Wie Wagners Raute Nagelsmann erste Niederlage beschert

„Wir haben zu selten das Spiel verlagert […] und waren nicht ballsicher genug.“ Julian Nagelsmann musste seine erste Niederlage als Leipzig-Coach einstecken. Gegen eine starke Schalker Mannschaft kamen seine Mannschaft nie so richtig ins Spiel. Doch wieso schafften es die Leipziger nicht in ihren normalen Rhythmus zu kommen?

David Wagner nutzt die Raute – Leipzig mit Problemen

Der Hauptgrund für die schwache Leistung der Leipziger? Das clevere Pressing der Schalker, dass den Rhythmus der Leipziger komplett zerstörter. Gegen Julian Nagelsmann wählte David Wagner eine Raute im Mittelfeld, um das Zentrum möglichst kompakt zu halten. Schaut man sich die Formation statisch an, könnte man meinen, dass die Außenbahnen schlecht besetzt sind, jedoch ist dies nicht unbedingt die Wahrheit.

Denn mit Hilfe einer Raute im Pressing, kann man die Außenbahnen dynamisch zulaufen und durch die hohe lokale Kompaktheit den vermeintlichen Vorteil des Gegners neutralisieren. Letztlich ist der Flügel einfach der strategisch Ungünstigste Raum für die Mannschaft in Ballbesitz – speziell im Aufbauspiel.

David Wagner

Leipzig lief in dieser Partie in ihrem klassischen 4-2-2-2, das Nagelsmann bereits gegen die Bayern nutzte. Hier rückt Emil Forsberg des Öfteren weit ein, während Sabitzer eher durch den Halbraum kam. Timo Werner hingegen zog es als linker Stürmer häufiger auf den linken Flügel. Von dort kann er seine Schnelligkeitsvorteile durch diagonale Dribblings oft besser einsetzen, gerade wenn der Gegner etwas tiefer steht.

Schalke fokussierte sich mit seiner Raute enorm auf das verschließen des Zentrums. Durch ihre cleveren Bewegungen im Anlaufen waren sie oft in der Lage die Leipziger Offensive vom Rest abzuschneiden. Folglich hatten die Schalker eine Überzahl im Zentrum, die sie in der aktiven Balleroberung geschickt nutzten.

Grundsätzlich starteten die Stürmer das Pressing aus einer passiveren Position in der Mitte der gegnerischen Hälfte. Speziell wenn der Ball auf einen der Außenverteidiger – speziell auf Halstenberg – gespielt wurde, begann die aktive Balleroberung der Knappen.

Burgstaller und der flinke Matondo versuchten die Leipziger zum Rückpass auf den Innenverteidiger zu zwingen. Dann lief der ballnahe Stürmer den IV von außen nach innen an, um ihn zum Seitenwechsel zu zwingen. Der ballferne Stürmer orientierte sich nur am ballfernen Innenverteidiger. Dies hatte einen interessanten Aspekt zur Folge, der eine schnelle Ballzirkulation der Leipziger verhinderte.

Leiten und zustellen – die Schalker Raute und die Rolle der Achter

Durch das Zustellen des ballfernen Innenverteidigers, wurde Gulasci häufiger in das Aufbauspiel als Notlösung eingebunden. Der ungarische Torhüter hatte meist nur noch eine Option, die Verlagerung auf die rechte Seite zu Mukiele. Allerdings war dies der Plan der Schalker.

Wie die obere Grafik bereits suggerierte, schoben die Schalker Achter weit aus ihrer Position, um die Außenverteidiger der Leipziger zu pressen. Des Öfteren passierte dies auf der rechten Seite, die scheinbar als die Schwäche der Bullen identifiziert wurde.

Während Halstenberg in der Lage ist Emil Forsberg zwischen den Linien zu finden und der Schwede auch unter Druck sehr sicher ist, nutzen die Leipziger auf der rechten Seite mit Sabitzer und Mukiele eher dynamischere Spieler. Darüber hinaus fehlen häufiger mal die Verbindungen, da sich Poulsen eher fallen lässt und mit dem Rücken zum Tor agiert, während Werner, Forsberg und Halstenberg deutlich kombinativer und variabler agieren.

Gut möglich, dass Wagner die Verbindungsprobleme rechts bei RB identifizierte und aus diesem Grund sich das Pressing auf diese Seite fokussierte.

David Wagner

Beim Pass auf den Flügel konnte man die Stärken eines Pressings und die gute Umsetzung der Schalker sehr schön sehen. Eigentlich müsste Mukiele Raum haben, da sich bei einer Formation mit Raute kein Spieler links vorne positionierte. Allerdings ergeben sich die Möglichkeiten den Raum dynamisch anzulaufen.

Im Pressing kann Dynamik des Öfteren hilfreicher sein als Statik. Besetzte ich einen Raum bevor der Pass bereits kommt, spielt der Gegner entweder nicht zu diesem Mitspieler oder ist auf die Drucksituation eingestellt. Laufe ich allerdings mit Dynamik den Raum zu, reduziert sich Zeit und Raum für den Ballführenden in wenigen Sekunden, sich die Umwelt in einem Bruchteil ändert. Alles in allem führt dies zu einer Situation, die für einen Spieler extrem schwierig zu lösen ist.

Im oberen Beispiel schafften es die Schalker die ballnahe Seite extrem kompakt zu gestalten, selbst Mascarell schiebt weit aus dem Zentrum, um den Laufweg von Timo Werner zu verteidigen. Darüber hinaus werden alle diagonalen Anspielstationen für Mukiele zugestellt, einzig ein Pass auf Sabitzer ist die Lösung, Schalke kann hier seine Überzahl nutzen und den Österreicher isolieren.

Jedoch muss man in dieser Situation auch das Verhalten der Leipziger betrachten. Speziell im letzten Jahr waren die Bullen nicht unbedingt für ihr gut strukturiertes Ballbesitzspiel bekannt – Julian Nagelsmann hingegen schon. Allerdings wurde einem in diesem Spiel bewusst, dass das Team und der Trainer noch nicht so lange zusammenarbeiten.

Im Allgemeinen stimmte die Struktur bei Leipzig in Ballbesitz in diesem Spiel nicht. Speziell die Doppelsechs mit Demme und Haidara positionierte sich oft zu flach, die vermeintliche Überzahl gegen Harit konnte nicht ausgespielt werden und folglich fehlten die Verbindungen nach vorne.

Hier beispielsweise passen Sabitzer und Werners Laufwege nicht zusammen. Während der Österreicher sich wenige Meter zu Mukiele bewegt, füllt Werner den Raum dahinter auf. Dementsprechend besetzen die Leipziger zu dritt den Flügel und sind so ein leichtes Pressingopfer. Eine höhere Positionierung von Sabitzer inklusive einer Anspielstation im Halbraum in einer höheren Position wären für Mukiele womöglich hilfreicher gewesen.

Auch die Positionierung von Haidara und Forsberg ist nicht perfekt, denn McKennie kann recht simpel beide Mittelfeldspieler bei der Ballannahme stören – vorausgesetzt, sie hätten überhaupt eine Chance den Ball zu erhalten. Was hätte noch passieren können, damit RB hier einen Ausweg gefunden hätte?

Zum einen ist die Position von Mukiele bereits suboptimal. Hin und wieder wirkte es so, als ob Leipzig kurzzeitig eine Dreierkette im Spielaufbau nutzen würde, allerdings agierte Mukiele plötzlich dann doch wieder als Rechtsverteidiger. Nagelsmann sprach diesen Kniff nach der Partie auch an, jedoch scheiterte es an der richtigen Umsetzung.

Als rechter Halbverteidiger hätte er den Ball jedoch im Halbraum erhalten können und so verschiedene diagonale Passoptionen gehabt. Darüber hinaus hätte sich Burgstaller zwischen Upamecano und Mukiele entscheiden müssen.

Des Weiteren wäre es in dieser Situation von Vorteil gewesen, wenn Demme durch ein intelligenteres Freilaufverhalten den Passweg ins Zentrum geöffnet hätte. Haidara oder Upamecano hätten sich im Gegensatz diagonal zu Mukiele anbieten sollen, um eine Verlagerung ins Zentrum zu ermöglichen.

Zentrum zustellen und nach außen lenken

Wie bereits erwähnt konzentrierten sich die Schalker darauf das Zentrum zu schließen und offenbarten so die Schwächen der Bullen im Aufbauspiel und dem Übergang ins Angriffsdrittel.

Leipzig sehr flache Staffelung mit vielen Spielern vor dem Schalker Block erschwerte das Aufbauspiel und Schalke erhielt immer wieder Zugriff im Zentrum. Hier beispielsweise erhält Haidara zentral den Ball, jedoch ergeben sich keine Anspielstationen für den Mittelfeldakteur.

Demme kippte nach rechts ab, während Forsberg in der Schalker Raute verschwand. Burgstaller und Matondo doppeln den Ballführenden, während Harit den Pass zu Forsberg zustellte. Schalke 04 konzentrierte sich gegen den Ball primär auf der Besetzung der Räume und weniger auf das Verfolgen eines Gegenspielers. Nur so wurde das Zentrum kompakt gehalten und man verhinderte einen essentiellen Pass für die Leipziger – den Ball in den Zehnerraum.

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Erst in der aktiven Balleroberung griff das Team von David Wagner auf lose Mannorientierungen zurück, um ballnah alle Anspielstationen zu verschließen. Selbst wenn Haidara es geschafft hätte in der oberen Situation nach rechts zu verlagern, hätten die Schalker durch ein dynamisches Zuschieben zumindest eine Situation der Gleichzahl, wenn nicht sogar Überzahl schaffen können.

Der wohl wichtigste Aspekt im Schalker Pressing war der Fokus auf das verschließen der ballnahen Räume und das Verhindern von Spielverlagerungen. Leipzig schaffte es so gut wie nie die Seiten zu wechseln und die Schwächen der Raute effektiv zu bespielen.

Fazit

Letztlich schafften es die Leipziger nie, regelmäßig zwischen die Linien zu kommen. Insbesondere das Schalker Mittelfeld um Suat Serdar war einer der Gründe dafür, jedoch fehlten den Leipziger einfach die Verbindungen nach vorne, die Anspielstationen im Zehnerraum und folglich die passende Absicherung im Umschaltmoment. Speziell in der zweiten Hälfte hatte das Team von Julian Nagelsmann große Probleme die Konter der Schalker zu stoppen.

Es stellt sich die Frage ob das 4-2-2-2 für Nagelsmann und sein Team langfristig eine Option ist, wenn sie das Spiel selbst machen müssen. Mit Forsberg und Poulsen hat man nur zwei Spieler zwischen den Linien, denn Werner und Sabitzer weichen viel aus bzw. fühlen sich auf dem Flügel wohler. Auch die Abstimmung zwischen Demme und Haidara passte selten.

Schalke hingegen scheint sich unter Wagner zu entwickeln. Speziell gegen den Ball wirken sie sehr gut organisiert. Einzig das Spiel in Ballbesitz ist bisher noch sehr einfach gestrickt mit vielen langen Bällen und einem Aufbauspiel mit einem großen Loch im Sechserraum.   

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