„Flow“ im Fußball – Durch mentale Stärke zum Erfolg

Es ist wie Magie. Wenn das Spiel auf diese Ebene kommt, laufen die verrücktesten Dinge ab. Alles bewegt sich blitzschnell und vollkommen unvorhersehbar, und trotzdem überrascht mich nichts.

ehemaliger NBA Spieler Bill Russel

Umgangssprachlich wird der Begriff „Flow“ oft verwendet. Gerade in Nachbetrachtungen eines Fußballspiels fällt der Begriff häufiger, wenn eine Mannschaft siegreich war oder sehr hoch gewonnen hat. Wer kann sich nicht an die unglaublichen 9 Minuten von Robert Lewandowski erinnern, in denen er gegen den VFL Wolfsburg 5 Tore erzielen konnte. Lewandowski schien wie im „Flow“ zu sein, als ob niemand ihn aufhalten könne und er in diesen 9 Minuten alles richtig machen würde.

Was meinen wir aber ganz genau, wenn wir vom „Flow“ sprechen und wie wird er in der Sportpsychologie genutzt? Wie können wir als Trainer einen „Flow“ Zustand vielleicht auch begünstigen?

Das Flow – Konzept

Der Grund des Kletterns liegt im Klettern, genau wie der Grund für das Dichten im Schreiben selber liegt, man erobert nichts anderes, als Dinge, die in einem selber liegen… Die Handlung des Schreibens rechtfertigt das Dichten. Beim Klettern ist es dasselbe: Erkennen, dass man ein einziges Fließen ist. Der Zweck dieses Fließens ist, im Fließen zu bleiben, nicht Höhepunkte oder utopische Ziele zu suchen, sondern im Flow zu bleiben…

Csikszentmihalyi (1975)

Mihály Csikszentmihalyi war Professor für Psychologie an der Universität von Chicago und gilt als Begründer des Flow-Konzepts. Die deutsche Übersetzung des Wortes („flow“ = fließen) zeigt schon auf, dass es um etwas Fließendes geht. Ein kontinuierliches Fließen in der Aktion, in dem Moment der Handlung. Näher erläutert beschreibt das „Flow Konzept“ einen Bewusstseinszustand, welcher von absoluter Fokussierung und Freude gekennzeichnet ist. Sportler, welche sich im „Flow“ befinden, gehen in dieser Situation völlig auf, ohne weitere andere Gedanken und Emotionen zu haben. Es kommt zu einem besonderen Erlebnis, bei dem Körper und Geist harmonisch zusammen wirken würden (Csikszentmihalyi & Jackson, 2000, S.13). Ziemlich sicher hatte jeder schon mal eine Situation, in der man so vertieft ist, so dass es praktisch von alleine geht und die Anstrengung kaum spürbar ist und die Zeit wie im Flug vergeht.

Forschungsansätze

Csikszentmihalyi forschte ursprünglich zum Thema Extremsportarten und wie Extremsportler im „Glücksrausch“ alles um sich herum, inklusive die einhergehenden Gefahren, vergessen und ihrer Tätigkeit bis zum Erreichen des Ziels nachgehen. Vorüberlegungen waren vor allem auch die strikte Abgrenzung von Arbeit und Spiel in unseren Kulturkreisen. In unserer Freizeit gehen wir zumeist Tätigkeiten nach, welche uns Freude bereiten, auch wenn sie eventuell keinen Nutzen mit sich bringen. Sogenannte autotelischen (auto= selbst, telos = Ziel) Aktivitäten haben das Handeln selbst als Ziel, sind also Selbstzweck, und brauchen keinen weiteren materiellen Anreiz. In den autotelischen Aktivitäten werden die intrinsischen Anreize noch weiter maximiert.


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Dann gilt es gut vorbereitet zu sein. Genaue Ziele ausarbeiten, eine Saison gut organisieren, eine Spielidee entwickeln, die zu deiner Mannschaft passt und anhand von Spielprinzipien passende Spielformen erstellen. Außerdem gehört es dazu, sich als Trainer stets weiterzubilden. Wie funktioniert das richtige Ausdauertraining, was ist Neuroathletik und wie kommuniziere ich richtig mit Spielern und Eltern?

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Es scheint also, dass intrinsische Motivation schon allein ein Voraussetzungsmerkmal dafür ist, um überhaupt in einen „Flow“ zu kommen. Dabei spielt der Spaß Faktor als Handlungsziel eine große Rolle, um überhaupt einen „Flow“ zu erleben.

„Flow“ Erleben sind aber keine immer wiederkehrenden Erlebnisse. So kann an einem Tag die Aktivität rhythmisch, einfach und fließend sein und an einem anderen Tag erzwungen, schwierig und schwerfällig. Dabei darf man den Faktor Mensch nicht außer Acht lassen, welcher in einem sehr komplexen System eingebettet ist. Hierbei können sowohl externe als auch interne Faktoren eine Rolle spielen, ob ein „Flow“ Erleben möglich ist oder nicht. Die besondere Komplexität des „Flow“ Erlebens auf Teamebene zeichnet sich schon dabei ab, dass jeder einzelne Spieler ganz individuelle Voraussetzungen erfüllen muss, um einen „Flow“ auf Teamebene zu erfahren. Fußballspieler können dabei sehr individuelle „Flow“ Erlebnisse immer mal wieder in einem Spiel aufweisen, so wie das Beispiel Lewandowski aufzeigte. Deutlich schwieriger ist es allerdings in einen kollektiven Flow zu gelangen. Deshalb wollen wir uns nun näher damit beschäftigen, was einen „Flow“ begünstigen kann.

Bedingungen für das „Flow“ Erleben

Die Bedingungen für das „Flow“ Erleben sind sehr vielfältig und unterschiedlich von verschiedenen Forschern bisher festgelegt worden. Dabei gibt es vor allem Unterschiede in der Anzahl an Bedingungen, welche vorliegen sollten. Es folgt eine kurze Zusammenfassung von den wesentlichen Faktoren, welche für ein „Flow“ Erleben förderlich sind.

  • Klare Ziele und Teilziele
  • Klare Handlungsstruktur ( 100% Fokus)
  • Passung zwischen Fähigkeit & Anforderung (weder überfordern, noch unterfordern)
  • Klare, informative Rückmeldungen

Es sollten also klare Handlungsziele formuliert werden, um das Aufgehen in der Handlung zu fördern. Ziel ist es, dass die Aufmerksamkeit so wenig wie möglich vom eigentlichen Handeln ablenken soll. Weiterführend fördern klare Ziele ein genaueres Feedback.

Eine klare Handlungsstruktur soll dazu beitragen, dass jeder Handlungsschritt nachvollziehbar ist. Handlungen sollten möglichst ohne Pausen und sehr fokussiert ablaufen. Unterbrechungen können zum Ablenken führen.

Handlungen sollten weder über- noch unterfordern. Es sollte eine Passung zwischen Fähigkeit und Anforderung geben. Überforderung kann zu Ängsten führen, besonders wenn das eigene Fähigkeitsniveau nicht besonders hoch ist. Dadurch können Spannungen resultieren, welche zu schlechteren Leistungen führen können. Sind die Fähigkeiten größer als die Anforderung, kann dies schnell zu Langeweile führen. Bestenfalls ist die Anforderung hoch, aber noch mit den eigenen Fähigkeiten erreichbar.

Klare und informative Rückmeldungen hängen eng mit klaren Zielen zusammen. Wäre schon die Zielformulierung unklar, kann auch das Feedback nicht klar genug sein.

Weiterführende Bedingungen zum „Flow“

Wie schon erwähnt sind die Bedinungen nicht immer einheitlich, welche zum „Flow“ führen. Die oben genannten sind dabei der Konsens, welche alle Überlegungen beinhalten. Nachfolgend kommen noch einige weitere Bedingungen hinzu, welche auch als sehr förderlich eingestuft werden. Dabei sind interne und auch externe Faktoren aufgelistet.

  • positive geistige Einstellung
  • Erfolgsoptimismus
  • körperlich gute Vorbereitung
  • optimale umgebungs- und situationsrelevante Bedingungen
  • positiver Teamzusammenhalt
  • hohe intrinsische Motivation

„Flow“ im Fußball

Wir haben die unterschiedlichen Muster/Spielzüge entwickelt, um der Mannschaft zu helfen, im Tun zu bleiben, im Handeln zu bleiben, um Flow herzustellen. Um aufzugehen in der Zehntelsekunde und nicht darüber nachzudenken, wer als nächstes attackieren muss.

Thomas Tuchel in rulebreaker https://www.youtube.com/watch?v=yt8UOkC8nVc

Thomas Tuchel oder auch Julian Nagelsmann erwähnten in Interviews oftmals die Wichtigkeit des „Flows“ und das dieser in die nächsten Spiele mitgenommen werden sollte. Das obige Zitat stammt aus dem berühmten rulebreaker Vortrag von Thomas Tuchel. In dem erzählte er, wie wichtig es für ihn war, dass die Mannschaft in einen „Flow“ kommt. Sie sollte nicht mehr so viel darüber nachdenken, was sie als nächstes oder übernächstes machen soll, sondern jeder sollte im Tun bleiben, im Fluss. Dabei sprach er unter anderem von Mustern und Spielzügen, welche im Training einstudiert worden sind und der Mannschaft Sicherheit und Halt geben sollten.

In der Vergangenheit sahen wir einige Mannschaften, welche sich offenbar im „Flow“ befanden. Am wahrscheinlich beeindruckendsten war der FC Barcelona unter Pep Guardiola, welche wie in einem Fluss spielte. Viele Kurzpässe und Wechselpässe, genaue Positionierungen und der Rhythmus an sich sorgten dafür, das Barcelona sehr flüssig spielte. Man merkte den Spielern regelrecht an, wie konzentriert sie spielten, vor allem aber auch, wie viel Spaß sie dabei hatten. Ein weiteres Beispiel war auch diese berühmte Sequenz bei einem Spiel von Bayern München bei Manchester City.

https://www.youtube.com/watch?v=8P9fg6Eu9Bw

Auffällig ist die Leichtigkeit mit der Bayern spielt. Manchester City war auch zu der Zeit nicht irgendein Gegner und das Spiel fand in der Champions League statt. Eine Unterforderung kann also ausgeschlossen werden. Vergleichen wir diese Sequenz mit den zuvor genannten Kriterien, um in einen „Flow“ zu kommen, können wir einige Punkte wiedererkennen.

Das Ziel im Fußball sollte grundsätzlich klar sein, natürlich Tore erzielen und verhindern. Es bedarf aber in der Spielvorbereitung und im Training noch genauere Ziele und Anweisungen, um einen „Flow“ zu erreichen. Pep Guardiola ist zum Beispiel dafür bekannt, dass er sehr akribisch in den Details arbeitet. Positionierungen auf dem Feld in Relation zu den Mitspielern und der Ballposition, Körperposition und auch die Art und Weise, wie das Spiel auszusehen hat. Auf dieser Grundlage gibt es immer wieder Feedback, was die Spieler zumeist unmittelbar umsetzen konnten.

Tänzer/innen sprechen oft davon wie sie eins mit der Musik werden und so in einen „Flow“ kommen. In dieser Sequenz kann es auch noch zusätzlich der Rhythmus der Pässe sein, der einen großen Einfluss auf die Spieler hatte und diese positiv beeinflusst.

„Training“ des „Flows“

Das Erreichen eines „Flows“ kann man nicht per se trainieren, allerdings kann man einiges dafür tun, damit dieser Zustand in einem Spiel öfters auftreten kann. Die Bedingungen für einen „Flow“ sind hierbei gute Grundlagen, welche mit in die Trainingsplanung aufgenommen werden können.

Übergeordnet ist es die Strategie eines Trainers oder eines Vereins, welche positiven Einfluss auf das Erreichen eines „Flows“ haben können. Julian Nagelsmann ist dafür bekannt, dass er mehr als 30 Prinzipien hat, welche seine Strategie beinhaltet. Die Prinzipien sind Teil jeder Trainingseinheit und werden den Spielern bewusst und unterbewusst vermittelt. Sie sorgen dafür, dass im Spiel jeder Spieler weiß, was er wann tun kann. Es sind also keine festgelegten Spielzüge, sondern eher eingeschränkte Handlungsmöglichkeiten. Der Spieler hat meistens in seiner Handlung Optionen, die sind aber auf wenige Optionen beschränkt. Der Spieler bleibt im Handeln und wird nicht abgelenkt, da er sich auch das Wesentliche konzentrieren kann.

Anhand der Prinzipien gibt es Feedback. Im Laufe der Zusammenarbeit mit einem Trainer innerhalb einer Strategie, erfolgt Feedback schon im Abgleich mit den Prinzipien. Der Spieler kann seine Handlung mit den Prinzipien abgleichen und daraufhin seine Handlung in ähnlichen Situationen verändern. Außerdem erleichtert es dem Trainer das Coaching während des Trainings und im Spiel. Wenige Stichworte reichen zumeist, damit der Spieler versteht und seine Handlung verändern kann. Auch hier muss der Spieler nicht aus dem Handeln ausbrechen, da er immer in einer klaren Handlungsstruktur bleibt.

Zusätzlich ist es natürlich förderlich, externe Faktoren auf ein Optimum zu bringen. Darunter fällt vor allem der körperliche Zustand des Spielers (u.a. Ernährung, Fitness) oder auch die Umgebung (Platzverhältnisse etc.). Nahezu jede Mannschaft arbeitet heute mit einem Sportpsychologen zusammen. Selbstbewusstsein und eine positive Herangehensweise sind sehr förderlich, genau so mentale Pläne zu entwickeln, also z.B. positve Aktionen vor einem Spiel im Gedächtnis abrufen. Weiterhin ist es in einem komplexen Gebilde wie in einer Mannschaft sehr wichtig, eine positve Grundstimmung zu haben. Teambuilding kann dabei sehr hilfreich sein.

Fazit

Der „Flow“ beinhaltet eine gewisse Magie. Das Endergebnis eines „Flows“ könnte man dem Gefühl des „high“ sein vergleichen, gepaart mir einer Menge Euphorie und Freude. Mannschaften, welche mit einem „Flow“ Erlebnis in Verbindung gebracht werden, sind oft erfolgreiche Mannschaften oder auch Mannschaften, die Besonderes geschafft haben gegen scheinbar nicht schlagbare Mannschaften oder in kaum lösbaren Situationen. Wir erinnern uns sehr gerne an Liverpool gegen Barcelona, Barcelona gegen Paris oder Bayern 2013 gegen Barcelona. Allesamt waren Spiele mit unglaublichen Leistungen, über die man noch in mehreren Jahren sprechen wird.

Ein „Flow“ hat diese Ereignisse scheinbar erst möglich gemacht. Oft erscheint die mentale Stärke, die bessere Vorbereitung einer Mannschaft mit den richtigen Umgebungssituationen das Entscheidende zu sein, damit ein Team siegreich ist. Umso mehr lohnt es sich, dass alles dafür getan wird, um „Flow“ Erlebnisse möglich zu machen.

Literatur

  • Csikszentmihalyi, M. (1985). Das Flow-Erlebnis. Stuttgart: Klett.
  • Csikszentmihalyi, M. (1990). Flow. New York, NY: Harper & Row.
  • Csikszentmihalyi, M. (1992). Flow. Die sieben Elemente des Glücks. Psychologie Heute, 19 (1), S. 20-29.
  • Csikszentmihalyi, M. & Schiefele, U. (1993). Die Qualität des Erlebens und der Prozess des Lernens, Zeitschrift für Pädagogik, 39 (2), S. 207-221.
  • Csikszentmihalyi, M., & Jackson, S. A. (2000). Flow im Sport: Der Schlüssel zur optimalen Erfahrung und Leistung. München: BLV.
  • Gabler, H. (2004a). Kognitive Aspekte sportlicher Handlungen. In H. Gabler, J. R. Nitsch, & R. Singer (Hrsg.), Einführung in die Sportpsychologie. Teil 1: Grundthemen (4. unveränderte Aufl., S. 165–195). Schorndorf: Hofmann.
  • Rheinberg, F., & Vollmeyer, R. (2012). Motivation (8. aktualisierte Aufl.). Stuttgart: Kohlhammer.

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