Atalanta zerlegt Sassuolo mit Spielverlagerungen und Halbraumkombinationen

Sassuolo gegen Atalanta ist ein bisschen das Hipster-Duell der Serie A. Die beiden kleinen Vereine stechen vor allem mit sehr gutem Ballbesitzspiel heraus. Atalanta war in den letzten Jahren schon immer vorne mit dabei und konnte sich auch für die Europa League qualifizieren. Die letzte Saison war dann die beste unter Gasperini – dritter Platz und der beste Angriff der Liga, trotz überschaubarer individueller Qualität.

Sassuolos merkwürdige Pressing-Idee

Um diese Offensive zu stoppen entschied sich Roberto de Zerbi, seine Mannschaft in einem 4-3-3 verteidigen zu lassen. Die drei Stürmer spielten dabei sehr eng in einer Linie, um Pässe durch das Zentrum zu verhindern. Das erlaubte den drei Mittelfeldspielern dahinter sehr breit zustehen, die Achter bekamen die Aufgabe, am Flügel auf die Wing-Backs von Atalanta rauszurücken, während Obiang als Sechser dahinter im Halbraum die Lücken schließen sollte.

Diese Idee hat auch zu Beginn des Aufbauspiels von Atalanta noch gut funktioniert. Am Flügel wurden alle Anspielstationen mannorientiert zugeschoben und ein Vorankommen Atalantas verhindert. Die Probleme ergaben sich dann nach Spielverlagerungen, welche die Gäste bewusst in ihr Aufbauspiel einbauten. Zunächst konnte Sassuolo am Flügel eine 4v4-Situation herstellen, nach der Spielveragerung konnte Obiang aber nicht so schnell verschieben und es entstand eine 3v4-Unterzahlsituation am anderen Flügel. Anstatt – wie man es bei einer Unterzahl tun sollte – abzuwarten und zunächst die Anspielstationen zu schließen, rückten die Spieler am Flügel aber so vor, als wären sie in einer Gleichzahl und in ihrem Rücken kein Spieler frei.

Atalanta schien es insgesamt wenig zu stören, dass die drei Stürmer Pässe durchs Zentrum verhinderten. Sie konzentrierten sich selbst sehr stark auf die Flügelzonen im Aufbauspiel. Dort bilden sie aus ihrem 3-4-3 System auf beiden Seiten Rauten, die aber jeweils anders aufgebaut wurden. Auf links kippte der Sechser Pasalic neben Masiello und hinter Gosens raus, in das Loch im Mittelfeld viel Gomez zurück. Im Sturm wich Zapata in den Halbraum aus und es enstand eine Raute. Auf rechts war es dann die natürliche Raute, die aus dem 3-4-3 entsteht.

In der Entstehung zum ersten Tor startete Atalanta den Spielaufbau auf der linken Seite. Weil Sassuolo dort alle Anspielstationen mannorientiert zustellt, verlagert Atalanta das Spiel über die Verteidiger auf die rechte Seite. In dieser Szene ist bereits das erste Problem von Sassuolo zu sehen. Berardi und Boga positionieren sich sehr tief, schaden ihrer Mannschaft dadurch aber mehr als das sie helfen. Aus einer höheren Position hätten sie die Verteidiger anlaufen und die Spielverlagerung verhindern können.

Nach der Spielverlagerung kann Atalanta die Überzahl nutzen und über Freuler aufrücken. Das Spiel wird anschließend wieder in den linken Halbraum auf Gomez verlagert, der dort andribbeln kann. Weil sich Duncan schon sehr früh auf den Flügel zu Gosens orientiert, kann Gomez durch die Schnittstelle im Mittelfeld mit Tempo auf Toljan im Strafraum zudribbeln. Er umspielt den ehemaligen Dortmunder und trifft zum 1:0.

Halbraum

Vorm zweiten Tor startet Atalanta das Aufbauspiel über die rechte Seite und verlagert anschließend nach links, wo sie über den Flügel bis ins Angriffsdrittel vorrücken können. Dort zeigen sie ihr starkes Positionsspiel, um eine Abwehr vor dem eigenen Strafraum zu knacken. Dank der Positionierungen von Gomez und Freuler kann das Spiel vom linken Flügel bis rüber zu Hateboer verlagert werden.  

Um vom Flügel wieder die Anbindung in den Halbraum zu haben, schaltet sich Toloi mit einem Offensivlauf ein. Er wird im Halbraum angespielt und leitet den Ball auf Ilicic weiter, der sich zuvor gut aus dem Deckungsschatten herausbewegt hat. Mit etwas Glück landet der Ball am zweiten Pfosten bei Gosens, der zum 2:0 trifft.

Atalanta

Nach dem zweiten Gegentreffer stellt de Zerbi dann auch die Formation gegen den Ball um. Die Flügelspieler spielen neben den Mittelfeldspielern und nicht mehr davor, das Mittelfeldpressing ist also aus einem klassischen 4-5-1. Insgesamt stabilisierte diese Umstellung das Team und Atalanta konnte sich seltener nach vorne spielen. Das dritte Tor viel trotzdem nach einem ähnlichen Schema wie die ersten beiden Tore.

Am rechten Flügel bildet sich bei Atalanta eine Raute, gegen die Sassuolo mannorientiert verteidigt. Ilicic kann die Situation aber mit einem Dribbling auflösen und anschließend das Spiel in die linke Halbspur auf Pasalic verlagern. Bei Sassuolo ist das Problem, dass sie am Flügel eigentlich eine gute Situation für einen Ballgewinn geschaffen haben, dahinter aber die Absicherung fehlt. Pasalic kann deshalb in der linken Halbspur mit dem Ball nach vorne dribbeln, eine sehenswerte Kombination zwischen Zapata und Gomez bringt dem Argentinier sein zweites Tor in diesem Spiel.

Sassuolos gute Ansätze im Aufbauspiel

Roberto de Zerbi hat sich keinen Namen gemacht, indem seine Mannschaften durch besonders gutes Pressing aufgefallen sind. Die Stärken liegen auch bei Sassuolo eher im Spiel mit dem Ball. Gegen Atalanta hat man im eigenen Ballbesitz immer die Aufgabe zu lösen, gegen die vielen Mannorientierungen den Ball zu behaupten und nach vorne zu kommen. Dafür nahmen bei Sassuolo die Außenverteidiger eine sehr wichtige Rolle ein.

Halbraum

Atalanta in der ersten Halbzeit ein sehr hohes Mittelfeld- oder ein Angriffspressing. Die Innenverteidiger wurden dabei von den Stürmern so angelaufen, dass die Außenverteidiger im Deckungsschatten waren. Im Mittelfeld gab es klare Mannorientierungen. Eine gute Ballbesitzmannschaft sollte in der Lage sein, diese einfachen Deckungsschatten zu überspielen – und das schaffte Sassuolo auch. In der ersten Halbzeit wurden die zentralen Mittelfeldspieler als Wandspieler genutzt, um mit dem Spiel über den Dritten auf die Außenverteidiger zu kommen. Diese waren deshalb zunächst frei, weil Berardi und Boga Atalantas Wing-Backs durch die hohen und breiten Positionen gebunden haben.

Allerdings konnte Sassuolo den Platz am Flügel nicht nutzen. Erreichte der Ball den Außenverteidiger, wurde dieser in der Regel vom ballnahen Sechser angelaufen, während der Halbverteidiger dahinter auf den freien Achter vorrückte. Sassuolos Angriffe scheiterten dann oft, weil sie sehr früh den Pass auf die Stürmer gesucht haben, welche aber unter Druck den Ball in isolierten Situationen behaupten mussten – das gelang nicht besonders gut und viele Bälle waren deshalb auch schnell weg. Erst nach der deutlichen Führung für Atalanta lies deren Intensität im Spiel gegen den Ball nach und Sassuolo kam zu längeren Ballbesitzphasen in der gegnerischen Hälfte.

In der zweiten Halbzeit hatten sie dann mehr Ballbesitz und änderten ihr Aufbauspiel etwas ab. Das Ziel war immer noch, die freien Außenverteidiger einzusetzen, die Innenverteidiger sollten jetzt aber direkt Pässe auf die Außenverteidiger spielen. Die Achter positionierten sich dafür höher, zogen ihre Gegenspieler mit und schafften Raum in den Halbspuren.

Halbraum

Toljan und Peluso hielten nicht die Positionen am Flügel, sondern bewegten sich viel aus den Deckungsschatten heraus in die Halbspuren. Von dort konnten sie das Aufbauspiel nach vorne tragen. Sassuolos Problem war allerdings, dass sie insgesamt sehr unkreativ im Angriffsspiel waren. Es gab immer mal wieder gute Kombinationen mit Spiel über den Dritten, insgesamt aber nur sehr wenig Läufe in die Tiefe und deshalb auch nur wenig Durchschlagskraft. Der Ball landete relativ schnell auf dem Flügel, von wo Boga und Berardi mit Dribblings Gefahr erzeugen sollten.

Fazit

Atalanta konnte das schwache Pressing von Sassuolo mit Spielverlagerungen aushebeln. Im Angriffsspiel zeigten sie dann sehenswerte Kombinationen vor den ersten drei Toren, was zu einer komfortablen Halbzeitführung führte. In der zweiten Halbzeit haben sie dann sichtlich das Tempo rausgenommen und nicht mehr mit voller Kraft gespielt.

Trotz der Probleme im Pressing zeigte Sassuolo, dass sie durchaus Lösungen im Spiel mit dem Ball haben. Vor allem die Rolle der Außenverteidiger im Aufbauspiel war interessant. Allerdings fehlt es der Mannschaft komplett an Durchschlagskraft.

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