Schalkes Start unter David Wagner

David Wagner übernahm in diesem Sommer das Traineramt des Traditionsvereins FC Schalke 04 und fand größtenteils eine zur Vorsaison unveränderte Mannschaft vor. Breel Embolo und Yevhen Konoplyanka sind die namhaftesten Abgänge wobei letzterer nie wirklich in Gelsenkirchen ankam und man ihn daher nicht sonderlich vermissen wird. Zudem wurde Ralf Fährmann an Norwich City verliehen und auch Sebastian Rudy sowie Hamza Mendyl wechselten leihweise zu einem anderen Verein.

Auf der anderen Seite hat man für Ozan Kabak 15 Millionen Euro nach Stuttgart überwiesen, jedoch benötigt der 19-jährige Innenverteidiger nach einer Verletzung zu Saisonbeginn noch Zeit, um sich in die Mannschaft zu kämpfen. Der Flügelspieler Benito Raman ist der zweite große Neuzugang und zudem wurden Jonjoe Kenny von Everton und Juan Miranda vom FC Barcelona ausgeliehen.

Angesicht dessen hat Wagner einen ähnlichen Kader zur Verfügung wie sein Vorgänger Domenico Tedesco zu Beginn der letzten Saison. Jedoch verlor dieser in der Spielzeit 2018/19 alle fünf Auftaktpartien in der Bundesliga, während Wagner nach ebenso vielen Spielen mit 10 Punkten auf Tabellenplatz fünf steht.

In dieser Analyse werfen wir einen Blick auf Schalkes bisherige Leistungen und blicken auf ihre taktischen Konzepte sowie ihren bisher stärksten Spieler.

Formation und Grundordnung

Wagner stellte seine Mannschaft bisher immer in einem 4-4-2 beziehungsweise 4-2-3-1 auf, wobei der einzige Unterschied in der Positionierung des offensiven Mittelfeldspielers liegt. Zum Beispiel wurde Weston McKennie im Spiel gegen Mainz 05 als offensiver Mittelfeldspieler im 4-2-3-1 hinter Guido Burgstalller aufgestellt. Jedoch rückte der Amerikaner in die vorderste Linie vor, wenn die Mannschaft von Sandro Schwarz in Ballbesitz war, um so ein 4-4-2 zu erzeugen. Somit sind die Übergänge zwischen den beiden Formationen fließend.

Auffällig ist jedoch, dass nur am ersten und zweiten Spieltag die gleiche Aufstellung verwendet wurde. Seitdem hat Wagner vor jedem Spiel mindestens eine Umstellung vorgenommen. Die Viererkette blieb größtenteils gleich. Bastian Oczipka, Kenny und Benjamin Stambouli waren in jeder Partie Teil der Verteidigung. An den ersten beiden Spieltagen war Matija Nastasić der zweite Innenverteidiger neben Stambouli. In den darauffolgenden drei Spielen entschied sich Wagner immer dafür, dass Salif Sané diesen Platz besetzen sollte.

Im zentralen Mittelfeld stand bisher der Spanier Omar Mascarell immer in der Startelf, während Amine Harit auch immer von Beginn an für die Königsblauen auflaufen durfte. Jedoch hat der Marokkaner bereits sowohl als offensiver Mittelfeldspieler beziehungsweise Stürmer gespielt als auch auf dem linken Flügel. Die rechte Außenbahn beackerte bisher in jedem Spiel Daniel Caligiuri und Burgstaller fand man bisher immer als Stürmer auf dem Mannschaftsbericht. In der nachstehenden Grafik ist die Startelf für das Spiel gegen Mainz am fünften Spieltag abgebildet.

Schalke 04 in Ballbesitz

Auch wenn das 4-4-2 bei richtiger Ausführung gegen den Ball einige Vorteile mit sich bringt, hat es einen negativen Aspekt, wenn sich das Team in Ballbesitz befindet. Wenn die Spieler während der Ballbesitzphase in ihrem flachen 4-4-2 bleiben, gibt es fast ausschließlich vertikale und horizontale Passwege. Dies gestaltet eine saubere Ballzirkulation während der ersten Phase des Spielaufbaus äußerst schwer.

Da jedoch der neue Trainer von Schalke einen organisierten und aus Kurzpässen bestehenden Aufbau bevorzugt, ist somit die logische Konsequenz, dass die Gelsenkirchener nicht in ihrer Grundformation verharren, wenn sie in Ballbesitz sind.  Zwar verwenden sie nicht äußerst komplexe Bewegungen und Rotationen wie es zum Beispiel der VfB Stuttgart unter Tim Walter exekutiert, jedoch ist bereits in der noch jungen Phase der Saison Wagners Plan erkennbar.

Die beiden Innenverteidiger sind zusammen mit einem der beiden zentralen Mittelfeldspieler (bisher fast ausschließlich Mascarell) für die Ballzirkulation am Anfang des Spielaufbaus verantwortlich und werden dabei auch vom äußerst spielstarken Torwart Alexander Nübel unterstützt.

Mascarell bleibt dabei entweder leicht höher als die beiden Innenverteidiger, um ein Dreieck zu bilden, oder lässt sich auch manchmal auf eine Linie mit ihnen fallen, um eine Dreierkette zu bilden. Dabei positioniert er sich entweder zwischen den beiden Verteidigern oder lässt sich auf die linke Seite fallen wie im nachstehenden Bild gezeigt wird.

Zugleich positioniert sich der zweite zentrale Mittelfeldspieler im Raum vor dem Dreieck beziehungsweise der Dreierkette, um eine Anspielstation in das im? Zentrum zu erschaffen. Das war entweder die Aufgabe von McKennie oder Suat Serdar. Ziel ist es dann, die eingerückten Flügelspieler oder einen der beiden Stürmer mit Zwischenlinienpässen in den Halbräumen zu finden.

Speziell Harit, wenn dieser als linker Flügelspieler aufgeboten wird, versucht sich immer wieder in neue Räume zu bewegen und Passwege zu öffnen. Aber auch Caligiuri rückt die meiste Zeit von der rechten Außenbahn ins Zentrum, damit er und der aufgerückte Rechtsverteidiger Kenny nicht dieselbe Zone am Flügel besetzen. Speziell das Zusammenspiel auf der rechten Seite zwischen diesen beiden wirkt größtenteils gut abgestimmt und die zentralen Mittelfeldspieler haben in dieser Saison immer wieder Kenny am rechten Flügel in einer hohen Position gefunden und angespielt.

Sein Pendant auf der linken Seite Oczipka spielt auch immer sehr offensiv und rückt während den Ballbesitzphasen sehr weit vor. Ein statistischer Beleg für die offensive Rolle der beiden Außenverteidiger ist, dass beide in den ersten fünf Ligaspielen jeweils zwei Tore vorbereiteten und Kenny auch einmal selbst traf. Jedoch ergab sich durch die hohe Positionierung der beiden viel Raum in deren Rücken für die Konter der Gegner, welche aber die Königsblauen bisher gut verteidigen konnten. Diese Räume könnten sich in der restlichen Saison noch zum Schwachpunkt des Teams von Wagner entwickeln. Dies hängt von der defensiven Umschaltbewegung der Knappen ab, die bisher sehr gut war.

Jedoch muss man abschließend noch hinzufügen, dass zwar Wagners Mannschaft versucht, den Großteil ihrer Angriffe mit einem Kurzpassspiel aufzubauen, allerdings operieren sie auch mit langen Bällen, wenn alle kurzen Optionen abgeschnitten sind. Hierbei spielt Burgstaller eine zentrale Rolle, da er in der Lage ist diese langen Bälle festzumachen und auf die nachrückenden Mitspieler abzulegen.

Das Zentrum verdichten

Für das Spiel gegen den Ball greifen in den vergangenen Monaten immer häufiger Mannschaften zum vermeintlich aus der Mode gekommenen flachen 4-4-2. So auch die Mannschaft aus Gelsenkirchen. Wie bereits beschrieben, nimmt dabei der offensive Mittelfeldspieler die zweite Stürmerposition neben Burgstaller ein.

Sowohl der Abstand zwischen den beiden Stürmern als auch die Distanz zwischen den einzelnen Spielern in den beiden Viererketten wird dabei extrem klein gehalten. Dadurch sind vertikale und diagonale Pässe durch das Zentrum nahezu unmöglich für die Gegner der Königsblauen und zugleich zwingt man sie dazu den Ball auf den Flügel zu spielen. Sobald dies erfolgt, versuchen die Schalker alle Passwege abzuschneiden und den Gegenspieler am Ball sofort unter Druck zu setzen. 

Dabei bleibt dieses Muster fast ausschließlich bestehen und lediglich die Pressinghöhe wird je nach Spielsituation variiert. In gewissen Phasen des Spiels lässt sich Schalke 04 tiefer fallen und versucht erst in der eigenen Hälfte den Gegner zum Pass auf den Flügel zu zwingen. Dies hat den Vorteil, dass dann für den Konter nach dem Ballgewinn mehr Platz vorhanden ist.

Jedoch versucht das Team von Wagner auch häufig seine Gegner früher unter Druck zu setzen und damit einen Ballgewinn weit in der gegnerischen Spielhälfte zu erzwingen. Dabei spielt vor allem der Österreicher Burgstaller eine zentrale Rolle, da dieser zu den Stürmern mit der höchsten Arbeitsrate in der höchsten deutschen Spielklasse zählt. Häufig ist er es, der die gegnerischen Innenverteidiger im Vollsprint und im Bogen anläuft, um einen Pass auf den Außenverteidiger zu provozieren. Dort versuchen die Knappen dann den gegnerischen Akteur sofort unter Druck zu setzen und jede Option für eine Anschlussaktion zu unterbinden. Dabei verwenden die Spieler vor allem ihren Deckungsschatten wie im nachstehenden Beispiel aus dem Spiel gegen Paderborn zu erkennen ist.

Wie bereits erwähnt, lassen sie sich auch situationsbedingt tiefer fallen, um den Gegner herauszulocken und Raum für ihre Konter zu schaffen. Zwei der bisher 10 erzielten Saisontore der Gelsenkirchener entstanden aus Kontern. Insgesamt fahren die Schalker in dieser Saison pro Partie durchschnittlich 4,6 Konter und dabei enden 47,8% davon mit einen Torabschluss. Das ist nahezu ein Abschluss nach jedem zweiten Konter und eine starke Quote. Dabei sind vor allem Burgstaller und Harit häufig Teil dieser Konter, da sie bereits zum Zeitpunkt des Ballgewinns aufgrund ihrer Position höher stehen und zudem das nötige Tempo mitbringen. 

Harit – der neue Unterschiedspieler

Der junge Marokkaner wechselte im Sommer 2017 für acht Millionen Euro vom FC Nantes nach Gelsenkirchen und konnte in seiner ersten Saison direkt überzeugen. In der Spielzeit 2017/18 konnte Harit in 31 Bundesligaspielen sieben Tore vorbereiten und traf drei Mal selbst. Diese guten Leistungen konnte der jetzt 22-jährige letzte Saison jedoch nicht bestätigen und kam in 18 Bundesligaeinsätzen auf nur drei Scorerpunkte.

Unter dem neuen Trainer Wagner hingegen läuft es um einiges besser: Harit hat nach den ersten fünf Spieltagen bereits drei Tore erzielt und kann zudem ein Assist verbuchen. Somit ist er momentan der Topscorer der Schalker und ist auch sonst sehr wichtig für Schalke.

Der junge Mittelfeldspieler genießt viele Freiheiten, die er von seinem neuen Trainer erhält. Harit hat in den ersten drei Spielen hinter Burgstaller als offensiver Mittelfeldspieler gespielt und am vierten sowie fünften Spieltag am linken Flügel. In diesen beiden Partien erzielte er seine bisher drei Saisontore.

Das außergewöhnliche an dem jungen Marokkaner ist seine Umtriebigkeit und die Fähigkeit Räume zu erkennen und zu nutzen. Sowohl als Passgeber als auch als Empfänger findet er immer wieder Lücken in der Formation des Gegners. Diese kann er aber nur besetzen beziehungsweise seine Mitspieler mit Pässen darin finden, da er von Wagner die nötigen Freiheiten erhält.

Allerdings ließ sich Harit in den vergangenen Spielen auch häufig auf die Höhe der zentralen Mittelfeldspieler außerhalb des gegnerischen Blocks fallen, um mehr Ballkontakte zu erhalten. Das ist ein typisches Muster von Spielern, die unbedingt viele Ballkontakte haben wollen und im Spielaufbau miteinbezogen werden wollen. Da der linke Außenverteidiger Oczipka sich ohnehin immer hoch und breit positioniert und somit der Flügel ohnehin besetzt ist, bringt das tiefe Fallen von Harit keinen zwingenden Nachteil mit sich. Im nachstehenden Bild werden seine typischen Bewegungen gezeigt.  Diese verschiedenen Freilaufbewegungen machen es sehr schwer für die gegnerische Mannschaft ihn zu verteidigen geschweige denn den Marokkaner aus dem Spiel zu nehmen.

Jedoch hat seine häufig tiefere Position einen weiteren entscheidenden Vorteil: er kann in diesen Momenten aus dem tieferen Raum nach vorne stoßen, ohne dabei von einem Gegenspieler verfolgt zu werden. Vor einem seiner bisher drei Toren machte er sich das zum Vorteil, als er aus einem tieferen Raum startete, mit nach vorne rückte und somit keinen direkten Gegenspieler hatte als ihn anschließend Kenny mit einem einfachen Querpass im Zentrum fand. Harit ließ mit seinem ersten Kontakt alle Paderborner Verteidiger ins Leere laufen und erzielte dann das 3:1 wie in der nachstehenden Grafik zu sehen ist. Dieser Pass sowie der Raum, um den Hacken mit dem ersten Kontakt zu machen, war nur vorhanden, da Harit den Angriff selbst eingeleitet hatte und dann von hinten nachgerückt war ohne dass er verfolgt wurde.

Zusammenfassung

Die Schalker befinden sich vor dem Spiel gegen den derzeitigen Tabellenführer RB Leipzig auf dem fünften Rang in der Bundesliga und haben 10 Punkte auf dem Konto. Wenn die Gelsenkirchener die bisherigen Leistungen auch weiterhin abrufen können, ist ihnen durchaus die Qualifikation für einen europäischen Wettbewerb zuzutrauen.

Die Mannschaft hat bereits schnell die Ideen von Wagner aufgegriffen und umgesetzt. Es bleibt die Frage offen, wie der deutsche Trainer sein Team in der restlichen Saison weiterentwickeln kann. Wenn zudem Harit weiterhin so starke Leistungen abliefern kann, könnte er diese Saison seinen großen Durchbruch schaffen.

Photo by Lukas Schulze

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