Spielanalyse RB Leipzig – VfL Wolfsburg

In der ersten Halbzeit schien Leipzig wie die bessere Mannschaft, wurde aber selbst nur nach Umschaltsituationen gefährlich. Aus dem ruhigen Ballbesitz heraus taten sie sich sehr schwer, Wolfsburgs kompakte Defensive zu knacken. Die Gäste zeigten, wieso sie den bisher niedrigsten xG-Against Wert aller Bundesligisten haben, zeigten aber auch durchaus Schwachstellen beim defensiven Umschalten, die Leipzigs Konter ermöglichten bzw. vereinfachten. In einer wilderen zweiten Halbzeit konnte Leipzig das erste Tor machen, Wolfsburg kam nach und nach aber immer besser ins Spiel und erzielte kurz vorm Spielende den Ausgleich, um auch nach 8 Spieltagen die einzige ungeschlagene Mannschaft zu sein.

Leipzigs Aufstellung variieren in dieser Saison ständig zwischen einer Dreierkette und einem 4-4-2/4-2-2-2. Für das Spiel gegen Wolfsburg entschied sich Nagelsmann für die Viererkette, was wohl vor allem mit Idee zusammenhing, wie Leipzig gegen den Ball spielte. Das Mittelfeldpressing wurde aus einem 4-2-3-1 gespielt, bei dem Poulsen als einziger Stürmer die Aufgabe hatte, das Wolfsburger Aufbauspiel auf einer Seite zu halten, wenn der Ball von Bruma Richtung Flügel – entweder auf den Halbverteidiger oder den Wing-Back – gepasst wurde. Werner orientierte sich als Zehner im Zentrum am tiefsten Wolfsburger Mittelfeldspieler und stellte diesen mit seinem Deckungsschatten zu. Die Flügelstürmer hatten die Aufgabe, die Wolfsburger Halbverteidiger anzulaufen.

Bei Wolfsburg spielte die Fünferkette im Aufbau etwas assymetrisch, indem Rousillon auf der linken Seite höher stand als Willian auf rechts. Tisserand positionierte sich dadurch auch breiter als Mbabu. Somit ergaben sich für Sabitzer und Nkunku verschiedene Aufgaben im Anlaufen. Während der Franzose sowohl auf Willian, als auch auf Mbabu vorrücken konnte, musste Sabitzer beim Anlaufen auf Tisserand darauf achten, nicht mit einem Pass auf Rousillon überspielt zu werden. Das passierte am Anfang des Spiels ein paar Mal und legte eine Schwachstelle im Leipziger System offen. Später nutzte Sabitzer aber seinen Deckungsschatten besser, um diese Pässe zu verhindern und lange Bälle zu erzwingen.

Durch die Rolle von Poulsen und Werner verbunden mit der Rolle der Flügelstürmer haben die Sechser die Aufgabe gehabt, die ballnahe Anspielstation im Halbraum mannorientiert zuzustellen. Gelang das, reagierte Wolfsburg mit langen Bällen. Landete der Ball aber bei Rousillon, wurde das Vorrücken von Laimer zum Problem, weil nun der Passweg in den Zwischenlinienraum offen ist.

Konter über Werner

Leipzigs insgesamt gutes Mittelfeldpressing wurde mit vielen Ballgewinnen belohnt, an deren Anschluss Leipzig sofort den Weg nach vorne suchte. Schlüsselspieler dafür war Werner – aus seiner Zehnerposition im Spiel gegen den Ball war er nach Ballgewinn sofort im Rücken der Mittelfeldspieler positioniert. Er konnte dort angespielt werden, um den Ball weiterzuleiten oder selbst auf die Abwehr zuzugehen. Hatte ein anderer Spieler den Ball, konnte er aus seiner tiefen Position Tempo aufnehmen und von dort Sprints hinter die Abwehr ziehen.

Leipzigs Konter hingen aber nicht nur an der Geschwindigkeit von Werner, auch Sabitzer und Nkunku machten häufig Läufe in die Tiefe. Dazu nutzte Leipzig viele Doppelpässe und Kombinationen über den Dritten, um schnell und flach nach vorne zu kommen. Beflügelt wurden die Leipziger Konter auch durch Wolfsburgs Probleme im Gegenpressing. Vor allem das Verhalten von Arnold und Guilavogui wirkte dabei nicht richtig abgestimmt. In einigen Situationen verteidigten beide nach Ballverlust nach vorne, standen aber nicht versetzt zueinander und konnten daher die Passwege in den Zwischenlinienraum nicht schließen. Dieses Problem zog sich durch das ganze Spiel.

Die Qualität der Leipziger Konter wurde in der zweiten Halbzeit deutlich schwächer. Der Grund dafür war, dass deutlich mehr Konter mit langen Bällen auf Poulsen gestartet wurden, als mit flachen Kombinationen – allerdings führte auch einer dieser langen Bälle auf Poulsen zum 1:0.

Wolfsburgs kompakte Defensive

Gegen die geordnete Defensive von Wolfsburg war es für Leipzig deutlich schwerer, sich Torchancen rauszuspielen. Nach Abstößen gingen die Gäste in ein Angriffspressing, welches von Mannorientierungen geprägt wurde. Dazu lies sich Weghorst auf einen defensiven Mittelfeldspieler zurückfallen und wurde dabei von Arnold oder Guilaovgui unterstützt. Brekalo und Victor stellten die Innenverteidiger zu. Nach Pässen auf Klostermann oder Saracchi rückte der jeweilige Wing-Back heraus, dahinter verschob der Halbverteidiger mannorientiert. Gelegentlich führte dieses Pressing zu Problemen in der Kompaktheit, weil Bruma seine Position im Zentrum ungern verlies und nicht rausrückte, auch wenn sich Poulsen in den Raum fallen ließ.

Im Mittelfeldpressing war Wolfsburg dafür umso stärker. Aus dem 5-4-1 legten sie viel Wert auf die Kompaktheit im Zentrum und das Schließen der Passwege in den Zwischenlinienraum. Dafür rückten Brekalo und Victor weit ein, Arnold und Guilavogui verteidigten mannorientiert gegen Leipzigs Sechser. Sollte doch mal ein Passweg in den Zwischenlinienraum frei sein, rückten die Halbverteidiger mannorientiert heraus. Gerade Tisserand kam so zu vielen Ballgewinnen in der ersten Halbzeit.

Wenn es einen Schwachpunkt in der sehr kompakten Wolfsburger Formation gibt, ist es die linke Seite. Vor allem Brekalo hat Probleme damit, die richtige Position zu finden, wenn Upamecano den Ball hatte. Verstärkt wurde dieses Problem, indem Leipzig den rechten Flügel durch Verlagerungen und Läufe von Sabitzer, welche Rousillon in einer zentraleren Position binden konnten, für Klostermann öffnete. Aber selbst wenn Leipzig in diesen Positionen war, taten sie sich schwer, den Ball in die gefährlichen Zonen zu bringen. Die Flanken von Klostermann waren – trotz guter Strafraumbesetzung – oft zu ungenau. Diagonale Passwege durch den Zwischenlinienraum wurden durch das mannorientierte Verhalten der Verteidiger erschwert.

Anders als Leipzig konnte Wolfsburg die eigenen Ballgewinne nicht für Konter nutzen. Das lag zum einen an einem guten Leipziger Gegenpressing, andererseits auch an Wolfsburg selbst. Nach Ballgewinn gab es in der ersten Halbzeit nur wenig Laufwege in die Tiefe, vor allem Brekalo und Victor hätten diese Aufgabe besser ausfüllen müssen.

wilderes Spiel hilft und schadet Leipzig

Bereits in der ersten Halbzeit gab es aufgrund des guten Pressings beider Mannschaften viele lange Bälle. In der zweiten Halbzeit wurde das Spiel dann noch wilder. Leipzig startete mit sehr starkem Pressing und konnte dann auch schnell das 1:0 erzielen. Das wildere Spiel schien Leipzig mehr zu liegen als Wolfsburg, weil Leipzig in den beiden Umschaltphasen überlegen war, allerdings kam Wolfsburg im Laufe der 2. Halbzeit immer besser in die Partie. Leipzigs Konter waren wegen der vielen langen Bälle frühzeitig vorbei und auch das Gegenpressing wurde schwächer. Problematisch war vor allem die Kompaktheit im Zentrum und der Abstand zwischen Mittelfeld und Abwehr.

Wolfsburg konnte diese freien Räume im Zentrum nutzen, um das Spiel auf die Flügel zu verlagern, wo die Wing-Backs viele Wege in die Tiefe machten. Vor allem die Diagonalbälle auf William verschafften Leipzig und Saracchi eine Menge Probleme. Bei Leipzig lies dann auch die Intensität im Pressing nach, wodurch sich Wolfsburg häufiger nach vorne spielen konnte. Das Ganze mündete dann im Ausgleichstor kurz vor Schluss. Nach einem eigenen Konter ist Leipzig unsortiert im Mittelfeldpressing, etwas glücklich verlagert Wolfsburg den Ball auf Mbabu. Demme möchte sein Andribbeln unterbinden, geht aber zu schnell in den Zweikampf und wird umdribbelt – anschließend kann William zum ersten Mal über die rechte Seite durchbrechen und einen gefährlichen Ball in die Mitte spielen. Leipzig konnte die Situation klären, sie rückten aber zu langsam raus. Guilavogui konnte daher direkt einen Diagonalball auf William rechts in den Strafraum spielen und Weghorst traf zum Ausgleich.

Fazit

Leipzig unter Nagelsmann ist weiterhin ein recht inkonstantes Gebilde. In diesem Spiel war die Spielphase im Ballbesitz ihre Schwachstelle, wobei sie dort auch auf die Stärke von Wolfsburg trafen. Die Umschaltphasen und das Spiel gegen den Ball sahen vor allem in der ersten Halbzeit sehr gut aus, in der zweiten lies die Qualität aber stark nach.

Wolfsburg zeigte in der Spielphase gegen den Ball eine starke Partie, hatte aber in den anderen drei Phasen Probleme. Gegen Ende des Spiels gelang es ihnen, die Probleme von Leipzig auszunutzen und doch noch zum Ausgleich zu kommen. Eine sehr stabile Defensive als Grundgerüst ist nicht verkehrt, will Wolfsburg aber langfristig in dieser Saison um die vorderen Plätze mitspielen, müssen sie sich vor allem im Spiel mit dem Ball stark steigern. Am Ende bringt auch die beste Defensive nichts, wenn dabei nur Unentschieden herausspringen.  

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