Mannschaftsportrait: Die spanische Nationalmannschaft unter Robert Moreno

Im Jahr 2020 steht die 16. EM an und findet in ganz Europa statt. Die Qualifikation dafür läuft schon seit einer längeren Zeit. Für die einen ist es nur eine nervige Pause des Veriensfußballs, die anderen sind daran interessiert, zu sehen, wie die Nationalteams aufgestellt sind. Das soll im folgenden Artikel auch durchgeführt werden: Wir wollen sehen wie Spanien spielt und ob mit ihnen zu rechnen ist.

Neuer Trainer, aber alles beim Alten?

Nach einem tragischen Zwischenfall in der der Familie von Luis Enrique, legte dieser sein Amt als Nationaltrainer nieder. Co-Trainer Robert Moreno übernahm seine Stelle und hatte so schon im März 2019 sein erstes Spiel als Cheftrainer. Inzwischen ist er fest an der Seitenlinie der Spanier, was eine unverhofft große Chance für ihn ist. Es ist nämlich für den früheren Analysten seine erste Cheftrainerstelle einer professionellen Mannschaft.

Unter diesen Umständen und unter Berücksichtigung davon, dass Moreno lange Zeit der Lehrling von Luis Enrique war, kann man keine allzu große taktische Innovation erwarten. Ganz ohne Veränderung wird er seine neue, alte Mannschaft aber nicht lassen: Es soll eine neue Zielstrebigkeit und Vertikalität ins Spiel gebracht werden, um den ewigen Passstafetten um das gegnerische Tor ein Ende zu setzen. Wie ihm das gelingt wird im Anschließenden beleuchtet.

Personalien

In den ersten Qualifikationsrunden wurde ordentlich rotiert. Der einzig unangefochtene auf seiner Position ist Sergio Ramos. Alle anderen Spieler mussten mal auf der Bank Platz nehmen oder waren nicht einmal im Kader. Dies ist vor allem auf die Kaderbreite der Spanier zurückzuführen, aber auch darauf, dass Moreno in den 5 Spielen keinen richtig starken Gegner hatte und sich bzw. seine Spieler ausprobieren konnte.

Eine Achse für die Startaufstellungen ist daher noch etwas schwer festzustellen. Wahrscheinlich wird sich das Team um Ramos, Rodri, Thiago und Moreno bilden (Annahme auf Grund ihrer Leistungen). Gespielt wird weiterhin im 4-3-3 mit einem Sechser und zwei Achtern.

Sergio Busquets, der nun Jahre lang die Nummer 1 auf der Sechserposition war, könnte nun von Manchester Citys Neuzugang Rodrigo, kurz Rodri abgelöst werden. Der Mann spielt eine zentrale Rolle im System von Moreno. Er lässt sich in die Verteidigung fallen, ist Aufbauspieler, hat große Qualität bei Ballgewinnen (Zweikämpfe) und ist, was ihn auch gegenüber Busquets auszeichnet, nach vorne dynamisch, setzt sich also auch ins Offensivspiel ein.

Auch die Außenverteidiger spielen gewohnt offensiv, was zum einen systembedingt ist und zum anderen da die nominellen Außenverteidiger in Spaniens Kader auch für dieses Offensivpotential prädestiniert sind. In längeren Ballbesitzphasen sind sie also Außenstürmer was zur Folge hat, dass die nominellen Außenstürmer einrücken können, um Überzahlen im Strafraum zu schaffen.

Spiel mit dem Ball

Hauptaugenmerk der spanischen Spielphilosophie ist natürlich immer noch das Spiel mit dem Ball. Auch weil Spanien in den vergangenen Qualifikationsspielen durchschnittlich 75-80% Ballbesitz hatte, also nicht wirklich ihre Defensivqualitäten unter beweis stellen musste, soll es hauptsächlich um das Offensivspiel gehen.

Der Anspruch der „Furia Roja“, was das Spielerische angeht, ist ein sauberer Spielvortrag vom Abstoß bis zum Tor. Man will den Gegner dominieren, ihn im Strafraum einschnüren und dann mit kreativen Lösungen den Ball ins Tor tragen.

Folgende Prinzipien sind dafür essenziell: Mitspielender Torwart, Sechser und Achter helfen im Aufbau, große Qualität im Passspiel und Variabilität im Angriff. Zu diesen Aspekten können auch noch weitere hinzugestellt werden, aber die genannten sehe ich als die wichtigsten und werde diese auch anschließend genauer beleuchten.

Auf der Torwartposition ist Spanien so gut besetzt, dass man sogar von einer Überbesetzung sprechen könnte. Mit David de Gea, Kepa Arrizabalaga, Pau Lopez oder Antonio Adan wären nur die vier genannt. Gesetzt ist der Annahme nach trotzdem Kepa, der Chelsea Neuzugang vom letzten Jahr.

Der 24-jährige bekam in dem 5 Spielen schon 4 Einsätze und spielte weitestgehend fehlerfrei. Wie er in England schon zeigte hat er eine hervorragende Spieleröffnung die er in der Nationalmannschaft noch gar nicht richtig ausspielen kann. Da ihre Gegner immer sehr tief standen und keiner versuchte hoch zu pressen, erfolgte der Spielaufbau immer flach auf IV oder Sechser. Trotzdem konnte Kepa hin und wieder zeigen, dass er auch in Sachen Fußarbeit und spielerischem Aufbau mit IVs seine Qualitäten hat.

Womit man beim nächsten Thema wäre: Aufbauende Sechser und Achter. Hier hat man mit Rodri einen klassischen Sechser, der allerdings weniger Box-to-Box Spieler ist, als vielmehr Box-to-Letztes Drittel Spieler. Er war bei seinen Einsätzen immer am Spielaufbau beteiligt, wenn er Pässe spielte, vertikal oder diagonal und immer wieder auch wichtige Pässe ins letzte Drittel.

Dazu kommen die zwei Achter, die im Spielaufbau dem Ballführenden Angebote schaffen und am Flügel Dreiecke bilden. Angebote schaffen heißt also, dass sie sich immer vom Gegner lösen, aus dem Rücken kommen oder sich zwischen den Linien bzw. in den Halbräumen bewegen, damit der Ballführende immer mindestens zwei, optimalerweise drei Anspieloptionen hat.

An dieser Stelle ist auch nochmal Thiago hervorzuheben, der bei seinen Einsätzen eine herausragende Rolle spielte. Er ist immer anspielbar, bewegt sich clever im Raum, hat eine gefühlte Passquote von 100% und verfügt über eine Spielintelligenz á la Xavi, Iniesta. Ohne zu sehr von dem Mann zu schwärmen (denn man könnte noch über Ballverarbeitung, Offensivpotential etc. sprechen), halte ich ihn für eine der wichtigsten Personen im Spiel von Spanien.

Die Dreiecke am Flügel, welche essenziell im 4-3-3 sind, grade auch im Hinblick auf die Variabilität in der Offensive, werden mit Hilfe von den Achtern ausgespielt. Meist zusammen mit AV und Flügelspieler können sie längere Ballbesitzphasen haben und Überzahlen in Ballnähe schaffen, um den Gegner zu locken.

Für diese Art von Spielaufbau, Ballbesitz und Spiel ins letzte Drittel ist vorwiegend eine hohe Qualität im Passspiel erforderlich. Und über diese verfügt Spanien. Das Prinzip lautet: So scharf wie nötig und zu präzise wie möglich. Technik ist aber nicht das Einzige was zum Passspiel dazugehört.

Wichtig sind Timing bei den Pässen: Es ist nötig, dass der Pass nicht zu früh gespielt wird. Es gilt, einen Gegner zu binden, also andribbeln und dann nicht zu früh und nicht zu spät den Pass suchen. Ebenso müssen alle Spieler, grade Sechser und Achter, über eine guter Vororientierung verfügen, um die Ballkontaktzeiten unter Druck kurz zu halten und schnell adäquate Lösungen finden zu können. Auch zu nennen wäre die Bewegung ohne Ball, die voraussetzt, dass der Ballführende Anspieloptionen hat. Dazu gehört das lösen aus dem Deckungsschatten, Vor- und Hinterlaufen oder die Lösebewegung unmittelbar nach dem Pass.

Aber lassen wir doch eine Passquote von durchschnittlich 92% für sich sprechen. Besonders unter Berücksichtigung davon, dass Spanien durch ihr Passintensives Spiel circa 700-900 Pässe pro Spiel spielt.

Aber nun zu wirklichen Schwerpunkt dieses Portraits: Die Variabilität im Offensivspiel. An dieser Stelle habe ich drei Muster im Angriff herausgestellt, die oft ausgespielt wurden und ich genauer definieren werde.

Aus dem Zentrum auf den Flügel

Was auf den ersten analytischen Blick zu erkennen ist, ist dass es verstärkt darum geht, die Außenverteidiger oder Flügelspieler auf den äußeren Korridoren einzusetzen, sodass diese viel Raum und Zeit haben. Dies ist der typische Ablauf:

 
Robert Moreno

Es wird impliziert, dass der Angriff über die linke Seite stattfinden wird. Der Ball zirkuliert also erst von rechts nach links, wo dann über Dreieckskombinationen einige Pässe gespielt werden (meist 5-10). Zu einem bestimmten Moment (Auslösesignal ist wahrscheinlich ein freier Achter oder Sechser, der angespielt wird), richtet sich alles nach links aus.

Der LV startet einen Lauf, LF und Stürmer kommen entgegen und der RF startet druckvoll in den Halbraum vor der Kette. Somit verschiebt auch der Gegner nach links und gibt den rechten Flügel frei. Dorthin startet dann der RV im höchsten Tempo und wird per scharfen Diagonalball angespielt. Der RV kann Flanken, zur Grundlinie dribbeln und den Rückraum anspielen oder selbst gefährlich aufs Tor zu dribbeln.

Das es nicht merkwürdig ist, dass der ballferne AV hoch steht, ist Systembegründet. Bei Moreno wird zwar wie in vielen Auslegungen des 4-3-3 auch mit Dreierkette abgesichert, das aber nur bei hohem Druck und dann mit IV-ZDM-IV, während die AVs weiter hoch stehen.

Dieses Muster, natürlich auch immer wieder variiert, funktionierte gegen einige Gegner ausnahmslos. Dies ist auch auf deren Nachlässigkeit im Pressing und mangelnde Übergabe zurückzuführen. Doch trotzdem kann man sagen, dass im Angriff das Positionsspiel schon sehr reif wirkte.

Handball Angriff

Eine weitere Möglichkeit, wie man zum Tor kommen will, sieht folgendermaßen aus.

Robert Moreno

Dieses Muster hat man unter anderem gegen Rumänien gesehen, die mit eine sehr tiefen Fünferkette und davor drei Achtern (meist eher Sechser), agiert haben. Diese Option ist wieder geballtes spanisches Offensivspiel. U-Förmige Kombinationen um den Sechszehner mit der nominellen Viererkette, teils auch mit dem Sechser.

Ziel ist es ganz einfach abwartend zu spielen und den Gegner nach und nach aus der tiefen Stellung zu locken. In diesem Fall konnten sie sich immer Zeit lassen, dass sie ohne Zugzwang spielten und sich ihren Gegner zurechtlegen konnten.

Hier arbeitet Spanien dann mit Positionswechseln in der Box, Gegenläufigen Bewegungen zwischen Achtern und Flügelspielern, sowie dem Stürmer, der sich mal fallen lässt. All dies, um Räume in Gefährlichen Zonen zu kreieren. Diese wurden dann von den Achtern, Sechser oder sogar IVs angespielt per Schnittstellenpass flach oder präzisen Chipball in die geöffnete Zone.

Bei diesem Muster ist das Ziel also gegen tiefe und kompakte Strafraum Verteidigung kreative Lösungen zu finden, um hinter die Kette zu kommen.

Der Moreno Weg

Die dritte Variation beim Spiel ins letzte Drittel ist auch zugleich die einfachste. Diese ist interessant, weil sie erstens wahrscheinlich die einzige von Moreno selbst implementierte ist und zum anderen, weil sie nicht wirklich ins spanische Spiel passt.

Mehrmals gesehen, besonders von Thiago oder Parejo ist das ganz einfache Dribbling bis zur Strafraumkante, von wo eine präzise Flanke oder ein Chipball zum Fünfmeterraum gebracht wird. Der Ball wird sich also von den Achtern im Mittelfeld abgeholt und selbstständig nach vorne getrieben.

Im Strafraum finden dann wieder ähnliche Bewegungen ohne Ball statt, wie im Muster zuvor erklärt. So kommt es, dass es so aussieht als würde der freie Spieler aus dem Nichts plötzlich da sein.

Diese Variante könnte man auf Robert Morenos Aussage zurückführen, dass ein zielstrebigeres und vertikales Offensivspiel geplant sei. So bringt der Neu-Trainer nochmal eine andere Möglichkeit ins Offensivspiel, die mit weiteren Auslegungen der Musterbeispiele eine hohe Variabilität verspricht.

Fazit

Nun gibt es immer zwei Wege eine Mannschaft zu bewerten. Man kann alles was sie gut machen in den Himmel loben oder alle Fehler, die sie machen aufzeigen und bewerten. Um einen Zwischenweg zu finden muss man diesem Portrait noch einige Details anfügen. Zum einen die bereits erwähnten Gegner. Unter Moreno als Cheftrainer spielte man gegen Malta, Schweden, Rumänien und zweimal gegen Färöer. Die Bilanz ist dementsprechend bei 15:2 Toren.

Trotz alledem zeigten sich Mängel in der Defensive was Positionsspiel und Übergabe betrifft. Wie sie Verteidigen werden lässt sich noch schwer sagen. Wahrscheinlich aber läuft es auf ein 4-4-2 oder 4-1-4-1 gegen den Ball hinaus.

Eine Mannschaft, die ihren Gegner dominieren und ständig im Ballbesitz sein möchte, sollte aber auch ein besseres Gegenpressing aufweisen, um den Ball nach Verlust, direkt zurückzuerobern. Spaniens Bemühungen im Anlaufen waren doch eher gering.

Ein letzter Kritikpunkt muss noch die Chancenverwertung sein. Zwar ist es für „la Roja“ immer gut ausgegangen, aber es muss der eigene Anspruch sein, aus 119 Torschüssen, mehr als 15 Tore zu machen.

Ein abschließendes Fazit lässt sich also noch schwer bilden. Über die Individuelle Klasse im Kader brauch man nicht diskutieren. Diese war aber auch schon in den letzten, eher unerfolgreichen Jahren, vorhanden. Fakt ist, dass Moreno noch etwas Zeit braucht, um mehr sein Spiel mit einzubringen.

Wir werden sehr wahrscheinlich noch Testspiele der Spanier gegen stärkere Gegner sehen. Dann wird es interessant zu sehen sein, wie Pressingresistent sie sind, ab wo sie Anlaufen, ob sie ein gescheites Gegenpressing spielen können und wie stark das Offensivspiel auf 100, statt auf 50 Prozent ist. Aber an diesen Stellschrauben wird Moreno in nächster Zeit noch drehen können.

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