DFB-Pokal Finale 2014/15: Borussia Dortmund vs VfL Wolfsburg

Es war das letzte Spiel für Jürgen Klopp als Trainer des BVB und daher auch eine bedeutungsvolle Partie für die Schwarz-Gelben. Der Traum, dass man im letzten Match unter dem Kulttrainer das vierte Mal in der Vereinsgeschichte den DFB-Pokal nach Dortmund holen könnte, schien möglich und machbar. Allerdings stand auf der anderen Seite mit dem VfL Wolfsburg ein Gegner, der den deutschen Pokal noch nie gewonnen konnte und dadurch bis in die Haarspitzen motiviert war.

Somit war bereits vor diesem DFB-Pokal Finale der Saison 2014/15 klar, dass es ein besonderes Spiel sein werde. Die von Dieter Hecking gecoachten Wölfe waren in der Lage die Borussen mit 3:1 im Berliner Olympiastadion zu bezwingen und somit hieß zum ersten Mal der Gewinner dieses prestigeträchtigen Pokals VfL Wolfsburg. In dieser Analyse werfen wir einen Blick zurück auf dieses spezielle Finale und nehmen die Gründe für dieses Ergebnis genauer unter die Lupe.

Aufstellungen

Abbildung 1: Aufstellung der beiden Mannschaften

Beide Mannschaften wählten mit dem 4-2-3-1 die gleiche Grundordnung. Beim BVB startete der Pokaltorhüter Mitchell Langerak im Tor (damals war noch Roman Weidenfeller die nominelle Nummer Eins) und die Viererkette bestand aus dem gewohnten Innenverteidigerduo Mats Hummels und Neven Subotić sowie Marcel Schmelzer und Erik Durm. Die Doppelsechs bildeten Routinier Sebastian Kehl und der heutige Manchester City Legionär İlkay Gündoğan während vor ihnen Shinji Kagawa die Rolle des Zehners übernahm. Marco Reus und Henrikh Mkhitaryan agierten auf den Flügeln während Pierre-Emerick Aubameyang der einzige Stürmer war.


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Auf der anderen Seite stand mit Diego Benaglio der Torwart aus der Liga auch im Pokalfinale zwischen den Pfosten. Die Viererkette bestand aus den offensiv-orientierten Außenverteidigern Ricardo Rodríguez und Vierinha sowie den Innenverteidigern Nado und Timm Klose. Das zentrale Mittelfeld war damals das Herzstück dieser Mannschaft mit dem Routinier Luiz Gustavo, dem großen Talent Maximilian Arnold und natürlich Kevin de Bruyne, der nur einige Monate nach diesem Spiel nach Manchester zu den Skyblues wechselte. Daniel Caligiuri und Ivan Perišić, der in der heurigen Saison im Trikot der Bayern aufgelaufen ist, boten die nötige Breite und Bas Dost war die einzige Spitze.    

Dortmunds Pressing und Gegenpressing

Speziell in den ersten Minuten der ersten Spielhälfte war keine der beiden Mannschaften in der Lage den Ball länger in den eigenen Reihen zu halten und den Ball zirkulieren zu lassen. Grund dafür war ein aggressives und hohes Angriffspressing auf beiden Seiten in der Anfangsphase dieser Partie. Während die Wölfe ein mannorientiertes Pressing verwendeten, wählte der BVB einen einstudierten Ablauf.

Dabei verwendete Aubameyang einen Kurvenlauf, um den Innenverteidiger am Ball auf eine Seite zu drängen und den Pass auf den AV zu provozieren. Sobald dieser erfolgt ist, schob der Flügelspieler auf den Außenverteidiger, Aubameyang schnitt den Passweg zurück zum IV ab, Dortmunds Außenverteidiger deckte Wolfsburgs Flügelspieler und Kagawa sowie der ballnahe Sechser des BVBs orientierten sich am ballnahen Sechser der Wölfe.

In der vierten Minute sah das dann beispielsweise aus wie es in der nachstehenden Grafik dargestellt ist. Aubameyang zwingte Naldo zum Pass auf Vierinha und schnitt anschließend sofort den Passweg zu ebendiesen ab. Reus attackierte sofort den portugiesischen Verteidiger während Schmelzer die vertikale Passoption (Perišić) deckte. Kehl und Kagawa waren in der Nähe von Arnold wobei bereits durch das Anlaufen von Reus dieser Pass nahezu unmöglich war. Vierinha wurde dadurch zu einem langen Ball gezwungen und Jürgen Klopp BVB befand sich wieder in Ballbesitz.

Jürgen Klopp BVB
Abbildung 2: Dortmunds Pressing (Beispiel aus der 4. Spielminute)

Zugleich waren die Schwarz-Gelben häufig in der Lage ihren Gegner nach dem Ballverlust keine Chance zum Kontern zu bieten, da ihr Gegenpressing mehrere Male unglaublich gut funktionierte. Speziell Kagawa, der im offensiven Mittelfeld natürlich an einer Vielzahl von Gegenpressingsituationen beteiligt war, hat dabei zusammen mit dem Flügelspielern und Sechsern äußerst schnell und aggressive reagiert.

Dadurch hatten die Wolfsburger nicht keine Chance einen Konterangriff zu starten, da dieser bereits kurz nach dem Ballgewinn im Keim erstickt wurde. Vor allem in der Anfangsphase war das der Fall, aber nach den ca. ersten 20 Minuten hatte der BVB oft Probleme in die entsprechenden Räume, in denen ein Gegenpressing Sinn macht, überhaupt erst zu gelangen. Darauf konzentrieren wir uns aber erst im letzten Teil dieser Analyse.

Das aggressive Pressing der zwei Mannschaften führte zwar weder zu längeren Passstafetten, noch zu einem ruhigen Spielaufbau auf beiden Seiten, jedoch erzielte trotzdem Aubameyang nach einer perfekten Flanke von Kagawa in der fünften Minute das erste Tor dieser Partie.

Nach dieser frühen Führung stellten die beiden Teams zwar nicht ihr jeweiliges Angriffspressing komplett ein, aber ließen sich etwas tiefer fallen und attackierten nicht mehr so hoch wie in den ersten Minuten dieses Finales. Von der Formation während der Arbeit gegen den Ball nutzten beide Mannschaften ein sich ähnelndes 4-4-2, da sich jeweils der Zehner zumeist in einer Linie mit dem Stürmer befand.        

Der Spielaufbau der Wölfe

Zwar benötigten die Wölfe einige Minuten, um sich von diesem frühen Schock zu erholen, aber kamen dann von Minute zu Minute besser in die Partie. Das 4-4-2 der Dortmunder wurde dann immer häufiger geknackt wobei dabei speziell die Variabilität im zentralen Mittelfeld und die Vertikalpässe von Klose die zwei entscheidenden Faktoren waren.

Der Plan der Mannschaft aus der VW-Stadt war klar ersichtlich, da sie versuchten mithilfe von vertikalen Schnittstellenpässen von Klose oder Naldo die beiden Stürmer und die vier Mittelfeldspieler von Dortmund zu überkommen und einen Wolfsburger im Zwischenlinienraum zu finden.

Um jedoch überhaupt den Passweg zu einem Spieler zwischen den Linien zu öffnen, nutzten sie verschiedene Positionierungen und Rotationen der drei zentralen Mittelfeldspieler und der beiden Flügelspieler Perišić und Caligiuri. Beispielsweise rückte in der neunten Minute Gustavo um eine Position nach vorne neben De Bruyne und Arnold agierte als einziger defensiver Mittelfeldspieler. Somit hatten Kehl und Gündogan nun zwei Gegenspieler im Zentrum und nicht nur den Belgier allein.

De Bruyne und Gustavo positionierten sich dann äußerst breit, um Dortmunds Sechser auseinanderzuziehen wodurch sich der Passweg zu Dost öffnete, der dann den Vertikalpass mit zwei Kontakten ablegte. Natürlich ist eine zusätzliche Voraussetzung, dass sowohl die Außenverteidiger als auch die Flügelspieler an den Seitenauslinien positioniert sind, um Dortmund noch mehr in die breite zu ziehen und die Abstände in den einzelnen Ketten zu erhöhen.

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Abbildung 3: Vertikalpass von Klose auf Dost, der sich im Zwischenlinienraum befindet (9. Spielminute)

Des Weiteren war auffällig, dass zum einen vor allem Klose für die Vertikalpässe zuständig war und zum anderen orientierte sich der Spielaufbau sehr an De Bruyne. Wenn dieser sich im rechten Halbraum befand, versuchte man ihn oder Perišić anzuspielen und in den Situationen, in denen sich der Belgier auf der linken Seite befand, wurde der Pass zu ihm oder Caligiuri forciert.

Es wäre nun übertrieben, wenn man behaupten würde, dass jeder der Wolfsburger Angriffe über ihn lief, jedoch war er eine zentrale Figur. Das ist jedoch keine Überraschung und erst recht kein Vorwurf, da der Belgier bereits zu dieser Zeit an der Weltklasse zumindest kratzte und dies auch in dieser Partie zeigte durch seine intelligenten Bewegungen und technisch sauberen Aktionen.

Nachdem die Wölfe das Spiel immer mehr and sich rissen und die eine Vielzahl and guten Angriffen hatten, waren sie in der 22. Minute dann in der Lage sich für den Aufwand zu belohnen und erzielten den Ausgleich durch Gustavo, der zuschlug nachdem Langerak einen scharfen Freistoß von Naldo nicht festhalten konnte. 11 Minuten danach zeigt De Bruyne abermals über welch eine großartige Technik er verfügt und traf per Volley aus gut 25 Metern zur Führung.

Nur fünf Minuten nach diesem Tor erhöhten die Wölfe durch Dost die Führung wobei die Entstehung dieses Tores stellvertretend für den Spielstil der Wölfe in diesem Spiel angesehen werden kann. Vierinha war mithilfe seiner Technik (und seiner breiten Brust nach der Führung der Wölfe) in der Lage sich aus Dortmunds Pressing zu befreien und Reus zu umkurven. Dann fand er Dost im Zwischenlinienraum vor der Abwehr und der niederländische Stürmer spielte mit seinem ersten Kontakt einen Steilpass auf Perišić, der nur einige Momente später Dost mit einer perfekten Flanke fand und dieser zum 3:1 einnickte.

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Abbildung 4: Vierinha findet nach einem Dribbling Dost im Zwischenlinienraum. Aus dieser AKtion entstand das 3:1

Somit war am Weg zum 3:1 Heckings Team wieder in der Lage einen Spieler im Raum zwischen der Abwehr und dem Mittelfeld zu finden. Dost, der ideal für solche Spielzüge geeignet ist, legte dann abermals den Ball perfekt ab bzw. schickte Perišić auf die Reise.

BVBs Probleme im Aufbau und keine Tore in der zweiten Halbzeit

Zwar hatten die Wölfe nicht die komplette Kontrolle über das Spielgeschehen und Dortmund war in der ersten Halbzeit nicht so schwach, dass die Zwei Tore Führung für Wolfsburg zur Halbzeit in dieser Höhe verdient war, aber der Spielaufbau der Schwarz-Gelben schien nicht so strukturiert wie der ihrer Gegner.

In der Phase zwischen dem 1:0 und dem Ausgleich der Wolfsburger waren die Dortmunder hauptsächlich dann gefährlich, wenn sie durch Gegenbewegungen die Abwehr der Wölfe auseinanderziehen konnten und dann den Raum dahinter mit vertikalen Pässen ausnutzten. Ein gutes Beispiel dafür ist der Angriff aus der 17. Minute, der in der nachstehenden Grafik dargestellt ist.

Dabei zieht Aubameyang (der in dieser Situation am linken Flügel positioniert ist während sich Reus und Mkhitaryan im Zentrum befinden) Naldo heraus und Schmelzer startet in den Raum dahinter, um einen Steilpass von Gündogan zu erlaufen.

Abbildung 5: Schöner Spielzug der Dortmunder, aber Schmelzers anschließende Flanke findet keinen Abnehmer (17. Spielminute)

Jedoch hatten die Dortmunder ab Mitte der ersten Spielhälfte und auch in der zweiten Halbzeit fast permanent das Problem, dass sie nicht in der Lage waren Wolfsburgs zwei Viererketten zu überwinden. Ein Grund dafür war, dass Heckings Team gut stand, im 4-4-2 in etwa ab der Mittellinie attackierte und die Räume zwischen den Linien und die Abstände in den Ketten klein hielt.

Das Hauptproblem der Dortmunder war jedoch, dass sie kaum vertikale oder diagonale Passoptionen hatten, um den Ball mithilfe von kurzen Pässen und Kombinationen nach vorne zu befördern. Grund dafür war, dass Kehl und Gündogan häufig gleichzeitig tiefer fielen und zugleich die Außenverteidiger nicht nach vorne schoben. Dadurch mussten die Flügelspieler häufig relativ breit bleiben, um die Außenbahn zu besetzen, und nur Aubameyang und Kagawa (manchmal auch Reus, der shr oft in die Mitte zog) befanden sich im gegnerischen Block. Sprich, der BVB hatte so viele Spieler tiefer positioniert wodurch sie kaum Möglichkeiten hatten, um den Ball nach vorne zu bringen wie wir in der nachstehenden Grafik sehen können.

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Abbildung 6: Dortmund hat nur zwei Spieler in der Formation des Gegners

In der zweiten Halbzeit sahen wir über weite Strecken das gleiche Bild: Wolfsburg attackierte mit Dost und De Bruyne erst in etwa ab der Mittellinie und blieben zugleich extrem kompakt. Zwar wurde der BVB durch die Einwechslung von Jakub „Kuba“ Błaszczykowski gegen Ende der Partie wieder stärker, weil sie einen Spieler mehr innerhalb des Wolfsburger Blocks hatten, jedoch waren sie nicht in der Lage noch mal ranzukommen, da sie nicht viele Chancen kreieren konnten und diese vergaben.

Auf der anderen Seite konzentrierte sich Heckings Mannschaft in der zweiten Spielhälfte fast ausschließlich auf Konter und hatten dadurch einige Großchancen aber nutzen keine davon. Somit endete das Spiel am Ende mit 3:1 für Wolfsburg.       

Zusammenfassung – Jürgen Klopp und der BVB

Die Vertikalpässe von Klose, die intelligenten Bewegungen im Zwischenlinienraum von De Bruyne, Dosts Fähigkeit den Ball clever abzulegen und wieder in die Spitze zu gehen sowie Caligiuris Umtriebigkeit waren die wichtigsten Faktoren, die zum Finalsieg der Wölfe beitrugen. Durch den ersten Sieg des DFB-Pokals für den VfL Wolfsburg hat Heckings Team seinem Gegenüber Klopp dessen perfekten Abschied vermasselt.

Dies ist eines der neun Finale, die Klopp bisher in seiner Karriere verloren hat. Ein Hauptgrund dafür war, dass sein Team über weite Strecken des Spiels nur den langen Ball hinter die gegnerische Abwehr als einziges Mittel hatte, da nicht genügend Spieler für Kurzpasskombinationen in den Zwischenlinienräumen positioniert waren.   

Abschließend lässt sich sagen, dass man in diesem Spiel auch eindeutig sehen konnte, dass De Bruyne schon damals die Qualitäten besaß, die ihn jetzt so wichtig für Pep Guardiola machen. Und heute wissen wir, dass Manchester City nicht gerade umsonst 75 Millionen Euro nach Wolfsburg für den Belgier überwiesen hat.

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