Dynamische Besetzung des Sechserraums am Beispiel von Holstein Kiels U19

Revolutionen gibt es im Fußball sehr selten. Pep Guardiola hat es mal sehr treffend zusammengefasst, dass er letztlich nur versucht bestehende Ideen, die er bei einem anderen Team aufgeschnappt hat, zu verändern und bei seiner Mannschaft zu implementieren. Folglich handelt es sich wohl eher um eine Evolution, eine Weiterentwicklung.

Eine wirklich bemerkenswerte Weiterentwicklung konnte man in der letzten Saison bei Holstein Kiel beobachten. Unter Trainer Tim Walter agierte die Viererkette mit sehr viel Risiko, versuchte alles spielerisch zu lösen und wollte das Spiel von hinten aufbauen. So weit so gut, das ist noch keine wirkliche Evolution des Ballbesitzspiels. Allerdings ging die Walter-Elf damals weiter. Denn die Spieler hielten nicht konstant ihre Positionen, sowie es die meisten Viererketten tun, stattdessen wurden verschiedene Räume dynamisch besetzt.

Das bedeutet, dass kurzfristig ein Raum von einem Akteur besetzt wurden, in dem er sich dynamisch in diesen Raum bewegte, um den Ball zu erhalten. Das Revolutionäre daran? Selbst die Innenverteidiger beteiligten sich an diesen Bewegungen. Regelmäßig löste sich ein Innenverteidiger nach einem Abspiel aus dem Deckungsschattens seines Gegenspielers und schob ohne Ball in den Sechserraum. Kiel ging dabei so weit, dass teilweise nur noch zwei Spieler die erste Linie besetzen und das waren nicht immer die Innenverteidiger, sondern manchmal der LIV und der RV, manchmal LV und RV und einmal sogar RM und LV.

Dabei ließen sich immer wieder dieselben Prinzipien erkennen. Auf den ersten Blick wirkte das Spiel der Mannschaft von Tim Walter wie das einer Mannschaft, die den Prinzipien des Positionsspiels folgte. Allerdings wirkte dies nur auf den ersten Blick so. Zwar konnte man die üblichen Prinzipien erkennen, jedoch agierte Holstein Kiel wesentlich dynamischer, besetzte Räume flexibler und überludt manche Räume stärker.

Letztlich wurde dieser Stil von Taktik-Twitter als Walterball tituliert. Was den Stil natürlich nicht wirklich beschreibt. Alles in allem handelt es sich dabei um eine dynamische Besetzung von verschiedenen Räumen.

Da Tim Walter weder bei Holstein Kiel noch bei VfB Stuttgart mehr Chefcoach ist, benötigen wir eine andere Mannschaft, um die verschiedenen Prinzipien und Aktionen zu analysieren. Glücklicherweise ist der Trainer der Kieler U19 Dominik Glawogger scheinbar durch Tim Walter beeinflusst worden, denn bei der A-Jugend der Störche kann man viele der klassischen Aktionen, die Holstein Kiel letzte Saison prägten, noch beobachten.

Folglich möchte ich in diesem Beitrag einen Blick auf das dynamische Besetzen des Sechserraumes am Beispiel von Holstein Kiels U19 werfen.

Den Sechserraum freiräumen

Damit Räume überhaupt erst dynamisch besetzt werden können, müssen diese gewissen Räume freigeräumt werden. Bei der U19 von Holstein Kiel ist dies primär der Sechserraum. Zwar ähnelt die Kieler Staffelung in Ballbesitz oft einem 4-3-3, allerdings fungiert der Sechser eben selten in einer Rolle als tiefer Verbindungsspieler, sondern schiebt deutlich weiter nach vorne. Dies gilt auch für die beiden Achter, die die Halbräume besetzen, allerdings des Öfteren mit dem Stürmer auf einer Linie agieren oder sich zwischen Abwehr und Mittelfeldkette bewegen.

Folglich muss der Gegner sich weiter zurückziehen und die Kieler stellen sehr viel Tiefe her. Der nun offene Sechserraum kann immer wieder von einem der Innenverteidiger oder Außenverteidiger besetzt werden. Gerade gegen das vielerorts verwendete 4-4-2 ideal.

Im 4-4-2 ist der Raum hinter den beiden Stürmern per se schon schlecht besetzt, wird aber durch eine gute vertikale Kompaktheit aufgefangen. Gegen die Kieler funktioniert dies allerdings im hohen Pressing nicht, da sehr viele Spieler der Störche sich weiter vorne positionieren. Geht der Gegner diese Wege nicht mit, besteht das Risiko, dass sie nach einem langen Ball anfällig für schnelle Angriffe sind.

dynamische Raumbesetzung

Die folgende Grafik beschreibt die Grundsituation des Kieler Aufbaus. Dabei agieren entweder die Flügelspieler oder Achter auf der gleichen Linie wie der Stürmer, um die Viererkette zu binden. Darüber hinaus haben die Kieler durch die Gleichzahl stets die Möglichkeit einen Spieler freizuspielen. Letztlich ist es nämlich für die verteidigende Mannschaft stets ein Risiko komplett 1vs1 zu verteidigen, ohne einen zusätzlichen Spieler zur Absicherung zu haben.

Was das Kieler Spiel erst so gefährlich macht, ist die Nutzung des Torhüters. Viele Teams nutzen den Torwart meist nur als Durchlaufstation und Unterstützung im Spielaufbau. Bei Kiel hingegen nimmt er eine fundamentale Rolle ein, so ist er doch der Mann, der oftmals den Ball in den freien Sechserraum spielt.

Dadurch schafft es das Team aus Norddeutschland wirklich eine 11vs10 Überzahl in Ballbesitz zu schaffen. Des Weiteren ist es entscheidend, dass einer der Innenverteidiger sich in den Sechserraum bewegen darf. Dürfte er dies nicht, sondern müsste seine Position halten, hätte der Gegner stets die Möglichkeit durch die Nutzung des Deckungsschattens ein 1vs1 aus einem 1vs2 herzustellen.

Locken des Gegners – die entscheidende Eröffnungsaktion

Interessanterweise kommt den Kielern die neue Abstoßregel entgegen. Seitdem man den Ball bei einem Abstoß bereits im Sechzehner annehmen darf, können sich die Innenverteidiger bereits dort positionieren. Der Effekt ist erstaunlich. Zum einen sind die Abstände kürzer und der Ball kann so schneller bewegt werden. Zum anderen sind die Winkel einfacher, da der TW durch die kürzere Distanz bereits in einer offeneren Stellung annehmen kann.

Viel wichtiger ist aber, dass der Gegner noch stärker angelockt wird. Dadurch, dass sich der IV im Sechzehner befindet, muss der Stürmer fast bis zur Grundlinie gehen, um Zugriff zu erhalten. Folglich ist für ihn der Winkel ungeschickter und er öffnet die Passlinie ins Zentrum.

Die meisten Teams, die versuchen Gleichzahl herzustellen, nutzen das Konzept des Durchpressens. Hier in diesem Fall läuft der Stürmer den IV an, sobald der Ball zu ihm unterwegs ist, stoppt seinen Lauf aber nicht, sondern presst den Pass zurück auf den TW. Die Idee – durch das Fortsetzen des Pressinglaufes schließt der Stürmer den Passweg auf den Innenverteidiger mit seinem Deckungsschatten und kann gleichzeitig den TW pressen. Es entsteht ein 1vs1 aus einer 1vs2 Situation für den Verteidigenden.

Allerdings wollen die Kieler genau diese Aktion provozieren. Der IV kann sich nämlich dann ungestört aus dem Deckungsschatten lösen und wieder angespielt werden. Der Stürmer stellte so keine Gleichzahl her, sondern nahm sich aufgrund seines Laufwegs selbst aus dem Spiel.

dynamische Raumbesetzung

Des Weiteren ist es wichtig, dass der Sechser weiter nach vorne schiebt. Warum? Überlegt kurz, wie die Staffelung des Teams in schwarz aussehen würde, wenn der Kieler Sechser sich im roten Bereich aufhält.

Na? Genau, der ballferne Stürmer würde sich zur Absicherung wohl diagonal fallen lassen und den Raum versperren oder einer der Sechser folgt dem Kieler Sechser. Letztlich könnte dieser Akteur dann nämlich den vorschiebenden IV sofort pressen und die Erfolgswahrscheinlichkeit des einfachen Doppelpasses sinkt.

Wer das Zentrum kontrolliert, kontrolliert das Spiel

In der obigen Grafik erkennt man sehr schön, wie sich der Innenverteidiger aus dem Deckungsschatten löst und angespielt werden kann. Interessanterweise reagieren viele Teams nach einer gewissen Zeit so, dass der ballferne Stürmer etwas zentraler steht und Pässe des Torwarts abfangen soll. Allerdings hat der andere Innenverteidiger mehr Zeit am Ball. Die Folge des 11vs10 durch die konsequente Nutzung des Torhüters.

Wird nun aber der Pass auf den vorrückenden Innenverteidiger gespielt, steht der Gegner vor einer Herausforderung. Wer rückt nun rechtzeitig heraus. Dies muss klar abgestimmt werden, da bereits gepresst werden sollte, wenn der Ball noch unterwegs ist. Rücken die Verteidiger nämlich zu spät auf den vorstoßenden IV heraus, kann dieser einen schnellen Pass auf einen der freien Mittelfeldspieler spielen.


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Allerdings zeigt sich hier auch die Schwäche und vor allem das Risiko des Kieler Aufbauspiels. Erstens muss der Torwart regelmäßig den Pass auf den Innenverteidiger spielen, da aufgrund des Ablaufes der Stürmer in der Regel den Torwart pressen wird. Folglich kann sich entweder der ballnahe Sechser oder noch besser der ballnahe Flügelspieler frühzeitig in das Loch bewegen und den Kieler Innenverteidiger pressen. Dementsprechend gibt es oft recht enge Situationen, in denen der IV in einen Zweikampf verwickelt wird.

Zweitens ist das Risiko natürlich hoch, da ein Ballverlust in dieser Zone wohl ziemlich sicher zum Gegentor führt. Interessanterweise passiert dies aber sehr selten. Tim Walters Mannschaft in Stuttgart oder in Kiel kassierten häufiger Tore aufgrund der schlechten Absicherung, aber nicht aufgrund von Fehlern im Aufbauspiel.

Dementsprechend gehen die Kieler dieses Risiko regelmäßig ein, auch bei der U19. Die Ruhe und der Mut auch unter Druck die Situationen noch zu lösen beeindruckt bei den jungen Innenverteidigern insbesondere.

Dies ist von enormer Bedeutung, da die Möglichkeiten, die sich durch die dynamische Besetzung des Sechserraums ergeben, für die Kieler sehr wertvoll sind. Dies hängt mit dem Blickwinkel und der Positionierung der Spieler in den höheren Linien zusammen.

dynamische Raumbesetzung

Das Beispiel hier ist stark vereinfacht, da einfach kein Akteur herausrückte, um den Innenverteidiger zu pressen. Folglich haben die Kieler den großen Vorteil, dass sie ihre hohe Präsenz in den hohen Zonen nutzen können, um aus dem Aufbauspiel schnell ins letzte Drittel vorzudringen.

Der spannende Aspekt an der dynamischen Besetzung des Sechserraums durch den Innenverteidiger ist der Vorteil des Blickwinkels, der sich ergibt. Denn der Innenverteidiger erhält den Ball in einer offenen Stellung aufgrund der vorrückenden Bewegung. Meist erhält er den Ball leicht im Lauf. Dementsprechend kann er den Ball mit zwei Kontakten oder bereits mit dem Ersten an einen Mitspieler weiterspielen.

Denken wir über einen „normalen“ Spielaufbau mit einem zentralen Sechser nach, der den rot markierten Raum besetzt, ergibt sich stets das Problem, dass der Sechser mit dem Rücken zum gegnerischen Tor den Ball erhält. Folglich muss das Spiel über den Dritten und eine gute Ballbewegung genutzt werden, um entweder einen der Innenverteidiger in einer offenen Stellung anzuspielen. Oder der Sechser kann aufdrehen. Allerdings wird der Spielaufbau dadurch wahrscheinlich langsamer von statten gehen und der Innenverteidiger wird den Ball nur in einer tieferen Zone in offener Stellung erhalten. Dementsprechend gibt es mehr Möglichkeiten für den Gegner Zugriff zu erzeugen und das Aufbauspiel zu stören.

Positionsspiel Prinzipien helfen

Gelangt der Ball nun wie angesprochen zum Innenverteidiger im Sechserraum, helfen die verschiedenen Prinzipien des Positionsspiels den Kielern, um das Maximale aus solchen Situationen herauszuholen.

Durch die offene Stellung des Ballführenden im Sechserraum erzeugen die Störche dort Druck und zwingen den Gegner zu einer Pressingaktion. Nun ist es entscheidend, dass die offensiv positionierten Spieler sich aus dem Deckungsschatten lösen und dem Ballführenden Anspielstationen bieten.

Dabei kommt es den Kielern zu Gute, dass gewisse Prinzipien des Positionsspiels in Ballbesitz von der Mannschaft umgesetzt werden. Unter anderem werden die verschiedenen vertikalen Zonen sehr sauber durch die Mittelfeldspieler besetzt.

Dabei gelingt es der Mannschaft von Dominik Glawogger regelmäßig eine Überzahl herzustellen. Dafür verantwortlich sind die Positionierungen der Offensivspieler. Zwar starten die Flügelspieler oftmals in einer breiten Position, könne sich aber regelmäßig von der Seitenlinie lösen und den Raum zwischen IV und AV besetzen. Zusammen mit dem Stürmer, der sich zwischen den beiden IVs anbietet, wird so die komplette Viererkette des Gegners beschäftigt. Letztlich führt es dazu, dass manche Kieler Akteure in höheren Zonen freigespielt werden. Dabei gibt es ganz verschiedene Möglichkeiten sich individualtaktisch vom Gegner zu lösen, oder im Kollektiv einen freien Mann zu kreieren.

In der Folge können sich die Achter und der Sechser ohne größere Probleme lösen und bei einem Zuspiel aufdrehen. Gemäß dem Positionsspiel erzeugen die Kieler in einem Raum Druck (rot) und es ergeben sich andernorts Räume. Der Gegner wird folglich angelockt was wiederum Räume öffnet. Gerade hier versucht es die Mannschaft regelmäßig eine diagonale Lösung zu finden, damit der Passempfänger sich sofort wieder in einer offenen Stellung befindet.

Speziell wenn der ballnahe Sechser des Gegners herausrückt, lohnt sich ein Anspiel in den ballfernen Halbraum, da Kiels Sechser aller Voraussicht nach durch den ballfernen Sechser bewacht wird. Allerdings ist hier das Kieler Spiel sehr flexibel und stellt durch verschiedene vertikale, aus höheren Zonen fallen lassen, oder diagonale, vom Flügel kurz kommende, Bewegungen den Gegner vor Probleme.

Letztlich muss dann nur noch auf die Entscheidung des Gegners reagiert werden, da es in der Folge definitiv eine freie Anspielstation geben muss.

Natürlich hängt es stets von der Staffelung des Gegners im Pressing ab, allerdings haben die Kieler Mittelfeldspieler stets weitere Passoptionen, sollten sie den Ball durch den Innenverteidiger erhalten haben. Beispielsweise kann man häufiger beobachten, wie schnell auf den vorstoßenden AV verlagert wird. Durch den Druck, der im Zentrum erzeugt wird, ergeben sich mehr Freiräume auf den Flügeln und die Kieler können so schnell viel Raumgewinn erzielen und diagonal ins Zentrum stoßen.

Alles in allem dient die riskante Variante im Aufbauspiel mit dem vorschiebenden Innenverteidiger oder einem Außenverteidiger, der dynamisch den Sechserraum besetzt, einem schnellen Ballvortrag. Hier agieren die Kieler sehr ähnlich zu den Teams von Maurizio Sarri oder Borussia M´Gladbach unter Marco Rose.

Grundsätzlich geht es nämlich darum, den Gegner durch eine tiefere Zirkulation anzulocken, um die sich ergebenden Räume dann mittels schneller Kombinationen zu nutzen. Man könnte also von einem Konter ohne Umschaltmoment sprechen. Bei den Kielern gelingt das so gut, weil nicht nur der Ball tief zirkuliert wird, sondern durch das Freilassen des Sechserraums sehr viele Spieler in höheren Positionen positioniert sind. Folglich gibt es genug Anspielstationen für den Innenverteidiger.

Auch das Thema Blickwinkel spielt eine entscheidende Rolle wie ich bereits erwähnt habe. Alles in allem sind insbesondere Prinzipien wie das Anlocken und das Lösen aus dem Deckungsschatten von großer Bedeutung für das Kieler Spiel.

Welche Möglichkeiten sich andernorts auf dem Feld mittels des dynamischen Besetzens von Räumen ergeben, werde ich in einem Video, das nächste Woche erscheint, genauer beleuchten.

Vielen Dank an dieser Stelle an Dominik Glawogger für die Breitstellung des Videomaterials.

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