Niko Kovač – neue Idee im Aufbauspiel

Es war wieder so weit. Am Samstag begann die Wiesn und die Bayern spielten zu Hause gegen Köln. Die Stimmung ausgelassen, Robert Lewandowski weiter in Torlaune und Philippe Coutinho traf das erste Mal nach seinem Wechsel nach München. Zwar zeigten die Bayern wie so oft unter Niko Kovač einige Unsicherheiten, jedoch konnte man bei den Bayern Fortschritte in einem Bereich erkennen, den viele dem aktuellen Bayerntrainer nicht mehr zugetraut hätten – dem Ballbesitzspiel.

Gegen die Kölner setzte Kovač wie immer auf ein 4-2-3-1. Dieses Mal mit Kimmich und Tolisso auf der Doppelsechs. Während der Franzose durch sein weiträumiges Spiel glänzen konnte, gab Kimmich gleichzeitig die Balance. Diese Kombination scheint gut zu passen und Kimmich so langsam auf der Sechs angekommen zu sein. Jedoch waren die interessanteren Aspekte eine Linie davor zu beobachten.

Der Halbraum als Spielplatz – und jeder darf mitmachen

Während die Bayern in den letzten Wochen – ach eigentlich schon seit einigen Jahren – bekannt dafür waren, viel über die Flügel zu attackieren und primär über Flanken für Gefahr zu sorgen, konnte man in dieser Partie eine Abweichung vom üblichen Spiel erkennen.

Gegen die Kölner fokussierten die Bayern die Halbräume vermehrt an. Beide Innenverteidiger, Süle und Boateng, versuchten immer wieder mit flachen Pässen einen der Mitspieler im Halbraum zwischen den Linien zu finden. Interessanterweise waren die Bayern hier durchaus flexibel, etwas, was man in der Vergangenheit nicht immer behaupten konnte.

Rechts konnte man sehr oft Serge Gnabry im Zentrum vorfinden. Speziell in der ersten Hälfte rückte Gnabry konstant ein, agierte vereinzelt als eine Art Achter und konnte so mit cleveren Ablagen seine Mitspieler einbinden und das Kölner Mittelfeld überspielen.

Zusammen mit Benjamin Pavard, der recht spät vorrückte, stellte man so die Kölner Pressinglinien vor Probleme. Zwar wirkten nicht alle Aktionen immer perfekt abgestimmt, jedoch konnte man immer wieder erkennen, wie Pavard weiter nach vorne schob, wenn sich Gnabry fallen ließ. Darüber hinaus gesellten sich im Wechsel Philippe Coutinho und Robert Lewandowski zu Serge Gnabry. Dann blieb der Nationalspieler eher höher, rückte nicht so weit ein und fungierte als der obere Endpunkt einer Raute.

Im Vergleich zur rechten Seite konnte man links des Öfteren eine Raute bestehend aus IV-AV-Sechser und Offensivspieler erkennen. Während sich Serge Gnabry zwischen den Linien genau so wohl fühlt und gerne am Spiel teilnimmt, agierte Neuzugang Ivan Perišić entweder breiter oder höher. Dementsprechend wurde er selten ins direkte Kombinationsspiel eingebunden. Vielmehr trat er in Erscheinung, wenn Bayern aus dem Aufbauspiel heraus das Tempo verschärfte.

Wie in der Grafik zu sehen, konnten Lewandowski und Coutinho wahlweise einen der Halbräume besetzten. Gleiches galt auch für Serge Gnabry, während Perišić meist höher blieb. Allerdings rückte auch der Kroate leicht ein, so dass Hernández wenige Meter weiter vorschieben konnte. Diese Bewegung passte sehr gut zum Aktionsradius seines Landsmannes. Denn Corentin Tolisso schien in dieser Konstellation aufzublühen.

Unter Kovač fächern die Innenverteidiger kaum auf, aus diesem Grund ergab sich links neben Boateng Raum, in den Tolisso regelmäßig abkippte, um mit seinem starken rechten Fuß das Spiel verlagern zu können. Darüber hinaus schob der umtriebige Franzose gerne weiter nach vorne, sobald der Spielaufbau von hinten vollzogen wurde. Speziell um das Spiel über den Dritten richtig nutzen zu können, musste er aufrücken, damit es Anspielstationen und vor allem Raum gab.

Doch es bleibt die Frage, wieso die Halbräume überhaupt so offen waren? Dies lag daran, dass dem Kölner Pressing die horizontale Kompaktheit fehlte, bedingt durch einen Kniff von Niko Kovač im Aufbauspiel.

Kovač Aufbauspiel – warum vier Innenverteidiger ganz cool sein können

Unter Kovač bleiben die Außenverteidiger im Aufbauspiel verhältnismäßig tief. Ein Novum, unter Heynckes oder Guardiola rücken sie entweder ein oder schoben weiter nach vorne, um Tiefe und Breite zu geben.

Mit tieferen Außenverteidigern drängst du den Gegner nicht so weit zurück, sondern lockst ihn eher an. Und genau das ist der Vorteil, wenn Pavard und Hernández tiefer bleiben. Um den Außenverteidiger pressen zu können, muss der gegnerische Flügelstürmer weiter nach außen schieben und vor allem einige Meter nach vorne. Dies führt dazu, dass er die Bindung zum Rest der Mittelfeldkette verliert. Dementsprechend öffnet sich der Halbraum, den die Bayern in der Folge bespielen konnten. Hält der Mittelfeldspieler des Gegners hingegen seine Position, ergibt sich mehr Raum für den Außenverteidiger und man kann ungehindert aufbauen.

Letztlich stellt sich die Frage, ob dies wirklich die Beweggründe von Kovač sind, oder die tieferen Außenverteidiger eher der Absicherung bei Ballverlusten im Aufbauspiel dienen. Denn weder Pavard noch Hernández waren sonderlich gut eingebunden. Erhielten sie den Ball ohne Druck, ergaben sich kaum Anspielstationen nach vorne, um den Raum effektiv nutzen zu können.

Altbekannte Probleme im Offensivspiel

Es schien so als würden die Bayern versuchen ihre schlampige Struktur im Offensivspiel zu kaschieren, indem sie aus der tiefen Ballzirkulation das Tempo sofort erhöhten, um mit Schnellangriffen die Abwehr der Kölner zu überrumpeln. Zwar sah dies im Ansatz immer wieder gut aus. Das erste Tor von Robert Lewandowski ist ein schönes Beispiel dafür, allerdings machten ihnen die ungenauen Positionierungen einen Strich durch die Rechnung. Zur Pause hatte man nur einen xG-Wert von 0,87.

Dafür gab es verschiedene Gründe. Zum einen passte die Positionierung der Spieler im Halbraum nicht immer zueinander. Aus diesem Grund taten sich die Bayern schwer die Lücken im Kölner Verteidigungsbund effektiv zu nutzen.

Kovač Aufbauspiel

Hier beispielsweise passte die Struktur der Münchner so gar nicht. Zwar kann man die Raute bestehend aus Boateng – Hernández – Tolisso und Lewandowski erkennen, allerdings ist auch klar, wieso man hier nicht zwischen die Linien der Kölner kam.

Zum einen besetzen drei Spieler mehr oder weniger denselben Raum. Perišić, Coutinho und Lewandowski bewegen sich alle im Halbraum oder in der Nähe. Beide Neuzugänge versuchen in die Tiefe zu starten, damit der Pole den Ball ablegen kann. Allerdings wäre dies nur mit der Hacke möglich gewesen.

Darüber hinaus verschwindet Tolisso im Deckungsschatten des Gegenspielers, während er aufgrund seiner tiefen Position eine Verlagerung über Kimmich verhindert. Allgemein hatten die Münchner teilweise sechs Spieler vor dem Kölner Mittelfeldblock – gegen einen Angreifer. Nicht unbedingt optimal, um zwischen die Linien des Gegners zu gelangen.

Auch Lucas Hernández hätte in dieser Situation weiter nach vorne schieben können. Sein Gegenspieler versucht den Halbraum zu zu machen, kann den Franzosen aber gleichzeitig pressen, sollte er den Ball erhalten. Schiebt Hernández weiter nach vorne, wäre es für den Kölner schwieriger geworden ihn nach einem Anspiel von Boateng effektiv zu pressen.

Des Weiteren lässt sich Robert Lewandowski vor die Kölner Mittelfeldlinie fallen, statt zwischen die Linien auf den Ball zu warten. Dies wäre ein Vorteil für den Angreifer gewesen, da der Ball sich nicht im gleichen Blickfeld befinden würden. Dies konnte man öfter beobachten. Durch das Fallenlassen eines Angreifers waren es effektiv sieben Spieler außerhalb des Kölner Defensivblocks.

Kein Wunder, dass sich die Bayern so schwer taten zwischen die Linien zu kommen. Oft musste dies die individuelle Klasse von Coutinho oder Lewandowski lösen. Gnabry hingegen bildete die Ausnahme. Der Nationalspieler hielt seine Position besser und schien verstanden zu haben, dass es von Vorteil ist, zwischen den Linien auf den Ball zu warten.

Neben den Aktionen am Ball hatten die Bayern auch sonst größere Probleme mit ihrer Struktur in Ballbesitz. In diesem Beispiel fehlt eine Anspielstation im rechten Halbraum bzw. im Zentrum, um nach einem Durchbruch schnell auf die ballferne Seite wechseln zu können. Außerdem führte das variable Fallenlassen der Offensivspieler dazu, dass nicht immer jemand die Tiefe gab. So konnten auch Kölns Innenverteidiger häufiger rausrücken und es war schwieriger sich mit dem Ball am Fuß zu drehen.

Details entscheiden – wenige Anpassungen könnten große Wirkung haben

Alles in allem machen die Bayern in Ballbesitz Fortschritte, besonders im Aufbauspiel. Dies konnte man bereits gegen Leipzig in Halbzeit eins erkennen und nun auch gegen Köln. Schauen wir uns die Situation von oben an, hätten schon wenige Anpassungen ausgereicht. Schafft es Kovač diese Probleme zu lösen, werden die Bayern sicherlich häufiger zwischen die Linien kommen und mehr Torgefahr aus dem Zentrum ausstrahlen.

Kovač Aufbauspiel

So zum Beispiel hätte Boateng mehr Anspielstationen gehabt. Hernández bleibt tiefer, würde aber durch Perišić unterstützt werden. Tolisso schiebt wenige Meter nach vorne, während Kimmich im Zentrum eine Anspielstation für den Wechsel anbietet. Entscheidend, Lewandowski positioniert sich höher, zwischen den Linien. Spielt Boateng ihn nun an, hätte der Pole verschiedene Ablagestationen, beispielsweise Tolisso oder einen vorstoßenden Hernández.

Positioniert sich Coutinho höher und mehr im Zentrum ergeben sich weitere Möglichkeiten für den diagonalen Wechsel. Auch ein Attackieren der Tiefe durch Gnabry und Perišić würde den Bayern die nötige Tiefe im Spiel geben. Schlussendlich sind es kleinere Details in der Positionierung und eventuell eine Abkehr von der klaren Doppelsechs hinzu einer 1-2 Aufteilung im Zentrum, die den Unterschied ausmachen könnte.

Fazit

Es scheint eine Weiterentwicklung beim FC Bayern im Aufbauspiel zu geben. Der Ballvortrag sieht geplanter aus, die Abläufe besser einstudiert und die Rollen besser auf die jeweiligen Spieler zugeschnitten. Jedoch leiden die Bayern immer noch unter den fehlenden Prinzipien in Ballbesitz. Zwar gibt es einen Plan, über die Halbräume mit Ablagen oder über den Flügel nach vorne zu kommen, jedoch keine klaren Richtlinien für die Positionierungen der einzelnen Spieler. Darüber hinaus sind die Bewegungen nicht immer aufeinander abgestimmt.

Besonders auffällig wird dies im letzten Drittel. Dort hofft der FC Bayern auf die individuelle Klasse seiner Spieler, die sich aufgrund der fehlenden Verbindungen aber oft schwer tun. Letztlich benötigt man Standardsituationen, Flanken und Robert Lewandowski. Neben diesen Problemen könnte auch der Einbau von Tolisso, Thiago und Coutinho sich als kompliziert herausstellen. Alle drei scheinen den linken Halbraum zu präferieren. Dort ist aber nicht für jeden ein Platz frei.

Interessiert sich für Taktik und Training. Positionsspiel, hohes Pressing und dynamische Positionswechsel. Großer Pep Guardiola Fan. Schreibt außerdem für Miasanrot und Total Football Analysis

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