UEFA Champions League Finale 2010/11: FC Barcelona vs Manchester United

Pep Guardiola ist ohne jegliche Zweifel einer der größten Trainer des 21. Jahrhunderts und auch in der gesamten Geschichte des Fußballs. Wenige vor ihm waren so erfolgreich bzw. gewannen so viele Titel und hatten zugleich einen derart großen Einfluss auf die Art und Weise wie Fußball gespielt wurde und wie darüber diskutiert wurde. Der Katalane hat mit 49 Jahren bereits 28 Pokale mit dem FC Barcelona, dem FC Bayern München und Manchester City gewonnen.

Unter anderem hat er auch zwei Mal die UEFA Champions League geholt. Allerdings nur mit dem FC Barcelona und er konnte weder mit Bayern München noch mit den Skyblues den Henkelpott gewinnen. Mit den Blaugrana holte er in den Saisonen 2008/09 und 2010/11 jeweils die Champions League.

In dieser Matchanalyse blicken wir auf Guardiolas letzten Triumph in der Königsklasse zurück als er im Champions League Finale 2011 Sir Alex Ferguson und Manchester United mit 3:1 bezwang.

Aufstellung – Champions League Finale 2011

Abbildung 1: Aufstellungen der beiden Teams

Natürlich agierte Barcelona im gewohnten 4-3-3 mit Víctor Valdés zwischen den Pfosten und der Viererkette, die aus Éric Abidal, Gerard Piqué, Javier Mascherano und Dani Alves bestand. Sergio Busquets bekleidete die Sechs während vor ihm Xavi und Andres Iniesta spielten. In der vordersten Linie wurde Lionel Messi von Pedro und David Villa flankiert.

Ferguson wählte ein 4-4-1-1 mit Edwin van der Sar im Tor. Patrice Evra und Fábio waren die Außenverteidiger während Rio Ferdinand und Nemanja Vidic‎ das Innenverteidigerduo bildeten. Michael Carrick und Ryan Giggs agierten im zentralen Mittelfeld und die Flügel wurden von Ji-sung Park und Antonio Valencia besetzt. Chicharito wurde vorne von Wayne Rooney unterstützt. Hier sei noch anzumerken, dass Park und Giggs häufig die Positionen wechselten.

Uniteds defensive Ausrichtung

Zwar versuchte Manchester United während den ersten ca. fünf Minuten die Katalanen bereits früh während deren Spielaufbau zu stören, jedoch flachte dieses hohe Pressing sehr schnell wieder ab und danach positionierten sich die Red Devils tiefer und attackierten nicht mehr so hoch.

Durch Barcelonas gewohntes Kurzpassspiel und das spätere Attackieren (in etwa ab der Mittellinie) von United, sahen wir nach der Anfangsoffensive fast ausschließlich das gleiche Bild: Guardiolas Mannschaft dominierte das Spiel während Manchester United sich auf das Verhindern von Torchancen konzentrierte.


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Bevor wir uns die in diesem Finale wichtigste Spielphase (Ballbesitz von Barcelona) genauer ansehen, erkläre ich zunächst Uniteds grundsätzliches Defensivkonzept und auch Barcas Positionierungen während dem Spielaufbau jeweils isolier von einander. Dadurch sind in späterer Folge die Abläufe während der Ballbesitzphase der Katalanen leichter zu verstehen.

Ferguson spiegelte fast die gesamte Formation seines Gegners. Auf beiden Seiten befand sich der Mittelstürmer in einer theoretischen Unterzahlsituation gegen die beiden gegnerischen Innenverteidiger, aber ansonsten fand man auf dem gesamten Platz 1gg1 Situationen vor. Die jeweiligen Flügelstürmer gegen die Außenverteidiger, Rooney gegen Busquets und die jeweiligen zentralen Mittelfeldspieler gegeneinander.

Im Spiel selbst war der Plan von Ferguson vereinfacht gesagt eine mannorientierte Zonenverteidigung. Sprich, jeder Spieler hatte eine Zone, die er besetzte. Wenn sich nun ein Gegner in einer Zone befand, wurde dieser vom für diese Zone zuständigen Spieler mannorientiert verteidigt. Dies galt für alle Spieler bis auf Chicharito, der grundsätzlich die Aufgabe hatte, dass er einen Pass auf den ballfernen Innenverteidiger verhindern sollte.

Da Manchester United zumeist erst in etwa ab der Mittellinie attackierte, ist in der nachstehenden Grafik dargestellt wie sich die Zonen in etwa in Uniteds Spielhälfte aufteilten.        

Abbildung 2: Zonenverteidigung von Manchester United in der Theorie

Positionierungen von Barcas Spieler vereinfacht dargestellt

Wie wir im weiteren Verlauf dieser Matchanalyse häufiger feststellen werden, war der Plan der Red Devils zwar in der Theorie ganz gut und es machte auch durchaus Sinn, dass die Zonen sich an der Formation der Katalanen orientierten, jedoch gab es zwei wesentliche Probleme. Erstens befand sich Guardiolas Mannschaft in kaum einer Situation während dem Spielaufbau in einem 4-3-3, da sie eine leichte Asymmetrie nutzten und zweitens verwendeten Barcas Spieler immer wieder jenes Mittel, dass am besten gegen eine mannorientierte Zonenverteidigung helfen: Rochaden, Überladungen und teils ungewöhnliche Läufe.

Wenn eine Mannschaft auf einen Gegner trifft, der in Zonen verteidigt und dabei auch noch sehr mannorientiert agiert, muss es das Ziel sein, dass man die gegnerischen Spieler permanent vor Entscheidungen stellt. Soll ich meinen Gegner verfolgen obwohl er meine Zone verlässt? Soll ich vorrücken und meine Zone verlassen, um den leeren Raum vor mir zu besetzen?

Wenn man die gegnerischen Spieler immer wieder in solche Situationen bringt und man das bei mehreren Gegnern gleichzeitig schafft, erzeugt man ab einem gewissen Punkt eine Unordnung, die man dann ausnutzen kann.

Barcelona gelang genau das und wir analysieren es im nächsten Abschnitt auch noch genauer. Im nachstehenden Bild ist die Anordnung Barcelonas während dem Spielaufbau dargestellt.

Durch die unterschiedliche Positionierung der beiden Außenverteidiger sowie der beiden Flügelstürmer ergab sich eine gewisse asymmetrische Anordnung. Während der rechte Verteidiger Dani Alves seine Rolle gewohnt offensiv und breit interpretierte, blieb Abidal zumeist tiefer. Daher war es Pedros Aufgabe dem Spiel auf der linken Seite die nötige Breite zu geben und auf dem anderen Flügel driftete Villa oft ins Zentrum.

Abbildung 3: Positionierungen von Barcelonas Spieler

Die Dominanz der Katalanen über 75 Minuten

Da wir nun die Konzepte der beiden Mannschaften während der Ballbesitzphase skizziert haben, blicken wir nun wie sich die beiden Ideen im tatsächlichen Spiel auslegen ließen. Grundsätzlich lässt sich sagen, dass in der Phase zwischen der fünften und 80. Minute fast ausschließlich Barcelona das Spiel dominierte. Wie bereits erwähnt versuchte United in den ersten Minuten der Partie noch den Spielaufbau ihrer Gegner mit einem hohen Pressing zu stören. Zudem ließ es Barca in den letzten 10 Minuten der Partie aufgrund der komfortablen 3-1 Führung etwas ruhiger angehen.

Daher analysieren wir nun die 75 Minuten, die dazwischen liegen und in welchen Guardiolas Team die Kontrolle über das Finale hatte. Grundsätzlich lässt sich sagen, dass das Defensivkonzept der Engländer nicht perfekt funktionierte, da Barcelona wie bereits angesprochen ihre Gegner immer wieder vor Entscheidungen stellte.

Zunächst nehmen wir den Spielaufbau der Katalanen in deren Drittel und dem Mittelfelddrittel genauer unter die Lupe, da man eine klare Linie zwischen Barcelonas Spielweise in diesen Bereichen des Spielfelds und dem Angriffsdrittel ziehen muss. Wie einst Thierry Henry erklärte, ist es für Guardiola seine Aufgabe den Spielern zu helfen, dass sie in das letzte Drittel kommen wo sie dann völlige Freiheit haben.     

In der nachstehenden Grafik können wir Barcelonas asymmetrische Grundausrichtung und Manchesters Zonenverteidigung sehen wie es dann über weite Phasen des Spiels tatsächlich aussah. Ohne, dass wir bisher jegliche Rochaden oder Laufwege von Guardiolas Spieler berücksichtigen, lässt sich schon erkennen, dass einige Katalanen so positioniert waren, dass sie zugleich mehrere Zonen besetzten, wodurch Uniteds Spieler vor Entscheidungen gestellt wurden.

Champions League Finale 2011
Abbildung 4: Uniteds Zonenverteidigung trifft auf Barcelonas asymmetrische Formation

Wenn man sich nun darauf konzentriert, dass Piqué, Mascherano, Busquets, Xavi und Iniesta als zentrale Spieler hauptverantwortlich für den Spielaufbau waren während Abidal sie unterstützte, Dani Alves und Pedro das Spiel und den Gegner in die Breite zogen und Villa im rechten Halbraum herumschwirrte, hatten die Katalanen im Zentrum eine 5gg4 Situation. 

Wenn nun zusätzlich Messi, der (wie auch heute noch) alle Freiheiten hatte, sich auch tiefer fallen ließ und somit ein 6gg4 im Zentrum erzeugte, wird es bereits jetzt in der Theorie für United schwierig den Ball zu erobern. Hinzukam aber nun auch noch, dass Messi nicht nur entweder auf der Höhe der Innenverteidiger blieb oder sich tiefer fallen ließ, um Iniesta, Xavi und Busquests zu unterstützen, sondern auch häufig im Zwischenlinienraum positioniert war. Allein durch die Umtriebigkeit des kleinen Argentiniers entstand bei United oft ein Chaos, da es so schien, als ob niemand genau wüsste wie man nun auf Messis tiefes Fallen oder seine Positionierung im Raum zwischen den Ketten reagieren solle.

Abbildung 5: Villas Einrücken und Messis Laufweg stellen Uniteds Spieler vor Entschedungen

Allerdings ist Messi nur einer von vielen Katalanen, die durch ihre Laufwege die mannorientierte Zonenverteidigung von Manchester immer wieder durcheinanderwirbelten. Beispielsweise gab es einige Situationen in welchen Uniteds linker Außenverteidiger Evra seine Zone verließ, um Villa ins Zentrum zu verfolgen wodurch dann Dani Alves in die Zone von Evra aus einer tieferen Position sprintete und Giggs (in dieser Situation der LM) orientierte sich nicht am brasilianischen AV sondern an Xavi, der auf die rechte Seite auswich. Dadurch konnte dann Dani Alves ungehindert in diesen gefährlichen Raum starten und einen Pass empfangen.

Barcelona nutzte solche Positionswechsel und Rochaden permanent und speziell im Zentrum sahen oft Rooney, Carrick und Park/Giggs sehr alt aus, wenn Busquets, Xavi und Iniesta sich durch die Kombination aus kurzen Freilaufbewegungen und Kurzpässen leicht befreien konnten. Im nachstehenden Bild ist ein Beispiel aus der 21. Minute zu sehen. 

Champions League Finale 2011
Abbildung 6: Busquets benutzt intelligenten Lauf, um die Manndeckung aufzubrechen

Zudem dribbelten Mascherano und Piqué immer wieder an und in diesen Situationen blieben meist alle Red Devils bei ihren jeweiligen Gegenspielern und ließen einen der beiden Innenverteidiger einfach durch ihre Zone dribbeln. Barcelona schuf es also durch Messis intelligente Bewegungen, die Positionswechsel und ihr flottes Kurzpassspiel immer wieder ins letzte Drittel zu gelangen, in welchem sie dann genau so weitermachten jedoch mit mehr Freiheiten.

Sobald Guardiolas Spieler das Angriffsdrittel betraten, nutzten sie Tiefen- und Kreuzläufe sowie Dribblings, um Torchancen zu kreieren und waren dabei zumeist sehr erfolgreich.

Lange Bälle und das schnelle Umschalten: Fergusons Offensivkonzept funktioniert nicht

Da Barcelona nach eigenen Ballgewinnen kaum versuchte schnell umzuschalten, weil Manchester United ohnehin selten mit vielen Spielern angriff und somit ein Konter nicht so viel Sinn hatte, konzentrieren wir uns im letzten Teil dieser Analyse auf die kurzen Ballbesitzphasen der Red Devils und deren offensives Umschalten.  

Einfach zusammengefasst setzte sich der Plan für die Angriffe von United aus drei Arten von langen Bällen zusammen:

  • Langer Ball zu Evra auf den linken Flügel, der von dort zusammen mit Giggs, Park und Rooney den Ball hinter Barcas letzte Kette bringen soll
  • Langer Ball auf Rooney, der für die schnellen Chicharito und Valencia verlängern soll
  • Langer Ball hinter Barcelonas letzte Kette zu Chicharito

Der lange Ball auf Evra machte durchaus Sinn, da Villa zumeist eindeutig höher und zentraler positioniert war als Pedro am anderen Flügel, wodurch der französische Außenverteidiger mehr Platz hatte als Fábio. Allerdings konnte Barcelona durch ein aggressives Vorschieben von Dani Alves und die Unterstützung von Xavi und Busquets fast jeden Angriff im Keim ersticken.

Uniteds Innenverteidiger und van der Sar mussten die langen Bälle auf Rooney immer in den rechten Halbraum spielen, um Valencias Geschwindigkeitsvorteil gegen Abidal auszuspielen. Auf der anderen Seite hätte Dani Alves wohl kaum ein Laufduell gegen Park oder Giggs verloren. Das Problem war dabei aber, dass Rooney daher immer in die Luftduelle mit Piqué (linker IV) gehen, der durch seine Größe fast jeden Luftzweikampf für sich entscheiden konnte und der deutlich kleinere Mascherano war in kaum einem Kopfballduell verwickelt.

Die langen Pässe hinter Barcas Abwehr, um Chicharitos Tempo auszunutzen waren vor allem während den Umschaltmomenten das Mittel der Wahl, da Ferguson nicht Barcelonas Gegenpressing zu spüren bekommen wollte. Diese langen Bälle waren jedoch völlig ohne Erfolg durch Chicharitos teils katastrophales Timing bei den Tiefenläufen und die Überzahl von Barcelona (Mascherano, Piqué und Abidal gegen Chicharito).

Abschließend ist die Entstehung des 1-0 von Barcelona in der nachstehenden Grafik dargestellt, da der Weg zu diesem Tor sinnbildlich für das gesamte Finale ist. United versuchte Rooney mit einem langen Ball zu finden, jedoch verlor dieser das Kopfballduell gegen Piqué. Wenige Momente später stiehl sich Xavi im Rücken von Giggs davon und Carrick fokussierte sich nur auf den ballführenden Spieler (Iniesta) wodurch auch er den Lauf nicht wahrnahm. Sobald Xavi den Ball am Fuß hatte und nach vorne dribbelte, nutzen Messi, Villa und Pedro drei unterschiedliche Laufwege wodurch es nahezu unmöglich wurde für United diese Situation erfolgreich zu verteidigen und am Ende dieser Aktion erzielte Pedro das erste Tor dieser Partie.    

Champions League Finale 2011
Abbildung 7: Entstehung des 1-0

Zusammenfassung – Champions League Finale 2011

Alles in allem hat sich Barcelona in diesem Finale den Sieg verdient und Uniteds Tor war einer ihrer sehr wenigen erfolgreichen Angriffe, der im Großen und Ganzen nur durch eine unglaubliche Einzelaktion von Rooney entsand und auch erfolgreich zu Ende gespielt wurde.

Ich war 11 Jahre alt als ich dieses Spiel live im Fernsehen sah und hab vor allem häufig wahrgenommen wie viele Menschen negativ über Barcelona sprachen und behaupteten, dass diese den „Ball ins Tor tragen“ wollen würde. Als ich nun dieses Endspiel analysierte, fiel mir auf, dass diese Aussage falsch war, da zwei der drei Tore von Barcelona Distanzschüsse von außerhalb des Strafraums waren und auch sonst versuchten es Villa, Xavi, Iniesta und Messi mehrere Male aus der Distanz, wenn sich eine gute Möglichkeit ergab. Barcelona schoss öfter außerhalb des Sechzehners, aber nur, wenn die Situation möglichst ideal war. Guardiola und seine Mannschaft holten in diesem Spiel den Sieg durch ihre Variabilität im Aufbau, auf welche United keine Antwort fand, und die Harmlosigkeit der Angriffe der Red Devils.

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