Eingerückte Außenverteidiger und ihre Vorteile

Pep Guardiola war Vorreiter, der HSV hat sie genutzt und selbst unter Johann Cruyff waren sie schon etabliert: falsche bzw. eingerückte Außenverteidiger.

Während seiner Zeit beim FC Bayern war das Mittel des eingerückten Außenverteidigers essenzieller Bestandteil des Spielaufbaus der Münchner und auch bei Manchester City hat Guardiola das Konzept in asymmetrischer Form etabliert. Vorher wich allerdings fast keine Mannschaft vom Dogma des die Seitenlinie beackernden, unermüdlichen Außenverteidigers ab. Warum Guardiola dieses Mittel nutzte und welche Vorteile sich daraus ergeben, soll in diesem Beitrag ebenso thematisiert werden, wie grundlegende Trainingselemente, mit denen das Konzept eingerückte Außenverteidiger in den Spielaufbau eingebunden werden kann.

Ausgangssituation

Abbildung 1 – Ausgangssituation im 4-3-3

In der Regel wird der eingerückte Außenverteidiger von Mannschaften angewendet, die das Spiel bestimmen wollen. Wohl deshalb ist das Konzept so typisch für den Guardiola-Fußball: Seine Teams haben stets hohe Ballbesitzwerte und schnüren den Gegner in dessen Hälfte ein.

Daraus ergeben sich zwei Ausgangssituationen, in denen der eingerückte Außenverteidiger genutzt werden kann.

Zum einen sollte die Mannschaft bestrebt sein, möglichst viele Spieler in das Zentrum zu bringen, um dort Überzahlsituationen zu erzeugen. Sollen tiefstehende Mannschaften geknackt werden, braucht es aber nicht nur passsichere Spieler in der Spielfeldmitte, sondern auch Eins-gegen-Eins-Situationen auf dem Flügel, um von dort hinter die letzte Linie des Gegners zu kommen.

Diese Momente werden von Guardiola immer wieder erzwungen, indem seine Flügelspieler und eben nicht die Außenverteidiger die Breite halten.


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Zum anderen nimmt die Konterabsicherung eine wichtige Rolle ein. Mannschaften, die den Ball in tiefen Zonen über lange Zeit halten wollen, brauchen dafür möglichst viele Spieler in gefährlichen (also sehr offensiven) Räumen.

Die Restverteidigung besteht dann meist aus zwei, maximal drei Spielern. Mit den einrückenden Außenverteidigern versucht man dem Konter des Gegners entgegen zu wirken, indem sich die Mannschaft schon während des eigenen Ballbesitzes in eine günstige Ausgangslage für das Gegenpressing bei Ballverlust bringt.

Durch die Außenverteidiger erhöht sich die Zentrumspräsenz in tieferen Zonen, sodass Konterversuche meist schon im Ansatz unterbunden werden können, weil sich der Gegner stets in Unter- oder Gleichzahl befindet.

Positionierung eingerückte Außenverteidiger

eingerückte Außenverteidiger
Abbildung 2 – Außenverteidiger eingerückt, freier Passweg auf den Flügelspieler

Je nach Pressingintensität des Gegners variieren die Positionierung und die grundsätzlichen Aufgaben des eingerückten Außenverteidigers im Spielaufbau.

Sollte die erste Pressingreihe aggressiv und hoch anlaufen, sollte sich der Außenverteidiger hinter dieser Linie positionieren, um ein sicheres Überspielen des Gegners zu ermöglichen. Prinzipiell werden durch die Außenverteidiger 3-2 oder 2-3 Strukturen im Aufbau (je nach Rolle des Sechsers) erzeugt. Somit wird eine Überzahl garantiert, mit der es möglich wird, das gegnerische Pressing sicher zu umgehen.

Läuft der Gegner nur sporadisch an und erzeugt quasi keinen Druck könnte sich die Mannschaft überlegen die Außenverteidiger vor der ersten Reihe des Gegners zu positionieren. Dadurch werden schnelle Spielverlagerungen durch das Zentrum auf den jeweiligen Flügelspieler sichergestellt, um so den Gegner ins Laufen zu bringen bzw. über Räume auf den Flügeln anzugreifen.

Wie bereits angesprochen, geht mit dem Einrücken des Außenverteidigers meist auch das Abkippen des Flügelspielers einher. Dieser nimmt eine etwas tiefere Position ein und schafft damit eine direkte, diagonale Anspielstation zum Innenverteidiger.

Somit sind Spielverlagerungen über Innenverteidiger oder abkippenden Sechser sofort auf den Flügelspieler möglich und dem Gegner wird das Rausrücken erschwert.

Auch für Anschlussaktionen im letzten Angriffsdrittel liefern die Außenverteidiger von Manchester City (insbesondere Kyle Walker) regelmäßig Lehrbuchbeispiele.

Grundsätzlich hat der eingerückte Außenverteidiger die gleichen Möglichkeiten, die er auch auf der Außenposition hat. Der Flügelspieler kann Über- oder Hinterlaufen werden. Durch die Positionierung im Zentrum bietet sich auch das Spiel über den Dritten immer wieder an. Noch mehr Informationen zu den Möglichkeiten des Flügelspiels gibt es hier.

eingerückte Außenverteidiger
Abbildung 3 – Vorderlaufen durch AV möglich

Vorteile

Der wichtigste Vorteil eingerückter Außenverteidiger wurde anfangs bereits ausführlich beschrieben: Durch die Positionierung im Zentrum wird eben dieses stärker besetzt, die daraus resultierende Überzahl garantiert Vorteile im Spielaufbau und eine bessere Konterabsicherung bei Ballverlust.

Weiterhin können die übrigen (Zentrums-)Spieler darauf sehr gut reagieren und mit ihren Anschlussbewegungen weitere Vorteile für die ballbesitzende Mannschaft erzeugen.             

Geht man von einer 4-3-3 Formation aus, mit der die meisten ballbesitzorientierten Teams agieren, können beide Achter hochschieben. Damit ergeben sich auch in der letzten Linie wieder Überzahlsituationen und die Abwehr des Gegners wird in der eigenen Hälfte gebunden, sodass kein kompaktes gegnerisches Pressing möglich ist.

Unabhängig der Bewegungen des Sechsers (hält er die Mittelfeldreihe für 2-3 Aufbaustruktur oder kippt er ab für 3-2 Struktur) wird dieser in jedem Fall durch zwei Spieler gesichert. Ihm stehen nicht nur bessere diagonale Passoptionen zur Verfügung, sondern seine eigene Positionierung kann deutlich freier gestaltet werden.

Alle für den Spielaufbau relevanten Räume werden besetzt und seine eigenen Läufe besser abgefangen, auch Verlagerungen vom ballnahen Flügel/Halbraum auf die ballferne Seite können deutlich schneller vollzogen werden, weil die Passwege im Zentrum kürzer sind.

Flugbälle bieten sich ebenso an, da die ballnahe Seite inklusive des Zentrums überladen wird und somit Räume auf dem ballfernen Flügel frei werden.

Möchte sich eine Mannschaft der bedingungslosen Offensive verschreiben, könnte in Verbindung mit den Außenverteidigern auch über eine Torwartkette nachgedacht werden. Der Sechser könnte demnach die Mittelfeldlinie halten und es ergäbe sich, sofern niemand weiter aufrückt (eingerückte Außenverteidiger im Achterraum?), eine 3-3 Struktur im Aufbau. Natürlich braucht es selten sechs Spieler für den kontrollierten Spielaufbau.

Die Möglichkeiten, die sich aus der Kombination Torwartkette und einrückende(r) Außenverteidiger ergeben könnten, finde ich dennoch recht spannend, wenn auch schwierig umsetzbar. Es könnten sich 2-1-7 Formationen (bzw. 3-1-7 mit dem Torwart in der Dreieraufbaureihe) ergeben, die eine extreme Überzahl im Zentrum bzw. in den Halbräumen garantiert. Andererseits könnten sich die Spieler gegenseitig der Räume berauben. An dieser Stelle möchte ich auf Thiago Mottas Jugendmannschaft verweisen, die besagte 2-1-7 Formation (situativ) nutzte.

Ein weiterer, vielleicht sogar der größte Vorteil ist der, dass der Gegner permanent gezwungen wird, Entscheidungen zu treffen. Diese Problematik wurde auf der Seite schon im letzten Videobeitrag ausführlich erklärt, deshalb hier nur eine kurze „Zusammenfassung“:

Besetzen wir das Zentrum mit unseren Außenverteidigern, hält der Flügelspieler die Außenlinie. Um eine direkte Anbindung zum Innenverteidiger zu gewährleisten, steht er (für einen Flügelspieler) ein wenig tiefer. Der gegnerische Außenverteidiger hat jetzt zwei Möglichkeiten.

1. Er kann den Flügelspieler ein Stück weit verfolgen, um Kontakt zu seinem unmittelbaren Gegenspieler zu halten (er deckt den Mann). So verliert er Anschluss zur Abwehrreihe und der Raum zwischen Außen- und Innenverteidiger kann bespielt werden (durch Achter oder eingerückte Außenverteidiger, siehe Manchester City).

2. Er hält den Anschluss zur Abwehrreihe, bleibt auf seiner Position und lässt den Flügelspieler frei (er deckt den Raum). Somit kann sich der Flügelspieler nach vorn orientieren, Tempo aufnehmen und ins Dribbling kommen.

Beide Optionen bieten der ballbesitzenden Mannschaft einen Vorteil.

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Nachteile

Natürlich hat das Konzept des einrückenden Außenverteidigers auch Nachteile. Meiner Meinung nach sind diese eher geringfügig, die Vorteile überwiegen.

Der größte Nachteil entsteht bei Ballverlust. Die Mannschaft hat dann viele Spieler auf eher unbekannten Positionen (Außenverteidiger im Zentrum, Achter in hoher Position) und durch die Zentrumsüberladung findet der Gegner große Räume auf den Flügeln vor.

Abbildung 4 – Freier Raum auf Außen für Konterangriffe des Gegners

Sollten diese konsequent bespielt werden, werden schnelle Konter zum Problem. Ziel muss es also sein (und dazu sollen die Außenverteidiger in jedem Fall beitragen), dass der Konter noch in der Entstehung unterbunden und der Ball sofort im Gegenpressing zurückerobert wird.

Das Konzept des einrückenden Außenverteidigers erfordert für eine perfekte Umsetzung spielintelligente Fußballer, die die richtigen Räume im richtigen Moment besetzen. Die Situation, in denen sich das Einrücken anbietet, müssen schnell erkannt werden und der Spieler muss sehr dynamisch sein. Auch das Timing der Freilaufbewegungen muss passen.

Die zentralen Mittelfeldspieler müssen sicher erkennen, welche Räume sie besetzen müssen, sobald die Außenverteidiger einrücken. Dies erfordert ein grundlegendes Positionsspiel.

Natürlich kann vorgegeben werden, dass die Außenverteidiger im Spielaufbau stets einrücken, je nach Vorlieben und Ausrichtung des Trainers und seiner Mannschaft. Erstrebenswert wäre es allerdings, dass die Spieler das Konzept nur situativ anwenden und die perfekte Situation dafür im laufenden Spiel eigenständig erkennen.

Trainingsideen – eingerückte Außenverteidiger

Wie gesagt ist der eingerückte Außenverteidiger meiner Meinung nach weniger eine individuelle Fähigkeit und mehr ein taktisches Konzept, das angewendet werden sollte, um Probleme im Spielaufbau bzw. generell gegen tiefstehende Gegner gruppen- bzw. mannschaftstaktisch zu lösen. Dementsprechend würde ich meinen Spielern keine komplizierten, isolierten Passstafetten, an deren Anfang die Bewegung der Außenverteidiger steht, zeigen.

Auch das Einstudieren bestimmter Laufwege erscheint mir in diesem Kontext nicht sinnvoll. Viel mehr würde ich meinen Spielern die Grundlagen vermitteln, damit sie die Situation, in denen das Konzept anwendbar wäre, frühzeitig erkennen und die richtigen Räume besetzen. Natürlich gehören dazu auch individuelle Skills wie Dribbling und sicheres Passspiel.

Übung 1 – Positionsspiel 4vs4 + 3

Um Spielverständnis und das sichere Besetzen notwendiger Räume zu trainieren, würde ich immer auf Rondos bzw. Abwandlungen davon setzen. In meinem Fall wäre das ein 4vs4 + 3. In einem früheren Artikel wurde diese Spielform mal als „Mutter aller Positionsspiele“ bezeichnet und diese Sichtweise teile ich komplett.

eingerückte Außenverteidiger

Ablauf:

  • 11 Spieler, 4x Blau, 4x Rot, 3x Gelb (neutral)
  • Spielfeldgröße ca 15x25m (auf hohem Niveau 10x20m)
  • 7 vs. 4 auf Ballhalten
  • 2 Neutrale an den Stirnseiten, 1 in Spielfeldmitte

Coaching:

  • Fokus auf Ballbesitz
  • Spielfeld breit und tief machen
  • Dreiecke bzw. Rauten bilden à mindestens 2, besser 3 Anspieloptionen!
  • Diagonale Passwege
  • Variieren der Passwege (auch lange Bälle können Lösungen sein)

Übung 2 – Spielform im Rautenspielfeld

Die Idee für das Rautenspielfeld stammt meines Wissens nach von Thomas Tuchel. Er wollte damit bezwecken, dass seine Spieler nicht mehr von innen nach außen dribbeln, sondern immer mit dem klaren Ziel diagonal in das Zentrum zu kommen.

Ich würde diese Idee gern nutzen, um meine Außenverteidiger quasi ins Zentrum zu zwingen und den Flügelspieler, nach Tuchel, nach innen dribbeln zu lassen. Ebenfalls wäre der diagonale Passweg vom Innenverteidiger auf den Flügelspieler von Beginn an gegeben (Eventuell könnte die angestrebte Situation damit zu „automatisch“ hergestellt sein, über Erfahrungswerte würde ich mich freuen).

Interessant wäre die Vorgabe „bei Torerzielung müssen alle Spieler innerhalb der Raute sein“, wenn man das Spielfeld in der Ausgangssituation rechteckig belassen möchte. Damit würde man den Spielern auch herkömmliche Lösungsoptionen nicht verbauen und das Spiel würde variabler werden.

Denkbar wäre auch, Tore, denen der eingerückte Außenverteidiger zu Grunde lag, mit 2,3,4 Punkten zu belohnen. Das ginge natürlich auch mit einem „normalen“ Spielfeld.

eingerückte Außenverteidiger

Ablauf:

  • Feldgröße je nach Anzahl und Qualität der Spieler (bei 9vs9 eine Spielfeldhäfte)
  • Spiel startet beim Torhüter
  • Freies Spiel, optional Einschränkungen (außer Kontaktzahl, da sowohl Passspiel als auch Dribbling gefördert werden soll)
  • Viererkette = Pflicht (anfangs, um beide Seiten geichermaßen zu schulen)

Coaching:

  • Positionierung der Außenverteidiger im Zentrum aktiv einfordern
  • Flacher Spielaufbau
  • Hohe Intensität, um Drucksituationen zu schaffen (Lösung = einrückender AV?)
  • Dreiecke bilden
  • Flügelspieler in Ecke der Raute positionieren

Fazit

Der einrückende Außenverteidiger ist in jedem Fall ein spannendes Konzept. Besonders im Jugendbereich würde ich diese Form ausprobieren, um den Spielern andere Optionen als das bekannte „Außenverteidiger schiebt hoch, Flügelspieler kippt in den Halbraum“ zu zeigen. So würden sich viele Spieler automatisch auch auf anderen, unbekannten Positionen wiederfinden, was im Jugendfußball ebenfalls angestrebt werden sollte.

Problematisch könnten die hohen taktischen Anforderungen oder ein fehlendes Spielverständnis werden.

Um einen sicheren Spielaufbau zu gewährleisten, ist das Konzept meiner Meinung nach fast perfekt.

PS: Dass der einrückende Außenverteidiger auch im Amateurfußball durchaus funktionieren kann, lest ihr hier.

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