Alles eine Frage des richtigen Timings – Teil 2

Im ersten Teil dieser Themenreihe haben wir Einwechslungen als zentrale Möglichkeit identifiziert, mit denen ein Trainer Einfluss auf den Spielverlauf nehmen kann. Wir haben uns freiwillige und unfreiwillige Wechsel angesehen und darauf aufbauend Einwechselanlässe und Intentionen analysiert. Dieser theoretische Unterbau gibt uns nun die Möglichkeit, sich dem Kern der Fragestellung zu näher. Kann man „richtig“ wechseln? Inwiefern spielt der Wechselzeitpunkt eine Rolle? Dieser Frage gehen wir im heutigen Teil auf den Grund und nähern uns zudem den eigens erstellten Statistiken zur Bundesligasaison 2018 / 2019.

Im vorangegangen Abschnitt sind wir zum Zwischenfazit gekommen, dass der Wechselanlass und die innewohnende Intention bzw. Zielrichtung des Wechsels den Charakter des Wechsels wesentlich mitbestimmen.

Die Wechseldimensionen

Jeder Wechsel hat zwei Dimensionen: Wechselpersonal und Wechselzeitpunkt. Beide sind bis auf kleine Ausnahmen grundsätzlich vom Trainer frei bestimmbar und sollten bestmöglich ausgewählt sein. Durch die Beschränkung auf nur drei Wechsel pro Spiel (außer bei Verlängerungen, in denen ein vierter Wechsel möglich ist) müssen die Faktoren Personal und Zeitpunkt gut gewählt sein.

Wechselpersonal

Das Wechselpersonal wird dabei in ein großes und kleines Wechselpersonal geteilt. Die Besetzung von beiden Kreisen wird maßgeblich vor Beginn des Spieltags vom Trainer unter Berücksichtigung externer Einflüsse definiert.

Das große Wechselpersonal

Die Bestimmung des großen Wechselpersonals erfolgt mit der Kadernominierung und Nominierung der Startelf für den anstehenden Spieltag. Daraus leitet sich die Besetzung der Auswechselbank ab, die grundsätzlich Austauschpotenzial für alle Mannschaftsteile vorsieht. Nicht beeinflussbar sind insbesondere die Auswirkungen von Sperren und Verletzungen, die bereits vor der Auswahl des Spielkaders die Auswahl an in Frage kommenden Akteuren begrenzen.

Im Optimalfall deckt der Trainer mit seiner Reservebank möglichst viele unterschiedliche Spielsituationen ab. Dazu gehören insbesondere folgende Szenarien:

  • Verletzungen
  • Platzverweise
  • Reaktion auf einen unzureichenden Spielstand oder auf eine unzureichende Spielleistung
  • Reaktion auf Veränderungen jeglicher Hinsicht in der Spielstatik des Gegners

(Die Aufzählung greift die in Teil 1 behandelten unfreiwilligen sowie freiwilligen Wechsel und aktiven sowie reaktiven Wechselanlässe auf)

Zusammengefasst kann gesagt werden, dass ein Trainer sicherstellen muss, dass er mit den gewählten Reservespielern den berühmten „Plan B“ bestreiten und auf eine Vielzahl von (unvorhergesehen) Einflüssen reagieren kann.  Das große Wechselpersonal stellt damit das gesamte Potenzial dar und repräsentiert alle Spieler, die auf der Reservebank Platz nehmen. Es muss vor jedem Spiel durch den Trainer bestimmt werden. Folgende Abbildung stellt das Konzept des Wechselpersonals grafisch dar:

Das kleine Wechselpersonal

Das kleine Wechselpersonal ist eine Teilmenge des großen Wechselpersonals. Es stellt beispielsweise die Angreifer auf der Reservebank dar. Daneben bestehen grundsätzlich auch noch weitere kleine Teilmengen in Form von Mittelfeld- und Abwehrspielern sowie zwingend einem Torwart.

Innerhalb des kleinen Wechselpersonals (z. B. Teilmenge der Stürmer) gibt es weitere Unterteilungen. Im Optimalfall hat der Trainer (zwei) unterschiedliche Spielertypen nominiert, um auf verschiedene Spielsituationen entsprechend reagieren zu können.

In der obigen Abbildung sind beispielsweise unter den Stürmern zwei differenzierte Spielertypen auf der Wechselbank. Ein großgewachsener und kopfballstarker Akteur („Brecher“) und ein kleiner, wendiger Angreifer, der sich gerne fallen lässt und das Spiel aus der Tiefe forciert. Je nach Spielsituation muss der Trainer aus den beiden Spielern den „richtigen“ auswählen, um dem Spiel den benötigten Impuls zu verleihen. Wir spielen dies anhand eines Beispiels durch und greifen dabei auch das grundlegende Schema eines Wechsels auf:

Wechselanlass und Intention haben hier den Charakter des Wechsels bestimmt und zur Auswahl des Spielertyps „Brecher“ geführt.

Wechselzeitpunkt

Neben dem Aspekt des Wechselpersonals bestimmt der Trainer bei freiwilligen Wechseln auch den Wechselzeitpunkt. Der nun folgende Teil des Artikels greift das Buch „Die Wahrheit liegt auf dem Platz“ von Anderson und Sally auf. Die Autoren gehen dabei auf das Versuchsergebnis von Bret Meyer ein, der (verkürzt) dargestellt folgende These vertritt:

Ist eine Mannschaft in Rückstand, sollte ein Team, um den maximalen positiven Effekt herbeizuführen, den ersten Wechsel vor der 58. Minute, den zweiten Wechsel vor der 73. Minute und den dritten Wechsel vor der 79. Minute vornehmen.

Auf diese Weise kann man die Wahrscheinlichkeit maximieren, den Rückstand noch zu drehen. Wir haben uns diese These näher angeschaut und sie versucht auf Basis der Daten der Bundesligasaison 2018 / 2019 zu verifizieren – oder andere Wechselmuster zu identifizieren.

Die Versuchsmethode:

Eine Bundesligasaison hat 34 Spieltage mit jeweils neun Partien. Insgesamt ergeben sich somit pro Saison 306 Matches. Um die obige These näher zu untersuchen, wurden zunächst folgende Spiele herausgefiltert:

  • Spiele, in denen eine Mannschaft nach einem Unentschieden zur Halbzeit am Ende noch gewonnen hat
  • Spiele, in denen eine Mannschaft nach einem Rückstand zur Halbzeit am Ende noch gewonnen hat
  • Spiele, in denen eine Mannschaft nach einem Rückstand zur Halbzeit am Ende ein unentschieden erreicht hat

Dies traf in der Bundesligasaison 2018 / 2019 auf insgesamt 111 Spiele zu. In einem nächsten Schritt wurden die Wechselmuster derjenigen Mannschaften betrachtet, die das Spiel erfolgreich beendet haben. Es wurden somit die Wechselmuster derjenigen Teams analysiert, die

  1. ein Unentschieden zur Pause in der zweiten Halbzeit in einen Sieg gedreht haben
  2. einen Rückstand zur Halbzeit in der zweiten Halbzeit in einen Sieg gedreht haben
  3. einen Rückstand zur Halbzeit in der zweiten Halbzeit in ein Unentschieden gedreht haben

Da diese Untersuchung in Abwandlung zum Versuchsaufbau von Meyer nicht nur Rückstände, sondern auch Unentschieden (zur Pause) miteinbezieht (1) und nicht zwangsläufig mit einem Sieg beendet werden müssen (3), wurden die Grenzwerte der einzelnen Wechsel modifiziert:

  • erster Wechsel:              vor Spielminute 63
  • zweiter Wechsel:           vor Spielminute 75
  • dritter Wechsel:             vor Spielminute 80

Alle drei Bedingungen müssen dabei kumulativ erfüllt sein, um in den Anwendungsbereich der These zu fallen. Doch was ist mit Wechseln, die kurz vor Schluss vorgenommen werden und zwangsläufig dazu führen, dass die These nicht erfüllt wird? Sogenannte Zeitschinder-Wechsel (Wechselanlass: kurz vor Spielende; Intention: Zeitspiel) wurden wie folgt bewertet:

  • Hat ein Team das Spiel bereits vor den Zeitschinder-Wechseln in eine Führung (1,2) oder ein Unentschieden (3) gedreht, werden Zeitschinder-Wechsel als nicht schädlich für die Erfüllung aller drei Voraussetzungen der These eingestuft
    • Beispiel:
      • Team A liegt zur Halbzeit 0:1 in Rückstand
      • Team A wechselt zur Halbzeit (erster Grenzwert der These ist erfüllt) und zur 70. Minute (zweiter Grenzwert der These ist erfüllt)
      • In Spielminute 73 und 80 erzielt Team A zwei Tore und geht 2:1 in Führung
      • Um Zeit von der Uhr zu nehmen, wechselt Team A in der 90. Minute zum dritten Mal
    • Streng genommen sind nicht alle Grenzwerte der These erfüllt, da der dritte Wechsel nicht vor der 80. Spielminute, sondern danach vorgenommen wurde
    • In der Untersuchung wurden diese Fälle jedoch so bewertet, dass die These erfüllt ist, da hier ein eindeutiger Zeitschinder-Wechsel nur zu Gunsten des Zeitspiels erfolgt ist

Ausblick

Unter diesen Annahmen wurden die 111 Spiele der abgelaufenen Bundesligasaison im Hinblick auf die vorliegenden Wechselmuster untersucht. Es wurde analysiert, zu welchen Zeitpunkten die Trainer gewechselt haben. Verspricht das Wechselmuster (<63,<75,<80) mehr Erfolg als andere Vorgehensweisen? Zahlen sich frühe Wechsel überhaupt aus? Dies und vieles mehr beantworten wir in Teil 3 dieser Themenreihe!

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