Komplexität im Fußball – Der Mensch als dynamisches System

“I think the next century will be the century of complexity”

Stephen Hawking

“Fußball durch Fußball” – diesen Grundsatz mögen die ein oder anderen schon gehört haben. Was ist aber nun an jenem dran? Wie soll demnach die Kondition trainiert werden? Wie sollen Kinder oder auch Erwachsene lernen mit Ihrem Körper umzugehen, wenn nicht durch das wiederholte Laufen durch eine Koordinationsleiter? Wie soll der Ball beherrscht werden, wenn nicht durch einschleifendes hin und her passen ohne jeglichen Druckbedingungen?

Versuchen wir noch einen Schritt vorher anzufangen. Vorauf stützt sich die Theorie des „Fußball durch Fußball“ überhaupt? Die Antwort darauf lautet: Der Mensch als nichtlineares dynamisches System.

Der Mensch als Maschine

Seit Descartes (René Descartes war ein französischer Philosoph, Mathematiker und Naturwissenschaftler.) beschäftigt sich die Wissenschaft damit, Wissen zu generieren und das Verhalten von Phänomenen zu untersuchen, indem bestimmte Bereiche in unterteilt werden. Diese Fragmentierung verlagerte sich in die akademische Welt und schuf Studienfelder, in denen jeweils nur ein Teil der Fakten behandelt wurde.

Dies ist der Ursprung dessen, was wir heute als Physiologie, Biochemie, Anatomie usw. kennen: Disziplinen, die sich auf die Untersuchung spezifischer Phänomene spezialisiert haben. So auch geschehen beim Menschen und damit die Behandlung dessen als Maschine mit vielen Teilen.

Im Rahmen eines mechanistischen Weltbildes, also bei der der Mensch als Maschine betrachtet wird, spielen Wechselbeziehungen zwischen den Einzelteilen zueinander keine große Rolle. Systeme werden aufgefasst als einfache Summe ihrer Einzelteile (siehe Abbildung 1.0). Das Erfolgsgeheimnis der modernen Naturwissenschaften war es nämlich, davon auszugehen, dass sich komplexe Systeme verstehen lassen, wenn man jeweils einzeln die Beziehung zwischen den Elementen eines Systems kennt.

Leichter gesagt: Ich weiß was Teil A, B, C des Körpers kann, daher verstehe ich den ganzen Körper. Oder auf den Fußball umgelegt, dann steht A für die Technik, B für die Kondition und C für die Taktik. (Beispiel)

Abbildung 1.0

Demnach müsste aber, sofern wir alle Teile eines ganzen kennen, der Ausgang bzw. das Endprodukt vorhersehbar sein. Die weitere Schlussfolgerung daraus wäre, dass auch ein Fußballspiel vorhersehbar ist bzw. dessen Ausgang, wenn wir nur alles davon wüssten. Wie wir jedoch alle wissen, ist genau das nicht der Fall, weil es einfach zu viele Variablen gibt, die ein Spiel beeinflussen.

Phänomene wie zufällige Ereignisse und unvorhersehbare Komplexität (Fußball) werden daher verstanden als ein Fehlen von Wissen. Hier erscheint Komplexität, Kreativität, Freiheit etc. nur als eine Illusion und als ein Fehlen von Wissen, wenn auch mit der nicht von der Hand zu weisender Begründung, dass dieses Wissen vielleicht niemals zu erlangen sein wird. Werden wir jemals das ganze Spiel verstehen?

Wie ist diese Anschauung nun auf den Fußball zu übertragen?

Abbildung 1.1

Vereinfacht und gleichzeitig verdeutlicht soll es durch die oben gezeigte Grafik werden (Abbildung 1.1). Der wohl ursprünglichste Ansatz, der erklären soll, wie der Fußball funktioniert. Wir werden im weiteren Verlauf des Artikels auf eine modernere Anschauung eingehen. Für den jetzigen Moment soll uns aber diese Ansicht helfen, den mechanistischen Blickwinkel auf den Fußball leichter zu verstehen.

Im Grunde geht es darum, dass man eines dieser Tortenstücke im Training isoliert trainiert und dann erwartet, dass die Gesamtleistung dementsprechend steigt. Von einem homogenen Wachstum kann natürlich nicht die Rede sein. Die Spieler sind also in Laufeinheiten ohne Ball konditionell trainiert worden. Durch die bessere Ausdauer erhoffte man sich, länger im Spiel Leistung zu bringen bzw. konditionell nicht nachzulassen.  Wie es in der mechanistischen Welt eben so ist, hat man versucht etwas sehr zu vereinfachen, ohne dabei den Bezug zum eigentlichen Geschehen herzustellen.

Um im Beispiel des Konditionstrainings zu bleiben, sei folgendes angemerkt und soll zum Nachdenken anregen: Noch viel zu oft richtet sich Konditionstraining nur auf die Muskulatur. Muskeln sind jedoch die Sklaven des Gehirns. Muskeln selbst lernen nicht. Es ist das Gehirn, das lernt.

Um Fußballspielen zu lernen und dabei fußballerische Fähigkeiten zu entwickeln, darf das Fußballspielen nicht auf Bewegungen oder Technik reduziert werden. Es muss auf den Zweck des Bewegens, nämlich auf das Realisieren von Fußballzielen ausgerichtet sein. Wenn ein Spieler weiß, welche Absichten mit dem Lösen von Fußballsituationen verbunden sind, steuert das Gehirn die Muskeln. Gibt es bereits viele Erfahrungen für eine bestimmte Situation, wird die Entscheidung schneller fallen.

Als zweites Beispiel möchte ich auf das Kuchenstück Technik eingehen. Wir alle kennen sie die Passübung bei der A zu B passt, B nimmt den Ball mit und spielt zu C. C wiederum schließt den Kreis und dribbelt oder passt zu A. Beim eigentlichen Pass soll dann auch noch darauf geachtet werden, dass die Fußspitze nach außen zeigt und schön durchschwingen nach dem Pass.

Wir betrachten also den Fußball wieder isoliert und lassen den Kopf außen vor. Wir erwarten uns wieder beim Einsetzen des Kuchenstückes eine verbesserte Gesamtleistung, ohne den Bezug zum eigentlichen Spiel herzustellen. Man vergisst dabei die Variablen (Boden, Positionierung, Zuspielstärke, etc.), die im Fußball entstehen, wodurch es keine perfekte Technik geben kann.

Fußball ist und bleibt ein Erfolgssport bei dem es im Grunde egal ist, wie die Technik ausgeführt wird, wenn vorher bestimmte Handlungen korrekt ablaufen und diese laufen vor allem in unserem Kopf ab. Mithilfe von isoliertem Training wird versucht die Variablen auszuschalten. Dieser Grundgedanke mag lieb und nett sein, jedoch ist dies einfach nicht möglich und es geht auf Kosten von anderen Bereichen im Fußball, die genauso ihren Anteil haben. Man geht leider auch noch immer davon aus, dass mehr Training immer gleich mehr Erfolg ist.  

Frei nach dem Motto, dass ein Spieler, der stundenlang den Ball gegen eine Mauer passt, besser wird. Die Frage, die sich nun stellt ist jedoch, ob es nicht vorrangig auf die Qualität ankommt und ob diese über einen derartigen Zeitraum hochgehalten werden kann. Siehe dazu folgendes Video:

Die Theorie nichtlinearer dynamischer Systeme

Es lässt sich an vielen Beispielen zeigen, dass die Annahme eines einfachen mechanistischen Weltbildes, welches Systeme als nichts anderes sieht als die Summe ihrer Einzelteile, nicht zutrifft. Bereits bei 3 Variablen kann über einen längeren Zeitraum das Endprodukt nicht hervorgesagt werden und wir haben im Fußball bedeutend mehr Variablen, die eine Rolle spielen. Weder kann ich den Erfolg einer immer gleich ausgeführten Ballannahme noch das Endergebnis eines Spiels vorhersagen.

Ein System wird als eine Einheit angesehen, die aus Elementen besteht, die die Bausteine des Systems bilden. Die Beziehungen, die zwischen ihnen und ihrer Umgebung hergestellt werden, sind Gegenstand der Analyse der Theorie nichtlinearer dynamischer Systeme. In diesem Fall werden einzelne Systeme und Bausteine so betrachtet, dass sie jeweils eine Wechselwirkung aufeinander haben (siehe Abbildung 1.2).

dynamisches System
Abbildung 1.2

Das Grundprinzip der Theorie wirft die Frage auf, ob es ausreicht, wenn man sich nur eine Komponente herausnimmt und trainiert, oder ob diese dann ganz anders reagiert, wenn man sie wieder zusammensetzt und durch die anderen ergänzt. Ergo würde das bedeuten, dass eine isolierte Technik nicht die gleiche ist, wie sie im Spiel vorkommt. Es würde bedeuten, dass eine Grundlagenausdauer nicht die gleiche ist, wie sie im Spiel vorkommt. Es würde bedeuten, dass die Koordination, die beim über die Leiter laufen angestrebt wird, nicht die gleiche ist, wie sie im Spiel vorkommt.

In der Theorie nicht linearer dynamischer Systeme (Mensch) ist das Ganze mehr als die Summe der Einzelteile. Oder wie in Abbildung 1.2 dargestellt: A+B+C = ABC & D. Eingeführt in die Welt des Fußballtrainings entstehen so methodische Vorschläge, bei denen die Übung kontextualisiert und somit eng mit dem Spiel verknüpft wird.

In nichtlinearen Beziehungen führt jede Anpassung einer Variablen zu radikalen Änderungen der Reaktionen oder des Verhaltens. Demnach passt sich der Körper bzw. vor allem das Gehirn immer an die Situationen die gerade vorherrscht an.

Der Lernfortschritt entsteht nicht durch die Beherrschung der Technik, sondern durch die Erfindung neuer Bewegungskonfigurationen. Der Körper organisiert sich selbst.

Der Spieler wird also als Ganzes betrachtet und in dieser Betrachtungsweise haben die Einzelteile mehr Eigenschaften aufzuweisen, als wenn man diese isoliert betrachtet hätten. Ihr Leistungsniveau ist nicht stabil. Dieselben Niveaus werden nicht für lange Zeiträume aufrechterhalten, sondern verringern sich oder variieren zu bestimmten Zeiten auf unvorhersehbare Weise.

Die Variablen, welche bei der materialistischen Ansicht noch reduziert bzw. komplett verhindert werden sollten, werden nun als Notwendigkeit betrachtet, damit sich das Gehirn selbst organisieren kann. Damit ist auch gleich ein Ansatz für die Trainingsmethodik geboten. Die Spieler sollen jedes Training in Situationen gebracht werden, in denen Sie Spielsituationen möglichst nah erleben können und mit den vorherrschenden Variablen umgehen lernen.

Folgend wäre dann auch das differenzielle Lernen von Dr. Schöllhorn in Betracht zu ziehen. Hierbei werden bewusst zusätzliche Störfaktoren eingebaut wie unterschiedliche Bälle und Platzverhältnisse.  Natürlich ist es wichtig, dabei immer im Kontext mit dem eigentlichen Spiel zu bleiben – mit dem Ball am Fuß und Druckbedingungen die Raum & Zeit verändern.

Fußball ist ein Sport der Aktionen

Versuchen wir nun weiter den Bezug zum Fußball herzustellen und damit auch zur passenden Trainingsmethodik. Nehmen wir uns als Beispiel wieder das Passspiel und fragen uns, was vor der eigentlichen Ausführung alles passiert. Die Schaltzentrale hierbei und das wichtigste im Fußball ist wieder unser Gehirn.

„Technique is not being able to juggle a ball 1000 times. Anyone can do that by practicing. Then you can work in the circus. Technique is passing the ball with one touch, with the right speed, at the right foot of your team mate.”

Johan Cruyff
dynamisches System
Abbildung 1.3 – aus dem Artikel: An Approach To Coaching Football (Part 1)

Die Abbildung 1.3 beschreibt sehr gut und noch immer vereinfacht, welche Variablen einen Spieler beeinflussen. Und hier sei nochmal die Frage erlaubt: Wieso etwas isoliert trainieren? Der in Abbildung 1.3. beschrieben Ablauf passiert im Spiel pro Spieler unzählige Male und wieder beeinflusst sich alles gegenseitig.

Ein Artikel ist definitiv zu wenig, um alle Hintergründe und Infos zu liefern. Es stellt sich schon eine gewisse Zufriedenheit ein, wenn ein Überblick geliefert wird und vor allem zu eigenständigem Interesse angeregt wird. Zum Abschluss gibt es noch die ein oder andere Literaturempfehlung:

  • Complex Football: From Seirul·lo´s Structured Training to Frade´s Tactical Periodisation Taschenbuch – 6. Oktober 2015 von Javier Mallo (Autor)
  • What is Tactical Periodization? Taschenbuch – 12. April 2015 von Xavier Tamarit  (Autor)
  • Football Periodisation Part1 2014 by World Football Academy BV von Raymond Verheijen

Wenn du mehr zum Thema Training und Spielformen erfahren willst, dann geht es hier entlang -> 
https://thefalsefullback.de/spielformen-fuer-dein-fussballtraining/

Außerdem findest du unser kostenloses Trainingsmagazin hier:https://thefalsefullback.de/2019/06/11/thefalsefullback-magazin-1/

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3 Kommentare

  1. Bonjour Mr Tobias,
    Je me retrouve vraiment en tant qu’qu’éducateur sur les analyses et commentaires,par la traduction de l’allemand en français.
    Mon seul souhait serait d’avoir le livre de René et Marco traduit en français.
    J’avoue ,dans le cas échéant de me contenter des commentaires quotidiens du site..,néanmoins merci de votre éclairage.
    Cordialement.

  2. Meine Herren
    Ich bitte euch, solche relevanten Beiträge noch mehr zu lancieren. Es ist unglaublich spannend, da man mehr über den Mensch versteht (Neurale Prozesse) und gleichzeitig das Niveau des Teams signifikant erhöht. Ihr habt sehr gute Beiträge, siehe auch den Beitrag mit der Routine….bitte weiter so! Viele Leute sind schon dran, Spielformen zu integrieren, aber es geht weit über das hinaus. Ihr bietet wissenschaftlich belegte Fakten die auch für Laien verständlich sind…Cheapau

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