Wie nutzt Barça Frenkie de Jong?

Der FC Barcelona überwies in diesem Sommer 75 Millionen Euro nach Amsterdam, um den 22 Jahre alten Frenkie de Jong von Ajax loszueisen. Die Ablösesumme kann durch Bonuszahlungen auf bis zu 85 Millionen Euro ansteigen. Der junge Niederländer ist der sechsteuerste Spieler, in der Vereinsgeschichte der Katalanen, wobei zudem außergewöhnlich ist, dass die fünf teureren Spieler Philippe Coutinho, Ousmane Dembélé, Antoine Griezmann, Neymar und Luis Suárez allesamt Offensivspieler sind und somit de Jong der wertvollste Mittelfeldmann ist.

Sowohl die Fans als auch die Verantwortlichen erwarten sich einiges vom neunmaligen Nationalspieler der Niederlande. Vor allem auf lange Sicht gesehen, soll de Jong eine feste Säule im zentralen Mittelfeld von Barcelona sein.

In dieser Analyse werfen wir einen Blick darauf wie de Jong letzte Saison für Ajax agierte, welche Rolle der junge Mittelfeldmann in den ersten drei Pflichtspielen der neuen Saison spielte und wie er in den kommenden Jahren eingesetzt werden könnte.

Die Vergangenheit – die letzte Saison bei Ajax

De Jong kam in der Saison 2017/18 für Ajax auf 22 Einsätze und 1558 Spielminutenminuten in der Eredivisie. In der letzten Spielzeit hingegen stand er bei 31 Partien beziehungsweise 2517 Minuten in der ersten niederländischen Liga für den Rekordmeister am Platz. Zudem verpasste er in nur das Champions League Spiel gegen den FC Bayern München in der Gruppenphase aufgrund einer Wadenverletzung und stand sonst immer in der Startformation in der Königsklasse. Daher werden wir uns nun hauptsächlich auf de Jongs Rolle unter Erik ten Hag in der letzten Saison konzentrieren.

Der Hauptstadtklub verwendete hauptsächlich ein 4-2-3-1 als Grundformation wobei der 22-Jährige in 29 der 31 Spiele in der Eredivisie als linker Part der Doppelsechs agierte. In den restlichen zwei Partien wurde er von ten Hag als Innenverteidiger aufgestellt beziehungsweise eingewechselt. In der Champions League bildete er im ersten Gruppenspiel gegen AEK Athen zusammen mit Daley Blind die Innenverteidigung, aber in seinen restlichen 10 Partien agierte er immer im defensiven Mittelfeld. Im nachstehenden Bild ist die Startelf von dem Achtelfinalrückspiel gegen Real Madrid abgebildet, das Ajax mit 4:1 gewinnen konnte. Diese Aufstellung wurde letzte Saison von Erik ten Hag am häufigsten gewählt.

Wie in der Fußballwelt bekannt ist, liegt der Fokus von Ajax auf Kurzpassspiel und Dominanz. Dabei sind vor allem die zentralen Mittelfeldspieler wie de Jong für diesen Spielstil extrem wichtig, da sie das Spiel lesen und lenken müssen. Er übernahm letzte Saison zusammen mit seinem Kollegen Lasse Schöne zumeist diese Aufgaben und sie waren zusammen mit den Innenverteidigern für den Spielaufbau verantwortlich.

Die große Qualität des jungen Niederländers setzt sich aus zwei zentralen Faktoren zusammen: seinen geistigen Fähigkeiten wie Übersicht, Ruhe und Spielverständnis sowie seiner Technik. Doch wie setzte er diese im vergangenen Jahr in Amsterdam ein?

Ajax verwendete während dem Spielaufbau meist eine Dreierkette. Diese wurde auf zwei verschiedene Arten kreiert. Je nachdem welcher der beiden Sechser sich fallen ließ, veränderte sich die Struktur ein wenig.

Meist fiel der junge Niederländer neben den linken Innenverteidiger, um die Dreierkette zu schaffen, während der linke Außenverteidiger sich höher positionierte. Normalerweise spielte Nicolás Tagliafico als Linksverteidiger, der sich sehr gerne in die Offensive einschaltet, wodurch ein perfektes Zusammenspiel mit de Jong entstand. Der Argentinier konnte sich nach vorne orientieren und der Mannschaft die nötige Breite bieten, da sich de Jong links fallen ließ und somit zugleich die Konterabsicherung auf dieser Seite übernahm. Wenn sich de Jong auf die linke Seite fallen ließ, um eine Dreierkette zu bilden, positionierte sich Schöne, der zweite Part der Doppelsechs, zentral davor, um diagonale Passwege zu schaffen.

Zudem lässt sich de Jong lieber neben den linken Innenverteidiger fallen, als zwischen die beiden zentralen Verteidiger, da er aus dieser Position leichter diagonale Pässe spielen und Dribblings starten kann. Er spielte vergangene Saison in der Eredivisie durchschnittlich 82,01 Pässe pro Spiel mit einer unglaublichen Erfolgsquote von 92,6%. Diese Zahlen sind ein Beleg für seine technischen Fähigkeiten.

Doch wer nun vermuten würde, dass diese Pässe nur Querpässe zu den beiden Innenverteidigern waren, der täuscht sich, denn 24,95 dieser Pässe waren erfolgreiche, vertikale oder diagonale Pässe, die somit auch einen vertikalen Raumgewinn mit sich brachten. Zudem spielte er pro Spiel durchschnittlich 12,66 Pässe, die im Angriffsdrittel ihren Empfänger fanden.

Der zweite Weg war, dass sich der erfahrene Schöne zwischen den beiden Innenverteidigern positionierte, die dann breiter standen. In diesem Fall war es de Jong, der die zentrale Position vor der Abwehr besetzte und somit wieder die gleiche Staffelung erzeugte, die im nachstehenden Bild dargestellt ist.        

Für das Angriffsspiel im letzten Drittel waren de Jong und Schöne kaum verantwortlich, da Ajax mit Hakim Ziyech, David Neres, Dušan Tadić und Donny van de Beek vorne ein enormes Aufgebot an individueller Qualität hatte. Ihre Aufgabe war es wie bereits erwähnt, das Spiel zu lenken, den Spielaufbau zu dirigieren sowie die Offensivspieler im Pressing und Gegenpressing unterstützen.

Um eine Partie so zu dominieren, wie es Amsterdam in der letzten Saison in der heimischen Liga und in der Champions League häufig gemacht hat, benötigt man neben einer guten Ballzirkulation auch noch Methoden, um den Ball schnellstmöglich zurückzuerobern und somit den Gegner nicht zur Entfaltung kommen zu lassen. Erik ten Hags Team verwendete dafür sowohl ein hohes Angriffspressing als auch ein Gegenpressing.

Dabei ist der wichtigste mannschaftstaktische Punkt, dass die gesamte Truppe gemeinsam nach vorne schiebt, um Löcher zwischen den einzelnen Mannschaftsteilen zu vermeiden. Da Ajax zumeist den Gegner bereits in dessen Defensivdrittel unter Druck setzte, war es selten de Jong, der den Ball eroberte. Jedoch war es von höchster Bedeutung, dass die beiden defensiven Mittelfeldspieler und die Viererkette von hinten herausschoben, um die vertikale Kompaktheit zu erhalten, wie im nachstehenden Beispiel zu erkennen ist.

Mit diesem aggressiven Verteidigungsverhalten, dem hohen Attackieren und dem sofortigen Nachsetzen nach Ballverlust brachte man selbst große europäische Schwergewichte wie Real Madrid, Juventus Turin oder Bayern München ins Wanken oder sogar zum Fall. 

Die Gegenwart – die ersten drei Spiele für Barcelona

Da der Spielstil von Ajax mit jenem der Katalanen zu vergleichen ist, war dieser Transfer natürlich sehr sinnvoll aus der Sicht des FC Barcelona. Beide Teams setzen auf einen geordneten und ruhigen Spielaufbau mit kurzen Pässen und kombinieren diesen mit dem Pressing beziehungsweise Gegenpressing, um das Spiel zu dominieren. Somit war auf den ersten Blick klar, dass de Jong sich sofort zurechtfinden sollte. Jedoch wurde dabei häufig vernachlässigt, dass zwar die Grundideen ähnlich sind, jedoch deren Umsetzung nicht dieselbe ist. Zudem ist der defensive Mittelfeldmann erst 22 Jahre alt, weshalb er sowieso einige Zeit benötigen wird, um sich vollständig zu akklimatisieren.

Es war klar, dass er nicht vom ersten Spieltag an ausschließlich Topleistungen zeigen wird, weshalb wir uns nicht auf seine Leistung konzentrieren, sondern viel mehr darauf welche Rolle er am Platz bisher einnahm.

Barcelona konnte in den ersten drei Spielen dieser LaLigasaison nur vier Punkte holen. Gegen Athletic Bilbao kassieret man in der 89. Minuten das 1:0 durch einen wunderschönen Treffer von Aritz Aduriz und verlor somit das Auftaktspiel. Am zweiten Spieltag konnte man in einer torreichen Partie Real Betis mit 5:2 besiegen und letztes Wochenende gab es nur ein enttäuschendes 2:2 gegen Osasuna. Natürlich hängt die miserable Punktausbeute auch mit der Abwesenheit von Lionel Messi und Luis Suárez zusammen, jedoch sollte der große FC Barcelona trotzdem in der Lage sein mehr aus den ersten drei Spielen mitzunehmen.

Am ersten Spieltag gegen Bilbao hat Ernesto Valverde de Jong als einzigen Sechser in Barcelonas 4-3-3 aufgestellt. Jene Position, die seit der Saison 2008/09 fast ausschließlich von Sergio Busquets bekleidet wird. Der junge Niederländer agierte in dieser Partie ähnlich wie sein spanischer Teamkollege diese Rolle interpretiert. Während den eigenen Ballbesitzphasen blieb er etwas tiefer, um mit den beiden Innenverteidigern Gerard Piqué und Clément Lenglet ein Dreieck zu bilden. Wenn Barcelona in einer höheren Feldposition in Ballbesitz war, hat sich de Jong auf die jeweilige Seite bewegt, um permanent eine Option für einen sicheren Pass nach hinten anzubieten.

Wenn hingegen die Basken am Ball waren, positionierte er sich im zentralen Raum vor der Abwehr, jedoch erweckte es in manchen Situationen den Anschein, als ob er noch einige Zeit benötigen würde, um sich darauf einzustellen, dass er der einzige defensive Mittelfeldspieler ist. Wie bereits erwähnt, hatte er ja in Amsterdam mit Schöne einen zweiten Mann neben sich vor der Abwehr.   

Im zweiten Match gegen Betis, war er hingegen einer der beiden Achter, während Busquets wieder die Position vor der Abwehr besetzte. De Jong spielte auf der linken Halbposition während der zweite zentrale Mittelfeldspieler Sergi Roberto war.

Betis verteidigte den Großteil der Zeit in einem tiefen und flachen 4-4-2. Dabei positionierte sich der Neuzugang fast ausschließlich in jenem Viereck, das vom gegnerischen Rechtsverteidiger, dem rechten Flügelspieler, dem rechten Innenverteidiger und dem rechten zentralen Mittelfeldspieler gebildet wurde. Aus diesem Raum heraus bewegte sich de Jong in nahezu alle Richtungen. Mal ließ er sich tiefer fallen, dann rückte er wieder diagonal ins Zentrum. Aber fast ausschließlich jede Bewegung hatte ihren Ursprung in dem im nachstehenden Bild dargestellten Raum.

Rafinha wurde als linker Flügelspieler aufgeboten und positionierte sich aber häufig zentraler, da er ein gelernter, zentraler offensiver Mittelfeldspieler ist. Da dann de Jong und der Brasilianer den gleichen Raum besetzt hätten, positionierte sich der Niederländer dann häufig breiter oder ließ sich tiefer fallen, wenn Jordi Alba bereits am Flügel nach vorne gerückt war. Zudem hat Antoine Griezmann auch häufig seine angestammte Position im Sturmzentrum verlassen und sich in einen der beiden Halbräume bewegt, um diesen zu überladen.

Somit war Barcelona extrem variabel im Angriffsdrittel und daher war auch de Jong nahezu überall auf der linken Seite des Feldes zu finden. Er ließ sich nur ganz selten neben Piqué und Lenglet auf der linken Seite zurückfallen, um eine Dreierkette zu bilden wie er es in Amsterdam gemacht hatte, da ja bereits Busquets mit den beiden Innenverteidigern eine Dreierkette oder ein Dreieck bildete.

Ein großer Vorteil dieser höheren Position im Vergleich zu jener im Spiel gegen Bilbao war, dass er seine Qualitäten im Gegenpressing nach dem Ballverlust besser ausspielen konnte. Diese Fähigkeit konnte er zwar im Spiel gegen die Basken auch zeigen, jedoch kam sie am zweiten Spieltag stärker zum Vorschein, da er weiter vorne agierte und somit auch in der unmittelbaren Nähe von Ballverlusten war und somit gleich nachsetzen konnte. 

Gegen Osasuna war sowohl Barcas Aufstellung als auch de Jongs Rolle gleich wie im Spiel gegen Betis. Wieder war er der linke Achter und zugleich verteidigte der Gegner auch in einem 4-4-2. Somit waren auch de Jongs Bewegungen ähnlich wie am zweiten Spieltag. Er agierte hauptsächlich im linken Halbraum aber wechselte oft mit Rafinha die Position und überlud zusammen mit Griezmann und Alba die linke Seite.    

Die Zukunft – die kommenden Saisonen

Die ersten drei Saisonspiele zeigten, dass de Jong auf allen drei Positionen im Mittelfeld spielen kann, jedoch waren seine beiden Leistungen auf der linken Halbpositionen eindrucksvoller als jene als Sechser. Zudem ist Busquets nach wie vor unverzichtbar im defensiven Mittelfeld, wenn er fit ist. Daher ist zu erwarten, dass sich der junge Niederländer mit Roberto, Arthur, Ivan Rakitić, Carles Aleñà und Arturo Vidal um die restlichen Positionen im Mittelfeld duellieren wird, wobei de Jong gute Karten hat, dass er viele Einsatzminuten bekommen wird.

Jedoch erwartet sich der FC Barcelona mit Sicherheit auf lange Sicht gesehen, dass de Jong Busquets als Sechser ablösen wird. Der Katalane ist bereits 31 Jahre alt und es ist fraglich wie lange er noch regelmäßig auf Topniveau spielen kann. Zudem ist de Jong neun Jahre jünger und somit wird er sich sicherlich in den kommenden Jahren noch weiterentwickeln.

Allerdings hat Busquets diese Rolle auf seine ganz eigene und unnachahmliche Art und Weise interpretiert. Daher stellt sich die Frage, inwiefern sich Barcelonas Spielweise oder de Jong als Spieler sich verändern, wenn er den Stammplatz vor der Abwehr einnimmt. Bis es allerdings so weit ist, wird sich der Niederländer mithilfe seiner Spielzeit als Achter und manchmal auch als defensiver Mittelfeldspieler weiterentwickeln. Es wird spannend sein zu beobachten in welchen Positionen er spielt, wie er diese annimmt und inwiefern sich dabei vielleicht sogar Barcelonas Stil etwas verändert. Vielleicht ist ja de Jong einer der Anführer während und nach dem bald nahenden Umbruch nach der Ära von Messi, Pique, Busquets und Co.   

Zusammenfassung

Der junge Niederländer hat ganz klar die Qualität einer der besten zentralen Mittelfeldspieler unserer Zeit zu werden. Zudem steht er bei jenem Verein unter Vertrag, der genau auf solche Spielertypen wie ihn setzt. Es wird auch interessant sein zu beobachten wie sein Zusammenspiel mit Spielern wie Messi, Suárez oder Ousmane Dembélé aussehen wird.

Vermutlich hat er seinen Platz auf der linken Halbposition so gut wie sicher und auf der rechten Seite könnte sich ein harter Konkurrenzkampf entwickeln. Jedoch ist der FC Barcelona ein Verein mit großen Ambitionen, wodurch er eine längere Formschwäche sofort mit einem Platz auf der Bank bestraft wird. Daher hat auch der junge Mittelfeldmann keine Stammplatzgarantie, aber speziell die Leistung am zweiten Spieltag machte Lust auf mehr. 

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