Zudem sind die meisten Spieler der Borussia – wie es Lucien Favre zu sagen pflegt – extrem polyvalent. Dadurch haben die Westfalen in der nächsten Saison auf jeder einzelnen Position mindestens drei sehr gute Alternativen, was den Coach oftmals vor die Qual der Wahl stellen wird.

Beispielhaft aufgeführt die am häufigsten genutzte Aufstellung des BVB aus der letzten Saison mit jeweils drei Alternativen. (Foto: soccerdrills.de)
Beispielhaft aufgeführt die am zweithäufigsten genutzte Aufstellung des BVB aus der letzten Saison mit jeweils drei Alternativen. (Foto: soccerdrills.de)

Letzte Saison hatte der Kader der Borussen nach dem enormen Verletzungspech noch einige Schwachstellen. Besonders die Defensive wurde oft als Problemkind gesehen. Nun hat man jedoch mit einer Transferoffensive versucht alle Schwachstellen auszubügeln – und dies auf beeindruckende Art und Weise geschafft. Einzig die Position in Sturm wäre bei einer Verletzung des einzigen gelernten Stürmers im Kader – Paco Alcacer – etwas dünn besetzt, mit Marco Reus, Mario Götze und Jacob Bruun Larsen sind jedoch auch dort genügend Alternativen im Kader, um dies zu kompensieren.

Auch die Innenverteidigung macht nach dem Abgang von Ömer Toprak, der eine tolle Vorbereitung spielte, einen etwas dünnen Eindruck. Mit Dan-Axel Zagadou und Leonardo Balerdi hat man jedoch zwei absolute Toptalente als Backups, mit deren Entwicklung man, wie aus Vereinskreisen zu hören ist, mehr als zufrieden sei. Zusätzlich hat Julian Weigl im letzten Jahr überraschend gute Leistungen als Innenverteidiger gezeigt. Auch wenn der 23-Jährige für die kommende Saison primär als Sechser eingeplant ist, wird er bei Bedarf sicherlich auch mal eine Position nach hinten rutschen.

Bei dem ganzen Lob an die gegenwärtige Qualität des Kaders, darf nicht außer Acht gelassen werden, dass sich die Borussia mit diesem und dem vergangenen Transfersommer ein aussichtsreiches Fundament für die Zukunft gelegt hat.

Im voraussichtlichen Kader der Schwarz-gelben befinden sich zehn Spieler, die 23 Jahre oder jünger sind und realistische Chancen auf Einsatzzeit haben, sieben davon sind sogar maximal 20 Jahre alt oder jünger (Unbehaun und Osterhage ausgenommen). Am anderen Ende des Spektrums befinden sich lediglich sechs Spieler im Kader, die über 28 Jahre alt sind – unter anderem Marcel Schmelzer und Marvin Hitz, die aller Voraussicht nach nur wenige Einsatzminuten in der nächsten Saison sehen werden. Damit ist es den Verantwortlichen von Borussia Dortmund, im Besonderen Michael Zorc, innerhalb von etwas mehr als einem Jahr gelungen, den im Juni 2018 angekündigten Neustart „abzuschließen“.

Es ist geglückt, eine Mannschaft zusammenzustellen, die mittlerweile fast als Favorit auf den Budesliga-Titel 2020 gilt, ohne dabei die Zukunft außer Acht zu lassen. Ganz im Gegenteil – im Vergleich zu der Truppe, die in der ersten Hälfte des Kalenderjahres 2018 auf den Platz schickte, wurde der Kader extrem verjüngt und mit zahlreichen Talenten aufgestockt.

Beobachtungen aus der Vorbereitung

Die Vorbereitung hätte für den BVB kaum besser laufen können. In einem Ausgeglichen Mix aus sehr starken Gegnern, wie Liverpool und Bayern, und nicht ganz so starken Gegnern, wie Seattle oder Udinese Calcio, entschied die Mannschaft von Lucien Favre jedes einzelne Spiel für sich. Vor allem personell hat der Schweizer in den zahlreichen Vorbereitungsspielen einiges getestet. Seine taktische Ausrichtung erinnerte aber in weiten Teilen an den BVB aus der letzten Saison, allerdings mit zusätzlichen Waffen, die in dem auf individuelle Klasse ausgelegtem System von Favre einen großen Unterschied machen können.

Der Coach der Borussia ist dafür bekannt, ungern Dinge über seinen taktischen Plan preiszugeben. Doch auch Favre lässt sich auf den Pressekonferenzen manchmal dazu verleiten, mit seiner lehrerhaften Art zu verraten, wie er sich seinen BVB auf dem Platz vorstellt. Zu Beginn der Vorbereitung schätzte der 61-Jährige sein Team wie folgt ein: „Wir haben ein Team, das sehr offensiv ist. Es gehört zu meiner Philosophie viel Ballbesitz zu haben, um den Gegner zu destabilisieren. Aber um den Titel zu holen, brachen wir eine gute Balance. (…) Wir müssen auf Top-Niveau verteidigen können.“ Was sich wie klassischer Favre-Ball anhört, spiegelt sich auch so in den Testspielen der Borussia wider. Trotzdem waren in den ersten Spielen der Dortmunder einige neue Muster zu erkennen, die das Team einen Schritt nach vorne bringen könnten.

Dortmund gegen den Ball nahezu unverändert

Gegen den Ball präsentierte der BVB sich nahezu identisch zur letzten Saison. Wie aus dem Zitat von Lucien Favre hervorgeht, steht die richtige Balance als oberstes Gebot über die Ausrichtung seines Teams. Eine kompakte Ordnung und ein verdichtetes Zentrum sind dem Schweizer wichtiger, als hohe Ballgewinne. Dies bedeutet jedoch nicht, dass der BVB gänzlich auf hohes Anlaufen verzichtet, besonders im Gegenpressing gewinnt der BVB, auch durch seine intensive Besetzung bzw. Überladung der Räume rund um den Ball im eigenen Ballbesitz, den Ball des Öfteren in strategisch wertvollen Räumen, eng am gegnerischen Tor. Aber eins nach dem Anderen.

Gegen den Ball – und vor allem gegen vermeintlich gleichstarke oder bessere Gegner – sieht die Ordnung des BVB wie im Supercup gegen den FC Bayern aus. Ein sowohl in der Breite, sowie in der Tiefe sehr kompaktes 4-4-2 soll das gegnerische Team aus der Mitte des Spielfeldes fernhalten. Akribisch achtet der detailversessene Favre darauf, dass die die Abstände zwischen und innerhalb (in Optimalfall etwa acht Meter) der Ketten nicht zu groß werden, um die Ordnung beizubehalten und keine Räume in der Spielfeldmitte zu öffnen.

Das Ziel dieser Staffelung ist es, den Gegner zu zwingen über die Flügel anzugreifen. Marco Reus und Paco Alcacer lassen die Innenverteidiger des Gegners meist gewähren, versuchen aber den Sechserraum bestmöglich zu Sperren und den spielmachenden defensiven Mittelfeldspieler nicht in ihren Rücken kommen zu lassen – zumindest nicht mit Ball. Dadurch lassen sich viele der gegnerischen Sechser in die Innenverteidigung fallen, wie im Beispiel oben an Thiago zu sehen, wodurch der Gegner eine Anspielstatition weniger innerhalb der kompakten Ordnung der Borussen hat.

Diese ganz ähnliche Szene zeigt sehr gut, wie das Team von Lucien Favre ganz bewusst den Pass auf den Flügel zulässt. Guerreiro und Witsel versperren den Passweg zu dem im Halbraum lauernden Müller, Reus hält Thiago im Auge um den Pass ins Zentrum zu unterbinden und Paco sorgt dafür, dass eine schnelle Seitenverlagerung zu Boateng nicht möglich ist. Ziel dieser Ordnung ist es, den Gegner aus den interessanten Räumen in der Spielfeldmitte zu halten und ihn zu vielen Flanken zu zwingen, die nachweislich einer der ineffektivsten Aktionen im Fußball sind. Wie der BVB diese Flanken dann verteidigt, haben Thomas Broich und Jerome Polenz in einer Episode von „Talking Tactics“ auf DAZN sehr anschaulich erklärt.

Wenn der BVB dann phasenweise ins Pressing übergeht, ordnet sich die Mannschaft meist wie in der 17. Minute gegen den FC Bayern – der in dieser Szene sehr ungeordnet steht. Paco und Guerreio haben in diesem Beispiel die Positionen getauscht. Die beiden Stürmer, also in dieser Szene Reus und Guerreiro, versuchen den Passweg in die Mitte zu versperren und das Spielfeld für das angreifende Team damit drastisch zu verkleinern.

Aus der Mitte kommend soll von diesen beiden Spielern Druck auf den Ballführenden ausgeübt werden. Zur Hilfe eilt zusätzlich der ballnahe Flügelspieler, der den Passweg auf die Außenbahn schließen soll, sowie der ballnahe Sechser, der in Pressingmomenten der Borussia immer unterstützend aufrückt. Den Raum, den er durch diese Aufrückbewegung freigibt, soll von dem ballfernen Sechser geschlossen werden, indem er sich gestaffelt hinter ihm positioniert.

Das Pressing in der Szene veranschaulicht die Muster im Pressing des BVB sehr gut, ist aber sehr untypisch für Lucien Favre, da der auf Sicherheit bedachte Schweizer sechs Spieler des Gegners nur selten mit sechs seiner eigenen Spieler presst. Wenn Kimmich mit einem langen Ball einen Mitspieler findet, würde der BVB in eine 4-gegen-4-Situation geraten und somit potentiell in einen gefährlichen Konter laufen.

Die Borussia mit neun Waffen und kleinen Änderungen mit Ball

Im Spiel mit dem Ball hat der BVB in der vergangenen Saison am Anfang geglänzt, später aber besonder gegen sehr tiefstehende Gegner teilweise ideenlos gewirkt. Sie taten sich trotz langen Ballbesitzphasen oftmals schwer, sich vielversprechende Torchancen herauszuarbeiten. Um dieses Problem zu lösen hat Favre kleine Anpassungen vorgenommen.

Mit Julian Brandt, Mario Götze, Raphael Guerreiro, Thorgan Hazard und Jadon Sancho hat man nun eine große Auswahl an Spielern, die sich in engen Räumen wohlfühlen und die mit denen man, wenn sie in die richtige Situation gebracht werden, ein tiefes Abwehrbollwerk auseinandernehmen kann. Nach dem Spiel gegen Ürdingen lies Favre kurz durchblicken, wie er sich das Spiel seiner Mannschaft gegen tiefstehende Gegner vorstellt. „Wir müssen gegen tief stehende Gegner sehr breit spielen. Wir waren heute nicht top positioniert. In manchen Aktionen war es gut mit einigen Läufen in die Tiefe, nach der Pause war es besser“, so der Schweizer.

Wie der BVB diese Idee in der Praxis umsetzt, zeigt die Sezne aus der 37. Spielminute gegen Seattle. Sehr hoch stehende Außenverteidiger sollen für die von Favre angesprochene Breite sorgen. Diese, im Vergleich zur letzten Saison, höhere Positionierung der Außenverteidiger ist vor allem deswegen wichtig, weil die Außenmittelfeldspieler der Borussia (Sancho, Harzard, Guerreiro usw.) sich gerne in die Halbräume und sogar ins Zentrum fallen lassen, um ihre Kombinationsstärke in engen Räumen auszuspielen.

Dadurch ging in der letzten Saison sehr oft die Breite im Spiel mit Ball verloren, was es sehr kompakt stehenden Defensiven sehr einfach macht. Nun versucht man die Halbräume bzw. das Zentrum bewusst zu überladen, um den Gegner auf eine Seite zu locken. Dies wird dann, wie in der Szene oben zu sehen, mit einer diagonalen Spielverlagerung aufgelöst. Diese Spielverlagerung wird meistens durch einen Lauf in die Tiefe des ballfernen Flügelspielers initiiert (siehe Szene oben), der mit dieser Bewegung den gegnerischen Außenverteidiger in die Spielfeldmitte zieht und den Raum für den am Flügel durchstartenden Außenverteidiger öffnet.

Alternativ nutzt die Borussia diese ballnahen Überladungen der Halbräume, um die Gegner mit ihrer teils beeindruckende Kombinationsstärke auf engstem Raum zu knacken. Der auslösende Ball wird dabei oft von einem der Innenverteidiger oder der Sechser zu einem der entgegenkommenden Offensivspieler gespielt.

Besonders mit Mats Hummels wird man diese Art der Angriffe in der kommenden Saison vermehrt sehen, da er als eine Art Spielmacher aus der Tiefe neue Optionen für die Borussia eröffnet. Nach diesem Pass aus der Verteidigung heraus entwickelt sich dann oftmals ein Favre-typisches Tief-klatsch-tief Spiel. Paco lässt den Ball sofort auf den sich vom Gegenspieler lösenden Mo Dahoud klatschen, der dann im hohen Tempo auf die gegnerische Viererkette zudribbelt und somit eine Gleichzahl oder Überzahl kreiert, die der BVB mit seiner enormen Kombinationsstärke oftmals in Torchancen umwandelt.

Interessant: Diese Rolle wurde in der Vorbereitung teilweise von Julian Weigl bekleidet, der ungeahnte Qualitäten im Dribbling offenbarte und oftmals von seiner Position im defensiven Mittelfeld ins gegnerische Drittel stieß.

Wenn die Borussia ihr Spiel in Ruhe aufbauen kann, staffelt sich die Mannschaft häufig wie im Beispiel aus der 32. Minute gegen die Münchener. Die Außenverteidiger stehen nicht sonderlich hoch und beteiligen sich am Spielaufbau. Witsel lässt sich etwas fallen und initiiert mit Pässen in die Breite die Ballzirkulation, um den Gegner etwas zurückzudrängen, während Julian Weigl sich etwas höher positioniert. Die vier Offensivspieler Versuchen in dem Raum zwischen gegnerische Abwehrkette und dem generischen Mittelfeld für Gefahr zu sorgen.

Wenn der Ball dann einige mal von rechts nach links und umgekehrt zirkuliert ist, hat sich die Positionierung der Spieler oftmals nach folgendem Muster verändert: Witsel fungierte als linksseitig abkippender Sechser und übernahm eine ähnliche Rolle wie Toni Kroos bei Real Madrid. Damit erlaubt er Nico Schulz, sich extrem hoch zu positionieren, was zur Folge hat, dass der Flügelspieler des BVB sich wieder in den Halbraum bewegen kann, ohne dass die Breite in der Offensive verloren geht.

Auch die anderen Offensivspieler versuchen sich zwischen den Linien des Gegners so zu positionieren, um Anspielstationen nach vorne anzubieten. Weigl positioniert sich in seiner Lieblingsrolle als Ankersechser vor den beiden Innenverteidigern, in der er fast zu jedem Zeitpunkt des Spiels anspielbar ist und die Ballzirkulation der Borussia ständig am laufen hält. Lukasz Piszczek steht zu diesem Zeitpunkt des Aufbaus noch deutlich tiefer als sein Pendant auf der anderen Seite, um den BVB bei Ballverlust vor Kontern zu schützen, rückt aber ebenfalls auf, wenn sich die Chance auf eine diagonale Spielverlagerung bietet.

In einem extremen Beispiel wird die Ordnung des BVB im eigenen Ballbesitz hier noch einmal deutlich. Witsel kippt sehr weit auf die linke Seite ab und versucht von dieser Position das Spiel zu machen, während Weigl in seiner Rolle vor der Abwehr dauerhaft Anspielbar ist. Schulz schiebt extrem weit nach vorne und sorgt für maximale Breite.

Was in diesem Ausschnitt nicht zu sehen ist: Lukasz Piszczek positioniert sich auf der anderen Seite ähnlich breit. Damit erlauben die beiden Außenverteidiger den vier Offensivspielern sich nahezu frei in den Räumen zwischen den Linien zu bewegen. Auch wenn die Raumaufteilung in dieser Szenen lange nicht perfekt ist, versucht der BVB den Ball in diese überladenen Räume zu bringen und ihre Angriffe dann häufig in Folge eines Tief-klatsch-Musters mit ihrer Kombinationsstärke auf engem Raum zu Chancen umzumünzen.

Oder, wenn der Gegner in Folge dieser Überladungen den ballnahen Raum schließt und kollektiv Richtung Spielgeschehen schiebt, die Situation mit einer Spielverlagerung aufzulösen und überfallartig über die ballferne Seite anzugreifen.

Die Weigl-Witsel-Dynamik und die Wichtigkeit Jule Weigls

In der letzten Saison setzte Lucien Favre fast ausschließlich auf die Doppelsechs aus Witsel und Delaney. Was gegen den Ball für Stabilität sorgte, offenbarte oftmals Probleme im Spiel mit Ball, da Delaney als Ballverteiler häufig ideenlos wirkte und technisch nicht auf Welklasseniveau mithalten kann.

Im Laufe der Vorbereitung zur kommenden Saison hat sich ein neues Duo auf den beiden Positionen im defensiven Mittelfeld gebildet – und zwar Julian Weigl gemeinsam mit Axel Witsel. Die in der letzten Saison noch fast toxisch (natürlich nur auf dem Platz) wirkende Paarung der beiden Spieler hat sich im Laufe der Testspiele sehr gute eingespielt und eröffnet dem BVB neue Optionen im eigenen Ballbesitz. Witsel spielt ganz ähnlich zur letzten Saison, kippt aber etwas häufiger nach links ab und öffnet somit den Raum vor der Abwehr für den passhungrigen Julian Weigl. Der 23-Jährige hat in der Vorbereitung einen exzellenten Eindruck hinterlassen und wirkt wie eine Art Motor, der die Offensive der Dortmunder ununterbrochen am Laufen hält.

Um sich mit Witsel nicht auf den Füßen zu stehen, hat der deutsche Nationalspieler seinem Spiel ein neues Element hinzugefügt: Er positioniert sich in bestimmten Phasen des Spiels deutlich höher als sein belgischer Kollege und fungiert, im Gegensatz zu früher, nicht mehr als reiner Ballverteiler und Absicherung vor der Abwehr, sondern stößt teilweise mit ins gegnerische Drittel, während Witsel dann die Rolle als Absicherung vor der Abwehr übernimmt.

Insgesamt wirken die beiden Sechser sehr harmonisch. Beide holen sich den Ball von Zeit zu Zeit sehr tief ab, Witsel häufiger als Weigl, aber beide Wissen sich auch clever in anderen Räumen zu positionieren, wenn ihr Kollege die Rolle als tiefer Spielmacher übernimmt. Witsel schiebt in diesen Situationen meistens nach links und erlaubt damit Nico Schulz eine sehr hohe Position einzunehmen. Während Weigl in solchen Situationen oftmals nach vorne ausweicht und versucht als Verbindungsspieler zwischen Offensive und Defensive zu fungieren.

Am nützlichsten ist Julian Weigl allerdings nach wie vor in seiner Rolle als Spielmacher und Strukturgeber aus der Tiefe. Dadurch, dass sich sowohl Witsel als auch Weigl extrem geschickt zu positionieren wissen und dadurch ständig anspielbar sind, wird es in der nächsten Saison extrem schwer werden, den BVB effektiv und gleichzeitig hoch anzupressen.

Zudem ist vor allem Witsel, aber auch Weigl, mit dem Ball am Fuß extrem pressingresistent. Witsel eher dadurch, dass er seinen massiven Körper unglaublich gut einzusetzen weiß um den Ball abzuschirmen, Weigl durch seine sehr gute Orientierung auf dem Platz, durch ständige Schulterblicke wird er vom Gegner so gut wie nie auf dem falschen Fuß erwischt.

Diese Szene zeigt eine der großen Stärken von Julian Weigl und ein Muster, dass der BVB in der Vorbereitung häufiger genutzt hat. Durch seine überragende Übersicht erkennt der 23-Jährige Räume früher als alle anderen. Früher, unter Thomas Tuchel, hat man seine diagonalen Spielverlagerungen schon häufig dazu genutzt, um den Gegner mit einer gut getimten Verlagerung zu überlisten, wenn dieser zu stark ballorientiert verschiebt.

Auf dieses Element greifen die Schwarz-gelben nun wieder häufiger zurück. Vor allem Weigl und Schulz haben in diesen Situationen schon eine sehr fruchtbare Synergie entwickelt. Der Auslöser ist, ähnlich zur Verlagerung weiter oben, wieder der Außenmittelfeldspieler. Diesmal geht er aber nicht in die Tiefe, sondern kommt mit einem kurzen Antritt entgegen und versucht somit den Außenverteidiger des Gegners dazu zu zwingen, seine Position zu verlassen.

Schulz stößt dann mit einem energischen Antritt in den verweisten Raum auf dem Flügel und wird von Weigl mit einer butterweichen Spielverlagerung bedient. Damit hat der BVB eine simple, aber sehr schwierig zu verteidigende Lösung auf hoch pressende Gegner, die sehr stark dazu neigen, die Räume nah am Ball zu schließen.

Ein sehr ähnliches Muster wird von Borussia Dortmund auch dazu genutzt, Mannschaften zu knacken, die etwas kompakter stehen, was der FC Bayern hier versucht, es ihm aber nur sehr schlecht gelingt. Die Viererkette des Gegners soll dabei von den vier Offensivspielern der Borussia gebunden werden.

Der Außenmittelfeldspieler entblößt die ballferne Seite mit einem Lauf in die Tiefe oder, wie in dieser Szene, indem er sich im Halbraum für einen kurzen Pass in den Fuß anbietet. Schulz und Weigl erkennen die Situation und stellen den gegnerischen Außenverteidiger vor die Wahl, entweder den Spieler im Halbraum oder den durchstartenden Schulz laufen zu lassen.

Das Umschaltmonster Borussia Dortmund

Zu guter Letzt sollte man beim BVB wohl auf seine größte Stärke eingehen – sein Konter- bzw. Umschaltspiel. Als Lucien Favre die Mannschaft im vergangen Sommer übernahm sagt er: „Wir müssen auch kontern können, das ist wichtig. Eine Mannschaft, die nicht kontern kann, ist keine große Mannschaft.“ Diesen Worten ließ er Taten folgen. In der letzten Saison entwickelte sich seine Borussia schon zu einem wahren Umschaltmonster.

Mit unter anderem Reus und Sancho hatte man im letzten Jahr bereits das perfekte Personal in der Offensive, um seinen Gegner mit schnellen Kontern zu überrennen. Dies war auch einer der Hauptgründe, wieso der BVB in der vergangen Hinrunde so furios durch die Liga pflügte. Diese Qualität scheint man in der letzten Saison perfektioniert zu haben. Im Supercup gegen Bayern war diese Konterstärke über weite Phasen des Spiels zu sehen.

Sobald die Borussia den Ball gewonnen hat und der Gegner weit aufgerückt war, starteten mindestens zwei Offensivspieler mit vollem Tempo und ohne zu zögern in die Tiefe. Der Spieler, der den Ball eroberte, bediente seine startenden Kollegen umgehend oder dribbelt in vollem Tempo auf die gegnerische Abwehrreihe zu. Diese vertikalen Läufe, wie Szene gegen Liverpool zeigt, versucht der BVB dann mit Steckpässen durch die Abwehrreihe des Gegners zu bestrafen.

Diese Momente versuchen Favres Dortmunder aber nicht nur aus dem gegnerischen Ballbesitz zu kreieren, sondern auch aus eigenen Ballbesitzphasen will der BVB seine Vollgasoffensive ins Rollen bringen. Häufig entstehen diese Momente entweder, wenn der Gegner hoch anläuft, stark auf eine Seite schiebt und der BVB die Situation mit einer ihrer diagonalen Spielverlagerungen löst, oder wenn einer der Innenverteidiger einen Pass in die Tiefe auf den Stürmer spielt, und dieser den Ball dann auf einen der nachrückenden Spieler klatschen lässt. In Folge dessen starten die Angreifer der Borussen in den Raum hinter der Abwehr, um per Pass durch die Gasse zu Torchancen zu kommen. Dies wirkt dann oftmals wie eine Art Konter aus eigenem Ballbesitz heraus.

Fazit

In der vergangenen Saison war der BVB nur einen Schritt von der Meisterschaft entfernt. Die größten Probleme waren, wie vor allem die Rückrunde offenbarte, die wackelig wirkende Hintermannschaft und die mangelnde Kreativität gegen tiefstehende Gegner. Vor allem Zweites sollte in der kommende Saison kein allzu großes Problem mehr für den BVB darstellen. Mit der neu formierten Doppelsechs aus Witsel und Weigl läuft der Ball in der Offensive deutlich flüssiger und schneller. Zusätzlich wird Mats Hummels mit seinen feinen Pässen aus der Innenverteidigung heraus immer wieder Lücken im gegnerischen Abwehrverbund reißen, die dann von der kombinationsstarken und unglaublichen kreativen Offensivabteilung um Reus, Götze, Sancho, Harzard, Brandt, Guerreiro und Co. zu Chancen umgemünzt werden.

Ob die Probleme in der Abwehr gelöst werden, hinterlässt jedoch auch nach der Vorbereitung noch ein Fragezeichen. Taktisch verhält sich der BVB in der Defensive nahezu Identisch zu letzter Saison, personell hat sich jedoch einiges geändert. Schulz macht bisher einen guten Eindruck und wirkt trotz seiner offensiven Spielweise auch im Spiel gegen den Ball mehr als solide. Auf der anderen Seite ist Lukasz Piszczek schon seit Jahren ein Sicherheitsfaktor, um den man sich trotz seiner noch wackeligen Verfassung keine Sorgen machen sollte. Auch die Doppelsechs aus Weigl und Witsel wirkt gegen den Ball stabil, Gedanken könnte man sich jedoch aufgrund der Innenverteidigung machen. Vor allem das Spiel gegen Uerdingen bestätigte die Eindrücke aus der Vorbereitung, dass sowohl Hummels als auch Akanji noch nicht in Topform sind und den beiden immer wieder Fehler unterlaufen. Wenn sie jedoch an ihre Topform aus der letzten Saison anknüpfen, Akanji an seine Hinrunde, Hummels an seine Rückrunde, sollte der BVB sehr gute Chancen darauf haben, die Schale endlich wieder auf dem Borsigplatz präsentieren zu dürfen.

Please follow and like us:
error0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.