Torwartkette – ein Modell mit Zukunft?

Als Christian Titz in der Saison 17/18 beim Hamburger SV übernahm, brachte er mitten im Abstiegskampf eine neue Spielkultur nach Hamburg und verblüffte viele Zuschauer vor allem mit der offensiven Rolle seines Torwarts Julian Pollersbeck, der bis dato unter Vorgänger Bernd Hollerbach nur zweite Wahl war.

Früher noch ausschließlich auf seine Paraden und das Verhindern von Toren reduziert, wird vom Torhüter spätestens seit dem Vormarsch des Ballbesitzfußballs und flachen Spielaufbaus ein ganz neues Fähigkeitenprofil verlangt. Er wird von fast allen Teams fest ins Aufbauspiel eingebunden und dient als zusätzlicher Überzahlspieler. Daher werden vom modernen Torwart vor allem ein sauberes Passspiel unter Gegnerdruck und eine hervorragende Spielübersicht gefordert.

Hier sind gerade Spieler wie Manuel Neuer, André Ter Stegen oder Ederson Vorreiter und Paradebeispiele für das neue Bild des Torhüters.

Dennoch war die Rolle von Pollersbeck beim HSV besonders, eben weil sie so extrem ausgeführt wurde.
Er wurde nicht nur als „Mittel zum Zweck‘‘ in den Spielaufbau eingebunden, weil der Gegner hoch presste, sondern schob im Ballbesitz teilweise bis zur Mittellinie vor und bildete mit den zwei Innenverteidigern eine sogenannte „Torwartkette‘‘ – konsequent und immer, wenn es möglich war.

Nun ist mit dem Abgang von Christian Titz beim HSV auch die Torwartkette in dieser Form von der Bildfläche verschwunden. Doch Abseits der großen Aufmerksamkeit entwickelt er seit dieser Saison seine Idee in der Regionalliga West bei RW Essen weiter – bisher durchaus mit Erfolg.

Doch warum hat sich dieses extrem pro-aktive Torwartspiel noch nicht flächendeckend durchgesetzt und wird maximal temporär und eher instinktiv bei beispielsweise einem Rückstand und/oder einer Überzahl ausgeübt? Überwiegen die Risiken dem möglichen Nutzen gegenüber oder fehlt den Teams einfach der Mut und der passende Torwart für dieses taktische Mittel?

Und vor allem:

Was ist eine Torwartkette?

Letztlich steckt in dem Wort Torwartkette bereits alles, was man für eine Definition braucht:
Der Torwart formt im eigenen Ballbesitz mit mind. 2 weiteren Feldspielern (in der Regel Verteidiger) eine Kette. Nun ist der Begriff Kette nicht an viele weitere Bedingungen geknüpft, so dass wir in Abb. 1 genau so eine Kette haben wie in Abb. 2.
Fokussieren will ich mich in diesem Artikel gezielt auf Abb. 2 – eine Torwartkette, die so hoch wie möglich agiert. Eine Torwartkette wie in Abb. 1 hat wahrscheinlich schon jede Mannschaft (unbewusst) genutzt und bringt auch bereits einige Vorteile mit. Uns soll aber die weiterentwickelte, extremere Form dieses taktischen Mittels interessieren.

Abb. 1
Abb. 2

Um die Besonderheit der Torwartkette, wie der HSV sie unter Titz praktiziert hat, besser einordnen zu können, lohnt sich zunächst ein Blick auf die durchschnittliche Position von anderen interessanten Torhütern in dominanten Teams in Form ihrer Heatmap.

Wie man sieht, interpretieren selbst die Keeper von sehr dominanten Ballbesitzteams ihre Rolle positionell eher konservativ. Sie beteiligen sich zwar permanent am flachen Spielaufbau und dienen hier vor allem als Überzahl- und Verlagerungsspieler, stehen dafür aber nur selten mehr als 20-25 Meter vor ihrem Tor. Gregor Kobel beim VfB Stuttgart ragt da in der noch jungen Saison unter Tim Walter am ehesten heraus.

Im Vergleich dazu hier die Heatmaps von Lars Pollersbeck (unter Berücksichtigung, dass Titz nach dem 10. Spieltag 18/19 entlassen wurde).

Der Unterschied ist deutlich sichtbar: Pollersbeck stand im Schnitt 15-20 Meter weiter vor seinem Tor als der Rest – hier auch nochmal in ein paar Spielszenen verdeutlicht.

Auffällig ist auch, dass die Torhüter, die in einer hohen Torwartkette agierten, deutlich mehr Ballkontakte pro Spiel hatten. Sie wurden also konsequenter in den Spielaufbau einbezogen und dienten überproportional häufig als Verlagerungs- und Überzahlspieler. Hier einmal die Ballkontaktzahlen der einzelnen Torhüter pro Spiel zusammengefasst.

Taktische Auswirkungen auf das Positionsspiel

Während die tiefere Torwartkette eher weniger drastische Auswirkungen auf die Grundpositionierung im Spiel nach vorne hat, bietet die hohe Kette hier einige neue Möglichkeiten. Dadurch, dass der Torhüter im Endeffekt die Position eines Innenverteidigers einnimmt, können alle Mannschaftsteile weiter vorschieben.

Unter Titz im 4-3-3 schieben die Innen- und Außenverteidiger oftmals bei Ballbesitz sehr breit und hoch und lediglich der Sechser lässt sich situativ fallen, um mit dem Torhüter und den 2 IV eine Raute zu bilden. Die restlichen Spieler agieren fast ausschließlich auf oder vor der hintersten Kette des Gegners, um dort durch viele Positionsrochaden anspielbar zu werden.

Vorteile & Möglichkeiten im Spielaufbau

Wenn man erst einmal in die Struktur der hohen Torwartkette kommt, kann man einen hohen und permanenten Druck auf den Gegner ausüben und ihn weit in die eigene Hälfte drängen. Durch das Hochschieben aller Mannschaftsteile hat man eine starke numerische Besetzung des letzten Drittels und bindet so sehr viele Gegenspieler. Verlagerungen über den Torwart können deutlich schneller gespielt werden, da die Passdistanzen durch seine hohe Position viel geringer sind.

Außerdem können die ungewöhnlichen Positionen bei der verteidigenden Mannschaft für Probleme in der Zuordnung und im Pressing sorgen, da sich untypische Über-/Unterzahlverhältnisse gerade auf den Außenbahnen ergeben und die Spieler zu unnatürlichen Pressingabläufen gezwungen werden.

Es folgen einige Beispiele aus dem Hamburger Spielaufbau gegen Borussia Mönchengladbach am 34. Spieltag der Saison 2018/2019.

Szenenanalyse Spielaufbau

Die Gladbacher pressen hier im 4-4-2 mit 2 Stürmern, die relativ breit stehen müssen, aufgrund der breiten Position der Hamburger IV. Dadurch ist der Abstand zu groß und Pollersbeck kann den Ball relativ einfach in die Schnittstelle auf den 6er Matti Steinmann spielen. Dieser hat den Raum, um aufzudrehen, da das Mittelfeld der Gladbacher von den hochstehenden Offensivspielern des HSV gebunden wird.

Hier ein Beispiel für die Zuordnungsprobleme, die sich durch die hohe Torwartkette beim Gegner ergeben. Durch das breite Anlaufen vom Hamburger IV Gideon Jung kommt der Gladbacher Außenspieler Jonas Hofmann in die für ihn ungewohnte Situation, diesen pressen zu müssen.
Dadurch wird der Raum für Hamburgs LV Douglas Santos frei, der nach dem Anspiel mit Tempo andribbeln kann.

Auch hier orientiert sich der Gladbacher Außenspieler Thorgan Hazard am breitstehenden Hamburger IV Papadopoulos. Dadurch wird der Raum für den sehr hochstehenden RV Sakai frei, den Pollersbeck mit einem Flugball anspielen kann.

In allen drei Szenen macht sich der HSV das fehlerhafte Anlaufverhalten des Gegners zum Vorteil.
Dies wird durch die hohe Torwartkette und die sehr breiten IV provoziert und forciert. Denn in einer normalen Position wird der Torwart nur selten angelaufen. Steht er in einer hohen Kette und der Gegner liegt eventuell auch noch zurück, ändert sich dies oftmals.

Anforderungen an die Schlüsselpositionen

Es wird aber auch deutlich, dass die Torwartkette hohe Anforderungen an die Spieler stellt – sowohl technisch, als auch taktisch. Gerade der Torwart selber muss über ein sicheres Passspiel verfügen und präzise Flugbälle spielen können, da sich der freie Raum oftmals hinter der ersten bzw. zweiten Kette des Gegners befindet. Außerdem muss er das Spiel sehr gut lesen können und ein gutes Timing für den progressiven Ball besitzen. Wird hier der richtige Moment für den vertikalen Pass zu oft verpasst, verkommt die Torwartkette schnell zu einem Querpassfestival ohne Raumgewinn.

Die Innenverteidger müssen natürlich ebenfalls über ein gutes Passspiel verfügen – hier ist aber auch ein dynamisches und zielstrebiges Andribbeln wichtig, da sie durch ihre breite Position häufig viel Raum vor sich haben, den es zu nutzen gilt.

Die zentralen Mittelfeldspieler und vor allem der 6er müssen über ein sehr gutes Raumgefühl, Positionsspiel und Freilaufverhalten verfügen, da sich ihr Raum durch die hohe Torwartkette verkleinert und gerade die offensiven Mittelfeldspieler nur selten viel Platz bekommen werden. Ihre Bewegungen entscheiden, wie produktiv aus der Torwartkette letztlich herausgespielt werden kann.

Probleme und Nachteile

Trotz der taktischen Vorzüge der Torwartkette wird sie in ihrer extremen Form weiterhin kaum bis gar nicht angewendet. Hier spielt vor allem der Risiko-Nutzen-Faktor eine Rolle. Viele Trainer sehen den Mehrwert einer Torwartkette aktuell noch als zu gering an, um dafür eine große Menge an Trainingszeit zu opfern (denn diese wird benötigt). Außerdem ist natürlich klar:
Wenn es bei der hohen Torwartkette zu einem Ballverlust oder Fehlpass im Spielaufbau kommt, ist ein Gegentor meist garantiert.

Aus rein taktischer Sicht würde ich hier zwischen dem Amateur-/Jugendfußball und dem Profibereich differenzieren.
Ein großer Faktor, wieso es in den letzten Jahren sehr wenige komplette taktische Innovationen gab, ist die enorme Weiterentwicklung in der Gegneranalyse. Egal, welchen verrückten taktischen Kniff sich ein Trainer einfallen lässt, spätestens der nächste Gegner kann sich darauf einstellen und vorbereiten.
Dies ist mit Sicherheit auch ein Grund, wieso Titz mit dem HSV in der 2. Liga zunehmend Probleme hatte, da sich die Gegner nicht mehr von der hohen Torwartkette haben locken lassen, es somit kaum mehr Räume gab und die Vorteile schnell neutralisiert wurden. Hier gibt es vor allem im Jugendfußball mehr Möglichkeiten, da dort nicht jedes Team eine detaillierte Gegneranalyse betreibt und sich dem Gegner anpasst.
Ein weiterer Punkt ist die Abhängigkeit vom Gegner, die Torwartkette auch wirklich ausführen zu können. Wenn der Gegner permanent vorne zustellt und hoch presst, kann die Torwartkette nur schwer zu Stande kommen, da es eine ruhige und kontrollierte Ballbesitzphase braucht, um die hohe Kette zu bilden.

Wie es aussehen kann, wenn die Torwartkette mit zu wenig Risiko ausgeführt wird, das Timing für den Vertikalpass nicht stimmt und der Gegner tief steht und nur verschiebt, sieht man in folgendem Clip aus einem Testspiel im Sommer von Rot-Weiß Essen.

Hier wird mehrfach der Moment zum Andribbeln und/oder dem Vertikalpass verpasst (was auch Titz sichtlich stört). So bekommt der Gegner immer wieder die Zeit zum Verschieben und RW Essen erzielt keinen Raumgewinn. In dieser Situation bringt der hohe Torwart dann keinerlei Vorteile mehr, da die dadurch entstehenden Räume nicht genutzt werden.

Blick in die Zukunft

Ich würde mir wünschen – und glaube auch – dass es in der Zukunft einige Teams mehr gibt, die mit einer hohen Torwartkette experimentieren werden. Nachdem mittlerweile durch Tim Walter und andere Trainerkollegen auch die klassische Rolle des Innenverteidigers gesprengt wurde, wird der Torwart noch mehr in den Fokus geraten. Mittlerweile sind die modernen Torhüter alle fußballerisch so gut ausgebildet, dass sie vom technischen Anspruch her die hohe Torwartkette ausführen können. Hier wird es letztlich drauf ankommen, ob die Trainer die Vorteile der Torwartkette in Bezug aufs Positionsspiel und den Spielaufbau gewinnbringend in ihr Spiel einbringen, gleichzeitig aber auch die Flexibilität erhalten können.

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