Digitale Medien im Training

Dutzende YouTube-Kanäle machen es vor: Videoaufzeichnungen der eigenen Spiele mit der Kamera. Egal ob mit dem Handy in der Hand, der Kamera mit Weitwinkel oder dem Kamerastativ inklusive Schwenkern und mehrfachem Zoom, ob kurze Highlights oder 20-minütige Clips mit Live-Kommentar, Videos lassen sich heutzutage ganz einfach aufzeichnen und auf die gewünschten Inhalte zusammenschneiden. Nicht mal Hightech-Equipment wird benötigt, meist genügen Handys und kostenlose Apps. Doch Videos dienen nicht nur der Unterhaltung, der eigenen oder einer breiten Masse, sie sind das digitale Medium zum Lehren und Lernen.

Theoretischer Hintergrund, Visualisierung zur gezielten Leistungssteigerung

Der Mensch verarbeitet visuelle Informationen besser als rein verbale Instruktionen. Für die eigene Videoanalyse gilt dies umso mehr: sich selbst sehen, sich mit sich selbst auseinandersetzen. Das schafft einen klaren Bezug, Betroffenheit sowie ein besseres Verständnis für die eigene Leistung. Ein Video ist immer Tatbeweis und Dokumentationsmedium zur Leistungsbewertung und -verbesserung.

Verbunden mit der Perspektiverweiterung sind genauere Bewegungsvorstellungen, die Lernleistungen verbessern und Lernzeiten verkürzen. Komplexe Bewegungsaufgaben (beispielsweise taktische Prinzipien) können veranschaulicht werden und dienen sowohl der Instruktion als auch der Problemlösung. Das Betrachten und Analysieren regt zum Nachahmen, Nachmachen und Nachkonstruieren an. Die Problemlösung wiederum fordert und fördert selbsttätiges und selbstgesteuertes Lernen. Videos sind dabei Instrumente der Kooperation und Kommunikation. Sie animieren den Austausch untereinander, beeinflussen Spieler, Mannschaft und Trainer positiv, was natürlich mit einer lernmotivierenden Wirkung einhergeht.

Zu guter letzt entlastet der Einsatz digitaler Medien auch den Trainer, er muss nicht mehr zu allen Handlungen Feedback geben, er kann verschiedene Maßnahmen zur Differenzierung anwenden und sein Training dadurch optimieren. Allerdings darf den visuellen Informationen nicht das sprachliche Feedback genommen werden. Die Aufmerksamkeit der Lernenden muss gezielt auf die gewünschten Aspekte gelenkt werden, sonst verlieren sie bei der Fülle an Informationen ganz schnell den Blick für das Wesentliche. Darüber hinaus dient die Videoanalyse als Unterstützung trainingsrelevanter Prozesse, sie darf keineswegs das selbstständige Denken und Handeln übernehmen. Wichtig ist ein gezielter Einsatz, die Methode darf nie Selbstzweck sein.

Vor- und Zurückspulen, das Einmaleins der Videoanalyse

Heutzutage hat jeder ein Handy dabei und noch viel wichtiger, jeder kann ein Handy – alternativ ein Tablet – nutzen. Jeder kann Videos ansehen, sie pausieren, vor- und zurückspulen, in Zeitlupe abspielen. Genau das kann sich der Trainer zu nutzen machen. Handys/Tablets/Kameras im Training einsetzen, eine neue Perspektive eröffnen und die Spieler verbessern. Technische Ausführung, Schulterblick, das Schließen von Passwegen, Pressingverhalten und vieles mehr kann in Videos dokumentiert und analysiert werden. Vom Individualtraining im Torschuss, über das Gruppentraining in Kontersituationen bis zum Mannschaftstraining im Gegenpressing, die erfolgreiche Umsetzung beinahe aller Trainingsinhalte lassen sich per Videoanalyse überprüfen. Dabei kann der Trainer selbst Situationen aufzeichnen und im Anschluss seinen Spielern zeigen. Auch Betreuer und Co-Trainer können diese Aufgabe übernehmen, selbst verletzte Spieler, die zum Training kommen.

Am sinnvollsten erscheinen jedoch Situationen, in denen sich die Spieler selbst aufnehmen und selbst ihre Handlungen analysieren. Die einfachsten Situationen sind Technikanalysen und Laufwege. Technisch korrekt ausgeführte Kopfbälle oder Annahmen hoher Bälle können anhand einzelner Merkmale einfach analysiert werden. Laufwege in der Defensivarbeit – Passwege schließen, Mitspieler absichern, Gegner attackieren – lassen sich überprüfen. Wird der Trainingsschwerpunkt auf die 4er-Kette gelegt, kann eine Kamera am Spielfeldrand das Verschieben der Kette dokumentieren: lassen sich alle Spieler fallen? Wird der herausrückende Spieler von den restlichen Spielern abgesichert? Schieben alle Spieler gemeinsam vor? Besteht die Möglichkeit einer höhergelegenen Aufnahmeposition, lassen sich die Bewegungen der Kette hervorragend aus einer Art Vogelperspektive überprüfen. Die Spieler erlangen so eine zusätzliche Raumwahrnehmung, können Abstände besser einschätzen, verbessern Kooperation und Kommunikation.

Eingebettet in simulierte Spielsituationen mit einem, zweien oder drei Angreifern sowie einem ballführenden gegnerischen Spieler im Zentrum, können verschiedene Handlungsoptionen für die gleiche Situation erprobt und deren Erfolg beurteilt werden. Durch die Hinzunahme eines zentralen Mittelfeldspielers vor der Kette wird die Komplexität erhöht, die Spieler benötigen ein gänzlich anderes Maß an Kommunikation und Abstimmung. So entwickeln die Spieler ein tieferes Verständnis für verschiedene Spielsituationen mit einem hohen Maß an Selbstreflexion. Nimmt man jetzt das Techniktraining zum Kopfball sowie der Ballannahme als vorbereitende Übungen, das Fallenlassen der Kette inklusive Herausrücken zum Abfangen des Balles (ohne Gegenspieler) als Vorübung, so wird die Hinzunahme von Gegen- und Mitspielern die Zielübung der Trainingseinheit sein. Alle drei Teilbereiche können dabei mit der Kamera begleitet und ausgewertet werden. Dies können die Spieler untereinander erarbeiten oder die Trainer moderieren einzelne Phasen mit Kleingruppen. Sowohl eine Auswertung nach der jeweiligen Phase als auch eine Auswertung nach der Einheit erscheint sinnvoll. Die Entscheidung für eine der beiden Möglichkeiten sollte je nach Kenntnisstand der Spieler, der Schwerpunktsetzung, der technischen Möglichkeiten getroffen werden.

Man kann sogar auf das Vor- und Zurückspulen gänzlich verzichten. Mithilfe kostenloser Programme lassen sich Videoaufzeichnungen mit Verzögerungen wiedergeben. Ein Laptop verbunden mit einer Webcam reicht schon aus, um verlaufsbezogene Rückmeldungen zur Bewegungsausführung geben zu können. Mit diesem Hilfsmittel kann der Spieler seine Bewegung unmittelbar nach der Ausführung betrachten, analysieren und im Anschluss nochmal trainieren. Dies bietet sich vor allem beim Techniktraining an: Torschuss, Kopfball, Ballannahme, die Spieler analysieren ihre Technik selbst und starten kurze Zeit später einen neuen Versuch. Für die direkte Ansicht nach der Bewegungsausführung wird ein Zeitrahmen von acht bis 30 Sekunden für Korrekturmaßnahmen empfohlen. Eine aufgebaute Station im Training kann zum Beispiel abwechselnd von mehreren Kleingruppen durchlaufen werden. Die Spieler trainieren individuell ihre technischen Fertigkeiten während der Trainer in der Zwischenzeit mit den restlichen Spielern im taktischen Bereich arbeitet.

Vom Einfachen zum Komplexen, die Umsetzung im Training

Die Umsetzung genannter Beispiele und Methoden erfordert natürlich Einübung. Das selbsttätige und selbstgesteuerte Lernen werden die Spieler nicht von heute auf morgen in Perfektion ausüben. Je nach Alters- und Leistungsklasse variiert dies nochmals stark. Dementsprechend sollten die einzelnen Methoden schrittweise eingeführt werden – vom Einfachen zum Komplexen. Immer wieder werden Lernschwierigkeiten und -hindernisse auftreten. Davon sollten sich weder Trainer noch Spieler entmutigen lassen. Sich selbst in einem Video zu sehen kann auch erstmal eine kleine Hemmschwelle darstellen oder Ängste hervorrufen, die langsam und behutsam überwunden werden müssen. Letztendlich ist der Einsatz digitaler Medien ein weiteres Tool in der Werkzeugkiste eines Trainers. Wenn das Werkzeug in einer bestimmten Situation nicht hilfreich ist, nimmt man ein anderes Werkzeug.

Für die Arbeit im Bereich des selbsttätigen und selbstgesteuerte Lernens bieten sich Hilfekärtchen an. Kleine Darstellungen in Papierform – Tipp: Einlaminieren! -, die den Spielern mit einem Blick verraten, worauf es ankommt. Dies können Bildreihen für das Techniktraining sein, oder Prinzipien im Umgang verschiedener Spielsituationen: beispielsweise wie sich ein Spieler positionieren soll. Somit gibt man den Spielern ein Hilfsmittel an die Hand, die ihre eigene Konzentration auf das Wesentliche lenkt und die Gefahr des Kinomodus reduziert. Darüber hinaus können einzelne Clips erfolgreicher Bewegungshandlungen (eigene Ausführung oder Fremdausführung) per Messenger geteilt werden, wodurch die Spieler die Möglichkeit haben, sich auf kommende Trainingseinheiten in nur wenigen Sekunden vorbereiten zu können. Denn sie können diese Clips vor- und zurückspulen, sich entscheidende Sekunden in Zeitlupe anschauen und sie so lange wiederholen, wie sie für ihr eigenes Lerntempo benötigen.

Schneiden, Markieren und Präsentieren, die Videoanalyse für Fortgeschrittene

Über das selbstgesteuerte Lernen hinaus geht die Videoanalyse im Sinne des Einzel- und Mannschaftsstudiums. Dabei werden verschiedene Situationen per Kamera aufgenommen, die der Trainer zu einem Video zusammenschneidet. Er wählt jene Situationen, bei denen man die Umsetzung vorher definierter Prinzipien am besten überprüfen kann. Die vorgenommenen Korrekturen können sowohl individueller, beispielhaft für alle, oder mannschaftstaktischer Natur sein. Auch die Videoanalyse des Gegners zur eigenen Vorbereitung soll hier mit aufgeführt werden.

Prinzipiell ist die Vorgehensweise ähnlich der im vorherigen Abschnitt beschriebenen. Allerdings wertet der Trainer nun selbst die Videos aus, bevor er sie seinen Spielern zu sehen gibt. Bei der Präsentation gibt der Trainer zusätzlich zum visuellen auch verbalen Input. Der Trainer entscheidet, wann er in die Zeitlupen-Ansicht wechselt, wann er vor- und zurückspult, was ihm wichtig erscheint und was den Spielern am meisten weiterhilft. So kann er die Aufmerksam seiner Spieler stärker auf einzelne Merkmale lenken und die Gefahr kognitiver Überfrachtung verhindern. Dazu stehen viele Hilfstools zur Verfügung: neben dem Schneiden können beispielsweise einzelne Körperteile für das Techniktraining markiert werden, für das Taktiktraining können bestimmte Räume auf dem Spielfeld markiert sowie Passwege und Laufwege eingezeichnet werden.

Die Präsentation der Ergebnisse kann sowohl im Rahmen eines Einzelgespräches als auch vor der Mannschaft im Rahmen einer Mannschaftssitzung stattfinden. Im Einzelgespräch wird gezielt an der individuellen Entwicklung gearbeitet. Hier kann die Videoanalyse zusätzlich als Dokumentationstool dienen, die Entwicklung des Spielers über mehrere Wochen festhalten. Dafür sollten allerdings eindeutige Kriterien definiert werden, anhand derer die Entwicklung gemessen wird. In der Mannschaftssitzung sollten generell taktische Prinzipien veranschaulicht und analysiert werden. Somit werden alle Spieler einbezogen, selbst jene, die nicht die angesprochene Position begleiten oder angesprochene Räume füllen sollen. Diese erweitern jedoch ihre Kompetenzen und erhalten ein vertiefendes Verständnis für bestimmte Handlungsmuster und „Kettenreaktionen“.

Beispielsweise lag der Schwerpunkt der Trainingswoche auf dem Pressingverhalten bei gegnerischem Ballbesitz. Anhand klar definierter Prinzipien können per Videoanalyse einzelne Spielsituationen analysiert werden. Optimalerweise wurde aus der Vogelperspektive gefilmt, um die gesamte Mannschaft auf dem Feld abbilden zu können. Von gruppentaktischen Vorübungen bis hin zur mannschaftstaktischen Zielübung kann der Lernweg dargestellt werden. Dabei ist vom Einfachen zum Komplexen vorzugehen, das Verhalten einzelner Spieler in bestimmten Situationen, dann die Anschlussreaktionen der gesamten Mannschaft. Diese Präsentationen vor der gesamten Mannschaft sollten jedoch nicht ausufern, sondern kompakt und präzise sein. Die Abfolge der Videos sollte einen klaren roten Faden aufweisen und die Spieler mit einem positiven Gefühl entlassen. Zum Abschluss sollte der Trainer Szenen zeigen, in denen die Mannschaft die geforderten Vorgaben sehr gut umgesetzt hat.

Zurück auf Anfang, die Einführung im Training

Von den erkennbaren möglichen Schwierigkeiten, sowohl technischer als auch personeller Art, sollte sich niemand abschrecken lassen. Erste Hürden können schnell überwunden werden. Eine schrittweise Einführung, eine Sensibilisierung von Spielern sowie Trainern sind hilfreich und notwendig. Neben der technischen Ausstattung sind vor allem Alters- und Leistungsklasse näher zu betrachten. Damit einher geht das gezielte Lenken der Aufmerksamkeit. Je älter und vertrauter die Spieler, desto mehr Verantwortung kann man ihnen übertragen. Hilfreich erweisen sich kleine, einlaminierte Kärtchen mit Handlungsanweisungen, Fehlerbildern und Korrekturmöglichkeiten. Sie ermöglichen ein selbsttätiges und selbstgesteuertes Lernen. Wichtiger sind klare Kriterien, eindeutige Prinzipien, anhand derer die Spielidee abgeleitet sowie einzelne Lernfortschritte beurteilt werden können. Denn diese bilden die Grundlage eines jeden Trainings, digitale Medien sind lediglich Mittel zur Überprüfung. Sind die Rahmenbedingungen gegeben, erste Hürden abgebaut, bietet der Einsatz von Videokameras vielfältige Möglichkeiten der Leistungsverbesserung und Persönlichkeitsentwicklung – sowohl bei Spielern, als auch bei Trainern.

Literaturvorschläge zur weiteren Recherche

  • De Witt & Czerwionka, Mediendidaktik. Studientexte für Erwachsenenbildung, 2007.
  • Gröben & Prohl, Theoretische Grundlagen des Einsatzes von Lehrmedien beim Erlernen sportlicher Bewegungen, in: Altenberger, Medien im Sport, Beiträge zur Lehre und Forschung im Sport, 136, 2002.
  • SportPraxis, Digitale Medien im Sportunterricht. Sonderheft, 60. Jahrgang, 2019.
  • Tulodziecki, Digitale Medien in Unterricht und Schule. Medienpädagogische Grundlagen und Beispiel, 2004.

2 Kommentare

  1. Daniel Sommer

    Hallo,

    Lese immer alles sehr gerne….
    Bin aber immer noch auf der Suche nach er passenden Software um analog wie im TV etc. Dinge zu markieren oder auch schnell was zu skizzieren um es dann schnell mit dem Tablett auf einem TV zu screenen…..

    Habt Ihr TIPS für den Amateur-Bereich der nicht so kostenspielig ist!

    • Jens Marx

      Hey. Sorry für die etwas verspätete Antwort.
      Zum schnellen Skizzieren: Goodnotes! Dort lassen sich auch Bilder, Screenshots und PDF einfügen, in die man dann etwas einzeichnen kann.
      Ich hoffe, ich habe die Frage richtig verstanden und konnte weiterhelfen.
      Viele Grüße,
      Jens

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