Serie A 2017/18: Juventus Turin vs Napoli

Juventus Turin ist ohne Frage die erfolgreichste Mannschaft in der Geschichte Italiens (mit 35 Ligatitel Rekordmeister) und auch während den vergangenen Spielzeiten hat die alte Dame die Serie A dominiert. In den Spielzeiten 2011/12 bis 2018/19 hat Juventus jede einzelne Meisterschaft für sich entscheiden können und das ist ihnen auch zumeist mit einem großen Vorsprung gelungen.

Der SSC Napoli ist in den vergangenen Jahren (bis auf 2019/20) eindeutig der Verfolger Nummer Eins und häufig die einzige Mannschaft, die den Juventini immerhin ein wenig das Wasser reichen können. Napoli konnte in seiner Vereinsgeschichte bisher zwei Mal den Titel der Serie A holen, wobei der letzte Erfolg in der Saison 1989/90 gelang.

Auch deswegen wäre es für Napoli eine unglaubliche Leistung gewesen, hätten sie in der Saison 2017/18 den Scudetto geholt als sie sich einen packenden Meisterschaftskampf mit Juventus lieferten. Nach dem 38. und somit letzten Spieltag der Saison hatte Juventus 95 Punkte auf dem Konto während Napoli die Spielzeit mit einem Rückstand von vier Punkten beendete.

In dieser Matchanalyse blicken wir zurück auf das Duell der beiden Teams am 34. Spieltag, welches die Neapolitaner mit 1:0 gewinnen konnten und somit zwischenzeitlich auf einen Punkt an Juventus heranrückten.   

Aufstellungen

Abbildung 1: Startformationen der beiden Teams

Massimiliano Allegri stellte die Heimmannschaft in einem 4-2-3-1 auf mit Gianluigi Buffon im Tor. Die Viererkette bildeten Kwadwo Asamoah, Giorgio Chiellini, Medhi Benatia und Benedikt Höwedes. Miralem Pjanić und Sami Khedira bildeten die Doppelsechs und vor ihnen bekleidete Paulo Dybala die Position des Zehners. Blaise Matuidi und Douglas Costa waren die Flügelspieler und Gonzalo Higuaín stürmte vorne allein.

Die Gäste aus Napoli spielten im gewohnten 4-3-3 von Maurizio Sarri. Pepe Reina war der Keeper und die Innenverteidigung bildeten Raúl Albiol und Kalidou Koulibaly. Mário Rui und Elseid Hysaj komplettierten die Viererkette. Das zentrale Mittelfeld bestand aus Jorginho, Allan und Marek Hamšík während vorne Lorenzo Insigne, Dries Mertens und José Callejón für Gefahr sorgten.

Asymmetrien auf beiden Seiten

Beide Mannschaften nutzten während ihren Ballbesitzphasen asymmetrische Formationen, wobei der zentrale Unterschied bestand, dass Juventus‘ Asymmetrie in allen drei Dritteln zum Einsatz kam und bei Napoli lediglich im Anfriffsdrittel. Wir blicken nun zunächst auf Juves System im Spielaufbau und anschließend analysieren wir wie sich die Formation von Sarris Team in den ersten beiden Dritteln im Vergleich zum letzten veränderte.


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Da Chiellini bereits nach etwa 10 Minuten verletzt vom Platz musste, verwenden wir im folgenden immer Juventus‘ Aufstellung nach seiner Auswechslung. Stefan Lichtsteiner kam für ihn in die Partie, der die Position des Rechtsverteidigers bekleidete während Höwedes in die Innenverteidigung (seine angestammte Position) rückte.

Dieser erzwungene Wechsel änderte aber nichts an der Vorgehensweise der alten Dame, und Allegris Mannschaft blieb in ihrem 3-5-1-1 im Spielaufbau, welches wir in der nachstehenden Grafik sehen können. Bei einem solchen System sind jedoch Formationen in der Form von Ziffernkombinationen weitgehend nutzlos, da sich die Anordnung der Spieler permanent änderte. Speziell Napolis hohes Pressing zwang Juventus fast minütlich zu Rochaden und Positionswechseln.  

Die grundsätzliche Asymmetrie lässt sich bereits beim ersten Blick auf die Aufstellung erahnen. Der gelernte defensive Mittelfeldspieler Matuidi positionierte sich sehr variabel am linken Flügel und es zog ihn immer wieder ins Zentrum. Ein Grund für das Einrücken des Franzosen war, dass er ansonsten die gleiche Zone wie Asamoah besetzt hätte, der seine Rolle als Außenverteidiger gewohnt offensiv interpretierte. Auf der anderen Seite blieben Costa und auch Lichtsteiner breit. Um nicht denselben Raum zu besetzen, positionierte sich der Schweizer tiefer und Costa agierte in der höheren Linie. Dybala nutzte seine Freiheiten und war überall am Spielfeld zu finden.

Abbildung 2: Juves Asymmetrie im Spielaufbau

Auf der anderen Seite sah man während dem Spielaufbau die für Sarri typische Positionierung der Spieler. Die Außenverteidiger schoben beide vor, Jorginho positionierte sich zentral vor den beiden Innenverteidigern und die beiden Achter blieben in den Halbräumen. Während Callejón auf rechts zumeist breit blieb, driftete Insigne immer wieder ins Zentrum, um Kombinationen mit Hamšík und Rui zu ermöglichen.

Die tatsächliche Asymmetrie der Gäste zeigte sich allerdings erst, wenn sich Juventus tiefer fallen ließ und Napoli im letzten Drittel versuchte durchzubrechen. Der wesentliche Unterschied der beiden Seiten zeigte sich in der Positionierung der beiden Achter. Hamšík bewegte sich dabei im linken Halbraum und startete dabei immer wieder Läufe hinter die letzte Kette von Allegris Mannschaft. Insigne bewegte sich zwischen Flügel und Halbraum, um Rui nicht am Flügel den Platz wegzunehmen, da der Portugiese zumeist aus einer tieferen Position aggressive Tiefenläufe zeigte.

Auf dem linken Flügel zeigte sich dabei ein anderes Bild. Hysaj agierte häufig wie ein rechter Außenstürmer und Callejón rückte ein, damit sie sich nicht gegenseitig den Raum wegnehmen würden. Allan blieb tiefer und bot immer wieder eine Option für einen Rückpass an. Zudem trug die tiefere Positionierung des Brasilianers zur Konterabischerung bei.     

Abbildung 3: Napolis Asymmetrie im letzten Drittel

Spiegelung im Zentrum

Was zudem auch noch auffällt, wenn man einen Blick auf die Grundformationen der beiden Teams wirft, ist folgendes: Beide Mannschaften haben drei zentrale Mittelfeldspieler. Während Juventus die Anordnung 2-1 hatte, agierte Napoli mit einem Sechser (Jorginho) und davor zwei Achtern. Somit waren die Positionierungen der Zentrumsspieler gespiegelt.

Daher ist es auch logisch, dass beide Mannschaften während ihrem hohen Angriffspressing, welches beide über weite Strecken des Spiels nutzten, sehr mannorientiert im Mittelfeld agierten.

Wenn Napoli in Ballbesitz war, blieb Dybala nahe bei Jorginho, der neben Koulibaly zu dieser Zeit (im darauffolgenden Sommer wechselte der Italiener zu Chelsea) der wichtigste Aufbauspieler von Napoli war. Khedira und Pjanić deckten jeweils die beiden Achter von Napoli.

Jedoch war eindeutig das Pressing von Juventus von weniger Erfolg gekrönt, da speziell die Dreiecke auf den jeweiligen Flügeln (Außenverteidiger-Achter-Flügelstürmer) mithilfe von schnellen Kurzpasskombinationen und kurzen Sprints das Pressing der alten Dame überspielen konnten und sich im Anschluss daran Allegris Team tiefer fallen ließ.

Bei Juventus‘ Spielaufbau konnte man grundsätzlich ein ähnliches Pressing von Napoli sehen, welches jedoch noch aggressiver war und in höheren Zonen stattfand. Während Juve häufig beim Rückpass zu Reina nicht weiterpresste, schoben bei Napoli speziell Mertens und Callejón permanent auf Buffon durch, um diesen zu einem Pass auf die linke Abwehrseite von Juve zu zwingen.

Hier zeigte sich die exakt selbe Mannorientierung im Zentrum wie auf der anderen Seite auch. Hamšík war dabei jener Spieler, der das Decken seines direkten Gegners (Pjanić) am engsten durchführte, da der Bosnier sehr wichtig für den Aufbau von Juve war und bis heute ist. Allerdings bemerkte Juventus‘ Spielmacher schnell, dass seine Mannschaft durch seinen quasi Wegfall massive Probleme mit dem Transport des Balles hatte. Daher wechselte er nach etwa 15 Minuten auf die linke Seite, um vor der Manndeckung durch Hamšík zu flüchten. Khedira positionierte sich von nun an auf der anderen Seite, wie im nachstehenden Beispiel aus der 28. Minute zu sehen ist. Des Weiteren ist in der nachstehenden Grafik die grundsätzliche Mannorientierung der Azzurri zu sehen und wie hoch sie pressten.

Abbildung 4: Pjanić geht auf die linke Seite, um sich von Hamšík zu distanzieren

An dieser Stelle würde ich noch gerne anmerken mit welchen drei Wegen es Juventus hauptsächlich schaffte sich aus dem Pressing von Napoli zu befreien. Als Erstes, durch Matuidis flexible Positionierung auf der linken Seite, der dann häufig Passwege öffnete (kreierte durch sein Einrücken ein 4gg3 im Zentrum) und anschließend nutzte der Franzose die Kombination aus seinem explosiven Antritt und  robusten Körpereinsatz, um sich gegen mehrere Gegner durchsetzen zu können. Zweitens, Costas direkte Dribblings ins Zentrum. Und als letzten Punkt sind noch die Kurzpasskombinationen anzuführen, die auf einer Seite durchgeführt wurden, um Napoli zu locken und dann mit langen Pässen die Seite zu wechseln (erinnerte leicht an Thomas Tuchels BVB, auch wenn diese es in anderen Situationen verwendeten). Für den letzten Punkt war Pjanić aufgrund seiner Übersicht und Passsicherheit sehr wichtig und daher war auch sein Wechsel auf links eine schlaue Entscheidung.      

Napolis Vertikalität

Grundsätzlich war zumeist Napoli die dominierende Mannschaft in dieser Partie und ließ Juventus mithilfe des hohen Angriffs- und Gegenpressings nicht zur Ruhe und Entfaltung kommen. Allegris Team nutzte daher oft, wenn das Angriffspressing nicht erfolgreich war, ein tiefes Mittelfeld- bzw. Verteidigungspressing und agierte tief im 4-4-1-1 bzw. 4-5-1 (manchmal fiel Dybala neben Khedira und Pjanić in die Mittelfeldkette). Ihr Ziel war es dann, dass sie mit Kontern gefährlich werden würden, aber Napolis Gegenpressing machte ihnen einen Strich durch die Rechnung.

Während den längeren Ballbesitzphasen von Sarris Elf, nutzten sie permanent schnelle Vertikalpässe, um im gegnerischen Block Lücken zu reißen und die Gegenspieler zu herausrückenden Bewegungen zu zwingen. Die freien Räume sollten dann wieder mit vertikalen Pässen ausgenutzt werden. Es ist durchaus schwer in den vergangenen Jahren eine Mannschaft in Europas Ligen zu finden, die ein so vertikal ausgerichtetes Kurzpassspiel praktiziert wie Napoli es tat und speziell in dieser Saison war es außergewöhnlich.

Vor allem ihre linke Seite mit Rui, Hamšík und Insigne praktizierte dieses Muster immer wieder und meist wurde der Portugiesische Außenverteidiger dann in eine Position gebracht, aus welcher er flache oder halbhohe Flanken ins Zentrum schlug wie im nachstehenden Beispiel aus der 21. Minute.

Abbildung 5: Durch Hamšíks Pass auf Insigne wurden Lichtsteiner und Costa diagonal ins Zentrum gezogen. Der Italiener ließ aber den Ball sofort prallen und Rui hatte dadurch mehr Platz am Flügel

Des Weiteren zeigten vor allem Hamšík, Mertens und Callejón häufig Tiefenläufe hinter die letzte Kette von Juventus. Der slowakische Kapitän der Azzurri nutzte dabei primär vertikale Sprints aus einer tieferen Position startend während die beiden anderen hauptsächlich diagonale Läufe nutzten, um eine Abseitsstellung zu vermeiden.

Im nachstehenden Beispiel aus der 22. Minute sind alle Laufwege in derselben Situation zu sehen. Zudem ist auch das typische Einrücken von Insigne (den Passgeber) erkennbar.

Abbildung 6: Hamšík, Mertens und Callejón starteten in die Tiefe, aber Mertens und Callejón standen sich dann im Weg wodurch keine gefährliche Situation entstand

Umstellung zur Pause aber identische Halbzeit

Sarris Mannschaft war jene, welche die erste Halbzeit klar dominieren konnte und Juventus‘ gefährlichste Situation war ein abgefälschter Freistoß von Pjanić. Allegri nahm in der Halbzeitpause eine kleine Änderung vor und brachte Juan Cuadrado für Dybala ins Spiel. Der Kolumbianer besetzte von nun an die rechte Seite und Costa wechselte auf die linke. Matuidi spielte als linker Achter und Khedira halbrechts. Dadurch ergab sich mehr ein 4-1-4-1 mit Pjanić als einzigen defensiven Mittelfeldspieler.

Während dem Aufbau ähnelte es dem 3-5-1-1 aus der ersten Hälfte, da auch Costa leicht einrückte und somit Asamoah weiterhin die Außenbahn beackern konnte. Matuidi bewegte sich etwas weiter vorne im linken Halbraum. Gegen den Ball sah es mehr nach einem 4-5-1 aus in welchem Matuidi Pjanić und Khedira (von links nach rechts) im Zentrum auf einer Linie agierten.

Das Vorrücken von Matuidi während dem Ballbesitz hatte den Sinn, dass sich sein bosnischer Teamkollege halblinks bewegen konnte und somit nicht von Hamšík verfolgt werden konnte. Allan war dabei deutlich weniger aggressiv und dadurch musste häufig Callejón zugleich auf Asamoah und Pjanić achten. Dennoch war Juventus kaum in der Lage einen ruhigen Spielaufbau zu betreiben und die Konter verliefen zumeist im Sand, da durch die tiefe Formation gegen den Ball nicht so viele Spieler schnell genug vorne waren. Somit brachte die kleine Umstellung zur Halbzeit kaum eine Änderung mit sich und auch in den zweiten 45 Minuten war Napoli die tonangebende Mannschaft, jedoch konnten sie aufgrund einer schwachen Chancenverwertung kein Kapital daraus schlagen.

Zusammenfassung

Erst in der 90. Spielminute erzielten die Azzurri durch einen Kopfball von Koulibaly das erste und einzige Tor dieser Partie und gewannen mit 1-0. Grundsätzlich war dieser Sieg verdient, da Napoli fast über die gesamte Partie den Ton angab und zudem sich auch gute Torchancen erspielte.

Dieses Match ist auch ein guter Beweis dafür weshalb Chelsea sich im Sommer 2018 dazu entschied Sarri als neuen Trainer zu verpflichten. Vor allem das vertikale Kurzpassspiel, für welches der italienische Coach so bekannt ist, halfen Napoli in dieser Partie zwar nicht zu einem Tor, jedoch zu vielen Torchancen. Dieses Spiel wäre vermutlich mit einem komplett anderen Ergebnis abgepfiffen worden, wenn Napoli eine bessere Chancenverwertung an den Tag gelegt hätte. Am Ende wurde jedoch trotzdem Juventus Meister, da Sarri und seine Mannschaft in den letzten vier Partien „nur“ sieben Punkte holen konnten und Juventus an der Spitze der Tabelle blieb.  

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