Konditionelle Aspekte des 3 gegen 1

Der dritte und letzte Artikel zum Thema 3 gegen 1 soll sich mit den im Zuge dieser Trainingsform auf den Spieler einwirkenden Belastungsgrößen beschäftigen. Aufgrund der im Zuge aller Trainingseinheiten mittels LPM (Local Position Measurement) erhobenen Daten war es möglich, ein präzises Bild rund um das 3 gegen 1 zu zeichnen. Bevor Werte und Daten die Oberhand gewinnen, möchte ich den selbigen zugrunde liegenden Rahmen genauer definieren.

Die Untersuchung umfasste vier Trainingseinheiten wobei dieselben Spieler an selber Ort und Stelle denselben Rahmen vorfanden. U18-Spieler der AKA St. Pölten NÖ, höchste österreichische Nachwuchsspielklasse, agierten in einem 5 X 5 Meter großen Spielfeld. Insgesamt wurden achte verschiedene Trainingsformen, vier Spiel- und vier Übungsformen, durchgeführt.

Jede Trainingsform wurde vier Mal wiederholt um die Datenmenge in Summe zu maximieren. Ein Durchgang dauerte eine Minute, es folgte eine Minute Pause und eine nach jeder Trainingsform durchgeführte sieben minütige Serienpause. Innerhalb einer Trainingseinheit wurden zwei Serien geleistet. Neben Laufdistanzen und Herzfrequenzwerten, wurden auch Beschleunigungen (Acceleration) und Verzögerungen (Deceleration) ermittelt.

Die Trainingsformen im Überblick

Abbildung 1
Abbildung 2

Spielform und Übungsform

Während bei den durchgeführten Übungsformen die Ballbesitzphase im Vordergrund stand, konnte im Rahmen der Spielformen nach zehn erfolgreichen Pässen ein Torabschluss erzielt werden. Spiel- und Übungsform unterschieden sich demnach ausschließlich durch die bei der Spielform vorhanden zwei Minitore. Im Falle eines Ballgewinns des Defensivspielers, welcher sich die gesamte Minute in dieser Funktion befand, konnte selbiger dem Gegenpressing durch ein Dribbling außerhalb des Spielfeldes entgehen.

Obwohl sich die Rahmenbedingungen zwischen Spiel- und Übungsformen kaum unterscheiden, resultieren unabhängig von der Form des 3 gegen 1 massive konditionelle Disparitäten. Abbildung 3 visualisiert diese deutlich.

Abbildung 3

Es wird ersichtlich, dass sich sowohl die Laufdistanzen als auch die Herzfrequenzwerte in einer Spielform signifikant erhöhen. Dieses Phänomen kann vielfältige Gründe haben, fragt man jedoch die Spieler, so ist das veränderte Verhalten vor allem auf einen Faktor zurückzuführen: Spaß! Die Tore stellen nicht nur eine Notwendigkeit für den Erfolg dar, sie symbolisieren ein klares Ziel und schaffen damit erst die Möglichkeit für ein Erfolgserlebnis. Selbiges maximiert die intrinsische Motivation der Spieler und sorgt in weiterer Folge für die erforderliche Bereitschaft mehr zu investieren.

In diesem Zusammenhang ist jedoch Tor ungleich Tor. In einer fünften ergänzenden Trainingseinheit wurde mit Hütchentoren gearbeitet. Dies hatte zur Folge, dass die entsprechenden Spieler nicht einmal im Ansatz dieselben Werte erreichen konnten wie in den Durchgängen, in denen Minitore eingesetzt wurden. Im Gegenteil, die Werte lagen deutlich näher an den Übungsformen als an den Spielformen.

Die unvorteilhafte Reihenfolge

„Der Jüngste geht in die Mitte“ – ein Satz der Tag täglich mehrere tausend Male Anwendung findet. Was in Österreich charmant als „Hösche“ und in Deutschland wenig kreativ als „Kreis“ bezeichnet wird, ist traditionell der inoffizielle Start in ein Fußballtraining. Der Nervenkitzel welcher auf der Suche nach dem „Klapperl“ oder „Tunnel“ entsteht ist ebenso einzigartig, wie der euphorische Jubel aller Beteiligten nachdem jemand fündig wurde.

Doch welche konditionellen Faktoren sich dabei in den Mittelpunkt bewegen, bleibt nahezu flächendeckend unbeachtet. Es sind Faktoren welche, sollten sie nicht berücksichtigt werden, die eigentliche Leistung in Relation negativ beeinflussen und damit manipulativ wirken können. Konkret geht es um die Reihenfolge im 3 gegen 1, in der die Spieler ihre Defensivrolle einnehmen. Wie man sich vorstellen kann wird einem Defensivspieler innerhalb einer Minute einiges abverlangt, er wird in ausnahmslos jeder Trainingsform wesentlich intensiver belastet als das bei den Offensivspielern der Fall ist.

Während sich der Defensivspieler von einer nahezu maximalen Belastung, teilweise befanden sich die Spieler bei >96% ihrer maximalen Herzfrequenz, erholen muss, haben die Offensivspieler ebenso lange Zeit um sich von einer wesentlich minderintensiven Funktion zu regenerieren. Folglich startet der vorherige Defensivspieler in den kommenden Durchgang massiv vorbelastet. Daraus resultiert eine nur logische größere Fehleranfälligkeit welche, sollte sie in der Bewertung nicht berücksichtigt werden, zu Trugschlüssen seitens des Trainers führen kann.

In Abbildung 4 werden den Folgeschäden dieser Umstände präzise illustriert. Während beide Offensivspieler, welche bereits im Durchgang zuvor dieselbe Funktion innehatten, auf höchstens 82% ihrer maximalen Herzfrequenz kamen, durchschnittlich 1,4 Ballkontakte pro Spielaktion benötigten und 1,6 Fehlpässe pro Durchgang produzierten, zeichnen die Werte des vorhergehenden Defensivspielers ein ganz anderes Bild. Die unzureichende Erholungszeit lässt sein Herz um durchschnittliche 11% schneller schlagen, diese erhöhte Beanspruchung beeinträchtigt sämtliche kognitive Prozesse und es entsteht ein Teufelskreis. Der Spieler nimmt um 0,9 Kontakte mehr pro Ballaktion, gerät öfter unter Druck und produziert 0,9 Fehlpässe pro Minute mehr.

Abbildung 4

Konfrontiert mit dieser, nicht nur im 3 gegen 1 stattfindenden Problemstellung, ergeben sich mehrere Lösungsmöglichkeiten. Auf der einen Seite kann die Pause so gestaltet werden, dass sie auch für den Defensivspieler eine vollständige darstellt, dies würde jedoch die Wirksamkeit des Trainingsreizes für die bereits zu einem wesentlich früheren Zeitpunkt vollständig regenerierten Offensivspieler reduzieren. Eine weitere, sehr empfehlenswerte, Lösung ist die Übungsdurchführung mit einem fünften Spieler, dadurch hat der vorherige Defensivspieler ausreichend Zeit zur Regeneration und die im Vorfeld beschriebenen Folgeschäden werden verhindert.

Individualisierung vor Pauschalisierung

Die momentan intensiv stattfindende Forschung im Bereich der Kleinfeldspiele verfolgte das Ziel, grundsätzliche Annahmen aufzustellen, um die im Zuge einer Trainingseinheit stattfindenden Belastungsgrößen bereits im Vorfeld bestimmen zu können. Auf die Belastung eines Spielers folgen unzählige Möglichkeiten der Beanspruchung weshalb weniger von einer Bestimmung, als von einer wagen Prognose gesprochen werden kann.

Zwar versuchen Sportwissenschaftler weltweit Einflussfaktoren zu definieren um auf Basis dieser zu Pauschalisieren, doch bleibt im Rahmen dieser Prozesse das Individuum als solches nahezu gänzlich unberücksichtigt. Nicht nur die für diesen Artikel erhobenen Daten, sondern ausnahmslos alle zur Verfügung stehenden Werte sprechen eine eindeutige Sprache und deuten auf eine noch unberücksichtigte Problemstellung hin.

Eine Prognose ohne die Berücksichtigung des Individuums, des sich hinter den Datenmengen befindenden Menschen, ist nicht möglich. Jeder Spieler agiert in den unterschiedlichsten Funktionen anders, seinem Verhalten liegen unzählige Einflussfaktoren zu Grunde welche es ihm nicht erlauben seine Handlungen zu reproduzieren. Keine Aktion oder Reaktion gleicht der anderen, der Spieler an diesem Tag ist ein anderer Spieler an einem anderen Tag. Da sich bereits das Verhalten eines einzelnen Spielers fundamental verändern kann, sind Gegenüberstellungen zwischen zwei oder mehreren Spielern ohnehin unzulässig.

Abbildung 5 wurde bereits im zweiten Artikel zu diesem Thema verwendet, um die Schwierigkeit zu unterstreichen konkrete Verbindungen zwischen qualitativen und quantitativen Werten herzustellen. In diesem Kontext soll sie individuelle Interpretation einer im 1 v 1 + 2 (Spielform) stattfindenden Funktion verdeutlichen. „Spieler A“ und „Spieler B“ fungieren in dieser Trainingsform als Wandspieler und erzielen nahezu denselben taktischen Output, der signifikante Unterschied zwischen den beiden Spielern befindet sich in der absolvierten Distanz. Diese ist bei „Spieler A“ um 87,28% (!) höher. Zwar bedingt die von „Spieler B“ ausgehende geringere Aktivität den Umtrieb von „Spieler A“, dennoch füllen beide Spieler dieselbe Funktion, interpretieren diese jedoch komplett unterschiedlich.

Abbildung 5

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