Alles eine Frage des richtigen Timings – Teil 3

Im heutigen dritten und letzten Teil der Artikelreihe zum Thema Einwechslungen untersuchen wir anhand statistischer Daten, ob das Wechselmuster (erster Wechsel < 63. Minute, zweiter Wechsel < 75. Minute, dritter Wechsel < 80. Minute) die Wahrscheinlichkeit erhöht, den Spielstand zu eigenen Gunsten zu drehen. Wir werfen einen genauen Blick auf die Resultate der Untersuchung und überführen diese in eine Ergebnisaussage.

Teil 1 und 2 haben bislang verschiedene theoretische Aspekte von Einwechslungen betrachtet. Wir verknüpfen diese Überlegungen nun mit der Praxis, konkret mit der Bundesligasaison 2018 / 2019. Partien mit folgenden Spielverläufen wurden untersucht:

  • eine Mannschaft hat nach einem Unentschieden zur Halbzeit am Ende noch gewonnen
  • eine Mannschaft hat nach einem Rückstand zur Halbzeit am Ende noch gewonnen
  • eine Mannschaft hat nach einem Rückstand zur Halbzeit am Ende ein Unentschieden erreicht
  • => Anzahl: 111 Bundesligapartien in 2018 / 2019

In Anlehnung an die These von Bret Meyer wurde folgende Hypothese aufgestellt: Die Wahrscheinlichkeit einen Rückstand oder ein Unentschieden zu eigenen Gunsten zu drehen steigt, wenn folgendes Wechselmuster angewendet wird:

  • erster Wechsel:              vor Spielminute 63
  • zweiter Wechsel:           vor Spielminute 75
  • dritter Wechsel:             vor Spielminute 80

Die Ergebnisse

Nach Analyse der Daten wurden folgende Wechselmuster identifiziert:

Die Wechselmuster 1 – 3 haben jeweils mindestens einen Wechsel vor der 63. Minute, Wechselmuster 4 – 6 haben keinen Wechsel vor Spielminute 64. In Wechselmuster 7 sind alle übrigen Szenarien enthalten, zumeist Spiele, in denen alle drei Wechsel zwischen der 64. und 80. Minute stattgefunden haben.

Die folgende Tabelle stellt nun die Auswertungsergebnisse dar:

In 37% der untersuchten Spiele wurde demnach das Wechselmuster < 63. Min., < 75. Min, < 80. Min angewendet. Die Gegenthese hierzu stellt Wechselmuster # 6 dar (alle drei Wechsel in den letzten zehn Minuten). Nur in vier Spielen hat ein Trainer nach diesem Muster gewechselt und Erfolg gehabt.

Wie bereits oben beschrieben, kann man die Wechselmuster 1 – 3 und 4 – 6 zusammenfassen. Wechselmuster 1 – 3 haben gemeinsam, dass mindestens ein früher Wechsel (vor 63. Minute) vollzogen wurde. In den Muster 4 – 6 haben die Trainer mit dem ersten Wechsel mindestens bis zur 64. Minute (oder später) gewartet. Gruppiert man die Ergebnisse, ergibt sich folgendes Bild:

Da in der obigen Untersuchung nur eine Saison der Bundesliga analysiert wurde, kann man gewiss nicht davon sprechen, ein Patentrezept bzw. einen Beweis für die Wirksamkeit von frühen Wechseln seriös liefern zu können. Es zeichnet sich jedoch ein Bild ab, das sich mit den Ergebnissen von Bret Meyer deckt. In 60 % der Spiele, die gedreht wurden oder in denen ein Unentschieden in der zweiten Halbzeit umgebogen wurde, haben die Trainer mindestens einmal vor der 63. Minute gewechselt. Nur in gut einem Drittel der 111 untersuchten Spiele wurde mit dem ersten Wechsel länger gewartet. Ein Umstieg von einem defensiven Wechselansatz, in dem tendenziell länger gewartet wird, zu einer proaktiveren Vorgehensweise kann sich somit auf Basis der oben dargestellten Daten auszahlen.

Somit müsste doch eigentlich alles klar sein. Ein frühes Intervenieren des Trainers in Form von Wechseln lohnt sich unter Umständen. Es könnte so einfach sein, wären da nicht die Wechselhindernisse…

Wechselhindernisse – oder warum man trinken sollte, bevor man durstig wird

Fußball besteht in erster Linie (zum Glück) nicht nur aus Theorie, Mannschaft und Trainerteam sind Menschen aus Fleisch und Blut, die sich gerne von anderen Dingen beeinflussen lassen als von statistischen Daten. Psychologische, charakterliche und emotionale Aspekte spielen hier oft eine Rolle.

Anderson und Sally gehen in ihrem Buch „Die Wahrheit liegt auf dem Platz“ darauf ein, dass Trainer eine besondere Verbundenheit zur Startelf haben und sich gewissermaßen schwer tun, Korrekturen durch Auswechslungen vorzunehmen. Wechsel werden dabei (unterbewusst) als Vertrauensbruch dem ausgewechselten Spieler gegenüber gesehen. Darüber hinaus stellen sie möglicherweise ein Eingeständnis dar, dass die Benennung der Startelf zu Spielbeginn in Teilen falsch gewählt war und einer Korrektur durch Wechsel bedurfte.

Wechselhindernisse liegen jedoch nicht nur aufseiten der Trainer. Spieler signalisieren möglicherweise zu spät, dass sie erschöpft sind und eigentlich ausgewechselt werden müssten. Erst wenn die äußeren Anzeichen unübersehbar sind, werden Spieler aufgrund nachlassender Frische und Energie ausgetauscht. Hier hat die Performance des Spielers aber schon in den Minuten zuvor nachgelassen und das Leistungsniveau der Mannschaft heruntergezogen. Dem kann entgegengewirkt werden, wenn Spieler vorzeitig und proaktiv ausgewechselt werden, um das Performancepotenzial des Teams konstant hochzuhalten.

Die Grafik stellt schematisch ein mögliches Energieniveau einer Mannschaft dar. Ab der 55. Minute sinkt die Leistungsstärke sukzessive und hat bis zur 63. Minute beispielsweise bereits 10 % verloren. Diese 10% sind aber nicht unbedingt offensichtlich erkennbar, dem Team fehlt nichtsdestotrotz bereits seit einigen Minuten Energie. Gegner werden beispielsweise nicht mehr energisch genug angelaufen oder das Team verschiebt nicht mehr konsequent zum Ball. Dies führt beispielsweise dazu, dass die gegnerische Mannschaft immer mehr Räume vorfindet. Zur 70. Minute fehlen bereits 20 % an Leistung. Dies ist nun deutlich erkennbar und wird durch den Trainer mit einem Wechsel korrigiert. Danach steigt der Energielevel dadurch wieder an. Vergleicht man hier jedoch die Energielevel zur 63. Minute (90 %) und 70. Minute (80 %), wird ersichtlich, dass das Team weitere 10 % an Power verloren hat. Dies hätte jedoch durch einen früheren Wechsel des Trainers verhindert werden können.

Diese Grafik basiert nicht auf tatsächlich erhobenen Leistungsdaten, soll aber grob darstellen, dass der Energielevel stets sinkt und der Abfall erst dann sicht- und vor allem spürbar wird, wenn es möglicherweise schon zu spät ist. Bis zu diesem Zeitpunkt sollte jedoch nach Möglichkeit nicht gewartet werden. Frühe Wechsel können dieser Entwicklung entgegenwirken.

Diesen Ausführungen wird unterstellt, dass die Qualität des Wechselpersonals ungefähr der der ersten Elf entspricht. Spielerwechsel führen dann nicht zum Verlust an Qualität.

Fazit

Mit diesem Artikel schließt sich die Themenreihe „Alles eine Frage des richtigen Timings. Wechsel sind eine Möglichkeit für den Trainer, Einfluss auf den Spielverlauf zu nehmen. Neben unfreiwilligen Wechseln nach Verletzungen oder Platzverweisen gibt es Wechsel freiwilliger Natur. Bei diesen kann ein Trainer (pro-)aktiv wechseln und Änderungen aufgrund des Spielstands, der Spielleistung und der Spielzeit vornehmen. Ändert der Gegner seine Formation und Spielverhalten, kann ein Trainer mit reaktiven Einwechslungen antworten.

Durch die Benennung des großen und kleinen Wechselpersonals vor Spielbeginn wählt ein Trainer seine Optionen aus, die er im Spielverlauf bereithalten möchte. Im Idealfall kann er mit dem großen Wechselpersonal („Reservebank“) möglichst viele Szenarien abdecken, um auf diese Weise im besten Fall nicht nur Plan B, sondern auch weitere Pläne in der Hinterhand zu haben. Doch nicht nur das Personal, auch der Wechselzeitpunkt spielt eine wichtige Rolle. Durch die Analyse der Daten der Bundesligasaison 2018 / 2019 ist die Tendenz erkennbar, dass Mannschaften, die den ersten Wechsel frühzeitig (vor der 63. Spielminute) vorgenommen haben, häufiger ein Spiel drehen konnten, als Teams, die später gewechselt haben.

Dem Autor ist auf jeden Fall bewusst, dass derartige Statistiken und theoretische Muster nicht direkt auf die tägliche Spielpraxis übertragen werden können. Es steht jedoch außer Frage, dass ein Trainer seine limitierten Einflussnahmemöglichkeiten während eines Spiels bestmöglich ausgestalten muss, um im Fall der Fälle seiner Mannschaft helfen zu können. Und dazu gehören sicherlich Überlegungen zum Thema „Wann wechsele ich denn endlich?“.

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