Oliver Glasner beim VfL Wolfsburg

Als bekanntgegeben wurde, dass Oliver Glasner der neue Trainer des Vfl Wolfsburg werden würde, waren zunächst einige verblüfft. Der Österreicher war nur wenigen ein Begriff, da die österreichische Bundesliga nicht sehr viel Aufmerksamkeit im Ausland erhält. Beim Blick auf die Zahlen wurde jedoch deutlich weshalb die Wölfe sich den 45-Jährigen geschnappt haben.

Er übernahm LASK Linz zu Beginn der Saison 2015/16 und wurde in seiner ersten Saison Vizemeister in der zweiten österreichischen Liga. Im darauffolgenden Jahr stand man ganz oben am Ende der Spielzeit und stieg somit in die Bundesliga auf. Im ersten Jahr in der höchsten Spielklasse gelang ein solider vierter Platz und letzte Saison wurde man zweiter hinter den Bullen aus Salzburg. Da aber Salzburg seit Jahren die unangefochtene Nummer Eins in Österreichs Fußballlandschaft ist, und zudem die Linzer einen Vorsprung von neun Punkten auf den drittplatzierten Wolfsberger AC vorweisen konnten, war diese Saison eine außergewöhnliche Leistung von Glasner und seiner Mannschaft.

Der österreichische Coach konnte bisher mit seinem neuen Team sieben Punkte aus den ersten drei Spielen holen und somit steht Wolfsburg momentan auf Tabellenplatz drei. Zwar ist die Saison noch jung, dennoch werfen wir nun einen Blick auf die bisherigen drei Ligaspiele und nehmen Wolfsburgs neues Konzept unter den Bundesliganeuling Glasner unter die Lupe.      

Die bisherigen Tore und Gegentore

Häufig sagen Ergebnisse und Tore nicht sonderlich viel über die Spielidee aus, jedoch können sie als Eckpfeiler dienen. Die Wolfsburger konnten zum Auftakt die Aufsteiger aus Köln mit 2:1 bezwingen, eine Woche darauf gab es einen 3:0 Erfolg gegen die Hertha und am dritten Spieltag teilte man sich nach einem 1:1 die Punkte mit Paderborn. Somit hat man nach drei Spieltagen ein beachtliches Torverhältnis von 6:2. Doch welche groben Schlüsse kann man aus diesen acht Toren ziehen?

Beide Gegentore resultierten aus Kommunikations- und Stellungsfehlern. Der 2:1 Anschlusstreffer für das Team von Kölns Trainer Achim Beierlorzer in der 91. Spielminute wurde nach einem langen Ball erzielt, der nur in den Wolfsburger Strafraum gelang, da Robin Knoche und Josuha Guilavogui Abstimmungsprobleme hatten. Das 1:0 der Paderborner am dritten Spieltag resultierte aus einem Einwurf des Aufsteigers. Wieder gab es leichte Abstimmungsprobleme in der Hintermannschaft der Wölfe und erst dadurch entstand die Chance, die dann zum Tor führte.

Wolfsburgs erster Treffer in dieser Bundesligasaison war hingegen ein sehenswerter Volleyschuss von Maximilian Arnold nachdem Köln den Ball nicht klären konnte und Glasners Team gut gestaffelt war, um den zweiten Ball zu gewinnen. Das 2:0 an diesem ersten Spieltag durch Torjäger Wout Weghorst fiel nach einem starken Gegenpressing von Xaver Schlager und William. Nach dem Ballgewinn spielte der Österreicher Schlager den Ball sofort in die Spitze zu seinem niederländischen Teamkollegen, der den Ball in die Maschen schoss.

Das 1:0 gegen die Hertha aus Berlin wurde durch einen Elfmeter erzielt. Dieser kam zustande durch einen langen Ball auf Schlager, der für Felix Klaus ablegte, welcher dann im Strafraum gefoult wurde. Die beiden weiteren Tore fielen jeweils durch Konter in der Schlussphase als die Hauptstädter mehr Risiko eingingen, um noch einen Treffer zu erzielen, aber dadurch Räume für das Team von Glasner entstanden.

Das einzige Tor der Wölfe am dritten Spieltag erzielte Josip Brekalo nachdem die Wölfe durch ein hohes Pressing den Ball gewannen, Admir Mehmedi den Ball auf Weghorst flankte, der für den Torschützen ablegte.

Wie zu erkennen ist, erhielten die Wölfe nur Gegentore nach Abstimmungs- und Kommunikationsproblemen. Dies lässt vermuten, dass das Defensivmodell grundsätzlich gut funktioniert. Auf der anderen Seite wurden die Tore aus verschiedensten Situationen heraus erzielt. Allerdings ist ein Aspekt auffällig, es soll nach Ballgewinn schnell in die Spitze gehen. Egal ob nach dem Gegenpressing, Angriffspressing oder einen tieferen Ballgewinn, Glasner will direkten und attraktiven Fußball nach vorne sehen.        

Formation und grundsätzliche Idee

Glasner installierte beim Vfl Wolfsburg die gleiche Formation, die er bereits in Linz verwendet hatte. Dabei handelt sich um ein System, dass am Papier immer als 3-4-3 angeführt wird, sich allerdings während dem Spiel auch häufig zu einem 5-4-1 oder 5-2-3 verwandelt. Das hängt von der Positionierung der vier Flügelspieler ab, wobei man generell mit Formationen vorsichtig sein sollte, da sich diese ja permanent in einem Spiel ändern.

Im nachstehenden Bild ist Wolfsburgs Startformation aus den ersten beiden Bundesligapartien dieser Saison zu sehen. Am dritten Spieltag wurde lediglich Klaus durch Brekalo ersetzt, der am zweiten Spieltag nach seiner Einwechslung einmal getroffen hatte und zudem das Tor von Jérôme Roussillon vorbereitet hatte. 

Man erkannte in den ersten Spielen klar die Handschrift vom österreichischen Trainer: hohe Ballgewinne, sofortiges Nachsetzen nach Ballverlust und ein zielstrebiges Spiel nach vorne. All das sind Grundpfeiler der Spielidee von Glasner, jedoch wurde auch sichtbar, dass ihm vor allem auch Variabilität wichtig ist. Nicht nur in der Positionierung der Spieler, sondern auch in Herangehensweise während dem Spiel.

Wie bereits bei der kurzen Analyse der Tore ersichtlich wurde, fielen diese nach unterschiedlichen Ereignissen. Ein Distanzschuss nach einem zweiten Ball, ein Steilpass nach einem erfolgreichen Gegenpressing, ein Elfmeter, der nach einem langen Ball herausgeholt wurde, zwei Kontertore und ein weiterer Distanzschuss, der nach einem erfolgreichen Pressing erfolgte. Somit scheint auch die Variabilität eine der größten Waffen der Wolfsburger in dieser Saison zu sein.

Die Wölfe in Ballbesitz

Grundsätzlich versucht die Mannschaft aus der VW-Stadt, dass sie ihre Angriffe mit einem gepflegten Flachpassspiel aufbaut. Dafür nutzen die Spieler fast ausschließlich das 3-4-3, wobei die Dreierkette sowie Torhüter Koen Casteels für die Ballzirkulation in der ersten Phase des Aufbaus verantwortlich sind. Dabei lässt sich auch Guilavogui manchmal ein paar Schritte tiefer fallen, damit sich die drei Verteidiger nicht in einer horizontalen Linie befinden und somit auch der direkte Pass zwischen den beiden äußeren Spielern Brooks und Knoche möglich ist.

Um dann den Ball weiter nach vorne zu bringen, wird dann häufig versucht die beiden Mittelfeldspieler am Flügel mit flachen Pässen in das Spiel einzubinden und somit den Gegner auseinanderzuziehen. Roussillon und William positionieren sich grundsätzlich während dem Spielaufbau äußerst breit. Dadurch erzeugen sie einen gewissen Abstand zwischen sich selbst und ihren Gegenspielern wodurch sie anspielbar sind. Häufig wählen dann die Spieler der Dreierkette den direkten Pass zu den beiden gelernten Außenverteidigern am Flügel.

Wenn dieser Passweg durch einen Gegenspieler nicht möglich ist, wird häufig das Dreieck genutzt, welches durch einen Innenverteidiger, einen zentralen Mittelfeldspieler und einen Flügelspieler erzeugt wird. Denn wenn die Gegner versuchen, Roussillon und William am Flügel zuzustellen, entsteht dadurch Platz im Zentrum für Schlager und Arnold. Wenn diese angespielt werden, versuchen sie dann häufig den Ball sofort auf die Außenbahn zu spielen, um die Flügelspieler einzubauen. Somit werden die zentralen Mittelfeldspieler quasi als Umweg genutzt, um Roussillon und William am Flügel in Ballbesitz zu bringen. 

Jedoch bleiben die Wölfe in ihren Ballbesitzphasen nicht starr in ihrem 3-4-3 sondern versuchen durch verschiedenste Bewegungen und Läufe Passoptionen zu schaffen. Zum Beispiel schiebt Guilavogui vor einem Abstoß etwas höher und die beiden anderen Innenverteidiger positionieren sich im Strafraum, um den Abstoß kurz spielen zu können. Die Position zwischen Brooks und Knoche nimmt somit dann zwischenzeitlich Casteels ein und der höher postierte Guilavogui versucht zusammen mit den beiden zentralen Mittelfeldspielern vertikale Passwege zu schaffen.     

Oliver Glasner VfL Wolfsburg

Aber Glasners Spieler fokussieren sich nicht nur darauf, dass sie jeden Angriff mit einer Kombination aus flachen Pässen einleiten müssen, sondern wählen auch andere Varianten. Zwar wird auch in Pressingsituationen des Gegners versucht eine spielerische Lösung zu finden, allerdings zögern sie nicht damit, auch mal einen langen Ball zu schlagen. Der 1,97 Meter große Mittelstürmer Weghorst ist dabei logischerweise der Zielspieler der Wölfe.

Doch auch andere Spieler, wie zum Beispiel Schlager, werden mit solchen langen Pässen gesucht. Dieser bewegte sich in der achten Minute im Spiel gegen die Hertha in die Spitze und Knoche fand ihn mit einem langen Ball. Der Österreicher gewann das Kopfballduell und legte den Ball ab für Klaus, der im Strafraum von Karim Rekik gefoult wurde und Weghorst verwandelte den darauffolgenden Elfmeter zum 1:0.

Zudem ist auffällig, dass die Wolfsburger sehr stark Steilpässe hinter die letzte Kette der Gegner forcieren, sobald sie in das letzte Drittel gelangen. Glasner will von seinen Spielern eine direkte und zielstrebige Spielweise im Angriffsdrittel sehen. Ein perfektes Beispiel dafür ist die Situation vor dem 2:0 gegen Köln. Schlager und William gewannen den Ball durch ihr gutes Nachsetzen nach dem Ballverlust. Der österreichische Mittelfeldspiele nahm sofort Tempo auf und dribbelte nach vorne, um dann den Ball an Weghorst abzugeben, der dann erfolgreich abschließt.

Variabel gegen den Ball

Grundsätzlich agieren die Wölfe bisher in dieser Saison sehr variabel, wenn der Gegner in Ballbesitz ist. Sowohl die Pressinghöhe als auch die verwendete Staffelung wird während dem Spiel häufig geändert. Die Formation wechselt hauptsächlich zwischen einem 5-2-3 und einem 5-4-1, je nachdem ob sich die beiden Flügelstürmer auf die Höhe von Arnold und Schlager fallen lassen, oder ob sie sich neben den Mittelstürmer positionieren. Letzteres geschieht vor allem häufig, wenn sie den Gegner früh unter Druck setzen wollen.

Da aber ein hohes, aggressives und vor allem intensives Pressing nicht über die Dauer von 90 Minuten ausübbar ist, lässt sich das Team des österreichischen Trainers zwischenzeitlich auch häufig tiefer fallen und überlässt dem Gegner den Ballbesitz. Dann wird die gegnerische Mannschaft meist ab der Höhe der Mittellinie attackiert und zudem lassen sich die Flügelstürmer zurückfallen, um eine Viererkette im Mittelfeld zu formen.

Dabei versuchen die Gegner häufig den jeweiligen Halbraum hinter der Mittelfeldkette zu bespielen und seine Spieler darin anzuspielen. Da Glasners Mannschaft mit nur zwei zentralen Mittelfeldspielern agiert, sind die horizontalen Abstände zwischen den einzelnen Akteuren im Mittelfeld größer als im Vergleich zu Mannschaften, die eine Formation mit drei Spielern im zentralen Mittelfeld verwenden.

Dadurch ist es für Wolfsburgs Mittelfeld schwer Zwischenlinienpässe zu verhindern, die meist einen Empfänger in einem Halbraum haben. In diesen Situationen rücken dann meist die äußeren Innenverteidiger Knoche und Brooks heraus, um den Gegenspieler zu stellen. Hierbei macht sich die Mannschaft aus der VW-Stadt den Vorteil der Fünferkette zu Nutze. Wenn einer der beiden Verteidiger herausschiebt, rückt der entsprechende Außenverteidiger ein und es entsteht eine Viererkette, die immer noch genügend Absicherung bietet. Vor allem bei Brooks ist diese Bewegung häufiger zu beobachten.     

Schlager war einer der Durchstarter unter Glasner. Wolfsburg überwies im Sommer 15 Millionen Euro nach Salzburg, um ihn aus der Mozartstadt nach Wolfsburg zu lotsen. Bei RB Salzburg perfektionierte der Österreicher seine Fähigkeiten im Gegenpressing, welche zu seinen absoluten Stärken zählen. Gleich am ersten Spieltag konnte er diese Qualitäten wie bereits beschrieben einsetzen, um das 2:0 einzuleiten und vorzubereiten. Im nachstehenden Bild sieht man, wie Schlager und William ihren Gegner erdrücken, nachdem ihr Teamkollege Weghorst Sekunden zuvor den Ball verloren hat. Dieser Ballgewinn im Gegenpressing führte dann zum Tor des Niederländers.

Oliver Glasner VfL Wolfsburg

Dies ist ein perfektes Beispiel dafür, wie sich Glasner das Nachsetzen seiner Spieler nach einem Ballverlust vorstellt. Somit haben die Wölfe verschiedene Wege wie sie den Ball erobern wollen. Dies macht es schwer für den Gegner sich auf die Wolfsburger einzustellen.  

Ausblick

Zwar hat sich Schlager am dritten Spieltag verletzt und wird aufgrund einer Knöchelverletzung länger ausfallen, jedoch besitzt Wolfsburg mit Yannick Gerhardt und Elvis Rexhbecaj zwei Optionen, um die Position neben Arnold zu besetzen. Klar ist dennoch, dass sich der Österreicher in den ersten Spielen glänzend präsentiert hat und mit Sicherheit der Mannschaft vor allem mit seinen Qualitäten in der Arbeit gegen den Ball fehlen wird.

Im nächsten Spiel treffen sie in der Bundesliga auf Fortuna Düsseldorf, die bisher nur einen Sieg einfahren konnten aber sicher schwer zu bespielen sein werden. Danach steht das erste Spiel in der Europa League gegen FK Oleksandria an. Wenn die Wölfe ihre gute Form aufrechterhalten können, werden sie auch in den kommenden Wochen einige Siege einfahren können.

Das erste Duell mit einem Schwergewicht steht am achten Spieltag auf dem Plan. Dann empfängt RB Leipzig die Wölfe in der Red Bull Arena. Doch bis dahin hat Glasner noch Zeit, um weiterhin seine Mannschaft zu entwickeln und mit ihnen an taktischen Details zu arbeiten. Es wird interessant sein zu sehen wie viel Erfolg sie mit ihrer Variabilität mit und ohne Ball haben werden.

Photo by Boris Streubel

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