Warum solltest du als Fußballfan Moneyball gelesen haben?

The goal of the Oakland front office was simply to minimize risk. Their solution wasn´t perfect, it was just better than the hoary alternative, rendering decisions by gut feeling.

Eine Geschichte über Narrative und Entscheidungen

Moneyball – the art of winning an unfair game wird den meisten ein Begriff sein. Vielleicht weniger wegen dem Buch, sondern mehr aufgrund des Films in dem Brad Pitt den Manager der Oakland A´s Billy Beane verkörpert. An Beanes Seite, Paul de Podesta, im Film gespielt von Jonah Hill.

Kurz zusammengefasst zeigt das Buch, wie es die Oakland A´s, eines der ärmsten Baseballteams in der MLB Ende der 90er und Anfang der 00er schafften, trotz ihres sehr geringen Budgets mit den besten und vor allem reichsten Teams der Liga mitzuhalten. Das Ganze gelingt ihnen, da sie im Vergleich zum Rest der Liga, mit Hilfe von statistischen Auswertungen unterschätzte Spieler finden, die sie billig unter Vertrag nehmen können.

Dabei dreht es sich zwar ausschließlich um Baseball, allerdings ist das nicht die Message, die der Autor mit der Geschichte versucht dem Leser näher zu bringen. Vielmehr regt das Buch dazu an, zu hinterfragen. Seine eigene Meinung auf den Prüfstand zu stellen. In welchen Situationen als Fußballtrainer mache ich gewisse Dinge, weil ich davon überzeugt bin und wann nur weil es alle so machen?

Spiele ich in einem 4-4-2, weil es am besten zu meiner Mannschaft passt, oder weil alle Teams in meinem Verein oder meiner Liga so agieren?

Der Autor Michael Lewis schafft es über das gesamte Buch den Vergleich zwischen den Meinungen, die Billy Beane und Paul dePodesta vertreten zu den zu ziehen, die der Rest im Baseball vertritt. Geprägt durch Narrative, Halbwissen und ein Bestreben danach alles so zu lassen wie es ist, ergeben sich für Andersdenkende wie die Oakland A´s Möglichkeiten trotz geringem Budget mit den ganz Großen mitzuspielen.

Wissenschaftliches Arbeiten im Sport

Dabei kommt der Autor immer wieder auf die theoretischen Überlegungen, die hinter den Praktiken der Oakland A´s stecken, zu sprechen. Angefangen durch einen Herrn namens Bill James, ein Security-Guard in einer Würstchenfabrik, der sich nur mit Baseballstatistiken befasste und in den 1970er Jahren jedes Jahr ein Buch, das Baseball Abstract, herausbrachte, wird so ungefähr alles hinterfragt. Die Ausgangssituation ist dabei stets die Frage, warum gewinnen Teams Baseballspiele?

Auf der Suche nach den perfekten Metriken, entwickelt James eine simple Formel:

Runs Created = (Hits + Walks) * TotalBases/(At Bats + Walks)

Für jemanden, der sich mit den Baseballregeln nicht perfekt auskennt, ist diese Formel ziemlich nichtssagend. So war es auch für mich. Allerdings schwingt dabei die Idee mit, dass man Aussagen darüber treffen kann, mit welchen Spielern ein Team mehr Spiele gewinnt als mit anderen Akteuren. Mit dieser Formel hatte Bill James erstmals ein Modell entwickelt, dass getestet werden konnte. Es stellte sich heraus, dass man mit Hilfe des Modells die Runs, die ein Team pro Saison produzierte, sehr gut vorhersagen konnte. Mehr Runs bedeutete letztlich mehr Siege. Dementsprechend konnte man nun testen, welche Statistiken am stärksten mit Runs korrelierten.

Moneyball Rezension

Warum erzähle ich das so ausführlich? Ganz einfach, ich möchte keinen Trainer im Amateurbereich dazu aufrufen nun sein Spiel anhand von Daten auszurichten. Das ist einfach nicht praktikabel. Allerdings steckt noch eine andere Message hinter den Ausführungen.

Man stellt eine Hypothese auf und testet diese. Stellt sie sich als falsch heraus, wird sie verworfen, sonst wird damit weitergearbeitet und verfeinert. Diese Vorgehensweise kann für uns Trainer ebenfalls nützlich sein. Denn sie führt dazu, dass wir Entscheidungen nicht mehr emotional treffen und dementsprechend auch Leistungen nicht mehr auf emotionaler, sondern auf rationaler Ebene bewerten.

Wie kann diese Vorgehensweise in seine tägliche Arbeit einbauen? Ganz einfach, bei jeder taktischen Entscheidung, beispielsweise eine Umstellung auf Dreierkette, sollte er vorab seine Hypothese festlegen. Darüber hinaus kleine Ziele stecken, der erreicht werden müssen, um das Experiment als erfolgreich einzustufen. Diese Ziele sollten nicht unbedingt die Spielergebnisse beinhalten, da wir alle wissen, dass das Ergebnis im Fußball selten ein guter Ratgeber ist. Nun ist die Basis gelegt, um die eigenen Entscheidungen rational bewerten zu können, um die Leistung der eigenen Mannschaft zu verbessern.

Was ist wirklich wahr und was beruht nur auf uns bekannten Narrativen?

Wie bereits angesprochen brachte mich das Buch regelmäßig dazu meine Meinungen und Ansichten zu hinterfragen. Dabei kommt man natürlich ins Grübeln. Warum hat man manche Ansichten überhaupt? Denn Fakt ist, nicht über jede Meinung hat man sich Stunden lang Gedanken gemacht. Oft hat man eine Meinung aufgeschnappt und diese einfach übernommen.

Moneyball Rezension

Die Medien haben beispielsweise auch deshalb einen so großen Einfluss auf unsere Meinungsbilder, sie formen die Narrative im Sport. Ein Beispiel. Seit Jahren halten wir immer noch felsenfest an der Meinung, dass jedes Team einen richtigen Abräumer vor der Abwehr benötigt. Das hat unter anderem damit zu tun, dass in den Medien oft darüber diskutiert wird und sobald eine Mannschaft, die keinen Abräumer besitzt, scheitert, wird das als Hauptproblem festgemacht.

Zwei Dinge stören mich daran. Selten wird wirklich analysiert und ausgeführt ob ein fehlender Abräumer das Problem war und warum man eigentlich einen benötigt. Man versucht nicht eine überzeugende Argumentation darzulegen, sondern klammert sich an dem Bekannten. Nur weil wir über Jahrzehnte mit einem beinharten Zweikämpfer im Mittelfeld gespielt haben, bedeutet es nicht, dass dies die ideale Lösung ist. Frei nach Johan Cruyff kommt auf eine erfolgreiche Mannschaft mit klassischem Sechser, mehrere, die mit diesem Ansatz scheitern.

Des Weiteren machen wir uns in der Öffentlichkeit bei unseren Diskussionen viel zu wenig Gedanken über manche Aspekte. Was ist denn ein klassischer Abräumer? Jens Jeremies war nicht der gleiche Spielertyp wie Mark van Bommel und auch Ngolo Kanté ähnelt den anderen beiden kaum. Was ist also ein klassischer Abräumer? Sollten wir vor einer endlosen Diskussion nicht erst einmal eine gemeinsame Sprache finden und dann mit echten, überzeugenden Argumenten diskutieren?

In Moneyball gibt es dazu ein sehr spannendes Zitat:

Basically everything you know about baseball when you are fourteen years old, you know from baseball announcers. Here was this guy (Bill James) who was telling me that at least eighty percent of what baseball announcers told me was complete bullshit, and then explained very convincingly why it was.

Letztlich sind viele unserer Meinungen von Narrativen und Traditionen bestimmt. Das Festhalten an ineffektiven Trainingsmethoden wie isolierte Passübungen ist wohl auf den guten alten Satz, „das haben wir schon immer so gemacht“ zurückzuführen.

Das Buch hat mir dabei sehr viel Mut gemacht und gezeigt, dass man sich am besten seine eigenen Gedanken machen und alles hinterfragen sollte. Denn Michael Lewis schafft es einfach die Geschichte so lebhaft und detailliert zu erzählen, dass er nicht nur Informationen rüberbringt, sondern eben den Leser letztlich zum Nachdenken anregt. Alleine deshalb zählt das Buch zu einem meiner Lieblingsbücher und ich kann es nur jedem empfehlen.

Und neben dem ganzen Hinterfragen gibt es noch so coole Stellen wie das Beschreiben des Drafts oder der entscheidende Home-Run. Hier zeigt sich, dass Michael Lewis immer noch eine Geschichte schreibt und kein reines Sachbuch. Eine Geschichte, die letztlich zeigt, dass die Kleinen gegen die Großen bestehen können, wenn sie sich die Zufriedenheit der Großen zu Nutze machen und neue Wege finden, um erfolgreich zu sein.

Kategorie Bücher

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