Reden ist Silber, Sehen ist Gold

Zwei Spieler der gleichen Mannschaft eilen zum Ball und frei nach dem Motto „nimm du ihn, ich habe ihn sicher“ ist der lachende Dritte der Gegner. Angespielt und mit direktem Gegnerdruck konfrontiert, verliert der defensive Mittelfeldspieler nicht nur den Ball, sondern auch gleich die Nerven und beschwert sich lautstark, dass jemand doch etwas sagen könne. Beide Beispiele haben die meisten von uns bereits erlebt und als Conclusio daraus oftmals die mangelnde verbale Kommunikation gezogen. Der folgende Artikel soll sich damit beschäftigen, warum im Fußball vor allem das visuelle System gefordert wird und Mannschaften, welche das gleiche Spiel spielen und damit eine Art blindes Verständnis aufweisen, klar im Vorteil sind. (Begriff: Team Chemistry)

Unser visuelles System sowie die Bedeutung für das Spiel

Befassen wir uns als erstes damit, wie es mit der Leistungsfähigkeit des menschlichen Wahrnehmungssystems im generellen aussieht. Wir beschränken uns hierbei hauptsächlich auf das visuelle System, da sehr schnell sehr klar wird, wie viel Leistungsfähiger und damit auch entscheidender es für jegliche Entscheidungen im Fußball ist. Dabei helfen soll uns das folgende Bild:

An sich ist zwar unser Hörsinn genauer, sensibler und leistungsfähiger als unser Auge, jedoch mangelt es eben jenem vor allem an den quantitativen Kapazitäten. In derselben Zeit, in der ein Bild vom Gehirn verarbeitet werden kann, können 6-8 Wörter in Gedanken / Informationen umgewandelt werden. Im Fußball bzw. allen Spielsportarten dreht sich viel darum, wiederkehrende Muster zu erkennen – dazu später mehr. Wir halten also zu Beginn einmal fest, dass rund 80% der Reize visuell sind und bis zu 50% unseres Gehirns an der Verarbeitung eben jener beteiligt sind. Dabei agieren rund 125 Millionen Photorezeptoren im Auge und bereits die ersten Verarbeitungen finden auf der Netzhaut statt. Über die Sehbahnen hin zum (primären) visuellen Cortex führt der Weg des eingehenden Reizes. Wie es um den Gehalt und die Menge der Informationen aussieht, lässt sich an folgender bildlichen Sprache von der Internetseite dasgehirn.info (Simm, 2016) recht gut verdeutlichen:

„ …mit dem Trinken aus dem Wasserfall“

Aus dieser Unmenge an Informationen muss unser Gehirn die wichtigsten Informationen herausfiltern und wie komplex dieser Vorgang ist, können wir uns aktuell nur vorstellen. Generell ist die Wissenschaft sehr interessiert an unserem visuellen System beziehungsweise der Wahrnehmung per se, jedoch können wir bei weitem noch nicht alles begründen oder erklären.

Da wir ja nicht mit allen Informationen, welche sich in unserem Blickfeld befinden, etwas anfangen, könnten wir nun noch auf Begriffe wie Fokus und Aufmerksamkeit eingehen. Jedoch würde der Artikel dann schon zu weit in das Wissenschaftliche abdriften und es soll ein gewisser Mehrwehrt für die tägliche Arbeit der Trainer bleiben, egal um welche Alters- oder Leistungsstufe es sich nun handelnd. Hierzu auch gleich einige Tipps für die Praxis, um den Blick der Spieler weg vom Ball sowie nach oben zu bekommen. Abgesehen von dem expliziten Einfordern sich umzuschauen ist ab heute nunmehr das Vergessen von Überziehleibchen keine Geldstrafe oder Sünde mehr. Sollten es die Leibchen aber doch mit auf den Trainingsplatz schaffen, dann können diese den Spieler hinten in die Hose gesteckt werden, damit gegnerische Spieler die Möglichkeit haben, ihnen eben jene rauszuziehen. Die Folge davon wird sein, neben einer kurzzeitigen kognitiven Überbelastung, dass der Spieler zum ständigen umschauen „gezwungen“ wird. Abgesehen davon, was ein Spieler dann mit dem Wahrgenommenen genau anfängt, hat er einfach mehr Informationen, auf die er zurückgreifen kann und die Möglichkeit wiederkehrende Muster und Abläufe zu erkennen.(Jordet, 2015) Angemerkt sei in diesem Kontext dann auch gleich die Wichtigkeit der Körperpositionierung. Bei vorteilhafter Körperpositionierung (offene Stellung) kann allein aufgrund eben jener mehr wahrgenommen werden sowohl bewusst als auch peripher. Eine adäquate Ausrichtung am tiefsten bzw. breitesten Punkt des Spielfeldes ist wünschenswert für alle Spieler jeglicher Position.

„Schauen mit dem Kopf und den Augen! Was ist in der Nähe? Was ist in der Ferne? Versuche alles zu sehen und zu interpretieren“

Juan Vila Bosch  

Es bietet sich an dieser Stelle auch an, dass wir kurz auf die Methodik eingehen, wie wir dann die Spieler aktiv zum Hinterfragen und interpretieren bringen können. Ich möchte dazu gleich festhalten, dass es für uns Trainer immer ein leichtes ist, gerade Fehler zu erkennen. Wir haben die Möglichkeit sowohl emotional als auch örtlich von außen auf das Geschehen zu blicken oder über die Videoanalyse jederzeit das Spiel anzuhalten. Aber was hat der Spieler in dem Moment des Fehlers wahrgenommen? Aufgrund welcher Informationen hat er seine Entscheidungen getroffen? Es bringt uns wieder dorthin gehend, dass wir die Spieler aktiv mit ins Training einbeziehen. Bevor wir keine Erklärung der Spieler haben, warum sie sich für oder gegen etwas am Spielfeld entschieden haben, können wir nicht urteilen. Es gilt also wieder die Spieler zu fragen, zu fragen und nochmal zu fragen, damit ein Verständnis für das Spiel entwickelt werden kann. So, aber jetzt wieder zurück zu unseren Wahrnehmungsinformationen an sich…

Was hat es jetzt genau mit der Mustererkennung zu tun und warum sind Teams, welche das gleiche Spiel spielen, klar im Vorteil?

Spielen in der Zukunft

Dazu müssen wir uns die Frage stellen:  Was nehmen die Spieler nun aktiv wahr oder worauf basiert Ihre Entscheidung? An sich wird versucht, dass wir die Spieler „in der Zukunft spielen“ lassen. Sie sollen gedanklich einfach schon einen Schritt weiter sein als der Gegner und gerade in der eigenen Ballbesitzphase schon vorher wissen, was als Nächstes mit dem Ball zu tun ist. Bleibe ich am Ball? Setze ich das Spiel nach vorne fort?

Bevor ich die Illusion des „in der Zukunft spielen“ zerstöre, möchte ich noch explizit darauf hinweisen, dass es einer der besten Coachingpunkte ist, die wir unseren Spieler an die Hand geben können. Das Anregen der Spieler aktiv zu denken und das Spiel zu lernen muss eine unserer obersten Prioritäten sein. Machen wir jetzt einen kleinen Exkurs in die Wahrnehmungspsychologie so kommen wir schnell an den Punkt, dass wir nach einem Modell von James J. Gibson (1904 – 1979) keinen Raum und auch keine Zeit wahrnehmen, die wir für das Spielen in der Zukunft jedoch bräuchten, sondern nur Muster und Events. Da diese Wahrnehmung durch gegenwärtig auftretende Wahrnehmungsinformationen vermittelt wird, spielt also niemand in der Zukunft. Tja, so viel und einfach dazu…

Wir nehmen also alles in der Umgebung (Mitspieler, Gegner, Ball, etc.) als „bereits erlebt“ wahr und treffen auf Basis dessen dann unsere Entscheidung. Je nachdem was und wie oft wir etwas im Training in ähnlicher Art und Weise schon erlebt haben, wird unser Gehirn dann eine Entscheidung für die jeweilige Situation „on the pitch“ treffen. Ergo ergibt sich für uns Trainer ein praktischer Ansatz. Das ins Training implementieren, was dann im Spiel auf die Spieler zukommt beziehungsweise wir sehen wollen im Kontext zu der jeweiligen Spielphilosophie. Fußball durch Fußball.

Der Fußball muss also immer ganzheitlich trainiert werden. Und auch eine Frage für den Jugendfußball soll hier aufgeworfen und hinterfragt werden. Wie verändert sich der Fußball auf die Entwicklung eines Spielers gesehen? An sich bleibt er immer der gleiche, da alle gegeben Variablen (Gegner, Ball, zwei Tore, Outlinie, etc.) von klein auf dabei sind. Einzig die Komplexität und die Geschwindigkeit, mit der Aktionen und damit das ganze Spiel ablaufen, ändert sich von Monat zu Monat und Jahr zu Jahr – es wird schneller.

“The problem in football is that you learn how to play the wrong way round – first execution, then decision making and perception last…As a player, whenever I get the ball I have to analyze, then decide and finally execute.“ Arsene Wenger

(Austin, 2019)

Das gleiche Spiel spielen (Team Chemistry)

Julian Nagelsmann: „Matchplan hat an Bedeutung verloren”

https://rblive.de/medien/julian-nagelsmann-matchplan-hat-an-bedeutung-verloren-10353

Wir sollten also im Training und logischerweise dann auch im Spiel dafür sorgen, dass unsere Spieler in ähnliche oder gleiche Situationen kommen. Die Auswirkungen auf den Trainingsalltag sind nicht zu unterschätzen. Das eigene Spiel der Mannschaft rückt damit massiv in den Vordergrund und das vorbereiten auf den Gegner beschränkt sich auf „Idealvorstellungen“. Einen genaueren Einblick dahingehend liefert das sehr aufschlussreiche Interview von Julian Nagelsmann, welches ich Euch oben verlinkt habe. Was ist die eigene Idee des Spiels? Welche Situationen entstehen am häufigsten im eigenen Spiel und welche möchte man damit am Platz herstellen? Weniger ist in diesem Fall mehr. Nicht mehr auf jede Eventualität vorbereitet sein, sondern möglichst viele wiederkehrende Situationen provozieren. Prinzipien, Sub-Prinzipien und Sub-Sub-Prinzipien werden damit nicht egalisiert, jedoch definitiv in Frage gestellt beziehungsweise relativiert sowie in Kontext gesetzt. Zumal man sich vor Auge führen muss, dass das Geschehen am Platz viel mit Routinen (Artikel verlinken) zu tun hat die unbewusst ablaufen. Wie lange es dauert diese Abläufe in die Köpfe der Spieler zu bekommen gibt uns Aufschluss darüber, wie intensiv wir uns mit dem einen Bild im Spiel beschäftigen müssen, welches wir kreieren oder möglichst offen sehen wollen.

„In the first game Frank played for West Ham, his dad [Frank Lampard Senior] would sit in the stands and shout at his son all the time,“ said Carr. „He’d say the same thing every time: ‚Pictures! Pictures!‘ He just wanted Frank to have a picture in his head before he got the ball. That was all. ‚Pictures!‘ Lampard sat up. „That’s true, he was yelling at me and I did what he said.“ Interview Carr

(Lyttleton, 2017)

Die oft beschrieben „Detail Versessenheit“ vieler Trainer gerät damit ins Wanken, beachtet man auch noch die oft (leider) sehr kurzen Amtszeiten der Trainer. Was davon am Platz ist wirklich ersichtlich und wie sehr ist es am Ende des Tages doch noch ein „Players-Game“. Es gibt damit auch bei den Prinzipien eine klare Richtung vor – vom „Groben“ zum „Feinen“. Natürlich kommt es hierbei viel auf die Trainingszeit an, die einem gegeben ist. Habe ich die Möglichkeit, jeden Tag am Platz mit meinen Spielern zu arbeiten, dann werde ich natürlich mehr implementieren können und selbstverständlich spielt auch die Aufnahmefähigkeit der Spieler eine große Rolle.

Wie immer erhebe ich keine Allgemeingültigkeit für den Artikel. Er soll anregen und Menschen auffordern sich Gedanken zu machen. Die Blicke über den Tellerrand sind immer wieder notwendig und erweitern unseren Horizont. Ich persönlich würde mich freuen, wenn auf dem ein oder anderen Trainingsplatz nicht unbedingt weniger verbale Kommunikation eingefordert wird, aber doch wesentlich mehr visuelle und auch die Aufforderung das Bewusstsein für eben jene.

Austin, S. (2019). Arsene Wenger: Top players have radars in their heads.  

Jordet, G. Bloomfield, J. Heijmerikx, J. (2015). The hidden foundation of field vision in English Premier League(EPL) soccer players. MIT Sport Analytics Conference.

Lyttleton, B. (2017). What gave Xavi Hernandez and Andrea Pirlo an edge on the rest? The secret to his vision.  

Simm, M. (2016). SEHEN – (K)EIN SELBSTVERSTÄNDLICHES WUNDER.  

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