RB Salzburg unter Jesse Marsch – Ein Hauch von Roger Schmidt

Wer will, wer kann?

Nachdem bekannt wurde das Marco Rose Salzburg Richtung Mönchengladbach verlassen wird, spekulierten die Anhänger und Medien über den passenden Nachfolger. Schließlich geht es darum große Schritte, die von Marco Rose und seinem Trainer-Team gemacht wurden, fortzuführen und weiterzuentwickeln.

Eine Rückholaktion von Oscar Garcia polarisierte im Netz aufgrund der damals unerquicklichen ballbesitzorientierten Spielweise. Eine Beförderung des langjährigen Co-Trainers Rene Aufhauser wurde von vielen Seiten als folgerichtigen Schritt empfunden. Aufhauser konnte unter Marco Rose jedoch als Assistent nicht so richtig auffallen, im Gegensatz zu Rene Maric und Alexander Zickler, die auch beide das Trainer-Team von Marco Rose bei Borussia Mönchengladbach komplettieren.

Doch die wohl mit Abstand beliebteste Lösung unter den Fans, war der Gedanke einer Verpflichtung von Oliver Glasner. Der Österreicher entwickelte LASK Linz zu einem der Top-Vereine aus der Tipico Bundesliga und arbeitete als Assistenz-Trainer unter Roger Schmidt (2012-2014) beim Red Bull-Verein.

Der noch eher unbekannte Name Jesse Marsch, wurde nach den ersten medialen Spekulationen nicht erfreulich erfasst. Aufgrund seiner einjährigen Tätigkeit als Co-Trainer von Ralf Rangnick bei RB Leipzig, wurde der US-Amerikaner sofort degradiert. Die Fans konnten sich mit dem Gedanken nicht abfinden, selbst eines Tages Trainer an den „großen Bruder“ aus Deutschland zu verlieren. Die Unabhängigkeit zu RasenBallsport Leipzig war ein Privileg der Salzburger Anhängerschaft, doch wird aufgrund der unzähligen Abgängen Richtung deutsche Bundesliga als nichtig empfunden.

Genau dieser Jesser Marsch aus Racine (Wisconsin), bekam die Chance und musste laut eigener Aussagen, nicht lange über eine Zustimmung nachdenken.

Agressiv und intensiv – der Stil von Jesse Marsch

Red Bull Salzburg agiert gegen den Ball oftmals in einem 4-2-2-2, was durch Variationen in der Pressingstärke oder der gegnerischen Ausrichtung, zu einem 4-4-2 oder 4-2-4 umgewandelt werden kann. Aus einer kompakten Einheit wird eine ballorientierte Raumdeckung gespielt. Der Ballvortrag soll aktiv gelenkt werden, in dem die ST Bogenläufe praktizieren und somit dem gegnerischen Innenverteidiger die 180° Grad-Sicht rauben. Sobald der ballführende IV in eine geschlossene Stellung, mit dem Rücken zum Zentrum, gebracht wird, startet der ballnahe ST in eine überaus agressive Balljagd, während er den diagonalen Passweg ins Zentrum durch den Aufbau eines Deckungsschattens schließt.

Alle ballnahen Spieler bilden eine eng gestaffelte Raumdeckung und überladen somit die Zonen, die der nach außen gelenkte IV bespielen könnte. Der ballnahe ROM spekuliert auf den Querpass zum linken AV. Dieser wird schon während des Ballzuspiels nicht nur im vollen Tempo angelaufen, sondern gar angesprintet. Ziel der Spieler auf den „Doppel-10-Positionen“, ist es den gegnerischen AV Raum und Zeit zu nehmen, um somit eine saubere Ballannahme nicht zu gewährleisten. Der RAV ist während dieser Pressingaktion auf dem Sprung zum gegnerischen LF, um im Falle eines Fehlversuches der Balleroberung des RS und ROM, den Ball spätestens im 2/3 zu erobern.

Das Ziel des RAV ist ebenfalls, dem gegnerischen LF in einer geschlossenen Stellung aktiv in Bedrängnis zu bringen. und dabei einen Pass ins Zentrum zu unterbinden. Die AV von Red Bull Salzburg antizipieren solche Pässe überaus präzise und sind in der Lage mit einer hohen Geschwindigkeit die gegnerischen Flügelspieler anzusprinten und dementsprechend zu stellen.

Um Überzahlsituationen in den anspielbaren Zonen zu kreieren, ist ein gutes Durchsichern der „Doppel-6-Positionen“ erforderlich. Der ballferne LOM wechselt seine Deckung vom linken Halbraum in das Zentrum. Der ballferne LV bildet mit den beiden IV die Restverteidigung.

Diese ganzen Merkmale ihrer defensiven Herangehensweise erinnern an die Zeit zwischen 2012 und 2014, als das Trainer-Team noch Roger Schmidt und Oliver Glasner hieß.

Es herrschen keine wohldurchdachte „Trigger“ gegen den Ball, jedoch eine unglaubliche Intensität und Ausdauer wie unter Schmidt und seinen damaligen Assistenz-Trainer Glasner. Besonders in den ersten 15 Minuten übt Salzburg einen enormen Druck aus. Sie isolieren zielstrebig die gegnerischen Außenspieler und geben ihnen wenig Zeit zum „scannen“ des Umfelds. Dieses Forechecking hat bereits einige Gegner schon in der Anfangsphase eines Spiels eingeschüchtert und das Spielgeschehen maßgeblich beeinträchtigt.

Je nach Verhalten und Stärken der Gegner, varriert Red Bull die Grundordnung gegen den Ball. Liverpools Fabinho wusste die freien Räume zwischen 3. und 4. Reihe des Salzburgers 4-4-2 (4-2-2-2) auszunutzen, indem er sich intelligent zwischen den Schnittstellen anbot. Durch seine hervorragende Wahrnehmung, konnte er in den richtgen Momenten aufdrehen, dem „Raum fressen“ der Salzburger entkommen und durch Diagonalpässe die Überladungen des FC Liverpool auf den Außen profitabel beanspruchen. Jesse Marsch reagierte auf die Bewegungen von Fabinho, indem er auf ein 4-Raute-2 umstellte und Takumi Minamino zur Manndeckung verordnet hatte.

Im Ligaspiel gegen Austria Wien agierten die Mozartstädter in einem 5-3-2, um die Breitenstaffelung der Wiener Flügelspieler nicht zum Nachteil werden zu lassen. Die Distanz zwischen Patrick Farkas & Maximilian Wöber und den gegnerischen Flügelspielern wurde dadurch minimiert.

Überladen um Überladungen zu überspielen

Das Team von Jesse Marsch bevorzugt ein vertikales Angriffsspiel mit wenigen horizontalen Verlagerungen. Dennoch betreibt der FC Red Bull Salzburg in vielen Phasen des Spiels einen flachen und ruhigen Spielaufbau im 1/3. Befindet sich der Gegner im Mittelfeldpressing, kippt einer der 6er diametral ab und bildet somit eine Dreierkette. Meistens agiert Zlatko Junuzovic in dieser Rolle, der durch seine sehr gute Übersicht und Passqualität, die Spieler aus der Tiefe sucht.

Mit Andre Ramalho und Maximilian Wöber befinden sich in dieser pendelnden Dreierkette auch weitere passstarke Aufbauspieler. Der zweite ZM versucht die gegnerischen Offensiv-Spieler aus der einheitlichen Struktur zu binden und herrauszulocken. Dadurch öffnen sich Passkanäle bis zur 4. Reihe die durch „Laserpässe“ genutzt werden.

Enock Mwepu spielt die Rolle des zweiten ZM intelligent und zielstrebig. Er bindet die Gegner im richtigen Timing und in den bestmöglichen Zonen und bescherrt dem Passgeber und Passempfänger solche freiwerdenden Kanäle. Durch diesen Prozess ist die Aufbaulinie in der Lage anhand langer Bälle das vertikale Red Bull-Spiel in Kraft zu setzen, nachdem sie vorher „gezwungen“ wurden einen sauberen und ruhigen Spielaufbau zu praktizieren. Ebenso ist Mwepu fähig, nach einem Fehlpass der pendelnden Dreierkette zügig ins Gegenpressing umzuschalten.

Im Falle einer Ballrückeroberung begibt sich der ballnahe AV in unmittelbarer Nähe des ballführenden Mitspielers und bildet mit weiteren ballnahen Spielern Rauten, bzw. Pentagonformen, um mit schnellen Ballstafetten die ballnahen gegnerischen Spieler bewusst in die aktive Ballrückeroberung zu animieren. Durch diese Beeinflussung entstehen noch größere Räume zwischen 2. und 3. gegnerischer Reihe, die von den Offensiv-Spielern Salzburgs nach langen Bällen in die Tiefe, wieder durch dynamische „Stich-Läufe“ besetzt werden.

Um diese Art und Weise den Ball schnell in die Tiefe zu transportieren demonstrieren zu können, benötigt eine Mannschaft hoch aufmerksame Spieler, die den Umschaltmoment antizipieren und unmittelbar danach in die tiefen Zonen sprinten können. Wird das aufgrund mangelnder Aufmerksamkeit oder Kondition nicht umgesetzt, ist die ballerobernde Mannschaft im Ballbesitz zu dicht gestaffelt und läuft somit der Gefahr aus dem Ball wieder direkt zu verlieren.

Salzburg jedoch hat mit Hee-chan Hwang und dem norwegischen Shootingstar Erling Braut Haaland, zwei laufstarke Stürmer, die in der Lage sind lange Bälle festzumachen oder weiterzuleiten.

Red Bull verwendet im letzten Drittel permanente Kreuzungen. Durch die offensive Ausrichtung der AV (Andreas Ulmer, Rasmus Kristensen & Patrick Farkas) können häufig Überzahlsituationen auf den Flügeln und in den Halbräumen hergestellt werden und durch Positionswechsel zwischen den AV und Zentrum-Spielern, der gegnerische Strafraum penetriert werden. Mannschaftskapitän Andreas Ulmer ist im Angriffsspiel der Österreicher der im „Schattenstehende“ Angelpunkt. Durch seine enorme Laufbereitschaft, Torgefahr und Verständnis zum Spiel, ist er entweder dazu fähig die vorderen Spieler wie Haaland oder Daka in Szene zu setzen oder sich selbst in torgefährliche Zonen zum Torabschluss zu bringen.

Die Stürmer betreiben ebenfalls ein ständiges Positionsspiel, wenn sie lange Bälle in die Tiefe erhalten. Dadurch lösen sie sich von mannorientierten Abwehrspielern oder lösen die Kompaktheiten der Abwehrketten auf. Sie versuchen durch ihre Läufe möglichst hinter die Abwehrketten zu gelangen. Oftmals fordern sie die Bälle auch auf die Flügel, um durch 1 gegen 1 – Situationen Gegenspieler zu binden und den Mitspielern Zeit und Raum zum Besetzen der Box zu ermöglichen.

Die Offensiv-Spieler lassen den Ball im letzten Drittel, vor der Box, auf engstem Raum schnell zirkulieren, um eng gestaffelte Blöcke zu durchbrechen. Durch ein ständiges „Steil-Klatsch-Steil“ erschwert man dem Gegner Zugriff zu bekommen.

Ausblick

Nur wenige Österreicher haben nach dem Trainerwechsel und den diesjährigen Transferabgängen einen solch bemerkenswerten Start in allen drei Wettbewerben erwartet.

Durch die Verluste von Hannes Wolf, Xaver Schlager, Stefan Lainer und Munas Dabbur verlor man viel Qualität im Ballbesitz. Woraufhin der Ballbesitz nicht mehr stark im Fokus steht, wie noch unter Marco Rose. Das Salzburger-Spiel lebt von den drei Spielphasen „Ballbesitz Gegner“, „Umschalten auf Ballbesitz“ und „Umschalten auf Ballbesitz Gegner“. Die Spielphilosophie von Jesse Marsch ähnelt doch eher stark an die von Roger Schmidt, der einst bei Red Bull Salzburg für Furore sorgte.

Nach Ballgewinne wird zügig umgeschaltet und die die defensive Unordnung der Gegner ausgenutzt. Durch viele technische Unsauberkeiten in Ballstafetten, verliert die Mannschaft jedoch häufig den Ball gegen spielstarke Gegner und muss sich permanent neu ordnen. Das kann sehr mühsam sein und erfordert eine Menge positiver Mentalität. Genau da ist der Trainerstab gefragt, wie zur Halbzeitpause an der Anfield Road, als Jesse Marsch eine motivierende Kabinenansprache hielt und seine Mannschaft nochmal zurückbrachte.

Letztendlich bleibt die Frage, wie lange der FC Red Bull Salzburg sein intensives Spiel durchziehen kann.

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