Das Torschusstraining kreativer gestalten

Tore entscheiden ja bekanntlich Fußballspiele und somit ist die Chancenverwertung meist ein zentraler Faktor, der über Sieg, Unentschieden oder Niederlage bestimmt. Fans verehren Akteure wie Lionel Messi, Cristiano Ronaldo oder Robert Lewandowski, die scheinbar jede sich ihnen bietende Torchance in Zählbares umwandeln. Dadurch sind sie meist die gefeierten Spieler ihrer Mannschaften. 

Doch wie trainiert man mit seinen Spielern eigentlich den Torabschluss richtig? Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, werden wir zunächst analysieren wie Tore grundsätzlich erzielt werden. Dann werfen wir einen Blick auf die klassischen und häufig verwendeten Torschussübungen und anschließend werden einige Faktoren angeführt, welche man berücksichtigen sollte, um den Torabschluss spielnah zu trainieren sowie entsprechende Übungen beschreiben.

Wie und wo werden Tore erzielt?

Um den Torabschluss sinnvoll zu trainieren, muss man zunächst einmal wissen wie Tore zustande kommen beziehungsweise in welchen Situationen der Spieler die größte Chance hat, den Ball in die Maschen zu befördern.

Dafür werfen wir zunächst einen Blick auf vier der besten Torschützen der vergangenen Bundesligasaison, die jeweils die meisten Tore für ihre Mannschaft erzielen konnten. Es handelt sich um den bereits angesprochenen Lewandowski sowie Andrej Kramarić, Luka Jović und Timo Werner.

Diese vier Spieler haben in der vergangenen Saison zusammen unglaubliche 72 Tore geschossen. Nehmen wir nun die Freistoß- und Elfmetertore weg, da man diese getrennt sowie gezielt trainiert, und konzentrieren uns nur auf die aus dem Spiel heraus erzielten Tore. Dieser Wert liegt bei 62 und nun nehmen wir ebendiese genauer unter die Lupe.

Von diesen 62 resultierten 60 aus einem Torabschluss innerhalb des Strafraums und 49 wurden innerhalb der nachstehend markierten Zone erzielt. Somit ist klar, dass der Großteil der Tore aus einem Abschluss aus einer zentralen Position innerhalb des Strafraums resultiert.

Zudem war von diesen vier Spielern der polnische Stürmer des FC Bayern München der einzige der aus dem Spiel heraus einen Torerfolg nach einem Schuss aus einer Position außerhalb des Strafraums verbuchen konnte. Die restlichen drei Torjäger erzielten jedes ihrer Tore aus dem Spiel heraus innerhalb der Box.

Beim Blick auf die Insel zeigt sich ein ähnliches Bild. Wir analysieren nun vier Spieler, die jeweils die Toptorschützen ihres Teams waren. Sergio Agüero, Mohamed Salah, Harry Kane und Pierre-Emerick Aubameyang haben zusammen letzte Saison 82 Tore in der Premier League erzielt, wobei 69 aus dem Spiel heraus entstanden. Von diesen 69 resultierten wiederum nur sieben aus Schüssen außerhalb des Strafraums. Somit wurden 62 der insgesamt 82 Tore dieser vier Spieler innerhalb des Sechzehners erzielt. Zudem erfolgten 78.26%  der Schussversuch aus dem Spiel heraus, die zum Tor führten, innerhalb der oben  markierten Zone, die durch den Fünf-Meter-Raum und der Sechszehnerkante begrenzt ist.

Bei dieser kurzen Analyse der Topspieler der Bundesliga und der Premier League wurde ersichtlich, dass der Großteil der Tore aus einer zentralen Position innerhalb des Strafraums erzielt wird. Daraus lässt sich schließen, dass man beim Schusstraining die Spieler vor allem aus diesem Bereich abschließen lassen sollte.

Zudem stellt sich die Frage was benötigt wird, um Torchancen erfolgreich zu verwerten. Im Grunde genommen besteht der Torabschluss aus zwei wesentlichen Schritten: der Entscheidungsfindung und der Ausführung der getroffenen Entscheidung. 

Die Entscheidungsfindung wird am besten während Spielformen mit Torabschluss trainiert, da dabei die Spieler permanent neue Situationen vorfinden und nach der jeweiligen Ausführung lernen, ob ihre Entscheidung richtig oder falsch war. Wir konzentrieren uns im folgendem daher nur auf das Üben der tatsächlichen Ausführung des Torabschlusses.

Die klassischen Torschussübungen und ihre Tücken

Man kann die am häufigsten verwendeten Torschussübungen in zwei Gruppen einteilen. Zum einen jene Übungen, bei denen ein simpler Doppelpass mit dem Trainer oder einem Mitspieler erfolgt und dann der Torabschluss durchgeführt wird und zum anderen Übungen, welche aus komplexeren Passkombinationen mit anschließendem Abschluss bestehen.

Um diese beiden Arten von Übungen zu bewerten, muss zunächst klargestellt werden, dass ein gutes Torschusstraining zwei Aspekte berücksichtigt. Zum einen sollte der Torschuss innerhalb oder kurz vor dem Sechszehner erfolgen, da die Spieler im Match kaum aus einer größeren Distanz Tore erzielen wie die zuvor kurz beschriebene Analyse zeigt.

Des Weiteren ist wie bei jeder anderen Übung auch die Wiederholungszahl von großer Bedeutung. Je öfter ein gewisser Bewegungsablauf, in diesem Fall der Torabschluss, durchgeführt wird, desto größer ist die Entwicklung des entsprechenden Trainingsinhaltes. Also ist darauf zu achten, dass ein Durchlauf der Übung nicht zu lange dauert, damit die Wiederholungszahl des Torschusses pro Spieler groß ist.

Im nachstehenden Bild wird eine klassische Torschussübung dargestellt, bei der ein Doppelpass mit dem Trainer erfolgt und der Spieler dann abschließt. Der große Vorteil dieser Übung ist die Wiederholungszahl der Abschlüsse. Durch die kurze Dauer eines Durchlaufes haben die einzelnen Spieler eine große Anzahl an Schüssen. Allerdings ist darauf zu achten, dass der Torabschluss aus der bereits beschriebenen Distanz beziehungsweise Zone erfolgt. Der größte Nachteil dieser Übung ist, dass weder Zeit- noch Gegnerdruck herrscht and dadurch der Bezug zum Spiel sehr gering ist.     

Die zweite häufig verwendete Übungsform besteht aus einer Passstafette und am Ende ebendieser steht der Torabschluss. Dabei sind der Kreativität des Trainers grundsätzlich kaum Grenzen gesetzt, jedoch leidet je nach Art der Passkombination häufig die Wiederholungsanzahl der abgegebenen Torschüsse darunter. In der nachstehenden Grafik wird eine beispielhafte Übung dargestellt.

Man kann diesen Übungen jedoch nicht die Sinnhaftigkeit absprechen, da ja meist der eigentliche Fokus nicht auf dem Torschuss, sondern der Passkombination liegt, die einen gruppen- oder mannschaftstaktischen Schwerpunkt hat.

Somit haben diese Übungen durchaus ihren Lerneffekt, jedoch liegt dieser durch die mangelnde Anzahl der Wiederholungen nicht auf den Torabschluss. Daher sollte man im Anschluss an die Übung mit der Passstaffete noch eine Übung durchführen, bei der der Fokus auf dem Abschluss liegt. Doch wie können solche Übungen konkret aussehen?  

Spielnahen Torabschluss trainieren

Wie bereits angesprochen, sollten die Wiederholungszahl sowie die Distanz zum Tor die wichtigsten Faktoren beim Gestalten von Torschussübungen sein. Häufig ist die Anzahl der Wiederholungen das zentralere Problem, wenn man mit einer größeren Gruppe an Spielern am Trainingsplatz steht. Dabei ist es meist am sinnvollsten, wenn man die Spieler in verschiedene Gruppen aufteilt und auf mehrere Tore schießen lässt. Wenn man nicht genügend Tormänner zur Verfügung hat, platziert man einfach Stangen neben den Pfosten der Tore und ein Schuss ins Eck wird als Torerfolg gewertet.

Um den Ansporn zu erhöhen, kann man daraus einen kleinen Wettbewerb machen. Zum Beispiel baut man drei Stationen mit jeweils einem kurzen Dribblingparcour und anschließendem Torabschluss auf. Bei Station A und B sind Stangen im Tor und bei Station C befindet sich der Tormann im Kasten. Die Spieler werden in drei gleich große Gruppen aufgeteilt und auf die Stationen verteilt. Die Spieler dribbeln durch den Parcours, schießen und stellen sich dann bei der nächsten Station an. Für einen Treffer bei Station A und B erhalten die Spieler jeweils einen Punkt und bei Station C zwei Punkte. Nach einer bestimmten Zeit oder Anzahl an Wiederholungen wird angehalten und die Spieler vergleichen ihre Ergebnisse.

Der Grund für den kurzen Parcour vor dem Torabschluss ist, dass ein Spieler im Match niemals, ohne sich davor bewegt zu haben, plötzlich vor dem Tor eine Einschussmöglichkeit erhält. Entweder ist er in einem freien Raum gelaufen oder in die entsprechende Position gedribbelt. In beiden Fällen musste sich der Spieler vor dem Torabschluss, wenn auch nur kurz, körperlich anstrengen. Die Spieler sollen also auch im Training lernen, dass sie auch nach körperlicher Anstrengung einen präzisen und sauberen Schuss abgeben.       

Die oben genannte Übung berücksichtigt, dass die Wiederholungszahl möglichst groß sein sollte, und zudem werden die spielnahen Faktoren Schussposition als auch körperliche Belastung miteinbezogen. Allerdings werden zwei weitere spielnahen Aspekte kaum berücksichtigt: Zeit- und Gegnerdruck.

Jedoch hat es nun wenig Sinn, wenn man die Spieler 1gg1 oder 2gg2 auf ein Tor spielen lässt, da dabei nicht zu garantieren ist, dass sie jedes Mal zum Abschluss kommen wodurch wieder die Wiederholungszahl sinken würde. Wenn man nun hingegen zum Beispiel 1gg1 mit einem halbaktiven Verteidiger spielen lässt, kommt zwar der Angreifer immer unter einem gewissen Zeit- und Gegnerdruck zum Abschluss, aber die Trainingszeit des Verteidigers wird quasi verschwendet.

Statt den halbaktiven Verteidiger, kann man zum Beispiel in einer Zone vor dem Tor mit verschiedenen Hindernissen wie Dummies, Stangen und Hüttchen platzieren. Sobald der Spieler in das Feld dribbelt hat er eine gewisse Anzahl an Sekunden Zeit, um zum Abschluss zu kommen. Man kann hierbei wieder drei Stationen aufbauen und jede Zone anders gestalten, wodurch sich die Spieler nicht an ein Feld gewöhnen können. Der Ablauf und die Punktewertung bleiben wie bei der vorherigen Übung gleich.

Wichtig ist dabei wieder, dass zwischen dem Start der Station sowie der Abschlusszone eine gewisse Distanz liegt, damit die Spieler wieder eine kurze körperliche Belastung haben, bevor sie in die Schussposition kommen.

Hierbei hat der Trainer eine große Variationsmöglichkeit wie er die Abschlusszone gestaltet. Wenn ein größeres Trainerteam zu Verfügung steht, kann auch in einem Feld ein Co-Trainer als halbaktiver Gegenspieler agieren. 

Zusammenfassung    

So lange man die wichtigen Faktoren berücksichtigt und miteinbezieht, sind dem Trainer beim Entwerfen der Torschussübungen kaum Grenzen gesetzt. Zu diesen Aspekten zählen:

  • Die Distanz zum Tor beziehungsweise die Position der Abschlusszone, die zentral und innerhalb des Sechszehners oder an dessen Grenze sein sollte
  • Die große Wiederholungszahl
  • Körperliche Belastung vor dem Abschluss
  • Der Zeit- und Gegnerdruck, der den Spielern entsprechend angepasst wird

Wenn ein größeres Trainerteam zur Verfügung steht, macht es auch durchaus Sinn, die Mannschaft aufzuteilen und mit den Offensivspielern gezielt den spielnahen Torabschluss zu trainieren. Dabei gibt es zwei Vorteile: zum einen wird durch die kleine Gruppe die Wiederholungszahl in die Höhe geschraubt und zum anderen kann der Trainer leichter individuell coachen.

Abschließend lässt sich noch sagen, dass man speziell im Jugendbereich darauf achten sollte, dass man die Abschlusszone innerhalb des Sechszehners platziert, da die jungen Akteure meist noch nicht die Kraft besitzen, um jeden Ball aus 20 Metern gefährlich auf das Tor zu bringen und dies somit die Motivation und Freude am Spiel sinken lässt.

Tore machen vor allem jungen Fußballspielern sehr viel Spaß und entscheiden wie eingangs erwähnt am Ende des Tages über Sieg, Unentschieden oder Niederlage. Somit kann gezieltes und spielnahes Abschlusstraining sowohl Spaß in das Training bringen als auch die Akteure auf spielentscheidende Situationen vorbereiten.

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