Das Umschaltrondo

„Everything that goes on in a match, except shooting, you can do in a rondo.“ Bei allen Vorzügen, die das klassische 3vs1, 4vs1, 4vs2 bietet, trifft dieses Zitat Johan Cruyffs nur eingeschränkt zu. Zumindest wenn man die häufig angewendete Ausführung des rondos betrachtet, bei der die Verteidiger, nachdem sie den Ball berührt haben, mit dem Spieler, der den entsprechenden Pass gespielt hat, die Rolle tauschen.

Zwar können in solchen Spielformen Aspekte des Ballbesitzspiels oder das Verhalten bei gegnerischem Ballbesitz trainiert werden, das Verhalten in den Umschaltphasen „Ballgewinn“ und „Ballverlust“ wird jedoch nicht berücksichtigt. Die Entwicklung der letzten Jahre im Profifußball geht jedoch dahin, dass diesen eine immer wichtigere Bedeutung beigemessen wird. So nutzen viele Mannschaften die ersten Sekunden nach Ballgewinn, um den unsortierten Gegner zu überraschen, schnell umzuschalten und so Torchancen zu generieren. Auf der anderen Seite liegt der Fokus nach Ballverlust häufig darauf, den Ball durch sofortiges Gegenpressing zurückzuerobern.

Vorüberlegungen

In einem rondo können viele Aspekte eines Fußballspiels implizit trainiert, aber auch explizit gecoacht werden. Exemplarisch seien an dieser Stelle die Bildung von Dreiecken, das Anbieten auf Lücke oder auch das Leiten im Pressing und Erkennen von Pressingsignalen genannt.

Da im Spiel jedoch das bloße Berühren des Balles für die Verteidiger keinen großen Mehrwert hat, solange der Gegner in Ballbesitz bleibt, sollte schon im Training Wert darauf gelegt werden nach Ballgewinn eine sinnvolle Anschlussaktion auszuführen. Gleichzeitig sollte schon im Training versucht werden, das Bewusstsein zu entwickeln nach Ballverlust in ein effektives Gegenpressing überzugehen. Martin Rafelt spricht in diesem Zusammenhang davon, dass das Gegenpressing zum Instinkt werden soll, bei dem alle sofort mitziehen ohne nachzudenken. Durch verschiedene Provokationsregeln können diese Ziele auch in die klassischen rondos integriert werden.

Am geläufigsten ist wohl die Vorgabe, dass die Verteidiger nach Balleroberung aus dem Feld dribbeln müssen, um ihre Rolle abzugeben. Dies hat zur Folge, dass die Verteidiger nach Ballgewinn eine Anschlussaktion (erkennen und andribbeln freier Räume) durchführen müssen. Die Angreifer können dies durch ein sofortiges Nachsetzen und Verknappen des Raumes verhindern und so den Ball zurückerobern. Eine weitere Möglichkeit wäre, dass die Verteidiger ein Tor auf ein Minitor erzielen müssen, bevor sie ihre Rolle abgeben können. Alternativ kann mit der Regel gespielt werden, dass die Verteidiger nach Ballgewinn eine bestimmte Anzahl an Pässen untereinander spielen müssen. Gelingt ihnen dies, so tauschen sie die Rollen mit den Angreifern.

Neben den Provokationsregeln bieten sich verschiedenste Spielformen an, um das Umschaltverhalten zu trainieren. Im Folgenden soll mit dem Umschaltrondo eine dieser Spielformen, sowie 2 mögliche Variationen vorgestellt werden.

Das „klassische“ Umschaltrondo

Aufbau: Das rechteckige Spielfeld wird in der Mitte in 2 gleich große Hälften geteilt, jeder Mannschaft wird eine Hälfte zugewiesen. Die ballbesitzende Mannschaft sammelt alle ihre Spieler in der eigenen Hälfte  und spielt dort gegen eine vorgegebene Zahl der Verteidiger (im Beispiel 4vs2). Die verbleibenden Verteidiger warten in ihrer eigenen Hälfte.

Ablauf: Die ballbesitzende Mannschaft spielt in Überzahl auf Ballhalten (X Pässe = 1 Punkt). Erobern die Verteidiger den Ball, so versuchen sie zu ihren Mitspielern in die eigene Hälfte zu verlagern, um dort das Spiel mit umgekehrten Rollen fortzusetzen. Die Mannschaft, die den Ball verloren hat, versucht durch sofortiges Nachsetzen die Verlagerung zu verhindern.

Erklärung: In Rondos lassen sich viele individual- und gruppentaktische Aspekte des Spiels in Ballbesitz trainieren (z.B. Dreiecksbildung, offene Spielstellung, anbieten auf Lücke). In dieser rondo-Form werden darüber hinaus die Umschaltmomente akzentuiert. Verliert eine Mannschaft den Ball kann sie durch ein rasches Nachsetzen die Verlagerung in die gegenüberliegende Hälfte verhindern. Dabei kann bei schneller Umsetzung des Gegenpressings die lokale Überzahl in der eigenen Hälfte genutzt werden. Gelingt die Verlagerung trotzdem, so gilt es in der gegnerischen Hälfte möglichst schnell wieder Druck auf den ballführenden Spieler zu erzeugen, um den Ball möglichst schnell wieder erobern zu können und Punkte für den Gegner zu vermeiden. Im offensiven Umschaltmoment gilt es möglichst schnell vom Druck weg in den freien Raum zu verlagern. Durch ein schnelles Nachrücken müssen dann möglichst schnell Anspielstationen geschaffen und passende Strukturen für das Ballbesitzspiel erzeugt werden.

Entscheidungs-Umschaltrondo

Aufbau: Der Aufbau des Feldes bleibt gleich wie beim „klassischen“ Umschaltrondo. Lediglich an den Stirnseiten werden jeweils 2 Minitore platziert.

Ablauf: Die ballbesitzende Mannschaft kann weiterhin nach X Pässen ohne Unterbrechung einen Punkt erzielen. Gelingt es den Verteidigern den Ball zu erobern, so stehen diese vor der Entscheidung entweder den Versuch zu unternehmen ein Tor auf die beiden gegnerischen Minitore zu erzielen (1 Punkt) oder den Ball in die eigene Hälfte zu verlagern, um dort über das Passspiel Punkte zu erzielen.

Erklärung: Wie beim klassischen Umschaltrondo wird in dieser Spielform der Fokus auf das Umschalten nach Ballgewinn bzw. Ballverlust gelegt. Zusätzlich wird in dieser Spielform die Entscheidungsfindung der Spieler miteinbezogen. Die Mannschaft, die in Überzahl den Ball verliert, sollte durch ein schnelles Nachsetzen versuchen die lokale Überzahl auszunutzen und den Ball zurückzuerobern. Um schnelle Punkte für den Gegner zu verhindern, müssen zunächst Pässe in die Tiefe (=Abschlüsse auf die Minitore) verhindert werden.

In der Folge wird der Gegner, falls die sofortige Rückeroberung des Balles nicht gelingt, zu Rückpässen gezwungen. Die Mannschaft, welche den Ball gewinnt, steht vor der Entscheidung nach vorne zu attackieren (Konter auf die Minitore) oder den Angriff abzubrechen und den Ballbesitz zu sichern (Verlagerung in die eigene Hälfte).

Das Sammeln von Erfahrungen bei diesen Entscheidungsfragen ist besonders im Jugendbereich von großer Bedeutung, wenn die Kinder noch fast ausschließlich dazu neigen nach einem Ballgewinn nach vorne zu spielen, auch wenn die Chance auf einen erfolgreichen Angriff fast aussichtslos ist. Sie sollen lernen, die Situationen, in denen gekontert werden kann zu erkennen und zu nutzen, ist dies nicht der Fall sollte über ein geduldiges Ballbesitzspiel versucht werden aus dem Positionsspiel heraus Chancen zu generieren.

Als kurzer Exkurs sei an dieser Stelle zudem angemerkt, dass das Nutzen von Minitoren (im Vergleich zu Übungsformen ohne Tore oder Spielformen mit Hütchentoren) einen äußerst positiven Einfluss auf die Motivation der Spieler hat und in größeren und intensiveren Laufleistungen resultiert.

Umschaltrondo mit Torspieler

Aufbau: Wie in den vorherigen Spielformen wird das Spielfeld in der Mitte geteilt, die Zonen sind nun aber weniger quadratisch, sondern haben die Form eines Rechtecks. In der Mitte der Mittellinie wird ein Stangentor errichtet, welches von beiden Hälften bespielt werden kann. Dieses wird von einem Torwart gegen beide Mannschaften verteidigt. Jeder Mannschaft wird eine Hälfte zugewiesen.

Ablauf: Mannschaft A spielt in ihrer Hälfte 7vs5 gegen Mannschaft B. 2 Spieler von Mannschaft B verbleiben in der gegenüberliegenden Hälfte. Die Mannschaften können entweder Punkte dadurch erzielen, dass sie ohne Unterbrechung X Pässe spielen oder in dem sie aus ihrer Hälfte heraus ein Tor durch das Stangentor erzielen. Gelingt ihnen ein Tor nach der vorgegebenen Anzahl an Pässen, so zählt dieses doppelt. Gelingt es Mannschaft B den Ball zu erobern, so versuchen die Spieler diesen in die eigene Hälfte zu verlagern, um dort Punkte durch Pässe oder Torerfolge zu erzielen.

Gelingt Mannschaft B die Verlagerung, so rücken alle Spieler von B, sowie 5 Spieler von A nach und es ergibt sich ein 7vs5 mit umgekehrten Rollen. Mannschaft A versucht die Verlagerung mit einem sofortigen Gegenpressing zu verhindern. Schießt ein Spieler beim Schuss auf das Stangentor an diesem vorbei oder erzielt ein Tor, so wird das Spiel ohne Unterbrechung in der gegenüberliegenden Hälfte fortgesetzt. Erklärung: Diese Spielform eignet sich, um das Umschalten mit größeren Spielergruppen zu trainieren.

In Ballbesitz sollen durch die Nutzung von Breite und Tiefe des Spielfeldes und die Bildung von Dreiecken in Ballnähe Strukturen geschaffen werden, die eine flüssige Zirkulation des Balles ermöglichen. Dabei soll der Ballbesitz kein Selbstzweck werden, sondern als Werkzeug dienen, um Gegner anzulocken und Torchancen zu generieren.

Die verteidigende Mannschaft wird durch die Unterzahl gezwungen ballorientiert zu verschieben, um eine Chance auf einen Ballgewinn zu haben. Durch die Positionierung des Stangentores in der Mitte des Feldes wird der Fokus implizit auf die Schließung des strategisch wichtigen Zentrums gelegt. Wie in den beiden vorherigen Spielformen soll nach Ballverlust schnell nachgesetzt werden, um die lokale Überzahl im Gegenpressing nutzen zu können. Gelingt einer Mannschaft nach Ballgewinn die Verlagerung, so gilt es möglichst schnell Strukturen für ein effektives Ballbesitzspiel zu etablieren.

Während den Umschaltphasen steht vor allem die Reaktionsfähigkeit der Spieler im Mittelpunkt. Durch die häufigen Wechsel der Felder, bei denen die Spieler längere Distanzen mit intensiven Läufen zurücklegen müssen, eignet sich die Spielform zudem ausgezeichnet für den Aufbau der Ausdauer, welche fußballspezifisch trainiert wird.

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