Wie trainiere ich das Überspielen der Verteidigungslinien?

Unabhängig von der taktischen Ausrichtung des Trainers, wird heutzutage häufig von Spielern verlangt, dass sie gegnerische Defensivsysteme überspielen können, um Torchancen zu kreieren. Dabei sind inzwischen meist über sieben Akteure zu überwinden, da auch die Offensivspieler Teil der defensiven Organisation sind. Dadurch ist nicht zu erwarten, dass ein Spieler mit einem Pass oder einem Dribbling die gesamte gegnerische Defensivabteilung überwinden kann.

Angesichts dessen und dem Faktor, dass Systeme im modernen Fußball in einzelne Linien unterteilt werden, die sich in den Formationsbezeichnungen wiederspiegeln, spricht man vermehrt vom Überspielen von Linien. Sprich, man versuch zunächst beispielsweise das Fünfermittelfeld des 4-5-1 des Gegners zu überwinden, in den Zwischenlinienraum zu gelangen und von dort an der Viererkette vorbei in den Raum dahinter zu kommen.  

In diesem Artikel werden wir zunächst das Überspielen von Linien kurz detaillierter thematisieren und dann behandeln wie man es trainieren kann.

Wozu?

Zunächst stellt sich die Frage wieso Wörter wie Zwischenlinienraum oder statistische Spielerein wie der Packing-Wert in den vergangenen Jahren immer präsenter wurden? Dies lässt sich vor allem damit beantworten, dass inzwischen häufig bei tief stehenden Mannschaften nahezu alle 10 Feldspieler Part der defensiven Formation sind. Dadurch ist der Raum zwischen den einzelnen Gegenspielern für die angreifende Mannschaft noch kleiner und somit auch der Raum zwischen den verschiedenen Linien.



Da logischerweise fast ausschließlich die Mittelfeldkette mehr Spieler beinhaltet als die vorderste Linie, ist es für die Mannschaft in Ballbesitz nicht die schwerste Aufgabe die maximal drei Stürmer zu überspielen. Die zwei großen Hindernisse sind die Mittelfeldkette sowie die Verteidigungslinie. Und da es meist sehr schwer ist beide Ketten mit einer Aktion zu überwinden, versucht man zuerst in den Raum dazwischen, den sogenannten Zwischenlinienraum, zu gelangen. Dabei ist es vor allem ein weiteres Ziel, dass man den Akteur zwischen den Ketten im besten Fall in die Situation bringt, dass er mit Blickrichtung zum Tor auf die Verteidigung zudribbeln kann, da dies am schwersten für die gegnerische Defensive zu verteidigen ist.


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Etwas ähnliches gilt auch für den Pass hinter die letzte Linie, da man den Spieler nicht so anspielen will, dass dieser mit dem Rücken zum Tor stehend hinter der letzten Linie an den Ball bekommt. Daher sollte in beiden Fällen immer das angestrebte Ziel sein, dass man den Empfänger des linienüberwindenden Passes so schnell wie möglich in die Position bringt, dass er mit dem Ball am Fuß zum Tor blickt und seine Anschlussaktion setzen kann.

Zwar kann man selbstverständlich gegnerische Linien auch mit Dribblings überwinden, jedoch konzentrieren wir uns in diesem Artikel ausschließlich auf das Überspielen von gegnerischen Ketten mithilfe von Pässen und Passkombinationen.

Isoliert ist nicht effektiv

Eines wird man in diesem Artikel mit Sicherheit nicht finden: isolierte, eintönige Passübungen. Zwar liegt der Fokus darauf wie man im Training das Überwinden der Ketten des Gegners mit Pässen verbessert, jedoch konzentrieren wir uns dabei auf drei wesentliche Dinge, welche in Passübungen mit vorgegebenen Passwegen nicht trainiert werden. Die drei Aspekte sind:

  1. Das Freilaufverhalten des Empfängers
  2. Die Wahrnehmung dieses Freilaufverhaltens durch den Passgeber
  3. Die schnellstmögliche und richtige Ausführung des Passes, wenn sich die Möglichkeit eröffnet

Beim letzten Punkt ist nicht von der richtigen Passtechnik die Rede, sondern dieser Aspekt ist eng mit dem vorherigen Schritt verbunden. Der Spieler in Ballbesitz soll sich im Training darin verbessern seine Umgebung wahrzunehmen, die Risiken abzuwägen, die bestmögliche Entscheidung zu treffen und diese im richtigen Moment auszuführen. Dabei sind die nötigen balltechnischen Fähigkeiten eine Grundvoraussetzung und zudem ist klar, dass diese Aspekte nicht in einer isolierten Passübung trainiert werden.

Die erste Übung kann sowohl während dem Aufwärmprogramm verwendet werden als auch zu einem späteren Zeitpunkt im Training eingesetzt werden. Zudem hat sie keine konkret vorgegebene Spieleranzahl, wodurch sie fast immer zum Einsatz kommen kann. In manchen Fällen ist sie als „Brückenwächter“ bekannt und ist im nachstehenden Bild zu sehen. Je nach Spieleranzahl werden die Spieler auf drei Zonen aufgeteilt. Im nachstehenden Beispiel befinden sich in jedem Feld zwei Spieler. Diese Konstellation hat den Vorteil, dass die Spieler eine höhere Anzahl an Ballaktionen haben, als wenn man zum Beispiel in jeder Zone vier Akteure platziert.

Nun ist es das Ziel, dass die Spieler in den beiden äußeren Zonen sich den Ball hin und her spielen. Dabei gibt es für jeden erfolgreichen Pass durch das mittlere Feld einen Punkt. Wird der Ball von den zentralen Spielern abgefangen, muss die Gruppe, die den Fehler gemacht hat, in die Mitte. Somit sind es sinngemäß die gleichen Regeln wie beim Rondo. Durch die Anpassung von Feldgröße, Spielerverhältnis und Kontaktbegrenzung kann die Schwierigkeit variiert werden, um ein ideales Niveau zu erreichen.

Dabei werden alle drei zentralen und zuvor genannten Anforderungen für das Überspielen der gegnerischen Ketten gefördert. Der sich in Ballbesitz befindende Spieler muss auf die Bewegungen der zwei Gegenspieler als auch jene der zwei Mitspieler dahinter wahrnehmen und einordnen, um einen erfolgreichen Pass zu spielen. Ein Pass ist zudem nur möglich, wenn auch das Freilaufverhalten dementsprechend gut ist.

Speziell bei jüngeren Spielern kann man auch das Thema „Deckungsschatten“ anhand dieser Übung sehr gut thematisieren, da dieser permanent eine der zentralen Rollen in dieser Übung einnimmt. Die Verteidiger lernen sich so zu positionieren, dass sie ihren Deckungsschatten optimal ausnutzen während die Empfänger versuchen genau diesem zu entwischen.

Durch die bereits erwähnten anpassbaren Variablen Feldgröße, Spielerverhältnis und Kontaktbegrenzung kann man quasi immer wieder eine neue Übung schaffen und somit neue Reize setzen.

Isolierte Passübungen helfen zwar den Spielern nicht dabei, dass sie die drei genannten Punkte verbessern, jedoch kann man damit gewisse Muster trainieren. Ein beliebtes Beispiel im Zusammenhang mit dem Überspielen von Ketten ist das Spiel über den Dritten womit Maurzio Sarri beim SSC Napoli bekannt wurde. Wenn man solch ein bestimmtes Passschema verwenden will, um die gegnerischen Linien zu überwinden, macht es am Anfang durchaus Sinn dieses mithilfe von isolierten Passübungen zu trainieren. Wenn dies nicht der Fall ist, sollte man von Übungen mit vorgegebenen Passwegen Abstand nehmen. 

Zonenspiele – Überspielen Verteidigungslinien

Die grundsätzliche Idee hinter den beiden nun angeführten und beschriebenen Übungen ist, dass die Spieler dazu gezwungen werden, dass sie gegnerische Formationen und Linien mithilfe von Pässen überwinden. Dazu wird lediglich das Spielfeld in horizontale Zonen unterteilt und die Spieler müssen sich an die Vorgaben des Trainers halten. Ein weiterer Vorteil dieser Zonenspiele ist, dass man auch auf Minitore spielen kann, wenn keine Tormänner vorhanden sind.

Für die erste Übung wird das Spielfeld in vier horizontale Zonen unterteilt. In den jeweiligen Zonen vor den Toren befinden sich zwei Verteidiger. In den daran anschließenden finden sich jeweils drei Gegenspieler ein, wodurch das Muster RBRB entsteht, wie im nachstehenden Bild zu erkennen ist.

Überspielen Verteidigungslinien

Wenn nun Team R (rot) von hinten das Spiel eröffnet, dürfen die Angreifer von Team B (blau) nicht ihre Zone verlassen. Dies gilt auch für die Angreifer von Team R und die Verteidiger von Team B. Das Ziel der zwei Verteidiger und des Torwartes von Team R ist es nun, dass sie die erste gegnerische Linie überspielen mit einem Pass zu ihren höher postierten Mitspielern. Wenn die Angreifer einen Pass erhalten haben, dürfen sie ihre Zone verlassen und versuchen ein Tor zu erzielen, wobei logischerweise die gegnerischen Verteidiger dies verhindern sollen.

Wenn die Angreifer der verteidigenden Mannschaft einen Pass abfangen, dürfen sie natürlich sofort umschalten und selbst den Versuch starten ein Tor zu erzielen. Somit trainiert man mit dieser Übung nicht nur das Überspielen von Linien mithilfe von Diagonal- oder Vertikalpässen, sondern auch das Antizipieren und Verteidigen ebendieser.

Es ist zudem noch hinzuzufügen, dass die oben angeführte Spieleranzahl variiert werden kann, jedoch hat man bei  jeweils zwei Verteidigern und drei Stürmern eine hohe Anzahl an Ballaktionen für die einzelnen Spieler. Zudem kann man noch mit Zusatzregeln verschiedene Reize setzen und andere Bewegungsabläufe provozieren. Zum Beispiel, dass einer der Angreifer seine Verteidigung unterstützen darf und seine Zone nach hinten verlassen kann, wenn seine Kette überspielt wurde. Dies schärft in dem Fall den Sinn für das defensive Arbeiten der Angreifer. Zudem sollte man natürlich alle Spieler regelmäßig durchwechseln, damit nicht immer die gleichen Spieler Verteidiger bzw. Angreifer sind.

Die zweite Übung ist ähnlich zu der soeben beschriebenen und der wesentliche Unterschied ist, dass die beiden zentralen Zonen zu einer zusammengefasst werden. Sprich, die Angreifer von beiden Teams befinden sich in einer Zone, die zwischen den beiden äußeren der Verteidiger liegt wie im nachstehenden Bild zu erkennen ist.

Die Regeln bleiben grundsätzlich gleich, da alle Angreifer nicht ihre Zone verlassen dürfen, außer wenn sie einen Pass erhalten haben, da sie dann wieder versuchen müssen, dass sie ein Tor erzielen. Die Verteidiger hingegen dürfen wieder ihre Zone nie verlassen. Zwar werden nun nicht mehr konkret Linien von drei oder mehr Spielern überspielt wie beim vorherigen Zonenspiel, jedoch ist es nun dynamischer und somit um einiges spielnaher. Die verteidigenden Angreifer haben zudem mehr Freiheiten, um Gegenspieler zu verfolgen, Pässe abzufangen und Zweikämpfe zu gewinnen.

Es ist zu empfehlen, dass man zuerst das Zonenspiel mit vier Zonen probiert und dann zu jenem mit drei übergeht. Grund dafür ist, dass die Spieler in der ersten Übung mehr Raum und Zeit haben, um sich auf den konkreten Übungsinhalt konzentrieren zu können. Wenn dieser verstanden und angewendet werden kann, wird durch das Zusammenlegen der zentralen Zone der Raum-, Zeit- und Gegnerdruck erhöht, wodurch es für die Spieler schwerer und spielnaher wird. Man kann jedoch wieder mit Zusatzregeln die Spieler zu gewissen Bewegungsabläufen zwingen und gewünschte Aktionen provozieren.

Spielform mit Zusatzregeln

Im nächsten Schritt kann man die Spieleranzahl erhöhen und das Feld vergrößern, wodurch die oben angeführten Zonenspiele einen noch spielnäheren Charakter erhalten. Jedoch werden nun kleinere Zusatzregeln angeführt, die während einem Match auf zwei Großfeld- oder beispielsweise vier Minitore vorgegeben werden können, um die Spieler dazu zu zwingen, dass sie versuchen die Gegner mit Vertikal- und Diagonalpässen auszuhebeln.

Dabei fügt man für die erste Regel jeweils circa 15-20 Meter (je nach Spielfeldgröße) vor den Torauslinien eine horizontale Linie ein. Diese darf während dem Spielaufbau von hinten, nur mit einem Pass überspielt werden, aber nicht mit einem Dribbling. Zudem darf die verteidigende Mannschaft erst nach dem Überspielen dieser Linie versuchen, dass sie den Ball erobert. Dadurch zieht sich die defensive Mannschaft etwas zurück und verschiebt, um die Abstände zwischen den einzelnen Spielern möglichst klein zu halten. Durch diese Lücken soll die angreifende Mannschaft Pässe spielen. Zudem dürfen sich die Spieler der Mannschaft in Ballbesitz frei bewegen ohne jegliche Vorgabe.

Überspielen Verteidigungslinien

Zudem ist zu empfehlen, dass man eine Formation vorgibt, die nicht einen einzelnen Stürmer oder einen Doppelsturm hat. Wenn zum Beispiel beide Mannschaften in der Formation 2-3-3 aufgestellt werden, bilden sich sicherlich mehr Linien, die überspielt werden können, als wenn man ein 2-1-3-2 vorgibt.

Um Vertikalpässe zu provozieren, kann man auch auf dem Spielfeld kleine Hütchentore platzieren. Diese sind so ausgerichtet, dass man nur mit vertikalen oder diagonalen Pässen durchspielen kann. Ein Pass durch ein Hütchentor, der bei einem Mitspieler ankommt, zählt einen Punkt, während ein normales Tor zwei Punkte bringt. Durch diese kleinen Tore wird das Spiel vertikaler ausgerichtet und die Akteure probieren häufiger die gegnerischen Linien zu überspielen.

Überspielen Verteidigungslinien

Jedoch sollte man diese Hütchentore vor allem im Zentrum des Spielfeldes platzieren, da man im eigenen Strafraum kaum eine gegnerische Kette überspielen muss. Zudem ist es zu empfehlen, dass die Tore verschiedene Farben haben und die Spieler nach einem erfolgreichen Pass durch ein Hütchentor, nun durch ein andersfarbiges spielen müssen, um einen Punkt zu erhalten. Damit wird vermieden, dass Spieler beispielsweise wiederholt Doppelpässe durch ein Tor spielen und dadurch der Fokus nicht auf den vertikalen, linienüberspielenden Pässen liegt.

Zudem sind zwei weitere Zusatzregeln durchaus sinnvoll im Zusammenhang mit den Hütchentoren. Zum einen die Regel, dass nur Vertikal- und Diagonalpässe nach vorne durch die Hütchen Punkte bringen, wodurch Rückpässe durch die Hütchen nicht als Tor gewertet werden. Zum anderen, muss mindestens ein Punkt durch einen Pass durch ein Hütchentor erzielt werden, bevor man ein normales Tor erzielen darf. Dadurch haben die Akteure keine andere Wahl, als durch die Hütchentore zu passen und somit versuchen sie permanent vertikale und linienüberwindende Pässe zu spielen.      

Fazit

Um das Überspielen von Linien zu trainieren, sollte man einen großen Fokus auf Spielformen und Zonenspiele legen, da man diesen Übungsinhalt nicht in isolierten Passübungen gut vermitteln kann. Zudem entstehen in den oben beschriebenen Übungen unzählige unterschiedliche Situationen, welche die Spieler zu immer neuen Lösungsansätzen zwingen. Des Weiteren kann man in diesen Momenten die Übung anhalten und mit den Spielern diskutieren weswegen sie welche Entscheidung getroffen haben und dies ist in isolierten Passübungen nicht möglich.

Den Variationsmöglichkeiten von Spielfeldform, Spieleranzahl und Zusatzregeln sind dabei kaum Grenzen gesetzt und der Trainer kann die Übungen dem Niveau seiner Mannschaft anpassen. Wichtig ist dabei hauptsächlich, dass die Spieler mindestens eine Linie mit einem Pass überspielen müssen, um eine Torchance zu kreieren. 

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