Die Rückkehr des Quique Setién: Betis Sevilla gegen FC Barcelona

Sonntag Abend. Geil, Barça spielt gegen Betis Sevilla. Aber ist Betis überhaupt noch cool ohne Setién und ist Barcelona nach einem Monat unter Setién schon cool?

Ja. Die beiden Teams waren sogar so interessant, dass ich nach dem Spiel nicht genau benennen konnte, in welchen Formationen die Mannschaften angetreten waren. Bei beiden Teams waren weniger das System und mehr die verschiedenen Spielerrollen und die sich daraus ergebenden Umformungen das Spannende.

Barça mit Vidal als Mittelstürmer

Beginnen wir mit dem Favoriten in der Begegnung, dem FC Barcelona. Ausgehend von einer 4-3-3 Grundformation mit Vidal als Mittelstürmer und Messi auf dem rechten sowie Griezmann auf dem linken Flügel gelang es Barça, die verschiedenen Positionen mit unterschiedlichen Spielern zu besetzen.

Vidal gab die notwendige Tiefe und band die Innenverteidiger Sevillas. Der nominelle linke Achter Frenkie de Jong suchte immer wieder den Weg hinter die Kette, während der nominelle rechte Achter Sergi Roberto hauptsächlich Messis Bewegungen ausbalancieren sollte.

Barça mit Ball

So fiel dann auch das 1:1 Barcelonas: Messi rückt in den rechten Halbraum ein, Sergi Roberto überläuft ihn an dem rechten Flügel, de Jong geht in die Tiefe und bekommt einen wunderschönen Chipball Messis zugespielt – Tor.

Das Tor demonstrierte eine neue Stärke Barças: Die flexible Besetzung der Tiefe. Notgedrungen aufgrund der Verletzung von Luís Suarez hat Setién seinem Team verordnet, dass unterschiedliche Spieler immer wieder die Abwehr binden und hinter die Kette kommen sollen.

Einzelne Spieler blühen unter diesem neuen Prinzip völlig auf: Nelson Semedo entfachte noch nie so viel Gefahr wie in den letzten Spielen, de Jong zeigt ungeahnte Qualitäten und Arturo Vidal, der größte Profiteur, kann eine seiner größten Stärken endlich ausspielen – die nachstoßenden Läufe in den Strafraum.

Plötzlich gefährlich bei Standards

Außerdem zeigten die Katalanen wie schon in den letzten Spielen ihre neuen Stärken bei Standardsituationen. Busquets (!) und Lenglet trafen jeweils nach einer Freistoßflanke Messis und sicherten Barça so den Sieg. Setiéns Schachzug war simpel, aber effektiv: Die Spieler, die in den Strafraum hereinlaufen, starten aus einer tieferen Grundposition.

Der Weg zum Tor ist zwar weiter, dafür können die Spieler mehr Dynamik aufnehmen und bringen schließlich mehr Druck hinter den Ball. Wenn sogar Busquets ein Tor nach einem Standard erzielt, dann muss man einiges richtig gemacht haben.

Verbesserungsbedarf zeigte Barça vorrangig darin, wie die hochstehenden Spieler unterstützt wurden. Ter Stegen und die Innenverteidiger spielten herausragende linienbrechende (flache Bälle) auf Vidal oder Messi, die den Ball mit dem Rücken zum Tor festmachen sollten – beide können das wohlgemerkt sehr gut.

Allerdings ließe sich hier noch etwas optimieren, wenn die beiden Spieler schneller unterstützt werden würden. Oftmals mussten Vidal und Messi den Ball für mehrere Sekunden halten, bis sich eine Passoption auftat – bis dahin hatte sich Betis längst wieder organisiert.

Im Idealfall rückt einer der Achter nach vorne, sobald er erkennt, dass der tiefe Ball auf den Zielspieler kommt. Ein simples Tief-Klatsch hätte gegen die extrem weiträumigen Mannorientierungen Betis Wunder bewirken können.

Setién-typisch gegen den Ball

Apropos Mannorientierungen: Die Katalanen spielen besonders im Mittelfeld unter Setién bisher ebenfalls mannorientiert. Wieder ausgehend von der 4-3-3 Grundformation nahmen Busquets, Roberto und de Jong weiträumige Mannorientierungen auf, sodass Barcelona teilweise alle Spieler bis auf die Viererkette im letzten Drittel hatte – während Betis am Ball war.

Griezmann und Messi liefen auf ihren Flügel verhältnismäßig eng an, um Pässe ins Zentrum zu verhindern. Beeindruckend war besonders, wie diszipliniert sich Messi am Pressing beteiligte und so einige Ballgewinne verzeichnete.

Vidal kam die Aufgabe zu, als zentraler Mittelstürmer Deckungsschatten auf Betis Sechser/Libero, Guido Rodríguez, aufzunehmen. Außerdem lief er bei Rückpässen auf den Torwart stets in vollem Tempo durch.

Besorgniserregend war das Defensivverhalten Umtitis, besonders beim zweiten Gegentor. Statt den Zugriff zu suchen, ließ der Franzose den schussgewaltigen Linksfuß Fekir immer weiter dribbeln, bis er schließlich nahezu freie Schussbahn hatte.

Eine mögliche Erklärung für das eigenartige Verteidigungsverhalten Umtitis: Der Linksfuß kommt selbst meistens als linker Innenverteidiger zum Einsatz. Dort lenkt er, wenn er den Gegner nach außen lenken möchte, immer auf seine eigene „starke“ Seite. Als rechter IV hingegen lenkt er auf seine eigene „schwache“ rechte Seite, was eine Erklärung für sein das gesamte Spiel über zaghaftes Zweikampfverhalten sein könnte.

Flexibler im Pressing als mit Ball – Betis Sevilla

Betis Sevilla zeigte sich taktisch nicht weniger spannend als die Katalanen. Besonders die Spielweise gegen den Ball ist ein absolutes Alleinstellungsmerkmal. Die Umformungen waren so zahlreich, dass ich nur die nennen werde, die am häufigsten auftraten.

 Das 5-4-1, bei dem Sechser/Libero Guido Rodríguez in die Kette fallen ließ. Ein 4-5-1, bei dem Rodríguez ins Mittelfeld aufgerückt war (meistens als Mannorientierung auf den zurückfallen Vidal). Und das 4-4-2, bei dem Iglesias als klar pressender Mittelstürmer agierte und ein Spieler aus der Mittelfeldreihe herausgeschossen kam, um den ballführenden Spieler Barças eine Spielrichtung abzuschneiden (oftmals Barça-Leihgabe Aleña).

Betis gegen den Ball

Das prägendste Merkmal war genau dieses „Herausschießen“ aus der Pressingformation der Betis-Spieler. Auslöser waren meistens ein schlechtes Sichtfeld oder eine geschlossene Körperstellung des Passempfängers. Dabei war das Besondere nicht, dass dies als Pressingtrigger verstanden wird – das Besondere war, mit welcher Konsequenz jeder einzelne Spieler die Auslöser erkannte und draufschob.

Alle Mitspieler müssen jedoch auf die Bewegung des Einzelnen reagieren und schnellstmöglich die entstandenen Lücken schließen. Dies gelang nicht immer erfolgreich: Anfangs konnte Messi den Ball zu oft im rechten Halbraum empfangen, wenn der LZM Sevillas auf Umtiti herausgerückt war und die restlichen Spieler nicht schnell genug einrückten.

Das größte Problem Betis war jedoch die Abwehrreihe. Die weiträumigen Mannorientierungen der gesamten Viererkette bewirkten immerhin, dass die Barcelona Spieler selten frei aufdrehen konnten. Kehrseite der Medaille: Das Rausschieben der AV´s und vorallem die extreme Manndeckung Rodríguet auf Vidal sorgten oftmals dafür, dass Bartra und Mandi zu zweit Restverteidigung spielten – ganz schön riskant gegen Messi und die anderen.

Bei einigen langen Bällen ter Stegens zeigte sich, wie einfach dies zu überspielen war/gewesen wäre: Eine simple Auftaktbewegung des Stürmers und ein anschließender langer Ball des Keepers reichten, um mit Dynamikvorteil gegen Betis IV´s auf Joel Robles zuzulaufen. Zu Betis Glück fehlte die letzte Präzision bei den langen Bällen.

Kaum vorzustellen, was Ousmane Dembélé mit Betis hätte machen können – fast so unvorstellbar wie ein fitter Dembélé.

Mit Ball war vor allem die Rolle Guido Rodríguez im 4-1-4-1 (oder so ähnlich) interessant. Nach Rückpässen auf die IV´s oder den Torwart positionierte sich der Argentinier zentral auf der selben Höhe wie die beiden Innenverteidiger und bildete eine Dreierkette. Dies schuf Raum für Sergio Canales, der Übergänge zwischen zweiten und letztem Drittel herstellen sollte.

Darüber hinaus zeigte sich Sevilla in den Positionierungen sehr flexibel. Canales und der individualtaktisch starke Fekir waren auf dem gesamten Feld präsent. Mittelstürmer Iglesias wich vorrangig nach links aus, um dort mit dem Franzosen zu kombinieren.

Goliath mit dem längeren Atem als David (und mit Messi)

Nachdem Betis das Spiel lange offen gestalten konnte, gingen zum Ende hin die Kräfte der Spieler merklich aus. Die Spieler zollten dem physisch und psychisch sehr fordernde Spiel Sevillas merklich ihren Tribut. Als dann noch Fekir die gelb-rote Karte sah, war das Spiel gelaufen.

Zwar wurde Lenglet nur drei Minuten später ebenfalls des Feldes verwiesen, jedoch gelang es Barça als dominantem Team deutlich besser, die Unterzahl zu kompensieren. Schließlich setzte sich der Favorit in einer interessanten Partie durch und kann sich damit etwas für die Niederlage unter der Woche gegen Athletic Bilbao rehabilitieren.

Die Katalanen scheinen unter Setién wieder zu ihrem alten Fußball zurückzufinden. Nach dem Ausscheiden aus der Copa del Rey hat der Ex-Betis-Coach nun mehr Zeit, um mit der Mannschaft im Training zu arbeiten. Es bleibt spannend, was der idealistische 61-Jährige mit Barça erreichen kann.

Für Betis ist die Niederlage zwar ärgerlich, kommt jedoch nicht überraschend. Die weiträumigen Mannorientierungen und die flexible Pressingformation bereiten den Top-Teams La Liga zwar Probleme, jedoch hat Barcelona halt Messi und das reicht meistens.

Der Fokus für Coach Rubi sollte darauf liegen, dass Spiel mit Ball zu verbessern, um in den Spielen gegen die schwachen Teams konstant zu punkten. Tabellarisch befindet sich das taktisch so spannende Betis mit 28 Minuten genau im Niemandsland: 10 Punkte vom Abstiegsplatz und 9 Punkte von der Europa League entfernt.

Die nächsten Spiele werden zeigen, wohin es für Betis Sevilla schlussendlich gehen wird.

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