PSG’s variantenreiches Ballbesitzspiel überrollt Olympique Marseille

Am Wochenende führte Paris Saint-Germain bereits zur Halbzeit mit 4:0 gegen Olympique Marseille. Das Ergebnis alleine sorgte schon für Aufsehen, aber auch die Dominanz von Thomas Tuchels Mannschaft – besonders in der ersten Halbzeit – war beeindruckend. Der deutsche Trainer entschied sich für ein 4-3-3 System gegen das 4-3-3 von Marseille. Die Mannschaft von Andres Villas-Boas verteidigt im Mittelfeld grundsätzlich mannorientiert – und genau dort sah Tuchel wohl den Schwachpunkt. Die verschiedenen Varianten waren gezielt darauf abgestimmt, die Mannorientierungen der gegnerischen Mittelfeldspieler aufzulösen. In dieser Analyse werfe ich einen Blick darauf, welche Varianten Paris genau nutzte.

Positionsspiel im 4-3-3

Das 4-3-3 ist sowas wie die Mutter aller Ballbesitzformationen. In Barcelona ist sie quasi schon Bestandteil des Vereins, auch Pep Guardiola nutzt diese Formation sehr häufig. Thomas Tuchel ist in seiner Zeit bei PSG sehr variabel was die Grundordnung angeht – zwischen Dreierkette, Viererkette, einer oder zwei Stürmer, zwei oder drei Mittelfeldspieler war schon alles dabei.

Gegen Marseille‘s mannorientierte Spielweise hilft diese Formation, um effektiv eine Überzahl gegen die Mittelfeldspieler herzustellen. Weil sich Benedetto oft an Thiago Silva orientierte, blieb Kimpembe im Aufbauspiel frei. Die Mittelfeldspieler bewegten sich vor ihm viel, tauschten die Positionen und konnten sich so von den Mannorientierungen lösen. Hinzu kommt die individuelle Klasse der vier Spieler am Ball und die Ballsicherheit auch unter Druck.

So konnte Kimpembe mit kurzen Pässen auf einen Mitspieler eine Pressingsituation seines Gegenspielers auslösen, nur um anschließend den nächsten freien Mitspieler zu finden. Das Ziel war es, einen Mittelfeldspieler zwischen den Linien anzuspielen, damit dieser aufdrehen kann. So ein Aufdrehen war für die Mittelfeldspieler das Zeichen zum Sprint in die Tiefe.  

Asymmetrische Flügelstürmer

Diese Staffelung im Mittelfeld war aber nicht die einzige Variante, mit der die Mannorientierungen ausgespielt werden konnten. Hat Kimpembe den Ball, lies sich Verratti nach außen fallen. Das löste in der Folge die Bewegungen von Mbappe und Bernat aus. Den Effekt dieser Bewegungen konnte man beim ersten Tor in der 10. Minute gut erkennen.

Vor Kimpembe entsteht nun eine Raute, welche das Mittelfeld von Marseille auf diese Seite zieht. Strootman und Lopez werden durch die Mannorientierungen an Verratti und Marquinhos angelockt, Rongier muss dahinter den Raum um Mbappe schließen. Auf dieser Seite steht Marseille jetzt zwar kompakt, PSG kann mit einer Verlagerung aber einen Angriff starten.

Im Zwischenlinienraum sieht man auch die 2-3-Staffelung der Spieler. Bernat und di María besetzen die Flügel und sind auf Höhe der letzten Linie, so kann die Abwehr nach hinten gedrückt und auseinandergezogen werden. Mbappe und Herrera positionieren sich in den Halbspuren und sind dort zwischen den Linien, weil das die Räume sind, durch die PSG das Aufbauspiel nach vorne tragen möchte.

Nach der Verlagerung vom linken in den rechten Halbraum kann PSG das Spiel mit einem Pass auf Herrera beschleunigen. Rongier konnte nicht rechtzeitig verschieben und Herrera deshalb den Ball in der Schnittstelle annehmen und aufdrehen. Anschließend spielte er den Ball auf di María weiter, der Argentinier setzte sich im 1v1 gegen Sakai durch und flankte auf Icardi. In Sachen Bewegungsspiel im Strafraum machen Icardi nicht viele Stürmer was vor, er konnte sich im Rücken von Kamara absetzen und treffen.

Anhand dieser Situation kann auch die tiefe Positionierung der Außenverteidiger erklärt werden. Die Payet und Germain, die Flügelstürmer von Marseille, waren defensivtaktisch eher schwach, schlossen nicht die Passwege in die Halbspuren, sondern orientierten sich recht früh an den Außenverteidigern. Ohne wirklich aktiv ins Spiel einzugreifen hatte Dagba’s Position zur Folge, dass der Raum für Herrera noch größer wird.

Auch in dieser Variante wird das Ziel von PSG’s Aufbauspiel deutlich: Pass in den offensiven Halbraum, Aufdrehen, Angriff mit Pässen und Läufen in die Tiefe beschleunigen. Dieses Muster war mehrmals zu sehen. Dabei ist es egal, ob der Achter im Halbraum positioniert ist und der Flügelstürmer am Flügel, oder der Flügelstürmer zuvor eingerückt war und der Außenverteidiger dann am Flügel in die Tiefe startet.

Abkippender Marquinhos

Die dritte häufig genutzte Variante war ein Abkippen von Marquinhos zwischen die Innenverteidiger. In der Folge entstand ein 3-4-3. Auch in dieser Formation waren die Flügelstürmer asymmetrisch angeordnet. Einer der beiden positionierte sich zentral und suchte nach Räumen hinter dem Mittelfeld, der andere Spieler blieb breit am Flügel. Ein Pass in den Zwischenlinienraum war für den breiten Stürmer das Zeichen für einen Sprint in die Tiefe.

Auch in dieser Formation blieben die Prinzipien und Taktiken von PSG dieselben. Verratti lies sich zu Beginn des Aufbauspiels fallen und forderte den Ball, wodurch Strootman rausgezogen wurde und ein offener Raum hinter ihm entstand. Herrera bot sich für einen kurzen Doppelpass an und lockte damit Rongier aus seiner Position, anschließend besetzte er den geöffneten Halbraum, um eine bessere Staffelung im Mittelfeld herzustellen.

Nachdem Herrera den linken Halbraum besetzt hat, bietet sich Mbappe in der Schnittstelle zwischen Rongier und Lopez an. Durch das unabgestimmte Defensivverhalten versuchen beide Mittelfeldspieler, diesen Passweg zu schließen. Das gelingt ihnen zwar auch, lässt aber Herrera ohne Gegenspieler. Über Kimpembe kann der Spanier erreicht werden. Der Pass und das Aufdrehen im Zwischenlinienraum sind für di María wieder das Zeichen, hinter die Abwehr zu starten.

Fazit

Marseille war defensivtaktisch schwach, die Mannorientierungen wirkten unabgestimmt und undurchdacht, das Verhalten der Flügelstürmer gegen den Ball half nicht, die Löcher in den Halbräumen zu schließen. Wie oft und variantenreich PSG diese Schwächen aber selbst aufdeckte und dann auch bespielte war trotzdem bemerkenswert.

Im Mittelfeld gab es sehr viele Bewegungen, um den Mannorientierungen zu entkommen. Die Asymmetrie der Flügelspieler funktionierte sehr gut und bereitete Marseille eine Menge Probleme. Der Mix aus einem sehr starken mannschaftstaktischen Ballbesitzspiel und den individuellen Fähigkeiten quasi aller Spieler auch unter Druck macht PSG zur derzeit möglicherweise besten Ballbesitzmannschaft.

Ein Teil von Tuchels Spielprinzipien wurden in diesem Spiel offensichtlich: Positionsspiel, Aufbauspiel durch die Halbräume, anschließende Tempoverschärfung. Jetzt wo die Mannschaft diese Spielprinzipien verinnerlicht hat und auch die Defensive auf einem ordentlichen Niveau agiert, scheint eine lange Teilnahme in der Champions League dieses Jahr sehr wahrscheinlich.

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