Alles eine Frage des richtigen Timings

„Wann wechselt der denn endlich?!“ Fragen dieser Art haben sich sicherlich schon viele Fußballfans gestellt, wenn der Trainer einer Mannschaft trotz üppig besetzter Reservebank partout keinen Wechsel vornimmt. Das eigene Team liegt in Rückstand und macht auch mit dem aktuellen Spielermaterial keine ernsthaften Anstalten, diesen Umstand nachhaltig zu ändern. Letztlich scheint der Trainer das Flehen der Fans doch zu vernehmen und bringt eine Viertelstunde vor Schluss zwei neue Akteure. Um den ganzen die Krone aufzusetzen, kommt erst kurz vor Abpfiff ein zusätzlicher Stürmer. Hat das Team dann letzten Endes verloren, braucht es nicht lange bis Fans und Zuschauer dem Trainer die Mitschuld geben. Mit früheren Wechseln, am besten schon in der Halbzeitpause, hätte das Match sicher einen positiven Ausgang gefunden. Doch ist es wirklich so einfach? Gibt es ein Patentrezept für Trainer, um „richtig“ zu wechseln? In dieser mehrteiligen Serie beleuchten wir auf Basis eigens erstellter Statistiken zur Bundesligasaison 2018/2019 die Frage nach dem „richtigen“ Wechselmuster.

Sobald die Spieler das Spielfeld betreten und der Schiedsrichter zum Anpfiff bittet, sind die Einflussmöglichkeiten eines Trainers ab diesem Zeitpunkt fortan streng limitiert. Grundsätzlich kann der Trainer im laufenden Spiel Umstellungen und taktische Anweisungen einbringen und Zettel mit neuen Ausrichtungen reihum gehen lassen, inwiefern diese aber in der Hitze des Gefechts nachhaltigen Einfluss auf die Mannschaft haben, ist zumindest fraglich. Neben der Halbzeitpause sind insbesondere die drei Wechselmöglichkeiten ein (ge-)wichtiges Werkzeug, um dem Spiel neuen Input zu geben.

Im nachfolgenden Beitrag werden Einwechslungen näher betrachtet. Zunächst werden die verschiedenen Einwechselanlässe beleuchtet, um im Anschluss auf die grundsätzlichen Intentionen von Wechseln einzugehen. Vorab lässt sich jedoch schon feststellen, dass Trainern nicht unendlich viele Optionen zur Verfügung stehen, prägenden Einfluss auf den Spielverlauf zu nehmen. Aus diesem Grund lohnt es sich, jede der Möglichkeiten optimal einzusetzen und dem Match (im Notfall) den bestmöglichen Input zuzuführen.

Einwechselanlässe

In diesem Artikel wird zwischen freiwilligen und unfreiwilligen Anlässen unterschieden. Für beide Wechselanlässe gibt es eine Vielzahl an Beispielen, weswegen wir uns hier nur auf die wesentlichsten Aspekte beschränken:

Wechsel können demnach unter anderem die Folge von Verletzungen und Platzverweisen sein. Dabei handelt es sich dann um unfreiwillige Wechsel. Der Trainer muss hier gezwungenermaßen Spieler austauschen, um auf die unvorhergesehenen Umstände einer Verletzung oder Platzverweises entsprechend zu reagieren.

Aktive Wechselanlässe

Innerhalb der Gruppe der freiwilligen Wechsel kann zwischen aktiven und reaktiven Einwechselanlässen unterschieden werden. Unter aktiven Anlässen werden in diesem Artikel Wechsel subsumiert, mit denen der Trainer (pro-)aktiv den Charakter bzw. die taktische Ausrichtung der Mannschaft verändern möchte. Die nachfolgende Abbildung stellt exemplarisch drei mögliche aktive Wechselanlässe dar:

Einwechslungen

Der Anlass besteht dabei z. B. im aktuellen Spielstand, der verändert werden soll. Ein Remis, das nicht ausreicht, eine Führung, die zu knapp ist, oder ein Rückstand, der umgebogen werden soll.

Denkbar ist zudem, dass der Spielstand zwar stimmt, die eigene Leistung aber nicht in allen Punkten zufriedenstellend ist. Bestimmte eigens definierte Leistungsziele (hohes Pressing, viel Ballbesitz, Passsicherheit etc.) werden nicht erreicht und sind Anlass für den Trainer, Veränderungen vorzunehmen.

Auch die Spielzeit kann ein aktiver Wechselanlass sein. Sind nur noch wenige Augenblicke zu spielen, kann der Trainer bei einem zufriedenstellenden Spielstand einen Wechsel vornehmen.

Reaktive Wechselanlässe

Reaktive Anlässe hingegen sind Reaktionen/Handlungen auf taktische bzw. personelle Veränderungen des Gegners. Sind diese derart gravierend, dass das eigene Team Schwierigkeiten hat, sich diesen Änderungen anzupassen, ist ein reaktiver Wechselanlass gegeben. Des Weiteren können hierunter auch „Gegenwechsel“ fallen, um die Umstellung des Gegenübers zu kontern. Reaktive Wechsel haben mit unfreiwilligen Wechseln gemein, dass ein Umstand eintritt, der nicht beinflussbar ist. Im Gegensatz zu einer Verletzung sind reaktive Wechsel jedoch nicht zwingend (s. u.). Eine Verletzung wird im Regelfall aber stets zu einem Spielertausch führen.

Im Zwischenergebnis lässt sich somit festhalten, dass reaktiven Wechseln stets eine taktische oder personelle Änderung des Gegners vorausgeht. Bei aktiven Wechseln hingegen handelt der Trainer initiativ und ändert ohne vorherige Änderung beim Gegner die eigene Taktik oder personelle Besetzung.

Wichtig ist zudem, dass nicht jeder vorliegende Wechselanlass auch tatsächlich einen Wechsel zur Folge hat. Der Trainer muss im Einzelfall abwägen, ob ein Wechsel das richtige Werkzeug ist, um auf einen bestimmten Umstand zu reagieren. In vielen Fällen kann es ausreichend sein, das vorhandene Personal anders einzustellen und die Formation zu verändern. Die aktuelle Verfassung und Form der Akteure auf dem Platz ist dabei ein wichtiges Kriterium. Ist der Wechsel aber grundsätzlich ein geeignetes Mittel, muss der Trainer anschließend abschätzen, ob die vorliegenden Anlässe derartig gewichtig sind, um hierauf mit neuen Spielern zu antworten.

Einwechselintentionen

Hinter jeder Einwechslung steckt in der Regel eine Intention des Trainers. In Anknüpfung an die oben dargestellten aktiven und reaktiven Wechselanlässe lassen sich die entsprechenden Zielrichtungen der Wechsel ableiten. Insgesamt ergibt sich somit folgender Prozess, der einen Wechsel (freiwillig und unfreiwillig) schematisch darstellt (es wird unterstellt, dass der Trainer den Wechsel grundsätzlich als geeignetes Mitteln ansieht, auf den Anlass zu reagieren):

Einwechslungen

Anlass und Intention sind grundlegend für den vorzunehmenden Wechsel. Sie bestimmen den Charakter des Wechsels (Zeitpunkt und Personal, den wir in dieser Themenreihe noch näher beleuchten werden. Liegt die Intention darin, das Spiel offensiver zu gestalten, kommen nur offensiv denkende Spieler auf der Auswechselbank in Frage.

Intention bei aktiven Wechseln (freiwillig)

Spielstand: Wird der aktuelle Spielstand (z. B. 0:0) als unzureichend eingestuft und als Wechselanlass gesehen, liegt die Intention bzw. Zielrichtung des Wechsels z. B. darin, dass das Personal bzw. Taktik des Teams fortan offensiver ausgerichtet sein soll. Ein defensiver Spieler wird z. B. durch einen Offensiven ersetzt.

Leistung: Wird die aktuelle Leistung als unzureichend eingestuft und als Wechselanlass gesehen, liegt die Intention bzw. Zielrichtung des Wechsels z. B. darin, dass dem Spiel ein neuer Impuls verliehen werden soll. Ein beispielsweise müder Außenbahnspieler wird durch einen frischen Flügelflitzer ersetzt. Ein Spieler, der am heutigen Tag nicht sein Leistungsoptimum abruft, wird durch einen anderen Akteur ausgetauscht.

Spielzeit: Wird der aktuelle Spielstand (z. B. 1:0) bei nur noch wenigen zu spielenden Minuten als Wechselanlass gesehen, liegt die Intention bzw. Zielrichtung des Wechsels z. B. darin, dass Zeit von der Uhr genommen werden soll, um die noch verfügbare Spielzeit zu verkürzen. Ebenfalls wird durch einen möglicherweise defensiven Wechsel die Abwehr zusätzlich verstärkt.

Neben diesen Beispielen gibt es, wie oben angesprochen, noch weitere Intentionen. So kann es u.a. ein Ziel sein, einem Spieler, der zuvor lange Zeit verletzt war, wieder Spielpraxis und Wettkampferfahrung zu ermöglichen.

Intention bei reaktiven Wechseln (freiwillig)

Die Wechselintention von reaktiven Wechseln liegt in einer entsprechenden Reaktion auf die taktischen oder personellen Änderungen innerhalb der gegnerischen Mannschaft. Wechselt der Gegner beispielsweise einen sehr schnellen linken Außenbahnspieler ein (Wechselanlass), liegt die Intention des (Gegen-)Wechsels z. B. darin, dass der neue gegnerische Spieler besser gedeckt und kontrolliert werden soll. Dies kann dadurch erfolgen, dass der eigene rechte Außenverteidiger durch einen frischen und / oder schnelleren rechten Außenverteidiger ersetzt wird.

Reaktive Wechsel zielen somit immer darauf ab, die neue Formation / Spielidee etc. des Gegners in Schach zu halten und zu kontern.

Fazit

Als Resümee des obigen Abschnitts lässt sich festhalten, dass Trainer nur eine begrenzte Anzahl an möglichen Einflussnahmen im Spiel besitzen. Neben In-Game-Coaching und der Halbzeitpause sind Einwechslungen ein wichtiges Werkzeug für Trainer. Jeder Wechsel hat dabei einen zugrundeliegenden unfreiwilligen oder freiwilligen Wechselanlass.

Freiwillige Wechsel sind sodann in aktive und reaktive Anlässe einzuteilen und lassen sich innerhalb der aktiven Wechselanlässe auf Spielstand, Leistung oder Spielzeit herunterbrechen. Reaktiven Anlässen geht stets eine Änderung bzw. Einflussnahme des gegnerischen Trainers voraus.

Wird aufgrund eines Wechselanlasses auch tatsächlich gewechselt, verfügt jeder Wechsel über eine Intention. Ist der Trainer beispielsweise mit dem Spielstand nicht zufrieden, hat der (offensiv ausgerichtete) Wechsel die positive Änderung des Spielstands als Zielrichtung.

Im nächsten Artikel widmen wir uns den Themen Wechselpersonal und insbesondere Wechselzeitpunkt. Wir untersuchen eine aufgestellte Hypothese zum richtigen Wechselzeitpunkt und stellen dieser eigens erstellte Wechselstatistiken der abgelaufenen Bundesligasaison 2018/2019 gegenüber.

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