Pässe im Angriffsdrittel – deep completions

Fußball ist ein Ergebnissport. Für diese Phrase zahlt man in TV-Sendungen für gewöhnlich einen kleinen Obolus in ein Sparschwein, doch sie beschreibt den Fußball von Kreis- bis Leistungsklasse wie kaum eine andere. Tore zu erzielen, ist die Kernaufgabe einer jeden Mannschaft. Dem letzten Spielfelddrittel kommt damit eine bedeutende Rolle zu, ist man doch hier sehr nah am gegnerischen Tor und kann für Torgefahr sorgen. Wir schauen uns im heutigen Artikel eine Kennzahl (DC) für die aktuelle Bundesligasaison an, die Aufschluss über das Verhalten im Angriffsdrittel gibt.

Einleitung

Umschalt- vs. Ballbesitzspiel, Konter- vs. Kombinationsfußball. So unterschiedlich die verschiedenen Spielideen auch sein mögen, letztlich verfolgen sie alle das gleiche Ziel: das eigene Spiel ins Angriffsdrittel zu übertragen und dort für Torgefahr zu sorgen.

Zentraler Aspekt ist dabei stets: die eigenen Pässe müssen ankommen, um im Ballbesitz zu bleiben und den kontinuierlichen Spielvortrag gewährleisten zu können. Unsaubere Abspiele oder gar Fehlpässe machen den Spielzug zunichte und ermöglichen dem Gegner im schlimmsten Fall die Gelegenheit eines Gegenangriffs.

Die einfache Gleichung könnte somit wie folgt lauten:

Schaffen es viele Teams regelmäßig das Spiel ins eigene Angriffsdrittel zu übertragen, stellt sich doch häufig das Ummünzen von erfolgreichen Pässen im Angriffsdrittel in Tore als schwierig dar. Insbesondere Mannschaften, die von ihrer Spielanlage auf Umschaltfußball ausgerichtet sind, haben in vielen Fällen Probleme, wenn ihnen der Gegner Raum und Ball überlässt, für effektive und erfolgreiche Spielzüge auf den letzten Metern zu sorgen. Es entstehen z. B. handballartige Formen, in denen der Ball von der einen Seite zur anderen gepasst wird, ohne dabei Raum zu gewinnen oder Gegner zu überspielen. Oder anders gesagt: man schafft es zwar, eine gewisse Anzahl an erfolgreichen Pässen / Passstafetten zu spielen, kann diese aber nicht in Torerfolge konvertieren.  

Die Kennzahl

Um diese Konversionsrate greifbarer zu machen, betrachten wir zunächst die Kennzahl DC – deep completions. Sie gibt an, wie viele erfolgreiche Pässe eine Mannschaft in den letzten 18 – 19 Metern des Spielfelds spielt. Hierbei werden nur flache Zuspiele gezählt, Flanken werden nicht berücksichtigt. Nachfolgende Aufstellung listet die absolute Anzahl an bisher gespielten deep completions der bisherigen Bundesligasaison an (Stand: 25.2.2020):

TeamDC
Bayern München280
Borussia Dortmund220
RasenBallsport Leipzig194
Bayer Leverkusen160
Schalke 04156
Borussia M.Gladbach151
Wolfsburg142
Hoffenheim134
Werder Bremen130
Mainz 05124
Eintracht Frankfurt122
FC Köln120
Freiburg108
Augsburg107
Hertha Berlin99
Fortuna Duesseldorf88
Paderborn84
Union Berlin82

DC / Tor

Da angekommene Pässe, wie oben dargestellt, nur die halbe Miete sind, werden in der weiteren Analyse zu den DC die Tore in Relation gesetzt, die ein Team innerhalb des gegnerischen Strafraums erzielt hat. Die Anzahl wird um Tore aus Elfmetern und Standardsituationen bereinigt, da diese in der Regel nicht aus Passstafetten / direkten Pässen resultieren. Durch diese Bereinigung wird die Genauigkeit der Auswertung näherungsweise erhöht. Im Ergebnis ergibt sich nun eine Verhältniszahl, die angibt, wie viele deep completions / erfolgreiche Pässe tief in der gegnerischen Hälfte durchschnittlich nötig sind, um ein Tor zu erzielen:

Top 5 (wenigste DC pro Tor):

TeamDC / T
Borussia Dortmund4,40
Borussia M.Gladbach5,21
Eintracht Frankfurt5,30
Paderborn5,60
Augsburg5,63

Bad 5 (meiste DC pro Tor):

TeamDC / T
Hoffenheim7,88
Freiburg9,00
Schalke 049,18
Wolfsburg9,47
Werder Bremen10,00

Die Auswertung

Auffällig sind hierbei Paderborn und Augsburg, die verhältnismäßig effizient mit ihren erfolgreichen Pässen umgehen. Beide Teams münzen erfolgreiche Pässe im Bereich um den gegnerischen Strafraum relativ häufig in Tore um. Bei der absoluten Anzahl der DC sind beide Teams jedoch am Ende des Tableaus zu finden. Hier liegt das Problem also eher darin, das eigene Spiel ins Angriffsdrittel zu übertragen. Die Nutzung der sich dann ergebenden Chancen ist tendenziell weniger problematisch.

Anders verhalten sich beispielsweise Schalke und Wolfsburg. Beide Teams weisen eine sehr hohe Anzahl an DC aus, erzielen jedoch im Verhältnis dazu wenig Tore (nur rund jede neunte bis zehnte DC führt im Durchschnitt zum Torerfolg). Beide Teams können das eigene Spiel also relativ gut in die gegnerische Strafraumzone übertragen und eine hohe Anzahl an erfolgreichen Pässen spielen, konvertieren diese aber zu selten in Tore.

Als bestes Beispiel kann Borussia Dortmund herangezogen werden. Sehr viele erfolgreiche Pässe in bezeichneten Bereich und eine sehr hohe Konversionsrate bestätigen das Bild, das der BVB in vielen Spielen zeichnet. Durchbrüche auf den Außenbahnen und Pässe in den Rückraum, die dort von Haaland & Co. verwertet werden. Insgesamt wird die Philosophie von Favre bestätigt, die darauf ausgelegt ist, geduldig zu spielen, den Ball und Gegner durch Pässe zu kontrollieren und im geeigneten Moment durchzubrechen.

Fazit

Insbesondere im Fußball, wo im Vergleich zu anderen Sportarten sehr wenige Tore fallen, ist letztlich die absolute Anzahl an erzielten Toren maßgeblich für den Erfolg oder Misserfolg einer Mannschaft. Die relative Kennzahl DC pro Tor gibt zwar keinen Aufschluss darüber, wie viele Tore eine Mannschaft erzielt, trifft jedoch eine Aussage darüber, wie effizient ein Team mit dem betriebenen Aufwand (angekommene Pässe bzw. DC) umgeht und daraus Nutzen (Tore) zieht.

Eine geringe absolute Anzahl an DC bedeutet im ersten Moment nur, dass eine Mannschaft aufgrund der Spielanlage zu wenigen Pässen im Bereich um den gegnerischen Strafraum kommt. Dies kann gewollt sein (Spielidee, Matchplan etc.), kann aber auch ein Indiz dafür sein, dass eine Mannschaft Schwierigkeiten im Spielaufbau und –übergang hat.

Eine hohe Anzahl an DC ist jedoch auch nicht der Weisheit letzter Schluss. Wenn aus den vielen Pässen letztendlich keine Tore resultieren, bringen die Bemühungen relativ wenig. Angriffsbemühungen bergen zudem immer auch Kontergefahr im Falle von Fehlpässen / Ballverlusten. Aus diesem Grund sollten Angriffe so häufig wie möglich (erfolgreich) abgeschlossen werden, um nicht durch ein schnelles Umschaltspiel des Gegners überlaufen zu werden.

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