Das Ballbesitzspiel im 3-4-2-1

Es gibt in der Fußball-Geschichte Mannschaften, die man unbewusst mit einer ganz klaren Formation verbindet. Spielt der FC Barcelona mal nicht im 4-3-3, löst das für mich ein komisches Gefühl aus (Sorry, Herr Setien ). Selbst RB Leipzig habe ich über Jahre hinweg mit ihrem 4-4-2 bzw. 4-2-2-2 verbunden, in dem die Gegner im „Pressingquadrat“ der Leipziger zu folgenschweren Ballverlusten gezwungen wurden. Eine Mannschaft, für die das spätestens seit der Weltmeisterschaft 2018 auch gilt, ist Belgien. In meiner Wahrnehmung spielen die Red Devils scheinbar selbstverständlich in einem 3-4-2-1 und vereinen dabei defensive Stabilität mit spielerischer Klasse.

Natürlich sind diese Gedankengänge prinzipiell nicht nachvollziehbar. Formationen sind in der Praxis nie vollkommen erkennbar, wechseln scheinbar minütlich und dienen eigentlich nur der groben Orientierung.

Neben Belgien denke ich bei der 3-4-2-1 Formation außerdem an Atalanta Bergamo und Borussia Dortmund. Ich werde deshalb immer wieder Beispiele von diesen drei Teams anbringen.

Grundsätzliches

Wie bei jeder Dreierkette gilt auch hier, dass sich die Mannschaft dank der drei Verteidiger im Spielaufbau in der Regel in Überzahl befindet. Damit ist der sichere Übergang in das mittlere Drittel garantiert. Betrachtet man die Formation statisch, ergibt sich sogar eine 3-2 Struktur. In der Regel stellt allerdings kein Team fünf Spieler für den Spielaufbau ab, sodass sich (möchte man weiter in Zahlen sprechen) eher 3-1-1 Strukturen ergeben.

In der Praxis positioniert sich meist einfach einer der zentralen Mittelfeldspieler vor den drei Verteidigern, wobei die Halbverteidiger sehr breit (meiner Meinung nach ist die breite Dreierkette die Grundlage für sicheren Spielaufbau) und etwas höher stehen als der zentrale Verteidiger. Der zweite zentrale Mittelfeldspieler positioniert sich höher im Mittelfeld und hält trotzdem Anschluss an die Aufbauspieler. Diese Balance finden in dieser Formation beispielsweise Julian Brandt oder Kevin de Bruyne (beide übrigens jeweils mit Axel Witsel als Partner) sehr gut. Sie sind trotzdem mit vertikalen Pässen erreichbar und können das Spiel dank ihrer Dynamik in die tiefere Zonen bringen.

3-4-2-1 Formation
3-2 Struktur im Spielaufbau und kompakter 2-2 Zentrumsblock

Die offensiven Halbpositionen

Spielt der Gegner mit einer Viererkette, sind die beiden Halbpositionen in der Offensive sehr hilfreich. Sie stehen quasi automatisch sehr gut, da sie sich zwischen den Linien und auf Lücke befinden. Hier ergibt sich der nächste generelle Vorteile des 3-4-2-1 im eigenen Ballbesitz: Die beiden Halbpositionen können sehr variabel besetzt werden.

Grundlegend können die beiden Positionen je nach Spielertyp und taktischer Vorgabe sehr zentral orientiert, aber auch als Flügelspieler agieren. Daraus ergeben sich Rückkopplungen für die restlichen Mannschaftsteile, die das gesamte Ballbesitzspiel beeinflussen.


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Das 3-4-2-1 bietet dem Team von Natur aus einen starken Zentrumsfokus. Grund dafür ist der relativ enge 2-2 Block (mit dem wir wieder bei RB wären). Damit ist die Mannschaft auch hier wieder sofort in Überzahl, sofern der Gegner nicht gerade ebenfalls mit vier Mittelfeldspielern (z.B. in einer Raute oder mit eigenem 3-4-2-1) agiert.

Die Halbraumpositionen bieten noch einen weiteren Vorteil: Die beiden Spieler können sehr schnell eine Seite des Spielfeldes bzw. eine Flügelzone überladen. Stark vereinfacht ist das die „Gegenbewegung“ zum mittlerweile weit verbreiteten Einrücken der Flügelspieler im 4-3-3. Die Intention ist bei beiden Bewegungen die gleiche – eine Zone soll schnell überladen werden, um von dort in die gefährlichen Zonen zu kommen.

Ein Bild, das grün, Tisch, bereit, klein enthält.

Automatisch generierte Beschreibung
Situatives Überladen einer Seite

Die Halbverteidiger

Schaut man ein bis zwei Linien nach hinten, ergeben sich auch für die drei Verteidiger interessante Optionen.

Besonders das Vorstoßen der Halbverteidiger ist hierbei sehr spannend. Sowohl mit als auch ohne den Ball kann sich der Spieler eine Linie höher positionieren, um das Mittelfeldzentrum zusätzlich zu überladen und den Gegner nach hinten zu drücken. Weiterhin ergeben sich interessante Rückwirkungen für das gesamte Team.

So könnte der Wingback hochschieben und im Stile eines klassischen Flügelspielers agieren. Auch ein Einrücken des Wingbacks wäre prinzipiell möglich. Das hätte zur Folge, dass der zentrale Mittelfeldspieler noch höher schieben kann. Allerdings wäre der Flügel dann gar nicht mehr besetzt, was zwar einen extremen Zentrumsfokus und Überzahlen zur Folge hätte, aber auch fehlende Breite.

In jedem Fall würde der Gegner hinten gebunden werden. In der Praxis wäre ein kompaktes, aggressives Pressing dann nur noch schwer möglich. Das Andribbeln des Halbverteidigers wäre weiterhin durch die zwei verbleibendenden Verteidiger abgesichert.

Entscheidungen provozieren

Meiner Meinung nach sollten ballbesitzorientierte Teams immer daran interessiert sein, den Gegner möglichst oft vor möglichst schwierige Entscheidungen zu stellen. Das Provozieren schneller Entscheidungen bringt zwei Vorteile mit sich: Zum einen verschafft man sich als ballbesitzendes Team mehr Zeit, da der Gegner, sofern er (beispielsweise im Pressing) nicht vollkommen auf einstudierte Abläufe setzt, die Entscheidung immer erstmal treffen und dann auch kollektiv umsetzen muss. Zum anderen steigt die Chance, dass der Gegner die falsche Entscheidung trifft, was dem ballbesitzenden Team Raum in relevanten Räumen ermöglichen könnte.

Im 3-4-2-1 bieten sich besonders für das Dreieck aus Halbverteidiger, Wingback und dem Zehner im Halbraum bzw. den zentralen Mittelfeldspieler interessante Optionen, um den Gegner vor Entscheidungen zu stellen. Auch hier profitiert die Mannschaft von der generellen Anordnung der Spieler innerhalb der Formation.

3-4-2-1 Formation
Entscheidungsproblem für Flügelspieler

Ein kurzes Beispiel für ein (recht einfaches) Entscheidungsproblem, dass durch die 3-4-2-1 Formation erzeugt wird, ist in der obenstehenden Grafik veranschaulicht. Ausgangsbasis ist, dass der Zehner den gegnerischen Außenverteidiger bindet. Durch die Positionierung im Halbraum zwischen den Linien befindet sich der Zehner quasi automatisch in der richtigen Position.

Erhält der Halbverteidiger nun den Ball, ergibt sich für den gegnerischen Flügelspieler das Problem. Entweder er läuft den Verteidiger an und macht damit den Raum für den Wingback frei (spätestens nach Spiel über den Dritten mit dem Zehner) oder er geht mit dem Wingback mit und ermöglicht dem Halbverteidiger das Andribbeln.

Mutig in offene Räume

In jedem Fall ergibt sich für das Team im 3-4-2-1 Raum, der dann natürlich mutig genutzt werden muss. Meiner Meinung nach ist dieser Mut ausschlaggebend, um die 3-4-2-1 Formation erfolgreich zu nutzen. Denn die Formation hat natürlich auch Nachteile. Positionieren sich die beiden Zehner weit auf dem Flügel bzw. auf einer Linie mit dem Stürmer, sind die beiden zentralen Mittelfeldspieler schnell in Unterzahl, verschieben die beiden Zehner weit auf eine Seite, ist die Mannschaft anfällig für schnelle diagonale Verlagerungen.

Spielt die Mannschaft allerdings mutig und vor allem vertikal, wird dieser Mut in der Regel auch belohnt. Eine weitere Option Angriffe zu initiieren habe ich eigentlich schon erwähnt, möchte ich aber nochmals ausführen. In der Theorie ist der Passweg für den Verteidiger auf den ballnahen Zehner ein adäquates Mittel, um schnell viel Raum zu überbrücken. Die Mannschaften, die ich mir für diesen Text angeschaut habe, nutzen dieses Mittel sehr regelmäßig. Die Halbverteidiger sind passstark und spielen besagte Pässe sehr bewusst, die Zehner (und mindestens einer der zentralen Mittelfeldspieler) ballsicher und dynamisch. Mittels Spiel über den Dritten oder durch Dribblings des Zehners lassen sich gefährliche Räume, die vom Zehner selbst geöffnet wurden (abkippen oder nach außen bewegen), schnell bespielen. Die gegnerische Abwehrkette hat meist keine andere Chance, als den Raum zu öffnen, um weiterhin mannorientiert zu bleiben. Besonders der BVB schlägt aus diesen Situationen viel Kapital.

3-4-2-1 Formation
Tiefe Räume öffnen und bespielen – 2 Optionen

Der Stürmer als Fixpunkt

In der „Standard 3-4-2-1 Formation“ agieren zwei Zehner neben dem einzigen Stürmer. Damit bewegen sich potentiell drei Spieler zwischen den letzten beiden bzw. auf der letzten Linie. Damit ergibt sich im Ballbesitzspiel die Option, das Mittelfeld mit gezielten langen Bällen zu überbrücken. Für die drei Angriffsspieler besteht nicht nur die Chance den ersten Ball entweder zu sichern oder zu verlängern. Viel mehr sollte der Fokus auf dem zweiten Ball liegen. Mit drei Spielern in letzter Linie hat die angreifende Mannschaft auch hier eine Überzahl und damit einen Vorteil, lange Bälle (zurück) zu erobern. Natürlich braucht es hier mindestens einen kopfballstarken Spieler, in der Regel ist das der Stürmer (z.B. Haaland beim BVB, Zapata bei Atalanta, Lukaku bei Belgien).

Die Stürmer sind in diesem System immer auch der Fixpunkt für das Initiieren der Angriffe aus dem Zentrum heraus. Besonders das Spiel über den Dritten bietet sich in diesem System an, da der Stürmer sofort zwei Anspielstationen hat, sofern die beiden Zehner kompakt agieren. Natürlich sind die Stürmer nicht nur für das Fortsetzen des Kombinationsspiels zuständig. Besonders Erling Haaland beim BVB stößt immer wieder in die sich öffnenden Räume und spielt seine Dynamik in Kombination mit seinem ausgeprägten Zug zum Tor sehr gut aus. Optional bietet sich (nochmal mit Blick auf das Kombinationsspiel) eine Falsche Neun auf der Stürmerposition an. So formt man das 3-4-2-1 schnell zu einem 3-4-1-2 um und schafft Raum für die beiden nachstoßenden Zehner. Erhält einer der zentralen Mittelfeldspieler den Ball und der Stürmer geht dem Ballführenden entgegen, zieht er automatisch Raum in der Kette auf, in den Mitspieler mit Tempoüberschuss starten können. Geht dieser Raum nicht auf, bietet sich zumindest der Pass auf den abkippenden Stürmer an (Entscheidungen des Gegners provozieren).

Fazit

Das Ballbesitzspiel in der 3-4-2-1 Formation zeichnet sich besonders durch die automatisch vorhandenen Dreiecke bzw. Rauten aus. Damit gestaltet sich das Spiel mit Ball ein wenig einfacher, weil die Formation von Beginn an eine sehr günstige Struktur schafft.

Auch die hohe Zentrumskompaktheit bzw. die potentielle Überzahl (2-2 Block) im Zentrum sichern dem Team Vorteile im Ballbesitz. Anders als in anderen, auf Ballbesitz ausgelegten Formationen (4-3-3 z.B.) müssen Überzahlen nicht erst hergestellt werden, sondern sind sofort gegeben.

Die 3-4-2-1 Formation lässt sich quasi beliebig anpassen, sodass der Fokus bewusst auf bestimmte Aspekte des Ballbesitzspiels gelegt werden kann.

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