Offensivspiel über die Flügelpositionen

Betrachtet man ein Fußballspiel lediglich an den einfachen taktischen Grundanordnungen beider Mannschaften, so stellt man im Regelfall fest, dass im Zentrum des Spielfeldes ein numerisches Übergewicht an Spielern beider Teams vorherrscht. Dies hat einfach ausgedrückt damit zu tun, dass sich im Zentrum des Spielfeldes das eigene und gegnerische Tor befindet. Somit kann gleichermaßen nachvollzogen, dass besonders der zentrale Raum des Spielfeldes ein gesondertes Interesse für offensive- als auch defensive Abläufe besitzt.

Weitere bespielbare Räume und Zonen, besonders in Betrachtung des offensiven Kontextes, finden sich beispielsweise auf den Flügeln. Folglich befinden sich in diesem Spielfeldbereich weniger Feldspieler als vergleichsweise im Zentrum. Dies ist eines der großen Potenziale des offensiven Flügelspiels, weshalb es sich lohnt diesbezüglich einen genaueren Blick darauf zu werfen.

Zonen- und Raumeinteilung

Grundlegend beziehe ich mich in diesem Beitrag immer auf das klassische Zonenmodell, welches sich aus fünf vertikal gedachten Linien zusammensetzt. Eine kleine Modifizierung meinerseits besteht darin, die Flügelzone nochmals horizontal zu unterteilen. Die tiefe Flügelzone ist vor allem für Spielaufbauszenarien bedeutsam, auch in dieser Zone werden vereinzelte taktische Grundmuster wie das Hinter- oder Überlaufen durchgeführt, welche dabei helfen, gegnerische Verteidigungslinien in Bewegung zu bekommen und gegebenenfalls zu überspielen.

Allgemein kann aber gesagt werden, dass trotz unterschiedlicher Feldauslegungen, die Flügelzonen prinzipiell gleich skizziert werden, da diese bereits durch die stets vorhandenen Außenlinien abgegrenzt sind.

Beispielhafte Zoneneinteilung, welche den Flügel nochmals in zwei unterschiedliche Bereiche einteilt.

Die räumliche Verbindung der Flügelzone steht in unmittelbarer Beziehung mit dem anliegenden Halbraum. Positionsrochaden zwischen diesen beiden Räumen ermöglichen die Öffnung neuer Räume, sowohl am Flügel als auch im Defensivverbund. Zudem erschwert dies die Übergabe der Spieler für die Verteidigungsmannschaft. Dieses Szenario lässt sich am Beispielvideo vom FC Arsenal gut veranschaulichen. Dabei sind die tiefe Flügelzone, die offensive Flügelzone und der Halbraum jeweils einfach besetzt. Durch die Positionswechsel zwischen der Flügelzone und dem anliegenden Halbraum bekommt das Ballbesitzspiel eine neue Dynamik und die entstandenen Räume im Rücken der Abwehr können durch Tiefgänge belaufen werden.

Technisch- taktische Aspekte eines Flügelspielers

Bekanntermaßen assoziieren wir die Auslegung einer Position häufig mit uns bekannten Spielertypen. Das offensive Flügelspiel vertreten dementsprechend grundlegend Spieler wie Arjen Robben, Franck Ribѐry oder Jadon Sancho, um nur einige nationale Fußballgrößen in diesem Kontext zu nennen. Auf den ersten Blick sticht mit dem Dribbling sofort eine nennenswerte gemeinsame Eigenschaft heraus.

Die Grundschnelligkeit gepaart mit der Freude am Fintieren, sind wesentliche Merkmale, welche sind bei den meisten offensiven Flügelspieler erkennen lassen. Zugleich macht sie dies für ihre jeweilige Mannschaft auch äußerst wertvoll. Diese Spielercharaktere sind es, welche durch die 1vs1 Situationen potenzielle folgende numerische Überzahlszenarien kreieren können und ihrer Mannschaft dadurch Vorteile im Offensivspiel verschaffen. Zugleich ist aber auch die Flankentechnik ein unersetzliches Rüstzeug, welches jeder Flügelspieler beherrschen sollte.



Bei der Ausbildung junger Fußballer ist jedoch vor all diesen Aspekten der technischen Durchführung, ein häufiges Fehlerbild des Außenspielers zu betrachten. Nach schnellen Verlagerungsaktionen im eigenen Ballbesitz ist zwingend darauf zu achten, dass die Außenbahnspieler durch schnelle kleine rückwärtige Bewegungen auf den Vorderfuß, sich in eine offene Positionierung am Flügel begeben. Zumeist positionieren sich die Spieler mit dem Rücken zum gegnerischen Tor, was die weiterfolgende Aktionsmöglichkeiten stark beschränkt, da sich der Spieler erst unter Gegnerdruck aufdrehen muss.

Offene Positionierung auf dem Flügel, welche es ermöglicht den Passempfänger und den Gegenspieler gleichermaßen wahrzunehmen.
Gutes Angebot auf dem Flügel, aber mit einer schlechten Positionierung zum weiteren Spielgeschehen. Der Spieler muss sich nochmals orientieren und neu positionieren und verliert dadurch Zeit für eine schnelle Anschlussaktion.

Dieser Aspekt sollte den Spielern immer wieder verdeutlich werden. Mit einer offenen Körperposition werden nachfolgende Spielhandlugen wie das Dribbling oder die Flanke sichtlich vereinfacht, da der Spieler einerseits ein bessere Position zum gegnerischen Tor hat und anderseits besser orientiert ist. Besonders im Nachwuchsbereich empfiehlt es sich die Spieler bei der Thematik des Flankenspiels (je nach Altersstufe kann dies auch schon positionsspezifischer trainiert werden) gleichermaßen für technische als auch räumliche Einzelheiten zu sensibilisieren.

Räume, welche bei einer Flankeneingabe zu beachten sind ausgehend von der Position des Gegenspielers.

Dabei soll diese Abbildungen verdeutlichen, welche räumlichen Möglichkeiten, ausgehend vom Gegenspieler, der Flankengeber besitzt, um den Strafraum zu bedrohen. Die blaue Zone kann durch eine Effet-Flanke erreicht werden. Bei diesem Flankenvorgang bedarf es einem gezielten und demonstrativen Technikcoaching, da in diesem Fall wesentlich stärker das Zehengelenk beansprucht wird und das Spielbein deutlich stärker nachschwingt.

Durch die Verteidigungshaltung des Defensivspielers, bietet es sich für die Flankengeber stets an, den Ball jeweils am torfernen Fuß des Gegenspielers vorbei zu spielen (rote Zone). Dieser Ball ist in einem gewissen Tempo nur äußerst schwer zu blocken für die verteidigenden Spieler.

Flügelspielertypen

Wie der entsprechende Außenstürmer- Außenspieler interpretiert werden kann, hängt von seiner individuellen Rolle im Mannschaftsverbund ab. Ziehen wir das Beispiel Robbery nochmals heran, können diese beiden als inversiver Flügelspieler kategorisiert werden. Die Spieler werden also in Betrachtung ihres Spielbeines auf die von ihnen falsche Seite positioniert. Dabei besteht ihr Angriffsmuster darin, vom Flügel nach innen zu ziehen. In dieser Abfolge besteht die Möglichkeit eines Torabschlusses oder das Spielen des tödlichen Passes.

Der beschriebene Flügelspieleransatz ist eine sehr offensiv verstandene Auslegung dieser Positionsgruppe. Vergleichend dazu kann die Spielweise eines Außenspielers auch defensiver ausgeübt werden. Im Kontext eines 5-3-2 Systems ist die Flügelposition in der Grundausrichtung nur durch einen Spieler besetzt. Antonio Candreva ist in diesem Zusammenhang ein idealtypischer Spieler, welcher als defensiver Flügelspieler oder Flügelverteidiger betitelt werden kann. Attribute wie eine hohe Laufbereitschaft, ausgeglichene Arbeitsraten in offensiver und defensiver Hinsicht und lineare Dribblingmuster verkörpern diese Charakteristika.

Diese knappe Darstellung beider Spielertypen soll lediglich eine kleinere Abgrenzung von möglichen Interpretationen dieser Position sein. Selbstverständlich können sich diese beiden Charaktere überschneiden oder ergänzen oder grundsätzlich verschieden dargestellt werden.

Die Ansätze der differenzierten Interpretation macht diese Position vielfältig. Inwieweit derartige Flügelspielertypen sich in den Systemen des jeweiligen Teams wiederfinden ist auch immer unter Betrachtung des gesamtmannschaftlichen Kontextes und der Spielauslegung des Trainers zu bewerten.

Offensive Grundmuster für den Flügel

Viele Coaches vertrauen im letzten Angriffsmittel auf die volle Kreativität ihrer Offensivspieler, was zugleich in keiner Weise abzustreiten ist, da der Gegnerblock durch ungeahnte individuelle Angriffshandlungen stets vor neue Defensivaufgaben gestellt werden kann.

Andererseits lassen sich gerade für das Flügelspiel einige stets wiederkehrende Automatismen einspielen, die das mannschaftliche Angriffsrepertoire innehaben sollte. Das Flügelspiel bietet in Zeiten, in den viele Mannschaften eine disziplinierte und defensive Spielweise verfolgen, die Chance, offensive Durchbrüche durch geregelte Angriffsszenarien zu schaffen.

Hinterlaufen, Überlaufen, das Spiel über den Dritten – gruppentaktische Offensivmittel, welche zunächst bekannt und vertraut wirken, die dennoch in der Praxis, meiner Ansicht nach, fast vernachlässigt werden. Die Wirksamkeit dessen jedoch, lässt sich nicht abstreiten.

Marcelo Bielsa, besessen von detaillierten Abfolgen sowohl in der Verteidigung als auch im Angriff, fasst seine Eindrücke diesbezüglich zusammen:

„Ein Fußballer, so wie jeder andere Mensch, der mit großem Druck umgehen muss, hat was ich ´temor éscencio` nenne, die Angst zu Versagen. Und wie kann ich diese Angst neutralisieren? Durch Automatismen. Dadurch das der Spieler etwas tut was er kennt, was er immer wieder übt und dadurch nur wenige Fehler macht.“ – Marcelo Bielsa

Bielsas beschriebene Automatismen lassen sich in vielfältiger Weise auf alle Bereiche des Fußballspiels übertragen. Unter den beschriebenen Mechanismen sollen positionsspezifische Abfolgen verstanden werden, die es dem Spieler vereinfachen sollen, effektive Anschlusshandlungen, durch bekannte Spielszenarien zu generieren.

Die einzelnen gruppentaktischen Abläufe am Flügel ähneln sich zwar in ihrer Herangehensweise, zeigen aber im Detail auch entscheidende Unterschiede auf, die ich nun einmal mithilfe weitere Beispiele beschreiben möchte.

Hinterlaufen

Ein sehr wichtiges Detail des Hinterlaufens besteht darin, es im Höchsttempo durchzuführen. Dies verringert die Zeit der Entscheidungsfindung für den Gegenspieler, zugleich besitzt der hinterlaufende Spieler einen deutlichen Dynamikvorteil gegenüber dem Spielgeschehen und dem ,,stehenden“ Verteidiger. Das Timing ist ein zentraler Bestandteil, welches sicherlich durch wiederholtes Anwenden verinnerlicht wird, jedoch kann das Abspiel auf den hinterlaufenden Spieler auch durch ein akustisches Signal erfolgen. Der Laufweg sollte dabei sehr nah am ballbesitzenden Spieler erfolgen. Ein zu breites Hinterlaufen würde die zwischenzeitliche 2vs1 Überzahlsituation aufheben. Das Anspiel auf den Hinterläufer, wie auch in dieser Sequenz zu sehen, muss als eine Art Raumpass erfolgen. Diese Passart begünstigt es, dass gewonnene Tempo aufrecht zu erhalten.

Überlaufen

Beim Überlaufen läuft der Spieler vor dem ballführenden Spieler in einen neuen freien Raum. Dieser Angriff von Leeds United zeigt, dass der Spieler, welcher die Laufbewegung ausübt, nicht immer zwingend einbezogen werden muss, was den direkten Ballbesitz betrifft. Hier ist besonders deutlich zu erkennen, dass das Überlaufen – Hinterlaufen auch dazu genutzt wird, um Gegner zu binden und dadurch Räume frei zuziehen. Der Gegenspieler ist dazu gezwungen den überlaufenden Spieler zu begleiten. Dadurch erhält der Spieler im Ballbesitz die Chance in den entstandenen freien Raum zu dribbeln, bzw. diesen anzuspielen.

Spiel über den Dritten

Das Spiel über den Dritten wurde in unserem Blog bereits mehrfach sehr gut dargestellt und die Möglichkeit dessen vielschichtig beschrieben. Ebenfalls lässt sich dieses Angriffsmittel auch auf das Flügelspiel transferieren. Wie im Lehrvideo aus der mexikanischen Liga zu sehen, ist das Hinterlaufen dabei auch ein Bestandteil. Ein dritter freier Spieler wird dabei als Wandspieler genutzt, um den versperrten Passweg durch einen Verteidigen freizuspielen. Folgeaktionen sind 1vs1 Situationen oder wie im Video zu sehen, direkte und freie Torabschlüsse. Auch hier lässt abermals beobachten, dass bei der korrekten Ausführung ein erheblicher Dynamikvorteil für die angreifenden Mannschaft entsteht.

Durch die temporeichen und durchaus weiträumigen Laufwege der hinterlaufenden Spieler erhält die Mannschaft einen bedeutenden Vorteil für ihre eigene Spieldynamik. Die defensive Kompaktheit des Gegners kann mithilfe dieser Elemente immer wieder strapaziert und gegebenenfalls gebrochen werden.

Ideen zur Trainingsumsetzung

Die Debatte zwischen Übungs- und Spielform ist eine heiß diskutierte. Beide Seiten finden ihre Pros und Contras und liefern sehr schlüssige Argumentationen. Letztlich ist wahrscheinlich jeder Trainer individuell dazu angehalten für die Entwicklung seiner Spieler, die bestmöglichen Bedingungen zu schaffen, welche sich sowohl in einer blanken Übungsform als auch in einer intensiven Spielform wiederfinden.

Mein persönlicher Ansatz besteht darin wiederkehrende Szenarien wie das Hinter- Überlaufen zunächst in einfachen Übungsformen mit sich stetig weiterentwickelnden Störgrößen zu trainieren. Dies ermöglicht den Spieler unabhängig jeder Alters- und Spielklasse erste sichtbare Lernerfolge. Fortan geht es darum, die erzielten Lernerfolge unter Wettkampfbedingungen zu stabilisieren und zu festigen. In den Spielformen werden sich für die Spieler wiederkehrende aus den Übungsformen Muster ergeben. Diese werden sie aber unter veränderten Impulsen wie Gegnerdruck, Raumdruck wahrnehmen.

Zum Abschluss möchte ich eine Spielform zeigen, welche für das Erlernen und Verbessern gruppentaktischer Angriffsmittel am Flügel genutzt werden kann. Sehr gerne freue ich mich diesbezüglich über Feedback oder Erfahrungswerte.

Spielform zum Flügelspiel

Ablauf und Aufbau

  • 9 vs 9 – kann aber auch in kleineren Zahlenverhältnissen trainiert werden
  • mit Abseits spielen
  • Eine Spielfeldhälfte nutzen – (ggf. an Leistungsbereich, Altersklasse und Fitnesszustand anpassen)
  • diagonale Linien, welche von der Hälfte des Spielbereiches ausgehen, ziehen
  • normale Torerzielung aus dem Zentrum zählt einfach
  • Tore, die aus den Zonen vorbereitet oder erzielt werden zählen dreifach

Variation in der Punktevergabe: Tore durch das Zentrum höher bepunkten -> folglich werden die Spieler das Zentrum eventuell stärker verdichten und somit Raum auf dem Flügel öffnen, wo dann die Angriffsmittel durchgeführt werden.

Coaching

  • die trainierten Abläufe wie Hinterlaufen oder Überlaufen als Mittel nutzen, um in die jeweiligen Zonen zu gelangen
  • die Spielfeldbreite effizient nutzen
  • hohes Tempo bei Flügelaktionen einfordern
  • entsprechend auch die offensive und defensive Boxbesetzung beobachten

Fazit

In Spielen werden die offensiven gruppentaktischen Mittel häufig praktiziert, sodass sie uns anhand der Fülle der Aktionen fast unbedeutend erscheinen. Im Training gilt es diese Aktionen einzufordernd und sie detailliert zu coachen. Das Flügelspiel im individualen und gruppentaktischen Kontext ist ein einflussreicher Faktor, um Fußballspiele siegreich gestalten zu können.

Julius Riemann ist seit jeher absolut fußballaffin und hat vor vier Jahren begonnen den Trainerjob auszuüben. Die Trainertätigkeiten von Bielsa, Sampaoli oder Guardiola verfolgt er äußerst interessiert. Er trainiert aktuell den Altersbereich der U15 als Co-Trainer im NLZ des 1.FC Magdeburgs Zusätzlich ist er als Videoanalyst beim Fußballverband Sachsen-Anhalt tätig. Ihr findet ihn auf Twitter unter @julius_riemann

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